Johannes Kopf
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Österreich
01/09/2020

AMS-Chef Johannes Kopf: "Die Hacklerregelung ist falsch"

AMS-Chef Johannes Kopf warnt ältere Arbeitslose vor einer Weltreise und erklärt, warum Österreich besser qualifizierte Asylwerber hat als Deutschland.

von Gernot Bauer

profil: Sie sind jetzt 46 Jahre alt. Wenn Sie Ihren Job verlieren, wären Sie dann schon schwer vermittelbar? Kopf: Ich hoffe, dass ich aufgrund meiner Ausbildung rasch wieder einen Job finden würde.

profil: Juristen wie Sie müssen sich also keine Sorgen machen, egal ob sie über oder unter 50 Jahre alt sind? Kopf: Die Vermittelbarkeit hängt von der Dauer der Arbeitslosigkeit ab. Wenn ein Manager oder leitender Angestellter seinen Job verliert und erst einmal drei Monate auf Weltreise geht, macht mich das fassungslos. Sein Wert auf dem Markt ist am Anfang zweifellos vorhanden, sinkt aber mit jedem Monat rapide. Wenn später glücklicherweise doch wieder ein Einstieg ins Arbeitsleben gelingt, verdient er deutlich weniger.

profil: Wenn man arbeitslos wird, sollte man also möglichst schnell wieder in die Gänge kommen? Kopf: Längere Arbeitslosigkeit ist generell ein massives Problem. Wer lange arbeitslos ist, bekommt kaum Einladungen zu Vorstellungsgesprächen. Im Rahmen einer Studie in den USA wurden 60.000 Bewerbungen von erfundenen Personen für reale Jobs versendet. Die Studie brachte die Erkenntnis, dass schon nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit die Wahrscheinlichkeit, noch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, massiv sinkt.

profil: Weil die Arbeitgeber glauben, ein Langzeitarbeitsloser vertrödle ohnehin den lieben langen Tag im Pyjama? Kopf: Menschen verlieren mit zunehmendem Bewerbungsmisserfolg Selbstbewusstsein und treten entsprechend schlechter bei Bewerbungsgesprächen auf. Dazu kommt, dass Personalauswahl eine schwierige Aufgabe für Personalverantwortliche ist. In relativ kurzer Zeit muss man die Eignung eines Bewerbers einschätzen. Bei einem Kandidaten in längerer Arbeitslosigkeit unterstellen viele Arbeitgeber, dass es wohl irgendeinen Grund gibt, warum das so ist. Dabei hat der Betreffende vielleicht nur Pech gehabt.

profil: Hat es die Generation 50 plus bei Bewerbungen schwerer? Kopf: Es ist eindeutig, dass es Altersdiskriminierung gibt. 50-Jährige sind in den Betrieben oft Führungskräfte oder aufgrund ihrer Erfahrung geschätzte Experten. Wenn diese Leute arbeitslos werden, gelten sie plötzlich als alt und weniger wert. Eine Forscherin hat das als Instant- Aging-Effekt bezeichnet.

profil: Altersdiskriminierung gilt eigentlich als geächtet. Kopf: Ich vermute, viele Arbeitgeber wissen gar nicht, dass sie altersdiskriminieren . Wir achten darauf, dass Unternehmen, die über das AMS Mitarbeiter suchen, entsprechend sensibel agieren. Den richtigen Mitarbeiter -oder die richtige - findet man unter allen Arbeitssuchenden. Wer glaubt, keine Älteren, Langzeitarbeitslosen, Migranten, Frauen oder etwa Menschen mit Behinderung anstellen zu wollen, verzichtet auf großes Potenzial.

profil: Warum hat Österreich im Vergleich eine niedrige Beschäftigungsquote bei den über 50-Jährigen? Kopf: Wir hatten immer eine lausige Quote. Sie ist zwar signifikant von unter 30 Prozent auf 54 Prozent gestiegen. Wir liegen aber noch immer unter dem EU-Schnitt von 58 Prozent. In Deutschland liegt die Quote bei 71 Prozent. Leider gehen wir noch immer sehr früh in Pension.

profil: Warum? Kopf: Das ist zum einen eine Kulturfrage. In Österreich will man einfach früh in Pension gehen. Zum anderen wagt kaum ein Politiker mehr, das Thema anzufassen. Man sieht das auch an der Hacklerregelung, die der Nationalrat im September als Wahlzuckerl beschlossen hat und die es wieder ermöglicht, nach 45 Arbeitsjahren ohne Abschläge in Frühpension zu gehen. Das wird die Kosten erhöhen und den Facharbeitermangel eher noch verschärfen. Ich halte dies daher für falsch.

