Wabl trifft Wabl: „Die Grünen müssen nicht die ganze Welt retten“

Stephan Wabl und Andreas Wabl im Gespräch in der Südsteiermark

Stephan Wabl und Andreas Wabl im Gespräch in der Südsteiermark

Andreas Wabl (68) war Gründungsmitglied der Grünen, Abgeordneter und Klubobmann. profil-Redakteur Stephan Wabl (40) ist sein Neffe. Ein Familiengespräch über die Grünen und eine mögliche Koalition mit der ÖVP.

Interview: Stephan Wabl, Fotos: Monika Saulich

profil: Beim letzten Familientreffen waren die Grünen noch am Boden, jetzt könnten sie bald in einer Regierung sein. Was meinen die anderen dazu?
Wabl: Du meinst meine Brüder? Christian hat sich sehr gefreut. Er ist ja nach der letzten Nationalratswahl bei den Grünen ausgetreten, weil sie ihm zu abgehoben waren. Und das, obwohl er jahrelang bei der Grünen Akademie in Graz gearbeitet hat. Von Bernhard habe ich nichts gehört. Er ist vor Kurzem als Volksschuldirektor in Pension gegangen und arbeitet derzeit als Pädagoge in einem SOS-Kinderdorf.
profil: Ist Matthias eigentlich noch als Professor für Immunologie in San Francisco?
Wabl: Ja, er ist aber abwechselnd in den USA und in Österreich und hat eine Forschungsfirma. Er war damals in Graz sehr aktiv in der 68er-Gruppe „Die Aktion“. Mittlerweile ist er froh, wenn es in Österreich keine Trump’schen Verhältnisse gibt. Und was dein Vater denkt, wirst du wohl selbst wissen.

profil: Mein Vater Martin würde die Grünen gerne in einer Regierung sehen.
Wabl: Ich auch!
profil: Ich hab den Eindruck, das wechselt manchmal bei ihm. Er war früher ja für die SPÖ im Bundesrat, danach aber Landtagsabgeordneter für die Grünen. Momentan stehen ihm die Grünen sicherlich näher.
Wabl: Es ist auch eine gute Zeit für die Grünen.

Andreas Wabl: "Kurz ist ein Taktiker und wird sich in der Migrationsfrage anpassen."

Andreas Wabl: "Kurz ist ein Taktiker und wird sich in der Migrationsfrage anpassen."

profil: Christian und du waren bereits bei den Anfängen der Grünen rund um den Protest gegen das Kernkraftwerk Zwentendorf in den 1970ern dabei und Mitgründer der Grünen. Hat es eine 16-jährige Schwedin gebraucht, um euch neuen Schwung zu geben?
Wabl: Greta Thunberg war natürlich ein Glücksfall für die grüne Bewegung. Aber die Grünen sind vor zwei Jahren vor allem über ihre internen Widersprüche gestolpert. Wir haben bereits vor der Parteigründung vor fast 40 Jahren nächtelang darüber diskutiert, wie wir eine Kraft im politischen System werden können und gleichzeitig offen bleiben für gesellschaftliche Protestbewegungen. In den letzten Jahren hat sich die Partei aber zu sehr abgeschottet – frei nach dem Motto: Wem der Herrgott ein Amt gegeben hat, dem hat er auch einen Verstand gegeben. Die Grünen waren aber immer stark, wenn sie Bündnisse eingegangen sind. Daher halte ich es für wichtig, nicht nur Mandate auszuüben, sondern auch Gruppen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion zu unterstützen und einzubinden.


Derzeit gibt es bei den Grünen zwar neue Köpfe und neuen Elan, aber gewonnen ist noch nichts.

profil: Das könnte schwierig werden, wenn die Grünen Teil einer Regierung sein sollten. Demonstriert ihr dann gegen euren eigenen Umweltminister?
Wabl: Die Grünen dürfen nicht den Fehler machen, zu glauben, dass ein paar grüne Minister und 26 Abgeordnete im Nationalrat alle Bäume ausreißen werden; zumal die meisten von ihnen kaum politische und parlamentarische Erfahrung haben. Ich glaube, dass beides möglich ist: Koalitionspakt und Protestbündnis. Derzeit gibt es zwar neue Köpfe und neuen Elan, aber gewonnen ist noch nichts.

profil: Die Brüder Wabl sind damals in die Politik gegangen, um die Welt zu verändern. Ihr trefft euch immer noch einmal im Quartal. Hat sich der Einsatz rückblickend ausgezahlt?
Wabl: Wenn man sich die großen Fragen ansieht – Frieden, soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz –, haben wir, und damit meine ich auch die Grünen, viel zu wenig ausrichten können. Die Machtstrukturen haben sich kaum verändert. Aber wenn ich mir das Parlament heute ansehe, muss ich sagen, dass die Grünen einiges zu einem offenen Österreich beigetragen haben. Wir haben viele Themen – vor allem den Umweltschutz – im Nationalrat und in den Landtagen angestoßen und gesellschaftlich verankert. Das wirkt nach wie vor und gewinnt dank des Klimathemas wieder an Bedeutung.

