Bildung: Erste Maturanten an Privatschule für türkische Zuwanderer

Bildung: Erste Maturanten an Privatschule für türkische Zuwanderer

Ein umstrittenes privates Gymnasium in Wien-Favoriten will Kindern türkischer Gastarbeiter den Weg nach oben ebnen. Nun treten die ersten Schüler zur Matura an.

Ein Jahr lang währte das Glück der leeren Zimmer. Vom Keller bis unter das Dach gab es geheimnisvolle Nischen und jede Menge Tische, Bänke und Tafeln, die darauf warteten, in Besitz genommen zu werden. Die Kinderschar, die im Herbst 2007 im Realgymnasium „Phönix“ in Wien-Favoriten in der allerersten Klasse saß, hatte die Schule für sich allein. „Wir konnten uns überall verstecken“, sagt die 18-jährige Gamze und zaubert ein Pippi-Langstrumpf-Lächeln hervor.

Nun treten die verspielten Pioniere zur Matura an. Es ist zugleich die erste öffentliche Bewährungsprobe für einen misstrauisch beäugten schulischen Notwehrakt. Eine private Eliteschule, gegründet von Anhängern des geheimnisumwitterten Predigers Fetullah Gülen, sollte Kindern türkischer Gastarbeiter helfen, die im heimischen Bildungswesen auffallend oft straucheln. Zwölf Prozent der Bevölkerung zwischen 25 und 64 Jahren haben höchstens die Pflichtschule abgeschlossen, bei Zuwanderern aus der Türkei sind es fünf Mal so viele.

„So viel Wissen wie möglich erlangen"

Gegründet wurde die gelb angestrichene Schule in der Wiener Knöllgasse vom Bildungsverein „Phönix“. Er steht der türkischen Bewegung der Nurculuc nahe. Gülen, ihr spiritueller Ziehvater, der seit 1999 im Exil in den USA lebt, treibt seine Anhänger („Fethullahci“) zu Bildung an. Das erweckt Argwohn. Die deutsch-türkische Sozialwissenschafterin Necla Kelek etwa unterstellt dem mehr als 140 Länder umspannenden Netzwerk, es verbreite reaktionäres, türkisch-islamisches Gedankengut.

Was davon ist in der Schule zu spüren? Besuch in der 8 A: „Drei Mädchen und fünf Burschen üben sich im Präsentieren. Samed ist als Erster dran. Der 18-Jährige begrüßt die Klasse im grauen Jogger mit einem „Hallo allerseits!“, etwas zu flott für die Kommission, vor der er in wenigen Tagen über die „Einflüsse der arabisch-maurischen Kultur auf die europäische Zivilisation“ reden soll. Der zweite Redner, Mohammed Fazil, ließ sich von der Figur des Kalifen Umar Ibn Al-Khattab zu einer Arbeit über Gerechtigkeit anregen. „Seine edlen Charakterzüge sind für uns Jugendliche vorbildhaft“, schreibt er im Vorwort. Gazi, ein junger Mann mit eckiger Ray-Ban-Brille, der Arzt werden will und das Zupfinstrument Saz spielt, referiert folgerichtig über „Musiktherapie bei Wachkoma-Patienten“. Die Klasse schont die Vortragenden nicht. Gazi könnte mehr lächeln, Samed nervt, wenn er auf dem Kugelschreiber herumdrückt. Da fehlt ein Schluss, dort könnten es ein paar Bilder mehr sein. Fallfehler werden geahndet.

Später, zwischen Nähmaschinen und Holzplatten im Werkraum, erzählen die jungen Frauen und Männer von den Erwartungen ihrer Eltern. Sameds Vater ist Installateur. Der 18-Jährige mit der Mecki-Frisur will Betriebswirtschaft studieren und in der Türkei ein Geschäft mit Solarenergie aufbauen. Auch Mohammed hat einen Etappenplan: „So viel Wissen wie möglich erlangen, ein Doktorat in Geschichte, und dann als Politiker helfen, Fortschritte auf den Weg zu bringen“. Sein Vater betreibt mehrere Bäckereien. Bildung gilt in der Familie als oberstes Ziel. Mohammeds älteste Schwester ist Ärztin, zwei Schwestern studieren Pharmazie.


Es gibt immer Sündenböcke, derzeit sind es wir Muslime

Politik und Religion sind gefährliches Terrain, darüber reden will niemand. „Es gibt immer Sündenböcke, derzeit sind es wir Muslime“, sagt einer. Die Lehrer erwarteten von den Phönix-Schülern vorbildliches Verhalten, in der Schule ebenso wie auch außerhalb.
Ihre Eltern sind Diplomaten, Hilfsarbeiter, Geschäftsleute, manche liberal, manche ultrakonservativ. Nicht alle können sich die 333 Euro Schulgeld im Monat plus 50 Euro für das Essen locker leisten. Şafak, ein ruhiger Typ im gestreiften Shirt, sagt, sein Vater fahre so viel Taxi, dass er kaum zum Schlafen komme, um ihm und seiner Schwester die Privatschule zu ermöglichen: „Er ist für mich eine Art Superheld.“

Es werden hochfliegende Projekte entworfen und pragmatische Abstriche gemacht. Gamze tastet sich noch vorwärts. Die junge Frau mit dem Romy-Schneider-Leiberl hat sich für Medizin angemeldet, doch eigentlich faszinieren sie Sprachen: Englisch, Französisch, Kroatisch, Koreanisch möchte sie beherrschen, eine Weile im Ausland leben. Ihre Mutter, die mit 19 aus der Türkei gekommen war, um ihren Vater zu heiraten, bestehe darauf, dass sie studiert. Gamze betet fünf Mal am Tag und will sechs Kinder haben, „weil es mit einer großen Familie lustiger ist“.

