Am Land fehlen Hausärzte, Spitälern kommt der Nachwuchs abhanden

Am Land fehlen Hausärzte, Spitälern kommt der Nachwuchs abhanden

Auf dem Land fehlen Hausärzte, den Spitälern läuft der Nachwuchs davon. Gleichzeitig werden junge Menschen davon abgehalten, Medizin zu studieren. Wie passt das zusammen?

Josef Huber wurde von der Ärzteschwemme ins Berufsleben gespült. Dutzende Bewerber rissen sich um eine Spitalsstelle, als er seinerzeit Internist werden wollte. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als sich anderweitig umzusehen. Er sprang ein, wenn Hausärzte krank waren, arbeitete als Notarzt und eröffnete im malerischen Maria Saal eine Wahlarzt-Praxis. Vor eineinhalb Jahren wurde in seinem steirischen Heimatbezirk Murau ein Kassenvertrag frei. Seither ist er dort als Hausarzt „rundum glücklich“.

Der Präsident der Kärntner Ärztekammer ist ein Fossil seines Standes. Inzwischen sind die Wartelisten für Turnusplätze leer, und quer durch das Land schrillen die Alarmglocken, weil jedes Jahr 300 Mediziner für die Facharzt-Ausbildung fehlen. Die Jungen ziehen in Scharen nach Deutschland, Dänemark oder Skandinavien, wo sie besser verdienen, weniger arbeiten und angeblich mehr lernen.

„Der Ärztemangel ist eine politische Erfindung“
Ein Leben als Landarzt können sich die wenigsten vorstellen. In den kommenden zehn Jahren wird sich jeder zweite von Hubers Kollegen zur Ruhe setzen. Längst nicht alle werden jemanden finden, der ihre Patienten versorgt. Schon jetzt suchen Gemeinden händeringend nach Landärzten. Gleichzeitig werden junge Menschen davon abgehalten, Medizin zu studieren. Wie fügen sich die Puzzle-Teile zu einem Bild zusammen?
Österreich gehört – mit Griechenland – zu den Ländern mit der höchsten Dichte an Ärzten. 4,7 kommen auf 1000 Einwohner, der OECD-Schnitt liegt bei 3,1. Kein anderes Land produziert jedes Jahr so viele Absolventen. „Der Ärztemangel ist eine politische Erfindung“, beliebt Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer zuzuspitzen. Er werde „herbeigerechnet“, um in Brüssel die Quoten für ausländische Studenten zu rechtfertigen, spiele Oberösterreich in die Hände, das seit Jahrzehnten um eine Medizin-Uni ringt, und konveniere auch der Ärztekammer, die den Nachwuchs brauche, um ihr Pensionssystem abzusichern.

Und doch gibt es den Mangel. 13.000 Allgemeinmediziner zählt die Statistik, 4000 davon haben einen Kassenvertrag. Die übrigen arbeiten als Wahlärzte oder verdingen sich außerhalb der Medizin. Sie lassen sich – je nachdem, ob der Ärztemangl groß oder klein erscheinen soll – dazurechnen oder nicht. Tatsächlich betrifft er nur das öffentliche System. „Wie die Ärzte künftig hier zu halten sind, ist die Zukunftsfrage schlechthin“, so Pichlbauer.

Bis vor einigen Jahren standen jedes Jahr 2000 frische Medizin-Absolventen parat. Man konnte sie als Spritzenschanis und Zettelausfüller verschleißen, statt sie am Patientenbett auszubilden, denn es kamen genug nach. Nun, da ihre Zahl auf 1000 bis 1500 zurückgeht und immer mehr von ihnen das Weite suchen, kracht es im Gebälk.

Ärztekämmerer Huber kennt kaum noch ein Spital, das alle Turnusstellen besetzen kann. Von österreichweit 1380 Medizin-Absolventen des Vorjahres ließ sich die Hälfte einen Ausbildungsnachweis ausstellen, der es erlaubt, in der EU als Arzt zu arbeiten. Allein in Deutschland arbeiten 3000 heimische Mediziner. Immerhin kehren viele irgendwann zurück. Laut WHO-Mobilitätsbericht ist der Wanderungssaldo zwischen den beiden Ländern ausgeglichen.

