BND-Affäre: Die Deutschen spähten Unis aus – und die Firma von Hannes Androsch

Längst steht die Frage im Raum, ob hinter der Überwachung durch den BND auch wirtschaftliche Interessen standen.

Längst steht die Frage im Raum, ob hinter der Überwachung durch den BND auch wirtschaftliche Interessen standen.

In der „Selektoren“-Datei des Bundesnachrichtendienstes finden sich auch Anschlüsse von Uni-Standorten in Wien, Graz, Krems, Leoben und Salzburg – und ein Fax-Anschluss, der zum früheren Finanzminister Österreichs führt.

Man kann es auch mit Humor nehmen. Wie Hannes Androsch , zum Beispiel. „Abgehört wurde ich schon von der DDR, vom tschechoslowakischen Geheimdienst und von der eigenen Staatssicherheit. Da kann ich über diese Nachricht nur noch schmunzeln“, sagt der 80-jährige Unternehmer, einstmals SP-Vizekanzler und Finanzminister der Republik Österreich. „Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll. Ein freundschaftlicher Akt ist das natürlich nicht.“

Hannes Androsch ist unter anderem Gründer der Wiener Beratungs- und Beteiligungsgesellschaft „AIC Androsch International Management Consulting GmbH“ – und diese war eines der Spähziele des deutschen Bundesnachrichtendienstes BND in Österreich. Dies geht aus der profil und der Tageszeitung „Der Standard“ vorliegenden „Selektoren“-Datei des BND hervor, welche der Rechercheverbund am vergangenen Freitag erstmals öffentlich machte.

Hannes Androsch: „Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll. "

Hannes Androsch: „Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll. "

Wie ausführlich berichtet, überwachte der BND in enger Abstimmung mit der US-amerikanischen NSA ab 1999 systematisch österreichischen Telekommunikationsverkehr. Die Spähliste des deutschen Auslandsgeheimdienstes führt annähernd 2000 heimische Festnetz-, Fax-, Mobiltelefonnummern sowie E-Mail-Adressen – von Unternehmen, Ministerien, Behörden, diplomatischen Vertretungen, internationalen Organisationen, Universitäten, Nichtregierungsorganisationen, Moscheen, Privatpersonen.

Unter den überwachten Unternehmen (lesen Sie mehr dazu in der kommenden Printausgabe, die am 25. Juni erscheint) findet sich auch eine Wiener „AIC GmbH“ und ein ihr zugeordnetes Faxgerät, ins System „eingesteuert“ am 8. Dezember 2000. Die Nummer ist zwar nicht mehr aktiv, gehörte aber bis vor einigen Jahren zu Androschs Firma, wie AIC-Geschäftsführerin Ingrid Sauer auf Nachfrage bestätigt. Parallel wurde auch ein AIC-Telex-Anschluss registriert. Sauer kann sich allerdings nicht daran erinnern, dass der Betrieb je ein Telex gehabt hätte. Das ist übrigens nicht die einzige Unschärfe in der BND-Liste, wie Recherchen von profil und „Der Standard“ zeigen. Auch in anderen Fällen wurden, soweit sich das im Abstand von bald 20 Jahren beurteilen lässt, Anschlüsse falsch zugeordnet oder unrichtig eingetragen.

Wie lange Androschs Telefax – und andere Ziele – ausgespäht wurden, geht aus der Datei nicht hervor. Erfasst sind lediglich die Zeitpunkte, an denen die sogenannten Selektoren aktiviert wurden. Wie berichtet, stammen die ersten Einträge vom November 1999, die jüngsten vom Oktober 2006.

Androsch war für den BND anscheinend eine interessante Adresse. Die 1989 gegründete AIC war in den ersten Jahren ihres Bestehens vorwiegend in Osteuropa aktiv, 1994 übernahm Androsch mit Partnern den steirischen Leiterplattenhersteller AT&S und formte daraus einen international tätigen, erfolgreichen Player, an welchem er bis heute beteiligt ist. „Im Iran war ich auch, zweimal“, ergänzt Androsch.

Staatssicherheit oder Wirtschaftsspionage?

Wie berichtet, waren iranische Vertretungen in Österreich ein zentrales Angriffsziel der Deutschen. Neben der Wiener Botschaft, der Ständigen Vertretung Irans bei den Vereinten Nationen und den Büros von Iran Air führt die BND-Liste auch mehrere österreichische Firmen, die zum Zeitpunkt der Erfassung iranische Gesellschafter hatten und/oder rund um den Persischen Golf tätig waren.

Der Bundesnachrichtendienst selbst definiert seine Aktivitäten laut eigener Homepage im Wesentlichen so: „Unterstützung der Bundesregierung bei ihren sicherheits- und außenpolitischen Entscheidungen, durch Bereitstellung von Erkenntnissen über das Ausland“; „Informatorische Unterstützung der Bundeswehr bei ihren Auslandseinsätzen“; „Unterrichtung von Ministerien und Behörden zu bestimmten Fragestellungen“.

