Andreas Schieder: "Kartenspielen ist kein schlechtes Hobby"

Andreas Schieder: "Kartenspielen ist kein schlechtes Hobby"

Wiens Bürgermeister-Kandidat Andreas Schieder über derbe Rote, nervende Grüne, das Wahlrecht für Ausländer und einen guten Anlass, seine Lederhose auszuführen.

profil: „Ohne Blut und ohne Tränen, fröhlich werden wir schwingen von Seil zu Seil.“ So wollte Michael Häupl sein Amt übergeben. Hielt er Wort?
Andreas Schieder: Ja, weil Häupl nach einem Vierteljahrhundert sein Amt ohne Tränen und Nostalgie übergibt und in die Zukunft schaut. Und für eine demokratische Partei ist es nicht ungewöhnlich, dass es zwei Kandidaten gibt.

profil: Kampfabstimmungen sind selten.
Schieder: Die Diskussion, wer wofür steht, kann ohne Beschädigungen ablaufen.

profil: Der Streit wurzelt im 1. Mai 2016, als Werner Faymann ausgepfiffen wurde. Waren Sie bei der „Werner, der Kurs stimmt“-Fraktion oder den Auspfeifern?
Schieder: Ich war bei denen, die fanden, dass es weder unserer Bewegung noch dem 1. Mai, dem Kampftag für Arbeit, guttut. Das wirkt als Schock nach. Deshalb ist es wichtig, dass die SPÖ erkennt, dass inhaltliche Unterschiede auch Treibstoff für gute Ideen sind. Gerade weil Häupl so lange Chef der Stadt war, gibt es jetzt unterschiedliche Zugänge, wie es weitergeht.

profil: Wo liegen die Unterschiede zwischen Ihnen und Michael Ludwig?
Schieder: Ich will Wien als soziale, fortschrittliche, moderne Stadt positionieren. Als ich jung war, war Wien grau und stellenweise fad. Poldi Gratz hat die Stadt mit der U-Bahn und Fußgängerzonen belebt, Helmut Zilk hat sie bespaßt und dynamisiert, Michael Häupl hat Wien zur europäischen Metropole entwickelt.

profil: Was wird Ihr Stempel?
Schieder: Ich möchte ein Wien des 21. Jahrhunderts formen: dynamisch, spannend und trotzdem sozial gerecht. Ein Ort, wo niemand am Rand der Gesellschaft vergessen wird. Wien ist zur Metropole und Weltstadt gewachsen. Das bringt Probleme mit sich, bei denen man nicht wegschauen darf.


Wien hat enorme Anziehungskraft. Aber wie jede Metropole zieht sie auch viele Gestrandete und Arme an.

profil: Wo sind die Hauptprobleme?
Schieder: Verkehr, Wohnen und Bildung. Wir sitzen hier am Praterstern, einem Ort, der viele Fragen einer Metropole vereint: Es ist ein „Lieblings“-Treffpunkt für Obdachlose und Alkoholkranke, aber auch ein Verkehrsknotenpunkt.

profil: Und potthässlich.
Schieder: Gleichzeitig aber der Ort, wo das schöne Erholungsgebiet Prater anfängt.

profil: Ist es hier gefährlich?
Schieder: Ich kenne viele Winkel der Stadt, richtig gefürchtet habe ich mich nie. Vielleicht fürchtet sich Sebastian Kurz in Wien, dann kann ich ihm nicht helfen. Aber ich verstehe, dass sich manche Leute an manchen Orten nicht wohlfühlen.

profil : Weil es zu viel Migration gibt?
Schieder: Die Hauptzuwanderung erfolgt aus den Bundesländern. Wien hat enorme Anziehungskraft. Aber wie jede Metropole zieht sie auch viele Gestrandete und Arme an.


