Nach einem Jahr sind die Hoffnungen verblasst.
Politik

Andreas Babler: Volkstribun mit wenig Volk

Basis-Held Babler zog vor einem Jahr aus, die SPÖ-Spitze zu erobern. Manch Hoffnungen sind verblasst, der Babler-Effekt blieb aus. Wie beurteilen ihn Fans und Skeptiker von damals? Wie ist die SPÖ im Wahljahr aufgestellt? Szenen aus der verunsicherten Partei, die sich mit Erneuerung schwertut.

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Ein Fischer wirft seine Angel aus, einige Hundebesitzer ziehen ihre Morgen-Gassigehen-Runde, die Mistkübel quellen fast über von Bierdosen und Weinflaschen vom Party-Vorabend: Der Donaukanal, eine Freizeit- und Ausgehmeile am Rande der Wiener Innenstadt, am Frühsommertag des 30. April um 7 Uhr morgens. Vor der U-Bahnstation sammelt sich eine kleine Gruppe in knallroten T-Shirts: Andreas Schieder, SPÖ-Spitzenkandidat für die EU-Wahl am 9. Juni, hat zum gemeinsamen Laufen „Europa bewegen“ geladen. Ein Riesenrenner ist das Wahlkampf-Joggen nicht gerade: Neben Schieder haben sich exakt seine zwei Presse-Leute und drei Gäste eingefunden, einer davon ist Mehmed Alajbeg, hochmotivierter SPÖ-Jungpolitiker in Mödling: „Eine coole Aktion“, findet er. Die Kleingruppe läuft los in Richtung Prater. Schieder quatscht mit seinen Laufpartnern, grüßt Passanten und sagt: „Bei diesem Event geht es um Sichtbarkeit, die T-Shirts fallen auf.“ Und: „Unser Europa-Wahlkampf ist auch ein Testlabor für die Nationalratswahl im Herbst.“

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So richtig rund läuft es nicht in der SPÖ vor den zwei entscheidenden Bundeswahlen im Superwahljahr, die Wahlkämpfe nehmen nur langsam Fahrt auf. Bei beiden Wahlen kam die SPÖ beim letzten Mal im Jahr 2019 auf Platz zwei, deutlich abgeschlagen hinter der ÖVP mit ihrem damals strahlenden Zugpferd Sebastian Kurz – und mit großem Abstand zur seinerzeit vom Ibiza-Skandal gebeutelten FPÖ. Diesmal setzen die Freiheitlichen zum Siegeszug an. Und die SPÖ kommt nicht recht vom Fleck. In allen Umfragen für die Nationalratswahl scheint die FPÖ uneinholbar und Platz eins außer Reichweite, die rechtspopulistischen Scharfmacher punkten bei Zornigen, mit der Regierung Unzufriedenen und sogar in der ehemaligen Kernklientel der SPÖ, der Arbeiterschaft.

Dabei hatte alles so hoffnungsfroh begonnen. Heute vor einem Jahr, am 10. Mai 2023, endete die Mitgliederbefragung in der SPÖ – und Basis-Liebling Andreas Babler mischte mit temperamentvoller Leidenschaft und hemdsärmeligem Kampfgeist das Granden-Rennen zwischen der amtierenden Vorsitzenden Pamela Rendi-Wagner und Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil ordentlich auf, ein Monat, eine Brandrede am Parteitag und eine Excel-Blamage später war er Parteichef. Mit dem unverbrauchten neuen roten Superhelden werde frischer Schwung in die alte Tante Sozialdemokratie kommen, der erdige Babler habe das Potenzial, rote Kernschichten zu begeistern und Enttäuschte aus dem Lager der Nichtwähler und der FPÖ zu holen und so den ersten Platz und das Kanzleramt zurückzuerobern, so raunte man damals in der SPÖ. Nach einem Jahr Babler ist Ernüchterung eingekehrt.

Eva   Linsinger

Eva Linsinger

Innenpolitik-Ressortleitung, stellvertretende Chefredakteurin