Die vorliegende Datei zeigt, dass der BND seinen Handlungsspielraum recht großzügig definierte. Längst steht die Frage im Raum, ob die Überwachung österreichischer Telekommunikation tatsächlich nur im Sinne der deutschen Staatssicherheit erfolgte – oder ob nicht vielmehr auch wirtschaftliche Interessen dahinterstanden. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hatte den Verdacht der Wirtschaftsspionage bereits 2015 aufgebracht.

Unis in Wien, Graz, Salzburg, Krems und Leoben auf der Liste

Es fällt jedenfalls auf, dass neben dutzenden österreichischen High-Tech-Unternehmen (Software, Mikrochips, IT-Infrastruktur, Telekommunikation, Anlagenbau, Chemie, Biotechnologie) auch Forschungseinrichtungen und Universitäten ausgespäht wurden. Auf der Liste finden sich Fernmeldeanschlüsse von Uni-Standorten in Wien, Graz, Salzburg, Krems und Leoben.

* Zur TU Graz wurden ab 1999 vier Nummern erfasst, bis 2002 kamen vier weitere Selektoren hinzu, insgesamt also acht. Teils wurde die Uni unter der Bezeichnung „Technische Universitaet Graz“ gelistet, teils als „Graz Technical University“. Ein Indiz dafür, dass diese Selektoren von den Amerikanern stammten (wie überhaupt in der gesamten Datei keine Umlaute zu finden sind). Neben Telefon und Fax interessierte sich der BND konkret auch für zwei Professoren, deren E-Mail-Adressen ab dem Jahr 2000 überwacht wurden. Einer war am Institut für Hochspannungstechnik und Systemmanagement tätig – er wollte sich auf Anfrage nicht äußern und legt Wert auf Anonymität. Der zweite ist Peter-Johann Sturm, derzeit Studiendekan an der Fakultät für Maschinenbau und Wirtschaftswissenschaften der TU Graz, Fachgebiet: Tunnelbau. Eine ihm zugeordnete E-Mail-Adresse wurde vom BND ab dem 26. Mai 2000 „gesteuert“, wie es im Geheimdienstjargon heißt. Sturm berichtet auf Anfrage des Rechercheverbundes, er habe zu dieser Zeit unter anderem auch Kontakte zu Kollegen, Exil-Iranern, in den USA und Kanada unterhalten.

* Unter „University of Graz“ finden sich fünf Einträge auf der BND-Liste. Darunter eine E-Mail-Adresse von Gerhard Kostner , seit 2009 emeritierter Professor für Molekularbiologie und Biochemie an der früheren medizinischen Fakultät der Karl-Franzens-Universität, nunmehr Med Uni Graz. Er hat sich vor allem im Bereich der Stoffwechselforschung einen Namen gemacht – und ist mit einer Iranerin verheiratet. Als Leiter des PhD-Programms hatte er nach eigener Darstellung viel mit ausländischen Stipendiaten und Studenten zu tun.

* Je einen Fax-Anschluss im Visier hatten die Deutschen nach 1999 an der Fakultät für Informatik der Universität Wien („Institute for Software and Parallel Systems“), an der Montanuniversität Leoben („Institut fuer Aufbereitung und Veredlung“), an der Universität Salzburg („Institute for Physics and Biophysics“), an der Donau-Universität Krems („Danube Universitaet“), an der Veterinärmedizinischen Universität Wien („University of Veterinary Medicine“).

* Hinzu kommen ab 1999 drei weitere Selektoren zur TU Wien (wahlweise auch „Vienna University of Technology“), von denen zwei zum „Institut fuer Chemische Technologie“ führen.

* Überwacht wurde ab 1999 auch das Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse („International Institute for Applied Systems Analysis“) mit Sitz in Laxenburg nahe Wien. Das IIASA ist ein internationales Forschungsinstitut mit Fokus auf Umwelt, Wirtschaft, Technologie und Bevölkerung. Gegründet 1972 auf Initiative der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, beschäftigt die Einrichtung heute rund 200 Mathematiker, Geisteswissenschaftler, Naturwissenschaftler, Ökonomen und Ingenieure aus drei dutzend Ländern. Neben einem Fax- und einem Telefonanschluss (beide 1999) kam im Jahr 2000 noch eine allgemeine E-Mail-Adresse hinzu.

* Auch der Bereich Forschungsförderung hatte es dem BND angetan. So wurden ab 2002 drei Anschlüsse zum damaligen „Büro für Internationale Forschungs- und Technologiekooperation“ (BIT) in die Selektoren-Datei aufgenommen. Das BIT war damals eine von der Republik Österreich und der Wirtschaftskammer getragene Initiative, 2004 wurden dessen Aktivitäten in der Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) des Bundes reorganisiert.

Wie ein Grazer Mittzwanziger in der BND-Datei landete, warum ein tadschikischer Flugzeugbauer darin vermerkt ist, und wo für die Geheimdienstler die Trennlinie zwischen Terrorverdacht und politischer Aktivität verläuft, lesen Sie in der nächsten Ausgabe von profil.

Sie erscheint am Montag, dem 25. Juni 2018.