Wien erfüllt eine Aufgabe, vor der sich viele andere Bundesländer drücken.

profil: Die Mindestsicherung ist hier höher, mehr als die Hälfte der Mindestsicherungsbezieher sind Ausländer.
Schieder: Ich war immer dafür, bei der Mindestsicherung Geldleistungen durch Sachleistungen zu ersetzen. Aber manche Bundesländer bauen bewusst eine Doppelmühle auf: Sie kürzen, die Armen ziehen nach Wien – und die Bundesländer zeigen mit dem Finger auf Wien. Das werde ich nicht dulden.

profil: Was wollen Sie dagegen tun?
Schieder: Ich spreche das Problem an, dass Wien eine Aufgabe erfüllt, vor der sich viele andere Bundesländer drücken.

profil: Schwarz-Blau will die Mindestsicherung kürzen. Wie soll Wien reagieren?
Schieder: Wer das letzte soziale Netz zerstört, erzeugt mehr Armut. Wenn der Bund kürzt, müssen wir diskutieren: Vielleicht braucht es eine Wartefrist, vielleicht muss man eine gewisse Zeit in Wien gemeldet sein, bevor man Mindestsicherung bekommt. Aber eines muss auch klar sein: Die ÖVP redet ständig schlecht von der Mindestsicherung – und schweigt zu Steuerhinterziehungen, welche die Paradise Papers aufzeigten. Dabei ist das die viel himmelschreiendere Ungerechtigkeit, die zudem Milliardenbeträge ausmacht.

profil: Dagegen kann Wiens Bürgermeister wenig tun.
Schieder: Wenn wir weiter zuschauen, steigt der Ärger der Leute.

profil: In Ihrer Bewerbung schreiben Sie: Der Wind des konservativ-reaktionären Geistes bläst der SP ins Gesicht.
Schieder: In ganz Europa wird am Umbau des sozialen Nachkriegskonsenses gearbeitet. Auch Schwarz-Blau will Österreich umbauen. Ich rechne mit einem Angriff von Sebastian Kurz und Co. auf Wien, weil hier kulturelle Offenheit und sozialer Zusammenhalt gelebt werden. Wien ist der Gegenentwurf zu Schwarz-Blau – und ein Gegenentwurf zur Mieselsucht.

profil: Wien ist Hauptstadt der Mieselsucht.
Schieder: Es gibt auch hier zu viel Hass, dagegen muss man ankämpfen – und mit Zuversicht die Optimisten stärken. Dazu braucht es konkrete Maßnahmen: Wohnungspolitik, mehr Gemeindewohnungen, soziale Gestaltung des Klimawandels und Initiativen zur Digitalisierung, etwa Internet in öffentlichen Verkehrsmitteln.

profil: „Warat ma alle gleich, warat’s oasch“, sagten Sie. Muss ein Wiener Bürgermeister derb sein?
Schieder: Nicht zwingend. Aber manchmal kann man direkt formulieren, ohne gespritzt herumzureden.

profil: Brigitte Ederer meinte einmal: An die Volkstümlichkeit des Bürgermeisters stellen Wiener hohe Erwartungen. Sind Sie volkstümlich?
Schieder: Ein Wiener Bürgermeister muss in der Mitte des Lebens und der Stadt stehen. Man muss gerne hier leben und am Leben in all seinen Facetten teilhaben. Ich gehe gerne ins MuseumsQuartier, schätze die Heurigen, den Blick über die Stadt von den Wanderwegen, gehe gern ins Theater oder auf die Wiener Wiesn, wo ich meine Lederhose ausführe.

profil: Bei der Nationalratswahl mutierte die SPÖ zur urbanen Akademikerpartei. Ist die Arbeiterpartei Geschichte?
Schieder: Die SPÖ ist mit Abstand die stärkste Partei bei den Facharbeitern – das ist der moderne Begriff. Und es kommen neue Gruppen dazu: Soziale Absicherung für Ein-Personen-Unternehmen ist wichtig, für Uber-Fahrer und Prekaristen. Viele Arbeiter sind übrigens in Wien nicht wahlberechtigt, weil sie Migranten sind.

profil: Gehört das Wahlrecht geändert?
Schieder: Wir brauchen einen Demokratieschub. Die Wiener SPÖ wollte das kommunale Wahlrecht für alle, der Verfassungsgerichtshof hat das aufgehoben.


