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Österreich
10/02/2020

Bezirksblätter-Redakteure mussten Positiv-Storys über Politiker schreiben

profil und Ö1 liegen dutzende interne Mails des reichweitenstärksten Lokalblatts aus Niederösterreich vor. Sie zeigen: Reporter mussten den Bauernbund und die Landesregierung in ein gutes Licht rücken.

von Jakob Winter

profil und das Ö1-Medienmagazin „doublecheck“ konnten Einblick in dutzende interne Mails der Bezirksblätter Niederösterreich nehmen – die kostenlose Wochenzeitung ist immerhin das reichweitenstärkste Printprodukt des Landes. Die internen Unterlagen des Medienbetriebs belegen: immer wieder forderte die Chefredaktion von den Lokalreportern, wohlwollend über Politiker und Parteiorganisationen zu berichten.

Für kritische Journalisten klingen die Arbeitsaufträge wie ein Alptraum: „Mit dem Bauernbund wurde eine Geschichte vereinbart, die in Kalenderwoche 9 erscheinen MUSS.“ Das schrieb der damalige Vize-Chef der Bezirksblätter Niederösterreich, Christian Trinkl, Mitte Februar 2019 in einem Mail an seine 19 Lokalredaktionen: „Die Obleute (des Bauernbundes, Anm.) sind gebrieft, dass wir die Geschichte mit ihnen machen und sollten euch genügend Info geben können.“ Damit die Lokalreporter bloß keinen Fehler machen konnten, schickte Trinkl auch noch die „Stoßrichtung“ mit, die der Artikel haben sollte: „Wir stehen an der Seite der Bauern.“

Die eingeforderten Berichte wurden von den Lokalreportern pflichtbewusst umgesetzt. Als Kooperation mit dem Bauernbund waren die Storys nicht gekennzeichnet.

Der Bauernbund betonte gegenüber profil und Ö1, dass für die redaktionelle Berichterstattung kein Geld geflossen sei. Die Bezirksblätter hielten auf Anfrage fest, bezahlte PR-Geschichten stets als solche ausgeschildert zu haben. Für redaktionelle Beiträge liege die Letztverantwotung bei der Redaktion. Die Inputs der Chefredakteure seien lediglich „Themenvorschläge für Berichte“.

In den Mails der Bezirksblätter-Chefs, die profil und Ö1 vorliegen, klingt das ein wenig anders: da ist häufig von „Muss“-Themen die Rede. Einer dieser „Muss“-Aufträge lautete: Schreibt einen Artikel über einen Kürbisbauern in eurer Region. Neben diesen Storys wurde landesweit ein Interview mit SPÖ-Landeshauptfrau-Stellvertreter Franz Schnabl (er ist für Konsumentenschutz zuständig) publiziert, der etwas zur Qualität der Kürbisse sagen durfte. Schnabls Sprecher erklärte gegenüber profil und Ö1, man habe die Kürbis-Storys beim Bezirksblätter-Chefredakteur bloß „angeregt“. Geld sei dafür keines geflossen.

Auch eine Artikel-Serie über die Vorzüge der EU, bei der alle sechs ÖVP-Landesregierungsmitglieder interviewt werden, nicht aber die der FPÖ und SPÖ, wurde Bezirksblätter-intern als „gebucht“ bezeichnet – eigentlich ein klarer Begriff aus der Werbe-Branche. Das Büro der Landeshauptfrau, die ÖVP und die Bezirksblätter erklärten auch hier: es gab keine finanzielle Gegenleistung.

Definitiv bezahlt wurden die Bezirksblätter von der ÖVP Niederösterreich, wie ein Sprecher auf Anfrage bestätigt – für eine eher ungewöhnliche Kooperation zwischen einem unabhängigen Medium und einer politischen Partei: Die beiden Bezirksblätter-Chefredakteure moderierten mehrere Diskussionsveranstaltungen in der ÖVP-Parteizentrale. Die Talks mit dem Titel „Politik und“ wurden auch über die Bezirksblätter-Facebookpage gestreamt und erweckten dank dem Zeitungslogo im Hintergrund den Eindruck, hier handle es sich um offizielle Events des Mediums selbst. Dieser Anschein wurde in den Bezirksblätter-Ausgaben noch verstärkt, die über das Gesprächsformat mit dem ÖVP-Landesgeschäftsführer berichteten – ohne einen Hinweis auf die Werbepartnerschaft.

Wenn ein Medium bezahlte PR-Storys ohne eine Kennzeichnung wie „Werbung“ oder „Promotion“ veröffentlicht, kommt das aus Sicht des Presserats einer Irreführung der Leser gleich: „Problematisch wird es dann, wenn man Werbeinhalte so kaschiert, als ob es redaktionelle Inhalte wären – das heißt man verwendet das redaktionelle Schriftbild, das redaktionelle Layout und versucht unterschwellig, etwas als unabhängigen Journalismus zu verkaufen, was kein unabhängiger Journalismus ist“, sagt Alexander Warzilek, Geschäftsführer des Presserats – einer Stelle, die Ethikverstöße von Medien dokumentiert. Wenn durch Chefredakteure oder Geschäftsführer Vorgaben gemacht würden, über wen positiv zu berichten sei, werde damit für Warzilek „die Unabhängigkeit des Journalismus untergraben“.

Wie Bezirksblätter-Redakteure in ihrem Dienstvertrag zum Schreiben von „PR-Storys“ verpflichtet werden und warum sie einen finanziellen Anreiz haben, Werbekunden nicht zu vergraulen – das lesen Sie im neuen profil: ab Samstag, 17 Uhr, im e-Paper.

Mehr zu den fragwürdigen Vorgängen bei dem Lokalblatt können Sie heute, Freitag, ab 19:05 Uhr im Ö1-Medienmagazin „doublecheck“ hören.

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