Alarmabteilung: Die Wiener Rettung leidet unter akutem Notärztemangel

Alarmabteilung: Die Wiener Rettung leidet unter akutem Notärztemangel

In der Wiener Berufsrettung herrscht akuter Notärztemangel. Zum Herzinfarkt rückt fallweise der Sanitäter aus, nicht der Mediziner.

Kurz vor Jahreswechsel wurden die Helfer selbst Opfer. Am 31. Dezember um 23.58 Uhr krachte ein alarmiertes Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) der Wiener Berufsrettung auf der Hütteldorfer Straße nach einem Überholmanöver gegen einen Baum. Die Sanitäterin am Steuer erlitt Prellungen, die Notärztin Knochenbrüche. Neben der Sorge um die Kolleginnen sah sich die Leitstelle der Rettung in der Radetzkystraße mit organisatorischen Problemen konfrontiert. Der Ausfall eines Notarztes kann selbst an Risikotagen wie Silvester nicht mit Bereitschaftsdiensten kompensiert werden. Zum Ersatz der in der Rettungswache Mariahilf stationierten Kollegin mussten in der Folge NEFs aus anderen Bezirken eingesetzt werden – mit längeren Anfahrtszeiten. Auch die Dienstpläne der folgenden Tage wurden durcheinandergewirbelt – aufgrund des Ausfalls einer Notärztin.

Eine „Weltstadt“ (Michael Häupl), in der das Notarztsystem nicht lückenlos funktioniert?

Tatsächlich leidet die Wiener Berufsrettung unter akutem Notärztemangel. Die Gründe: hohe Arbeitsbelastung und geringere Bezahlung im Vergleich zu Spitalsärzten. Derzeit verfügt Wien gerade einmal über 53 Notärzte – und nicht deren 70, wie Rathaus und Rettungsleitung gern behaupten. Im Stellenplan sind freilich bis zu 76 Notärzte vorgesehen. Die Folge des Mangels: Immer öfter rücken Notfallsanitäter zu Einsätzen aus, die eigentlich Notärzte übernehmen sollten.

Dass die Wiener Rettung unter einem Personalproblem leidet, bestätigt auch deren Sprecher Ronald Packert: „Derzeit gibt es in ganz Europa weniger Ärzte als vorhandene freie Stellen. Auch die Berufsrettung Wien kann sich dieser Entwicklung nicht entziehen.“

Akuter Notärztemangel
Seit Monaten wird der Ärztemangel bei der Wiener Berufsrettung – formal die Magistratsabteilung 70 der Stadt – von Belegschaft und Personalvertretung heftig diskutiert. Seit drei Wochen ist er ein Politikum. Ende Februar warf der Gesundheitssprecher der Wiener FPÖ, Peter Frigo, der rot-grünen Stadtregierung vor, dass „bei dringendem Bedarf“ bis zu 30 Minuten auf einen Notarzt gewartet werden müsse. Vergangene Woche behauptete FPÖ-Gemeinderat Wolfgang Seidl, am 28. Februar seien „gerade einmal fünf Notärzte“ in ganz Wien im Einsatz gestanden.
Für die Wiener SPÖ rückte Gesundheitssprecher Kurt Wagner aus: „Die Sicherstellung der notfallmedizinischen Versorgung der Stadt“ sei zu jedem Zeitpunkt „gewährleistet“. Am fraglichen Tag seien zehn Notärzte im Einsatz gestanden. Wagner: „Die falschen Behauptungen, mit denen die FPÖ gezielt versucht, die Bevölkerung zu verunsichern, sind unglaublich.“
FPÖ-Mann Seidl konkretisiert auf profil-Nachfrage: „Von den zehn Ärzten waren nur fünf tatsächlich auf der Straße im Einsatz.“ Die restlichen waren etwa im Journaldienst in der Zentrale beschäftigt. Und einer stand beim Rettungshubschrauber Christophorus 9 bereit.

Aussendung, Gegenaussendung, Gegenaussendung zur Gegenaussendung; ein Scharmützel zwischen Stadtregierung und Opposition, angeheizt durch anstehende Personalvertretungswahlen: So weit, so gewöhnlich – beträfe es nicht ein lebenswichtiges Thema.

Die Blauen können für ihre Anklage einen glaubwürdigen Zeugen aufrufen: Erwin Feichtelbauer, Personalvertreter der Wiener Berufsrettung von der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG). In einem aktuellen Beitrag für das FSG-Magazin „teamwork“ schreibt Feichtelbauer: „Lange schon leidet die Wiener Berufsrettung unter akutem Notärztemangel. Die Situation bessert sich nicht, im Gegenteil: Bevorstehende Pensionierungen werden das Problem weiter verschärfen.“ Diese Situation wirke sich „natürlich einsatztaktisch auf das Notfallgeschehen in Wien enorm aus“. Die unerwünschte Wirkung laut Feichtelbauer: „Zu gewissen Einsätzen wird jetzt im Vorfeld kein Notarzt mehr gemeinsam mit dem Rettungswagen entsandt.“

