Warum die Arbeitslosigkeit in Österreich nicht sinkt

Warum die Arbeitslosigkeit in Österreich nicht sinkt

Quer durch Europa sinkt die Arbeitslosigkeit. Nur in Österreich bleibt sie auf Rekordniveau - sie ist so hoch wie in den 1950er-Jahren. Was läuft schief, und wie kann man gegensteuern?

Das Staunen kannte keine Grenzen damals, im Juni 2005. "Wie haben die das bloß geschafft?“, fragte das deutsche Magazin "stern“ in einer Mischung aus Ratlosigkeit und Neid und zählte auf, was Österreich zum "besseren Deutschland“ mache: "Gute Stimmung, mehr Wachstum, neue Jobs: Während hierzulande Frust grassiert und die Arbeitslosigkeit steigt, geht es in der Alpenrepublik voran.“

Ein gutes Jahrzehnt später ist die Welt wieder im Lot, zumindest aus deutscher Sicht. In vielen Regionen herrscht Vollbeschäftigung, die Arbeitslosigkeit ist auf den niedrigsten Wert seit 1991 gesunken. Das verschafft Deutschland, einst als "kranker Mann Europas“ bemitleidet, die Silbermedaille im EU-Ranking; nur in Tschechien ist die Arbeitslosigkeit geringer.


Nur in Estland stieg die Arbeitslosenquote im Jahresvergleich stärker an als hierzulande

Österreich dagegen sackt ab. Der ehrenvolle erste Platz mit der niedrigsten Arbeitslosenquote Europas ist längst eingebüßt, mittlerweile wurde das einstige "bessere Deutschland“ auf die hinteren Ränge durchgereicht und ist vom Vorzeigeland zum Nachzügler mutiert. In ganz Europa sinkt die Zahl der Menschen ohne Job, in 24 EU-Staaten ist die Arbeitslosigkeit im Vergleich zum Herbst 2015 gefallen. Österreich gehört zu den negativen Ausnahmen; nur in Estland stieg die Arbeitslosenquote im Jahresvergleich stärker an als hierzulande. Besonders alarmierend: Wer seinen Job verliert, findet so schnell keinen mehr, die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit verdoppelte sich seit dem Jahr 2008 auf über 130 Tage. Und man könnte mittlerweile fragen: "Wie haben die das bloß vermasselt?“

Darauf gibt es mehrere Antworten. Eine optimistisch-einlullende gibt Sozialminister Alois Stöger, der allerlei Übung darin gesammelt hat, schlechte Arbeitsmarkt-Nachrichten mit einer Prise Zuversicht zu versüßen. Österreich hat zwar unbestritten Rekordarbeitslosigkeit, seit den 1950er-Jahren waren nie mehr Menschen ohne Job. Stöger spricht allerdings lieber von Rekordbeschäftigung.

Das ist zwar nicht ganz falsch und trotzdem kein Trost. In der Tat stieg die Beschäftigung zuletzt auf 3,6 Millionen Arbeiter und Angestellte und die Frauenerwerbsquote auf 69 Prozent (was eine gute Nachricht ist) - allerdings werkt die Hälfte der Frauen lediglich in Teilzeitjobs (weniger gute Nachricht). Seit der Wirtschaftskrise und dem Jahr 2008 ist die Zahl der Teilzeitjobs um ein Viertel auf über eine Million angestiegen.

Gravierender macht sich eine andere Veränderung auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar: Über viele Jahre waren hierzulande Ältere so gut wie nie arbeitslos - weil sie rechtzeitig in Frühpension geschickt wurden. Das bescherte Österreich zwar ein Heer rüstiger Frührentner, ein sündteures Pensionssystem und eine katastrophal niedrige Beschäftigung der Generation 50 plus, war aber mit ein Grund für niedrige Arbeitslosenraten.