Spitäler versuchen, Jungärzte mit Facharzt-Ausbildungsstellen zu binden. Viele pfeifen auf den Turnus und fallen damit als Nachwuchs für Landärzte aus. Ohne das sogenannte „jus practicandi“, also die Berechtigung zur selbstständigen Berufsausübung, ist der Weg zur allgemeinmedizinischen Praxis verstellt. Auch Peter Voss, 31, hatte zunächst angebissen. Der Kärntner studierte Medizin in Graz und begann 2009 in Spittal an der Drau als Turnusarzt. Bald lockte eine Assistenten-Stelle an der Klagenfurter Kardiologie. Erst dort dämmerte es dem 28-Jährigen, „weshalb sie so leicht zu bekommen war“. Die Höchstarbeitszeit von 72 Stunden, die der Gesetzgeber als Ausnahmezustand erlaubt, wurde regelmäßig ausgeschöpft. Überstunden, die darüber hinaus anfielen, durften nicht aufgeschrieben werden.

Kaum Schlaf
Manchmal bekam Voss im Nachtdienst ein paar Stunden Schlaf, „meistens keinen“. Nach einem 24-Stunden-Radl war die Station zu betreuen, anfangs zwölf Betten, später 20. Einen Großteil seiner Arbeitszeit wendete er für Papierkram auf. Nach einem Jahr hatte er die Nase voll, brachte seinen Turnus zu Ende und wanderte nach Basel aus. Hier fand er eine Stelle an einer Privatklinik für Rheumatologie und „paradiesische“ Arbeitsbedingungen: „In der Schweiz darf man acht Tage hintereinander arbeiten, und daran hält man sich auch. In Österreich sind drei Wochen keine Seltenheit.“ Vor Routinen bleibt er auch an seinem neuen Arbeitsplatz nicht verschont, „aber ich fühle mich hier wertgeschätzt“.

Beklagten sich Jungärzte in Kärnten, prahlten Oberärzte damit, in jungen Jahren selbst 15 Nachtdienste im Monat geschafft zu haben. Das erinnert an Knabeninternate der 1950er-Jahre, wo Zöglinge zum Einstand drangsaliert wurden und darauf hoffen durften, irgendwann auch zu den Großen zu gehören. In der Geschichte des Auswanderers steckt auch gleich ein Therapievorschlag: Mehr Geld hätte Voss, der sein 1800-Euro-Netto-Gehalt als Assistenzarzt mit exzessiven Diensten aufbesserte, nach eigenem Bekunden nicht gehalten; die Möglichkeit, „am Patienten zu lernen, ein respektvoller Umgang und maßvolle, geregelte Arbeitszeiten“ vielleicht schon.

Das deckt sich mit der Befindlichkeit einer jungen Ärzte-Generation, die Peter Mandl vom Institut für Geografie der Uni Klagenfurt im Auftrag des Landes und der Ärztekammer erforscht: „Bei den Maturanten, die ein Studium in Graz, Wien oder Innsbruck planen, sagen 50 Prozent, dass sie nach Kärnten zurückkommen. Mit den Jahren werden es weniger.“ Man finde Freunde, knüpfe Netzwerke und entwickle eine Aufstiegsperspektive. Bessere Arbeitsbedingungen würden zur Rückkehr bewegen, höhere Einkommen rangierten an zweiter Stelle. Dabei liegen die heimischen Gehälter deutlich unter dem, was man in Deutschland oder in der Schweiz bekommt. Zu Spitzenverdienern werden die österreichischen Ärzte erst durch Zusatzdienste und Privathonorare.