Schon vor zwei Jahren adaptierte die Wiener Rettung ihre Ausrückeordnung und übertrug bis dahin notarztpflichtige Einsätze – etwa bei Bewusstseinstrübungen oder Thoraxschmerzen – auf die Sanitäter. Personalvertreter Feichtelbauer: „Die Notfallsanitäter müssen noch höhere Verantwortung tragen, die früher Ärzten vorbehalten war.“
Was durchaus zweckmäßig ist: Wiener Rettungs- und Notfallsanitäter verfügen im österreichischen und internationalen Vergleich über deutlich höhere Kompetenzstandards. Sie werten EKGs aus, verabreichen Medikamente, legen Venenzugänge und dürfen bei entsprechender Ausbildung sogar intubieren. Die Bezahlung liegt mit 2000 Euro brutto nach 20 Dienstjahren allerdings auf dem Niveau reiner Sanitätshelfer.
Perfekt läuft das System nicht mehr: Aufgrund fehlender Notärzte führen die Notfallsanitäter mittlerweile auch notarztpflichtige Einsätze durch; oder warten am Einsatzort überlang auf das Eintreffen eines befugten Mediziners – was der Sprecher der Wiener Rettung, Ronald Packert, freilich strikt zurückweist: „In medizinisch prioritären Fälle ist ein Notarzt innerhalb von zwölf Minuten garantiert an Ort und Stelle.“

Laut profil vorliegenden Informationen passiert es in Wien freilich zwei bis drei Mal täglich, dass ein notarztpflichtiger Einsatz – von Bewusstlosigkeit über Steißlage oder Nabelschnurvorfall bei Schwangeren bis im Extremfall zum Herzinfarkt – ohne oder nur mit verspätet anrückendem Arzt von Sanitätern durchgeführt wird.

Einsparungen in den Wiener Krankenhäusern schlagen ebenfalls aufs Rettungswesen durch. Während früher die Spitäler die ärztliche Versorgung bei Patienten-Transfers übernahmen, sitzt nun ein Notarzt – statt in seinem NEF – oft mehr als eine halbe Stunde im Transportwagen, um einen Herzschrittmacher-Patienten bei der Überführung in ein anderes Spital durch halb Wien medizinisch zu betreuen.

Derzeit verfügt die Wiener Berufsrettung – sternförmig im Stadtgebiet verteilt – über zwölf Stationen mit planmäßig bis zu 15 einsatzbereiten Notärzten. Idealerweise sollten immer zwölf Notärzte – je einer pro Station – im Einsatz sein. In der Praxis liegt der Schnitt darunter, laut Insidern bei etwa acht Notärzten.

Unbesetzte Stationen
Manche Stationen bleiben in der Dienstplanung regelmäßig unbesetzt, wie etwa Floridsdorf oder Simmering. Die bemerkenswerte Groteske: Die Rettungsstation Simmering war erst 2013 um fünf Millionen Euro neu errichtet worden. Rettungssprecher Packert: „Unsere Einsatzpläne sehen nicht vor, dass immer jede Station auch mit einen Notarzt besetzt sein muss. Wien verfügt über die höchste Notarztdichte Österreichs und eine der höchsten Notarztdichten Europas.“

Trotz anstehender Ruhestände und Kündigungen ist man im Büro von Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, SPÖ, optimistisch, das medizinische Personal sogar aufstocken zu können. Derzeit prüfe die Berufsrettung sechs neue Bewerbungen und betreibe intensive Rekrutierungsmaßnahmen.
Personelle Verstärkung wäre dringend notwendig – Verjüngung ebenfalls. Von den 53 aktiven Notärzten der Wiener Rettung sind nur wenige unter 45 Jahren.

Der Nachwuchsmangel liegt zum einen an der Arbeitsbelastung: Notärzte stehen unter hohem psychischem Druck und arbeiten im Freien bei 40 Grad im Sommer und Schneefall im Winter. Zum anderen an der Bezahlung: Gemessen am Grundgehalt, verdient ein Notarzt um 1000 Euro weniger als ein Spitalsarzt der Gemeinde Wien. Zwar fettet die Stadt die Gagen mit Zulagen auf – diese können freilich jederzeit gekürzt werden und fließen nicht in die Berechnung des 13. und 14. Gehalts ein. Früher übliche Vorrückungen in höhere Gehaltsstufen wurden aufgrund des Spardrucks eine Seltenheit.

Alles in allem verdient ein Notarzt der Berufsrettung nach 20 Dienstjahren etwa 3000 bis 3500 Euro netto. Und im Gegensatz zur Berufsfeuerwehr Wien (im Sanitäterjargon: „die Blechschädln“) gibt es bei der Berufsrettung keine Pragmatisierungen mehr.
Da österreichische Mediziner ausbleiben, werden mittlerweile auch Notärzte aus dem EU-Raum, vor allem aus Slowenien, Tschechien und Ungarn, rekrutiert. Aufgrund fehlender Turnusausbildungen in ihren Herkunftsländern verfügen diese jedoch nicht immer über entsprechende Kenntnisse: So musste ein tschechischer Mediziner wieder gekündigt werden.
Zumindest mit einer Maßnahme dürfte die Job-Zufriedenheit der Notärzte zuletzt gefördert worden sein. Angesichts der Hitzewellen der letzten Sommer wurde der Einbau von neuen Klimaanlagen in den Rettungsstationen bewilligt.

Mitarbeit: Tina Goebel

Foto: Philipp Horak für profil