Die Erwerbsbeteiligung der über 50-Jährigen ist markant gestiegen

Die unselige Tradition, Arbeitsmarktprobleme in das Pensionssystem zu verlagern, wandelt sich langsam, aber stetig. "Die Erwerbsbeteiligung der über 50-Jährigen ist markant gestiegen“, analysiert Helmut Mahringer, der Arbeitsmarktspezialist am Wirtschaftsforschungsinstitut. Heute stehen mit 870.000 fast doppelt so viele Menschen über 50 im Erwerbsleben wie vor 15 Jahren. Der Volkssport Frühpension wird zum Auslaufmodell. Auch in dieser guten Nachricht schlummert eine schlechte: Mittlerweile steigt auch die Arbeitslosigkeit Älterer deutlich, zuletzt um über sechs Prozentpunkte. 97.128 Männer und Frauen über 50 waren im Oktober arbeitslos gemeldet, damit stellt diese Altersgruppe fast ein Viertel der derzeit 411.951 Menschen auf Jobsuche. Dieser eklatante Anstieg ist kein Wunder: Der Weg in die Früh- oder in die krankheitsbedingte Invaliditätspension wurde durch ein Bündel kleinerer Pensionsreformen schwerer bis unmöglich gemacht - allesamt Maßnahmen, die Pensions- und Sozialexperten seit Jahrzehnten urgierten.

Praktiker wünschen sich allerdings, dass diese notwendige Änderung auch begleitet wird. Hansjörg Tutner etwa pocht darauf. Der Manager ist beim Automobilindustrieunternehmen Magna Steyr nahe Graz für Personalentwicklung zuständig und derzeit damit beschäftigt, 3000 neue Mitarbeiter für Auto-Großaufträge ab dem Jahr 2017 zu rekrutieren. "Wir bilden dafür bewusst Arbeitslose aus“, erzählt Tutner. Er weiß aus eigener Anschauung, worin die Probleme auf Österreichs Arbeitsmarkt wurzeln: "Wir Betriebe werden damit allein gelassen, wie Ältere länger arbeiten sollen. Von der Politik kommt da herzlich wenig, außer Scheindebatten über den Zwölf-Stunden-Tag. Bei uns am Fließband und in der Schicht kann sowieso niemand zwölf Stunden arbeiten.“ Er fordert stattdessen Diskussionen über Lebensarbeitszeitmodelle und andere sinnvolle Maßnahmen: "Deutschland ist da viel weiter.“ Tutner versichert, dass er gerne auch Ältere einstellen würde: "Ob wir das schaffen, müssen Sie mich nächstes Jahr fragen.“


Im EU-Durchschnitt stieg das Angebot an Arbeitskräften zuletzt um 0,8 Prozent, in Österreich hingegen um 1,4 Prozent pro Jahr

Frauen arbeiten öfter, alle arbeiten länger - oder versuchen es zumindest. Das liegt durchaus im EU-Trend. Dazu kommt jedoch ein österreichisches Spezifikum: Kein anderer EU-Staat ist für Arbeitsmigranten derart attraktiv. Deutsche kellnern auf Tiroler Skihütten, Ungarn pendeln ins nahe Burgenland, allein 50.000 Rumänen und Bulgaren arbeiten im Baugewerbe, ganze Branchen, etwa die Pflege, verlassen sich auf Zuwanderer aus Osteuropa. Die Personenfreizügigkeit gehört zu den Grundfesten der EU - und Österreich ist wegen seiner geografischen Lage Ziel-1-Gebiet: Über 600.000 Erwerbstätige haben keinen österreichischen Pass, die größte Arbeitsmigrantengruppe stellt Deutschland, gefolgt von Ungarn. Walter Pudschedl, Ökonom bei der Bank Austria, verweist auf eine Studie seiner Bank: "Im EU-Durchschnitt stieg das Angebot an Arbeitskräften zuletzt um 0,8 Prozent, in Österreich hingegen um 1,4 Prozent pro Jahr. Das ist einer der größten Zuwächse in ganz Europa.“

Auch das ist prinzipiell eine gute Nachricht. Volkswirtschaften mit steigender Bevölkerung sind dynamischer und erzielen ein höheres Wachstum. Österreich wird laut Prognosen von einem Acht- zu einem 9,5-Millionen-Einwohner-Land anschwellen. Deutschlands Bevölkerung hingegen schrumpft seit der Jahrtausendwende und wird sich von einem 80- zu einem 73-Millionen-Einwohnerland zurückentwickeln - eine ernsthafte Belastung für das Sozialsystem.

