Bundesheer: Warum Hubschrauber-Piloten zum ÖAMTC wechseln

NOCH AN BORD: Wettererkundungsflug des Österreichischen Bundesheeres am Montag, 7. Jänner, im Raum Ennstal.

NOCH AN BORD: Wettererkundungsflug des Österreichischen Bundesheeres am Montag, 7. Jänner, im Raum Ennstal.

Dem Heer laufen die Hubschrauber-Piloten davon. Um die Abwanderung zu stoppen, müssten Auslandseinsätze deutlich reduziert werden.

Lawinen sprengen, Hüttenwirte bergen, abgeschnittene Täler mit Lebensmitteln versorgen. Vergangene Woche lieferten die Hubschrauber des Bundesheeres eine Leistungsschau im echten Leben. Wegen der schlechten Wetterbedingungen mussten die meisten Helikopter jedoch am Boden bleiben. Ebenso die Piloten, die im Unterschied zu sonst fiktiven Angreifern gerne gegen die echte Bedrohung gekämpft hätten.

Allzeit bereit, so schien es in den ORF-Berichten aus den Fliegerhorsten. Doch der Schein trübt wie der Hochnebel in den Lawinengebieten.

Um allzeit bereit zu sein – im In- und Ausland –, bräuchte das Heer laut einer internen Berechnung 200 Piloten für seine Luftfahrzeuge. Aktuell sind es 151. Tendenz sinkend.

Einerseits schlägt die Sparoffensive der Jahre 2007 bis 2016 nun voll durch. Nachwuchs, der damals nicht rekrutiert wurde, fehlt heute. Und in Zukunft. Denn Flugschüler brauchen fünf bis acht Jahre, um voll einsatzbreit zu sein.

Dazu kommt die Abwanderung aktiver Piloten. Im Juli wechseln zwei Heeresbedienstete, die im oberösterreichischen Fliegerhorst Hörsching stationiert sind, zum ÖAMTC. Bitter nicht zuletzt für die Steuerzahler. Sie bezahlen die teure Ausbildung immerhin.

"Fehlende Planbarkeit"

„Mehr Einsätze, weniger Piloten. Das konnte ich aus familiären Gründen nicht mehr mittragen“, erzählt ein langjähriger Heerespilot, der schon vor Jahren das Handtuch schmiss und zu einer privaten Firma wechselte, anonym. Das Gehalt war nicht das Problem“, betont er, „sondern die fehlende Planbarkeit“. Verpflichtet hatte er sich anfangs für zwei Auslandsmonate pro Jahr. Doch am Ende konnten es drei Monate und mehr sein, erzählt er. Zu den konstant intensiven Auslandseinsätzen am Balkan im Rahmen der EU oder UNO kamen taktische Flugmanöver mit anderen EU-Truppen. „Selbst nach einem Monat im Ausland musste man fürchten, nach ein paar Tagen wieder von zu Hause abgezogen zu werden. Das halten Junge aus, aber nicht Familienväter.“ Jetzt habe er wieder ein Familienleben.

„Wir haben in den vergangenen Jahren mehr als zehn Piloten im besten Alter an die Privatwirtschaft verloren“, sagt Robert Roitmair, Vorsitzender des gewerkschaftlichen Betriebsausschusses am Fliegerhorst Hörsching in Oberösterreich.

„Ich nehme an, es werden noch mehr weggehen.“ Bei den Technikern, die Teil der Crew sind, rumore es ebenfalls, weil laufend Flugzulagen gestrichen wurden. Roitmair: „Unter dem neuen Verteidigungsminister Mario Kunasek hat es hier keine Verbesserungen gegeben.“

Attraktive Alternative

Der ÖAMTC mit seiner Flugrettung (Christophorus) ist eine besonders attraktive Alternative für Heerespiloten – auch wenn der Verein am Beginn weniger zahlt als das Heer. Freizeit und Bereitschaftsdienst wechseln im Wochentakt, die Dienste sind auf Monate im Voraus fixiert. Seit 2017 dürfen die Helikopter auch bei Nacht abheben. Das erhöhte den Bedarf an neuen Piloten. „Die Kollegen von früher mögen ihren Job nach wie vor, aber sie werden sich die nächsten Monate genau anschauen“, sagt der Ex-Heerespilot. „Man müsste beim Auslandsengagement Abstriche machen, sonst sind auch die bald weg.“

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Michael Bauer, bestätigt den Pilotenmangel ohne diesen zu quantifizieren. Beim Nachwuchs sei die Trendwende aber geschafft. „In früheren Jahren hatte das Heer zwei bis fünf Flugschüler, heuer sind es über 20. Das wird zur Entspannung beitragen.“ Mit der Migrationskrise 2015 sei den Menschen die Bedeutung des Heeres wieder ins Bewusstsein gerückt. Das bessere Image helfe nun, Nachwuchs zu finden. Den hat das Bundesheer bitter nötig. Nicht nur, um die vorzeitigen Abgänge zu kompensieren oder die verbliebenen Piloten zu entlasten. Zusätzlich stehen Pensionswellen an. Wie viele Luftschüler die Ausbildung durchhalten und danach dem Heer erhalten bleiben, wagt Bauer nicht zu prognostizieren. „Junge Menschen wollen sich nicht mehr langfristig binden.“

Bei den Einsätzen im Winter-Chaos vergangene Woche konnte das Heer gute Figur machen. Es waren nur wenige und kurze Flüge möglich. „Einen Hilfseinsatz wie nach der Lawinenkatastrophe Galtür 1999 könnten wir derzeit nicht leisten“, ist Roitmair überzeugt.

Update: Verteidigungsminister Mario Kunasek hat am 22.1. angekündigt, die Truppenstärke am Balkan zu überdenken

Mehr zu diesem Thema:

BVT-Ausschuss: Parlaments-Security wurde 2016 vom Bundesheer ausgeschlossen

Bundesheer: Ein Offizier lieferte militärische Geheimnisse an die Russen

Ausgerechnet die FPÖ fährt beim Bundesheer einen knallharten Sparkurs