Die Hausärzte müssen sich mit den geringsten Einkommen bescheiden. Selbst bei 60-Stunden-Wochen bleiben nicht mehr als 4500 Euro netto im Monat. Das macht die Nachwuchspflege nicht einfacher. In Hallstatt wurde die Stelle eines Hausarztes zum neunten Mal ausgeschrieben. In der Bezirksstadt Wels gehen bald sechs Hausärzte in Pension. Auch hier stehen die Bewerber nicht gerade Schlange. Wolfgang Ziegler (Foto), 54, Arzt aus Kremsmünster und Sprecher der Hausärzte in Oberösterreich, kann es den Jungen nicht verdenken, dass sie sich den Job als Landarzt nicht antun. Von Gründonnerstag auf Karfreitag habe er einen „ungewöhnlich ruhigen“ Dienst versehen, berichtet er: Drei Mal sei er aufgestanden, zwei Mal mit dem Auto ausgefahren. „Mehr als eineinhalb Stunden habe ich trotzdem nicht geschlafen.“

Lehrpraxen könnten das Ansehen heben. Seit zehn Jahren ficht Ziegler für die Idee, dass angehende Allgemeinmediziner erfahrenen Kollegen ein Jahr lang auf die Finger schauen: „Hausarzt wird man nicht im Spital. Dort gibt es Spezialisten, teure Geräte, eine Lade voller Handschuhe. Das ist mit einer freien Praxis, wo man auf sich gestellt ist, nicht zu vergleichen.“ Im Übrigen könnte man auch gleich den Turnus abschaffen, sagt Martin Andreas, Betriebsrat und Assistenzarzt an der Herz-Chirurgie im Wiener AKH: „International stehen wir damit ohnedies allein da.“ Spitäler hielten bloß daran fest, weil sie ihre billigen Systemerhalter nicht missen wollen, sagen Kritiker.

„Das heißt für alle anderen noch mehr Arbeit“
Die Hoffnung der Reformwilligen aller Glaubensrichtungen konzentrieren sich nun auf die EU. So paradox es klingt, „Brüssel könnte uns mit seinem erhobenen Zeigefinger zu Hilfe kommen“, sagt Ärztekämmerer Huber. Als die EU-Kommission die Umsetzung der Arbeitszeiten-Richtlinie untersuchen ließ, fielen nur wenige Länder – neben Irland, Griechenland und Frankreich auch Österreich – negativ auf. Kenner des Gesundheitswesens dürften kaum überrascht gewesen sein: Bereits 2003 hatte Lukas Stärker, mittlerweile zum obersten Juristen der Ärztekammer aufgerückt, im Fachblatt „Recht der Medizin“ dargelegt, dass das heimische Arbeitszeitrecht „in mehreren Punkten dem einschlägigen EU-Recht widerspricht“. Höchstens 48 Stunden dürfen Ärzte laut EU-Richtlinie pro Woche arbeiten. In Österreich sind bis zu 72 Stunden erlaubt.

Mit dem Befund hatte es sich, eine Behandlung unterblieb. Auch eine Rüge der Volksanwaltschaft und Studien, die den überbordenden Belastungen auf den Grund gingen, verpufften. Als das Sozialministerium vor Jahren versuchte, das Gesetz zu novellieren, brachten die Spitalserhalter die Initiative zu Fall, bevor sie das Parlament erreicht hatte. Nun drohen aus Brüssel saftige Strafen. Sozialminister Rudolf Hundstorfer muss demnächst einen Reparaturvorschlag unterbreiten, andernfalls könnten jedes halbe Jahr bis zu 30 Millionen Euro fällig werden.

Die Länder pochen auf Übergangsfristen, weil sie nicht wissen, wo sie zusätzliche Ärzte hernehmen sollen, wenn das Personal künftig nach 25 Stunden heimgeht statt wie bisher nach 32 Stunden oder – an Wochenenden – nach bis zu 49 Stunden. „Zu allem Überfluss geht seit Einführung der Zugangsbeschränkungen die Zahl der Absolventen zurück“, sagt die SPÖ-Abgeordnete und gelernte Ärztin Sabine Oberhauser.
Die Bundesländer versuchen neuerdings, die Bedingungen für Jungärzte attraktiver zu machen. Das Land Oberösterreich hilft bei der Gründung von Ordinationen. Vorarlberg hob die Einstiegsgehälter um ein Fünftel an. Seither verliert es weniger Mediziner an die Schweiz und gewinnt Pendler aus Tirol. Dafür hebt nun in Innsbruck das Wehklagen an, weil „Turnus- und Assistenzärzte bei uns um 40 Prozent weniger bekommen und viele ihre Ausbildung lieber in Vorarlberg absolvieren“, sagt die Gesundheitssprecherin der Tiroler Grünen, Gabriele Fischer.