Was kann Österreich tun? Würde es etwa helfen, Schutzklauseln zu lockern, weil Unternehmen lieber Menschen einstellen, die sie auch leichter wieder kündigen können? Auf diese Frage antwortet Wifo-Experte Mahringer mit einem entschiedenen Nein: "Der Kündigungsschutz in Österreich ist sehr gering, die Beschäftigung fluktuiert je nach Auftragslage sehr stark.“ Allen Vorurteilen zum Trotz ist Österreich längst ein Hire-and-Fire-Arbeitsmarkt, in dem keine strikten Gesetze einem Beschäftigungsboom im Weg stehen.


Die soziale Hängematte ist bei uns zu bequem

Allerdings muss man keine Sozialschmarotzerdebatte anzetteln, um zum Schluss zu kommen, dass der Abstand zwischen Sozialleistungen und Jobs mit niedrigen Löhnen zu gering ist. "Ein Abwäscher in der Gastronomie bekommt 1300 Euro netto, die Mindestsicherung beträgt 890 Euro“, rechnet Martin Hirner von der Wirtschaftskammer Kufstein vor. Seine Folgerung: "Die soziale Hängematte ist bei uns zu bequem.“ Hirner fragt sich beispielsweise, warum es in Kufstein Arbeitslose und offene Stellen gleichzeitig geben kann, und sorgte für Aufsehen, als er dazu aufrief, Arbeitsunwillige zu melden. Außer gehörigem Wirbel hatte die Aktion keine Konsequenzen; arbeitslose Tiroler zieht es nach wie vor nicht in den Tourismus.

Im Hinblick auf die anlaufende Wintersaison wird Osteuropäern nun in einem Crashkurs beigebracht, wie man Essen serviert und wie welche Berge heißen. Manfred Hautz führt in Scheffau ein Hotel und sagt: "Bei uns arbeiten 60 Prozent Ausländer im Betrieb, wir holen uns Mitarbeiter aus Ungarn, Deutschland, ganz Europa. Wenn man gleichzeitig die hohen Arbeitslosenzahlen bei uns sieht, ist das schon erschütternd.“

Dass vor allem niedrig Qualifizierte nach Österreich zuwandern, hat sich inzwischen als Mythos erwiesen: Viele Deutsche oder Ungarn verfügen über eine bessere (Aus)Bildung als statistisch durchschnittliche Österreicher. Seit der Ostöffnung verlagerten viele österreichische Unternehmen deshalb gerade den qualifikations- und forschungsintensiven Teil ihrer Wertschöpfungskette in die Nachbarländer, wie Dalia Marin von der Universität München anhand einer Statistik nachweisen kann. In den Augen der Ökonomin ist der Prozess zwar eine bittere Erkenntnis für Österreich, weil damit hochqualifizierte Jobs verloren gehen, aber in Wahrheit nur folgerichtig: "Österreich war noch in den 1990er-Jahren ein absoluter Nachzügler. Es gab hier mit sieben Prozent viel weniger Akademiker als in Osteuropa.“


Ich will nichts schönreden, die Verfestigung der Arbeitslosigkeit ist dramatisch. Aber international liegt Österreich nach wie vor im Spitzenfeld

Darin schlummert auch das Patentrezept gegen Arbeitslosigkeit: Bildung, Bildung, Bildung. Jedes Jahr gehen zwei Prozent der Hilfsarbeiterjobs verloren. Andere Statistik, gleiche Botschaft: Allem Gerede über die viel zitierte "Generation Praktikum“ zum Trotz ist die Arbeitslosigkeit umso geringer, je höher der Bildungsgrad ist - 45 Prozent der Arbeitslosen sind über die Pflichtschule nicht hinausgekommen. Die Zahl der Pflichtschulabsolventen ohne Job verdoppelte sich seit den 1990er-Jahren, die Zahl der arbeitslosen Akademiker blieb hingegen gleich. "Ohne Qualifikation gelingt es heute sehr schwer, in einen Beruf einzusteigen“, konstatiert Mahringer und lobt deshalb ausdrücklich die jüngst von der Regierung beschlossene Ausbildungsgarantie.

Überhaupt möchte der Wifo-Experte zum Schluss etwas Positives sagen: "Ich will nichts schönreden, die Verfestigung der Arbeitslosigkeit ist dramatisch. Aber international liegt Österreich nach wie vor im Spitzenfeld.“

Aber wer Nummer eins oder zumindest einen Stockerlplatz gewohnt war, kann Platz neun schlecht wie einen Kantersieg feiern.