Die Regelung für Asylwerber in Lehre wird das Problem nur aufschieben. Es ist ja schwer verständlich, eine ausgebildete Fachkraft abzuschieben.

profil: Wenn Leute früher in Pension gehen, werden auch früher Jobs frei. Kopf: Dass diese Betrachtung zu simpel ist, wird durch viele Studien belegt. Die Anzahl der Jobs und das gesamte Wirtschaftswachstum eines Landes hängen auch vom Angebot an Arbeitskräften ab. Zur Veranschaulichung: Gehen einem Betrieb die Fachkräfte aus, müssen Aufträge abgelehnt werden oder haben so lange Lieferfristen , dass der Kunde woanders kauft.

profil: Die Alten nehmen den Jungen nicht die Jobs weg? Kopf: Nein. Die Substitution erfolgt meist nicht nach dem Prinzip Jung für Alt, sondern weniger Alt für Älter. Demografisch hat sich die Situation für Junge überhaupt massiv verbessert. 2009 lag die Jugendarbeitslosenquote noch über jener von Älteren ab 50 und deutlich über jener von Menschen im Haupterwerbsalter, also zwischen 25 und 50. Das hat sich geändert. Heute liegt die Jugendarbeitslosigkeit unter jener der anderen Altersgruppen. Die demografische Entwicklung ist auch die Hauptursache für den Anstieg der absoluten Arbeitslosenzahlen bei den Älteren. Es gibt mehr ältere Menschen auf dem Arbeitsmarkt; daher sind auch mehr arbeitslos, die Arbeitslosenquote ist aber noch immer rückläufig.

profil: Inwieweit ist die Lohnkurve verantwortlich für die Arbeitslosigkeit der Älteren? Sind sie schlicht zu teuer? Kopf: Das gilt vor allem im Angestelltenbereich. Da ist die Lohnkurve sicher ein Thema, vor allem für jene, die schon länger einen Job haben und aufgrund ihrer Dienstzeit teurer sind als jüngere Kollegen. Für ältere Arbeitslose ist das auch ein Problem, aber ein etwas geringeres, weil beim Wiedereinstieg ohnedies meist nicht alle Vordienstzeiten angerechnet werden.

profil: Sind Arbeitgeber auch deswegen zurückhaltend bei der Anstellung älterer Personen, weil diese schwieriger kündbar sind? Kopf: Ja, aber das ist falsch. Bei der Einstellung Älterer greift seit Mitte 2017 der besondere Kündigungsschutz nicht mehr, der wurde abgeschafft.

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profil: Ist die Altersteilzeit ein Indiz dafür, dass etwas nicht richtig läuft auf unserem Arbeitsmarkt? Kopf: Die Altersteilzeit ist an sich eine gute Idee. Sie ermöglicht einen gleitenden Übergang in die Pension anstatt einer abrupten Zäsur. Sie ist nur sehr teuer und geblockt jedenfalls unsinnig.

profil: In der betrieblichen Praxis drängen die Dienstgeber ältere Mitarbeiter in die Altersteilzeit, um bei den Personalkosten zu sparen. Kopf: Das hängt von der Konjunktur ab. Wo es Fachkräftemangel gibt, werden Leute sogar gebeten, noch nicht in Pension zu gehen.

profil: Sie testen gerade ein umstrittenes Computerprogramm, das die Chancen von Arbeitslosen auf einen Jobeinstieg bewertet. Wie läuft es? Kopf: Wir haben bisher viele wichtige Erkenntnisse gewonnen, zum Beispiel, dass sich lange Arbeitslosigkeit bei Frauen auf die Jobchancen weniger negativ auswirkt als bei Männern. Das liegt offenbar daran, dass längere Abwesenheit vom Arbeitsmarkt bei Frauen als normaler gilt. Die vollständige Anwendung des Systems startet am 1. Juli 2020.

