Cannabis: Boom beim Privatanbau

Cannabis: Boom beim Privatanbau

In Österreich soll es mittlerweile bis zu 50.000 private Cannabis-Kleinplantagen geben.

Der private Cannabis-Anbau im eigenen Garten, im Keller oder im Schrank floriert. Dafür sprechen die Schätzungen der Growshops: Sie verkaufen etwa 200.000 bis 300.000 Hanftstecklinge und Samen pro Monat. Inklusive Zubehör wie Bongs, Pfeifen, Papers, Zuchtzelte und Lampensysteme erreichen die 200 Grow-Shops jährlich Umsätze von rund 150 Millionen Euro. Gesetzlich ist das erlaubt: Denn strafbar ist nur die Gewinnung der berauschenden Blüten. Solange der Züchter die Pflanzen vor ihrer finalen Wachstumsphase als "Zierpflanze" verkauft, ist das Geschäft legal. Natürlich zählt für die Käufer die Wirkung und nicht die Schönheit. Deswegen wandern die Pflanzen in Schränke, Abstellkammern oder Keller und werden mit starken Lampen hochgezüchtet - bis zum regelmäßigen Erntedank für Blüten mit THC-Werten bis zum Hundertfachen des erlaubten Grenzwertes von 0,3 Prozent.

Die Regierung will den Cannabis-Wildwuchs nun roden. Während weltweit immer mehr Staaten den Konsum der Droge legalisieren, will die Regierung ein "Verbot des Verkaufs von Hanfsamen und Hanfpflanzen" durchsetzen. Genau damit erzielt die Branche einen guten Teil ihres Umsatzes. Auf Nachfrage im zuständigen Justizministerium gibt man sich zu den Plänen zugeknöpft: "Wir evaluieren und können Ihnen noch keine Informationen geben."

Ein "Wirtschaftsverband Cannabis Austria" ist in Gründung. Martin Bauer sitzt im Vorstand, er öffnete vor 20 Jahren in Wien einen der ersten Grow-Shops und zählt zu den Branchengrößen. "Es wird keine Demos und Sitzstreiks geben, sondern lösungsorientierte Gespräche." Bauer will der Politik Regulierungen für den Verkauf schmackhaft machen. "Niemand unter 18 sollte in Österreich Stecklinge und Samen kaufen dürfen, die Geschäfte praktizieren das bereits. Und auch über ein Werbeverbot könnte man nachdenken." Der "Holzhammer" werde bei Erwachsenen nicht funktionieren. Würde der legale Handel mit Jungpflanzen verboten, kämen die Samen und Pflanzen über den Internet-Versandhandel aus Spanien oder aus den Nachbarländern. "Muss unsere Polizei dann an der offenen Grenze und am Flughafen auf SamenSuche gehen?" Er glaubt nicht, dass der Hanf-Konsum sinkt, falls der Handel mit Pflanzen verboten wird. Der "ruhige Markt" der Hobbygärtner würde sich nur wieder verstärkt auf den Straßenmarkt mit seinen mafiösen Strukturen verlagern. "Man schickt 500.000 Konsumenten besser nicht wieder auf Schwarzmärkte wie die Wiener U6."

Streng kapitalistische Branche

Nicht nur die geschliffenen Argumente des Hanf-Lobbyisten zeigen, wie professionell und streng kapitalistisch die Branche mittlerweile agiert. Ihre Werbung richtet sich gezielt an die Massen. Allein in der Boulevard-Zeitung "Österreich" erschienen seit Jahresbeginn 40 Seiten "Hanf-Extra". Neben Tipps für das perfekte "Treibhouse" und Indoor-Plantagen lacht Fußball-Legende Toni Polster aus der Zeitung: "Toni-Polster-Verein als Cannabis-Botschafter." Polster trainiert den Verein Wiener Victoria, der vom Branchen-Riesen Flowery Field gesponsert wird. Dessen Chef, Alexander Kristen, galt bis zuletzt als "größter Cannabis-Bauer Österreichs" und verkaufte monatlich 25.000 Stecklinge - bis er seinen Betrieb im Juni nach Italien abzog. Als Grund führt der studierte Jurist die Pläne der Regierung und die niedrigeren Stromkosten in Italien an.