Stephan Wabl: "Unsere Familientreffen glichen Parlamentsdebatten. Daran hat sich nicht viel geändert."

Stephan Wabl: "Unsere Familientreffen glichen Parlamentsdebatten. Daran hat sich nicht viel geändert."

profil: Werner Kogler hat alle Phasen der Grünen miterlebt. Du kennst ihn seit 40 Jahren. Was ist er für ein Typ?
Wabl: Wir haben uns bei der Gründung der Alternativen Liste Graz Anfang der 1980er kennengelernt, später war er mein Mitarbeiter im Nationalrat. In sein Büro brauchte man damals nicht gehen, das war ordnungstechnisch eine Katastrophe. Er hatte immer eine chaotische Seite. Aber das war unwichtig, weil er im Kopf alles beisammen hatte. Ich traue ihm zu, mit dem Wahlerfolg der Grünen sorgfältig umzugehen.

profil: Die Koalitionsverhandlungen können dennoch scheitern.
Wabl: Diese Gefahr besteht. Wir müssen in Verhandlungen mit der ÖVP klare Linien ziehen. Beim Klimaschutz darf es keine halben Lösungen geben. Es wäre auch denkbar, dass sich die Grünen in einer Regierung im Wesentlichen auf das Thema Klima konzentrieren. Wir müssen nicht gleich die ganze Welt retten. Bei anderen Fragen wie Mindestsicherung, Migration oder Steuerpolitik darf es keinesfalls Verschlechterungen geben. Sollten sich ÖVP und Grüne in manchen Punkten nicht einig werden, könnte man diese auch offen lassen und dafür im Parlament wechselnde Mehrheiten suchen. Die Demokratie ist im Fluss, eine moderne Regierung sollte das abbilden.


Wer will schon seine Kinder verlieren. Sicher nicht die ÖVP!

profil: Ist das Thema Flüchtlinge/Migration mit der ÖVP am schwierigsten?
Wabl: Wir Grüne waren nie dagegen, dass man Flüchtlinge an der Grenze registriert und ordentliche Asylverfahren durchführt. Die Frage ist, ob die Politik die Menschenrechte achtet und mit den Flüchtlingen korrekt umgeht. Es gibt auch in der ÖVP viele, die eine christliche Flüchtlingspolitik vertreten. Kurz ist ein Taktiker und wird sich in dieser Frage besinnen.

profil: Ein Taktiker war auch Wolfgang Schüssel. Nach Schwarz-Blau I wäre es 2003 fast zu einer schwarz-grünen Regierung gekommen. Du warst damals dafür, die Verhandlungen sind aber gescheitert, es folgte Schwarz-Blau II. Könnte sich diese Geschichte wiederholen?
Wabl: Der Unterschied zu damals ist: Schüssel war ein echter Machiavellist. Er hat damals zu den Grünen gemeint: „Ich gebe euch diesen Bereich mit einem bestimmten Budget, alles andere mache ich wie bisher.“ Da konnten die Grünen nicht mit. Kurz kann es sich nicht so einfach machen, da Klimaschutz heute eine ganz andere gesellschaftliche Dimension hat. Die Menschen, vor allem die Jungen, werden es sich nicht gefallen lassen, wenn hier nichts passiert. ÖVP-Klubobmann August Wöginger hat ja selbst schon Angst, seine Kinder an die Grünen zu verlieren. Und wer will schon seine Kinder verlieren. Sicher nicht die ÖVP!

Eine Schweigeminute im Falle einer türkis-blauen Regierung.

Eine Schweigeminute im Falle einer türkis-blauen Regierung.

profil: Auch die SPÖ verliert ihre Kinder. Dein Vater, mein Großvater, war SPÖ-Bürgermeister in Kalsdorf bei Graz. Seine Kinder sind zu den Grünen gegangen. Woran hakt es bei der SPÖ?
Wabl: Wir sind damals immer am Mittagstisch gesessen, mussten dem „Mittagsjournal“ lauschen, und unser Vater hat das politische Geschehen kommentiert. Beiträge unsererseits oder eine kritische Debatte waren allerdings kaum möglich. Das könnte eine Erklärung sein.
profil: Wenn wir uns bei der nächsten Familienfeier sehen, welche Regierung werden wir haben?
Wabl: Ich befürchte, eine türkis-blaue. Vielleicht halten wir dann lieber eine Schweigeminute ab.

Über diese Geschichte
Mein Onkel Andreas galt in unserer Familie, nicht zuletzt aufgrund seiner Haarpracht, als „der Wilde“ und saß von 1986 bis 1999 für die Grünen im Nationalrat. Auch seine vier Brüder, darunter mein Vater Martin, waren immer politische Köpfe. Unsere Familientreffen glichen Parlamentsdebatten. Wie kräftezehrend Politik sein kann, habe ich damals am Familientisch mitbekommen, und es hat mich später dazu veranlasst, sie lieber aus der Distanz zu beobachten und Journalist zu werden.