Ich wollte das Vollverschleierungsverbot bewusst mit einem Zeichen der Liberalität – der Homo-Ehe – kombinieren.

profil: Starten Sie einen neuen Versuch?
Schieder: Politisch richtig wäre es. Aber klug ist es, das erst anzugehen, wenn auch eine Chance zur Umsetzung da ist.

profil: Sie sind Linkshänder – auch links?
Schieder: Wenn links heißt, auf der Seite der Schwächeren zu stehen und auf der Seite der Modernität, dann bin ich links. Viktor Adler hat die Ziegelarbeiter aber nicht gefragt, ob sie links oder rechts sind, sondern ihre Lage analysiert. Das ist auch meine Herangehensweise.

profil: Sie waren Vorreiter für das Burka-Verbot. Ist das links?
Schieder: Mir ist wurscht, was das ist. Ich wollte das Vollverschleierungsverbot bewusst mit einem Zeichen der Liberalität – der Homo-Ehe – kombinieren.

profil: Das kam nie, dafür gibt es Polizeieinsätze gegen den Parlamentshasen.
Schieder: Man kann manche Dinge wirklich deppert umsetzen. Letztlich lässt sich das Problem Vollverschleierung mit Gesetzen nicht lösen. Sonst wird weiter das Parlamentsmaskottchen angezeigt, und die ganze Welt lacht sich tot über uns.

profil: Ludwig ist auch der Kandidat derjenigen in der SPÖ, die Rot-Grün nervt.
Schieder: Gerade weil wir an der Praterstraße sitzen und die Grünen da eine Autofahrspur wegnehmen wollen: Den Weg gehe ich sicher nicht. Bei den Grünen galoppiert Verkehrspolitik manchmal so davon, dass keine Lösung, sondern Chaos produziert wird. Da verstehe ich, dass die Grünen vielen auf den Wecker gehen.

profil: Hat Rot-Grün in Wien Zukunft?
Schieder: Mit geht es vor allem um die SPÖ. Sie hat jetzt die Chance, die eigenen Wähler anzusprechen, außerdem heimatlose Grün- und Pilz-Wähler – und viele FPÖ-Wähler, die von der FPÖ verraten und enttäuscht werden.

profil: „Die FPÖ kann nicht regieren“, sagten Sie 2015. Gilt das noch?
Schieder: Dafür treten sie gerade wieder den Wahrheitsbeweis an.

profil: Auch die Bundes-SPÖ verhandelte mit der FPÖ.
Schieder: Es ist gut, im Bund eine Gesprächsbasis zu haben. Für Wien gelten andere Parameter. Mit Herrn Gudenus stellt die Wiener FPÖ den rechten Rand der FPÖ dar. Das klingt extrem, ist es auch.

profil: Stellt die Wiener SPÖ den linken Rand der SPÖ dar?
Schieder: Die Wiener SPÖ ist historisch eine tolle Kombination aus linker, klassisch sozialdemokratischer Partei, die im Alltag pragmatische Politik macht.

profil: Sind die Kartenspielabende in den SPÖ-Sektionen noch zeitgemäß?
Schieder: Kartenspielen ist kein schlechtes Hobby. Aber für politische Agitation wird es nicht ausreichen. Wir müssen uns fragen: Wie sind wir im Internet präsent, wie kann die SPÖ eine lustvolle Drehscheibe zum Mitmachen sein? In ganz Europa steht die Demokratie unter Druck, es gibt eine Tendenz zu autokratischen Despoten. Als Gegenentwurf ein lebendiges Mitbestimmen zu etablieren – das ist die Sektion der Zukunft. Wir brauchen nicht in jedem Eck der Stadt ein Sektionslokal.

profil: Wird es einen dritten Bürgermeisterkandidaten geben, etwa Christian Kern?
Schieder: Kern hat sich für die wichtige Rolle des Oppositionsführers entschieden.

profil: Häupl hatte 1993 zwei Gegenkandidaten: Innenminister Franz Löschnak und Innenstadtrat Hans Hatzl. War das ein ähnlicher Links-rechts-Konflikt?
Schieder: Ich war damals SJ-Funktionär und für Häupl, weil er für Aufbruch stand.

profil: Häupl musste nicht in eine Kampfabstimmung. Hat er versäumt, seine eigene Nachfolge zu regeln?
Schieder: Es wäre besser gewesen, wenn die Diskussion anders gelaufen wäre. Aber die Situation ist auch eine Chance, eine lebhafte Diskussion über die Ausrichtung der Stadt zu führen. Damit kann die SPÖ auch neuen Schwung aufnehmen.

profil: Hätte Häupl es geordneter machen können?
Schieder: Ich halte nichts von Konjunktiven. Hätt mei’ Tant’ vier Radln, wär’ sie ein Autobus.