profil: Woran wird man das merken? Kopf: Heute ist es so, dass arbeitslose Menschen in der Regel etwa vier Monate lang bei uns in der Servicezone betreut werden. Wenn sie dann noch immer keinen Job haben, kommen sie in unsere Beratungszone, wo wir ihnen auch Förderungen anbieten können. Durch die Prognose wird es möglich sein, Menschen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht rasch einen Job finden, von Anfang an zu fördern. Außerdem werden wir Menschen mit sehr niedrigen Arbeitsmarktchancen künftig vor allem extern betreuen. Diese Personen haben meist einen hohen Beratungs-und Betreuungsbedarf, den wir mit unseren Personalressourcen nicht decken können. Das heißt: Wir werden uns selbst mehr um Kunden mit mittleren Chancen kümmern können und im Endeffekt in beiden Gruppen mehr Personen in Arbeit bringen.

profil: Die Hochkonjunktur ist vorbei. Wie wird sich der Arbeitsmarkt 2020 entwickeln? Kopf: Vor allem in der Autoindustrie merkt man schon, dass die Konjunktur nachlässt. Bei einem noch immer steigenden Arbeitskräfteangebot wird die Arbeitslosigkeit heuer wieder leicht steigen. Wir rechnen mit etwa 10.000 Personen zusätzlich. Das Problem des Fachkräftemangels ist aber damit nicht vom Tisch. Erstaunlich gut läuft es noch immer in der Bauwirtschaft und im Tourismus.

profil: Sie meinten einmal, der Alptraum für den Arbeitsmarkt sei Föhn auf den Bergen und Schnee im Tal. Kopf: Stimmt, das ist ungünstig. Dann steht der Bau, und der Tourismus schwächelt auch.

profil: Wie gut funktioniert die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt? Kopf: Die Chance, so wie in Deutschland eine große Datenbank über alle Geflüchteten aufzubauen, hat man bei uns leider nicht genutzt. Ich kann daher nur über jene Personen etwas sagen, die sich beim AMS zur Arbeitssuche gemeldet haben. Wir haben drei Kontrollgruppen gebildet: jene, die 2015 Asyl oder subsidiären Schutz bekommen haben, jene von 2016 und jene von 2017. Von der Kontrollgruppe 2015 sind aktuell 47 Prozent in Beschäftigung. In der Gruppe 2016 sind es 43 Prozent, und in der Gruppe 2017 sind es 41 Prozent. Daran sieht man, dass die Arbeitsmarktintegration der später Gekommenen schneller funktioniert. Ein Grund dafür ist die stärkere Konjunktur ab 2017. Insgesamt sind wir noch nicht am Ziel, aber gut unterwegs, besser als erwartet. Afghanen viel niedriger als jene der Syrer.

profil: Warum ist die Arbeitslosenrate der Afghanen viel niedriger als jene der Syrer? Es hieß doch immer, die Afghanen seien besonders schlecht qualifiziert. Kopf: Es gab schon vor 2015 etwa 3000 bis 4000 Afghanen auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote bildet das Verhältnis der Arbeitslosen zu den Beschäftigten ab. Deshalb ist die Quote niedriger, weil es schon Beschäftigte gab. Syrer sind im Schnitt besser qualifiziert; die Entwicklung ihrer Beschäftigtenzahlen ist auch steiler als jene bei den Afghanen. Aber auch für die Afghanen läuft es überraschend gut. Wir haben unterschätzt, wie gut man sich in der Community gegenseitig hilft. Wir haben übrigens lange gerätselt, warum der durchschnittliche Geflüchtete in Österreich höher qualifiziert ist als in Deutschland.

profil: Trifft das tatsächlich zu? Kopf: Ja. Wir haben dafür keine wissenschaftliche Begründung gefunden, aber eine amüsante unwissenschaftliche Theorie, die ich für plausibel halte: Möglicherweise muss man besser qualifiziert sein, um Österreich überhaupt zu kennen. Anders kann ich es mir nicht erklären.

profil: Sind Sie zufrieden mit der Regelung für Asylwerber in Lehre? Kopf: Auch wenn viele erleichtert sind, glaube ich, dass diese Regelung das Problem nur aufschiebt. Wir werden die Diskussion wieder haben, weil es ja ebenfalls schwer verständlich ist, dann eine fertig ausgebildete Fachkraft in einem Mangelberuf abzuschieben. Ich wäre dafür, diesen ohnedies wenigen Menschen den Umstieg in die Rot-Weiß-Rot-Karte zu ermöglichen. Entscheiden muss das aber die Politik.

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