Vor einem Jahr protestierten 300 Ärzte im brechend vollen Hörsaal in Innsbruck. Mit der schlechten Bezahlung könnten sie leben, wenn sie bei den Großen ihres Fachs lernen könnten, sagten junge Kollegen. Doch renommierte Namen, die Exzellenz um sich scharen, sucht man an den Uni-Kliniken mit der Lupe. Der bekannte Herzchirurg Gerald Bachinger musste seinen Ruhestand hinauszögern, bis sich ein Nachfolger fand. Nicht einmal eine Handvoll Kandidaten bewarb sich um seine Stelle – „für einen Standort wie Innsbruck eine Blamage“ (Fischer).

Turnusplätze und Posten für Assistenz- und Fachärzte werden gestrichen, wenn sie ein Jahr unbesetzt bleiben, berichtet ein Spitalsmitarbeiter aus Tirol: „Das heißt für alle anderen noch mehr Arbeit.“ Im Vorjahr kursierte ein Schreiben des führenden Radioonkologen, „aufgrund der angespannten Personalsituation“ könne es zu „erheblichen Wartezeiten“ für Patienten kommen. Wie sollen daneben Jungmediziner noch ordentlich ausgebildet werden?

Am Wiener AKH ist die Lage ähnlich. „Wir wollen arbeiten und forschen, aber diese Bedingungen schrecken ab“, sagt Sarah Schober, 27, ÖH-Vorsitzende an der Wiener Medizin-Uni. Sie will ihre Kinder aufwachsen sehen, ihre Kollegen gehen am Wochenende klettern. Schober spricht für eine Generation, die keine Lust hat, ausgebrannten Babyboomern nachzueifern, die Anfang 50 ein Vermögen dafür zahlen, um in Burnout-Kliniken wieder arbeitsfähig zu werden.

Dass es nicht anders ginge, kann ihr niemand weismachen. Im finnischen Tampere, wo sie an einer Uni-Klinik arbeitete, stechen Krankenschwestern Venen-Zugänge und hängen Infusionen an, die Ärzte kümmern sich um Diagnostik und Therapie, die alten Professoren zeigen den Jungen, was sie können, und sind sich nicht zu gut, ihrerseits von diesen zu lernen: „Das ist so angenehm anders, dass man es mit Worten kaum beschreiben kann.“ Nun beendet sie erst einmal ihre Diplomarbeit in der Kinderchirurgie, dann sieht sie weiter: „Wenn ich wüsste, dass sich in Österreich nachhaltig etwas ändert, würde ich gar nicht mit dem Gedanken spielen, wegzugehen.“ Vielleicht findet sie ja auch noch eine Klinik in Österreich, die sie ein wenig an Finnland erinnert: „Wunderbare Ärzte, die sich einen Haxn ausreißen, gibt es auch hier.“

Infobox
Ärzteland
Österreich liegt mit 4,7 Ärzten pro 1000 Einwohner weit über dem OECD-Schnitt (3,1) und bildet darüber hinaus die meisten Mediziner aus – obwohl vor acht Jahren der Zugang zum Studium beschränkt wurde. 20 Prozent der Plätze an den Unis Wien, Graz und Innsbruck dürfen an EU-Ausländer vergeben werden, weitere fünf Prozent gehen an Drittstaatsangehörige. Der Rest der Studienanfänger – also drei Viertel – hat ein österreichisches Maturazeugnis. Brüssel kritisierte die Quote scharf, legte das Vertragsverletzungsverfahren jedoch vorerst auf Eis. Bis 2016 bleibt Zeit nachzuweisen, dass Österreich ohne Quote zur Ausweichadresse deutscher Numerus-clausus-Flüchtlinge würde und die heimische Gesundheitsversorgung gefährdet wäre.