Das Megageschäft mit dem berauschenden Kraut setzt freilich auch reichlich kriminelle Energie frei. Bei einem konservativ geschätzten Ertrag von 30 Gramm Gras pro Pflanze und Ernte ergibt sich bei einem Straßenverkaufswert von zehn Euro pro Gramm ein Ertrag von 300 Euro je Strauch - und das drei bis vier Mal im Jahr. Die hohen Gewinnmargen locken bestens organisierte Banden an, die industrielle Massenplantagen mit über 1000 Hanfpflanzen betreiben.

Die kriminellen Strukturen ähneln der eines professionellen Unternehmens, erzählt Andreas Holzer, Leiter der Abteilung Organisierte Kriminalität im Bundeskriminalamt: "Da gibt es geschulte Hanfgärtner, Vertriebsleiter und Finanzbeauftragte. Die Banden mieten bevorzugt in Wien und Niederösterreich Einfamilienhäuser an, höhlen diese komplett aus und bauen Indoorplantagen ein - meist ohne das Wissen des Hauseigentümers. Den immensen Strombedarf zapfen sie mittels Bypass vom öffentlichen Netz ab." Durch den Anbau in Österreich entgehen die Grasproduzenten dem Schmuggel-Paragrafen - eine Risikominimierung. Um den Schein des Einfamilienhauses aufrechtzuerhalten, engagieren die Betreiber sogar Gärtner, die den Garten des Hauses pflegen. Mit dem Geschäftsmodell lassen sich binnen kürzester Zeit Hunderttausende Euro umsetzen. Beamte berichten von Hanfbossen, die mit Ferrari und Hummer durch die Gegend kurvten. Erst Anfang vergangener Woche hob die Kriminalpolizei mit Kollegen aus Serbien eine serbische Bande aus - an drei Standorten in Wien, Niederösterreich und Serbien fanden die Ermittler gut 1400 Hanfpflanzen und jede Menge Cannabis. Verkaufswert: über eine halbe Million Euro. Großbanden wie diese sind allerdings die Ausnahme. Von 942 sichergestellten Plantagen zählten nur 38 mehr als 250 Pflanzen. 800 Plantagen bestanden bloß aus einer bis 49 Pflanzen. Damit lässt sich zwar ein Bekanntenkreis versorgen - reich werden die Hobbygärtner mit solchen Mengen aber nicht.

Einer der häufigsten Gründe, warum die Teilzeitbotaniker ins Visier der Ermittler geraten, sind Hinweise von Nachbarn. Meistens ist es der intensive Geruch, der die Hausgenossen auf den Plan ruft - in den vergangenen vier Monaten flogen so gleich mehrere Homegrower auf. Doch selbst intensive Nachbarschaftspflege ist kein Erfolgsgarant. Ein illegaler Cannabis-Bauer aus Neusiedl am See hatte im April diesen Jahres richtig Pech: Polizisten kamen ihm auf die Schliche, weil sie unweit seines Hauses eine Verkehrskontrolle durchführten und dabei zufällig die Hanf-Fährte witterten. Im März meinte es der Zufall schlecht mit einem Wiener, der erst seit zwei Wochen in seiner neuen Wohnung war. Zwei Beamte wollten seinem Vormieter eine Ladung zustellen. Als der Mann die Tür öffnete, überführten ihn die Polizisten mit ihrem Geruchssinn. Und als ein Tiroler Polizeihund in einem Mehrparteienhaus eine verdächtige Wohnungstür erschnüffelte, büchste der Mieter über den Lüftungsschacht aus. Ein Beamter folgte dem Verdächtigen mit Hund - der flugs eine neue Fährte aufnahm und eine zweite Plantage in einem nahegelegenen Garten ausfindig machte.

Die bizarren Zufallsfunde zeigen nur, wie verbreitet der Eigenanbau inzwischen ist. Szenekenner gehen von bis zu 50.000 privaten Kleinplantagen aus.

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