Osman Inan, der sanfte, schmächtige Klassenvorstand der 8 A, verfolgte die Wege von Gamze, Mohammed & Co von Anfang an. Einmal im Jahr stattete er ihren Eltern einen Besuch ab. In den Wohnzimmern werden bei Tee und überbordenden Kekstellern Kontakte geknüpft. Inan sagt, er sei das beste Beispiel dafür, dass damit der Erfolg der Kinder steht und fällt: Seine Volksschul-Lehrerin hatte ihn seinerzeit für das Gymnasium auserkoren. Sein Vater jedoch, ein Hilfsarbeiter, konnte sich für den Sohn nur die Hauptschule vorstellen. Er gab erst nach, als die Direktorin sich einschaltete. Als Student arbeitete Inan im „Phönix“-Lerninstitut und wechselte in den Gründertagen ins Gymnasium. In der Kantine genehmigt sich der Biologie- und Geschichtelehrer Linsensuppe, Reis und Huhn in Tomatensauce. Die Neonröhre über dem Tisch zuckt wie ein nervöses Auge. Bunte Plastikbecher und Glaskrüge mit Wasser stehen zur Entnahme bereit. „Wir achten darauf, dass kein Schweinefleisch serviert wird und Kinder, die beten wollen, einen Raum haben“, sagt er. Darüber hinaus vermittle man Grundwerte. Wertschätzung, Toleranz, Authentizität: Die Worte kleben in bunten Buchstaben auf den Stiegen.


Doppelte Halbsprachigkeit, schlechtes Deutsch und schlechtes Türkisch, kann für uns kein Ziel sein

Strenggläubige Eltern sähen es gerne, dass die Lehrer mit den Kindern beten. Ihnen pflegt Direktor Markus Röder, der in einem Kammerl im ersten Stock residiert, zu erklären: „Wir schaffen Rahmenbedingungen, verpflichten aber zu nichts.“ Die Schule stehe allen offen. Unterrichtet wird auf Deutsch, Türkisch kann als Freifach belegt werden. Zweisprachigkeit gilt als hoher Wert: „Doppelte Halbsprachigkeit, schlechtes Deutsch und schlechtes Türkisch, kann für uns kein Ziel sein.“ Röder redet gern darüber, dass es für Burschen und Mädchen gleichermaßen wichtig sei zu studieren und Vielfalt gelebt werden müsse. Noch ist sie nicht mehr als eine Absichtserklärung. Unter die überwiegend türkischstämmigen 120 Kinder mischen sich erst vereinzelt ein paar Ur-Wiener, Ägypter, Bosnier oder Asiaten.

Die politischen Verwerfungen in der Türkei kratzten auch am Ruf der Schule in Wien-Favoriten. Die Gülen-Bewegung hatte der islamisch-frommen AK-Partei unter dem nunmehrigen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zur Macht verholfen, doch als die Korruptions- und Sex-Affären im Umfeld Erdogans aufflogen, fiel sie in Ungnade. Das verunsicherte türkische Familien, die in Österreich türkische Nachrichten konsumieren. Einige nahmen ihre Kinder aus der Schule, mittlerweile kehrte ein Teil zurück.


Einen Plan B gibt es für mich nicht

Vom Gang ertönt das Pausenzeichen, kraftvolle Takte des Beethoven-Stücks „Die Wut über den verloren gegangenen Groschen“. Burschen in Jeans, Mädchen mit und ohne Kopftücher strömen geräuschvoll durch das Haus. In der 8 A ist Lamija die einzige Bosnierin unter türkischstämmigen Jugendlichen. Kopftücher und Gebete würden gründsätzlich nicht besprochen: „Wir haben alle verschiedene Perspektiven und betrachten Religion als etwas Privates.“ Lamija wuchs in Sarajewo auf und kam mit 14 nach Wien. Schon als Mädchen habe sie gewusst, dass sie Psychologin werden will: „Einen Plan B gibt es für mich nicht.“

Aufgeregt wie ein Maturant wirkt in der A 8 nur der Klassenvorstand, der seinen Schützlingen oft predigte, dass Erfolg nicht alles sei: „Man muss auch ein guter Mensch sein.“ Die Frage, ob er mit diesem Anspruch demnächst beim Schultor hinausspazieren wird, kostet Gazi, der mit 30 eine Privatklinik führen will, ein verlegenes Lachen: „Was ist das überhaupt, ein guter Mensch? Meinen Sie Respekt und so was? Das ist eine komische Frage.“