Caspar Einem im Jahr 1997

Caspar Einem im Jahr 1997

© Walter Wobrazek

profil-Archiv
09/10/2021

Caspar Einem: "Tüchtige Hechtinnen"

Aus dem profil-Archiv: Christa Zöchling über den Persönlichkeitswahlkampf von Caspar Einem, der große Hoffnungen weckt und kleine Irritationen verursacht.

von Christa Zöchling

Der Text erschien erstmals in profil 50/95 vom 11.12.1995.

Schneegestöber und Winterkälte: Die alte Dame steht lange in dem Winkel zwischen U-Bahn-Rolltreppe und Ringwagen-Station, rotnasig und verfroren. Dann faßt sie sich ein Herz und steuert auf Caspar Einem zu: "50 Jahr' wohn' ich schon da, wo ich jetzt wohn', und nur Ausländer", schimpft sie.

Einem: "Sind S' g'schreckt?" Pensionistin: "Keiner grüßt, keiner redt." Einem: "Die schrecken sich ja genauso. Fangen S' doch einmal an. Probieren S' doch einmal, mit denen zu reden." Pensionistin: "Was soll ich mit denen. Links ein Japaner, rechts ein Türk." Einem: "Dann reden S' doch mit dem Japaner."

Vergangenen Donnerstag war Innenminister Caspar Einem als Wahlkämpfer in Wien unterwegs. Er stand an Straßenbahnhaltestellen, kämpfte sich ge-gen dichte Schneeflocken unerkannt durch den zweiten Wiener Gemeindebezirk und besuchte eine Polizeiwachstube. Er gilt als Hoffnungsträger für die Jungen, für die ehemaligen Kreisky-Wähler und für solche, die sich in den letzten Jahren wegen der Ausländerpolitik von der SPÖ abgewandt haben.

Auf seiner Wahlkampftour hat Caspar Einem "Reden gegen die Angst" im Gepäck. Er will jenen, die Angst haben vor Neuem oder Ausländern, die Angst nehmen.

Einem geht zielgruppenspezifisch vor. Denen, die etwa Angst davor haben, daß Haider kommt, erklärt er im schönsten Psycho-Soziologen-deutsch, wie Angst entsteht und was man dagegen tun könne. "Fürchtet euch nicht", lautet verkürzt die Botschaft des ehemaligen Bewährungshelfers, Haß und Neid sind meist nur "Notrufe aus Einsamkeit", eine "Abreaktion mit Suchtverhalten", die nach immer mehr von demselben verlange und nur kurzfristig Erleichterung schaffe.

Der SPÖ-Innenminister ist zweifellos ein Gutmensch. Er hat stolz ein sicheres Nationalratsmandat abgelehnt, weil er "sich selbst beweisen will". Er verteilt Caspar-Einem-Fan-Postkarten in Rauhleder-Romantik und Träumerblick, die "Engagement für Menschen" verheißen. Was will man mehr, um mit "zugehaltener Nase", wie der Grüne Johannes Voggenhuber wütend bemerkte, doch wieder die SPÖ wählen zu können?

Die Funktion der Leimrute hat Caspar Einem als Spitzenkandidat im Wahlkreis Wien Innen-West übernommen, wo die Grünen im vergangenen Jahr 15 Prozent der Stimmen, ihr österreichweit bestes Ergebnis also, erzielten und die SPÖ das Direktmandat verlor. Diese Scharte soll ausgemerzt werden. Um ins Parlament zu kommen, müßte Einem mit der SPÖ im Schlepptau allerdings etwa 13 Prozent zulegen, was allgemein als aussichtslos betrachtet wird. Eine zweite Chance bietet das Reststimmenverfahren, und eine dritte besteht in einer Vorzugsstimmen-Kampagne a la Josef Cap 1983. Dazu brauchte es in ganz Wien 25.000 SPÖ-Wähler, die Caspar Einem auf den Stimmzettel schreiben.

Was verspricht Caspar Einem, und was kann er einhalten? Das eine akzentuiert sich nach der Zuhörerschaft, und das andere hängt davon ab, wie es nach dem 17. Dezember in der SPÖ weitergeht.

"Aufklärung hilft nicht gegen das Gefühl der Angst", erklärt Einem in Wahlveranstaltungen, in denen ein politisch fortgeschritteneres, meist jüngeres Publikum sitzt. Gegen negative Emotionen könne nur eine Politik erfolgreich sein, die "auf der symbolischen Ebene den Menschen das Gefühl gibt, daß sich jemand um sie kümmert, ihre Ängste und Sorgen ernst nimmt", und die auf der pragmatischen Ebene versuche, Österreichern und Ausländern langfristig die gleichen Rechte auf Wohnung, Arbeit und Familie zu ermöglichen, auch um den Preis, daß einige Zeit hindurch die Neuzuwanderung von Ausländern stark begrenzt würde.

Die derzeitige Ausländerquote, gibt Einem zu, "ist schon unglaublich niedrig", und für die Familien hätte er sich "wesentlich mehr gewünscht".

Die grüne Spitzenkandidatin in Einems Wahlkreis und damit seine direkte Konkurrentin, Terezija Stoisits, schäumt, wenn sie solches hört. Sie betrachtet Einem mittlerweile als "miesen Opportunisten" und "kleinen Löschnak", der große Hoffnungen weckt, aber nichts durchsetzt. Stoisits selbst schreckt freilich auch nicht davor zurück, in ihren Inseraten vor ausländischen Saisonniers zu warnen, weil dadurch "massenhaft österreichische Saisonarbeiter arbeitslos" würden.

Einem sagt, er wolle genau diesen Ton verhindern. Wenn er in Versammlungen mit ausländischen Schubhäftlingen und Abschiebungsstatistiken konfrontiert wird, reagiert er leicht gereizt. Man könne ihm, sagt er, die Fehler der Vergangenheit nicht vorwerfen. So habe er in seiner kurzen Amtszeit ganz pragmatisch die größten Probleme in der Ausländerpolitik zu lösen versucht.

Aber die Herzen, die Einem zufliegen, sind ohnehin nicht von der realen Politik, sondern vom Wunsch nach Veränderung beflügelt. Keine Straßendiskussion, bei der nicht der eine oder andere Jugendliche stehenbleibt, um dem Minister persönlich seine Ideen von einer gerechteren Gesellschaft anzutragen. Einem kommt dabei selbst manchmal ins Phantasieren und etwa auf die Idee, in Zukunft Orden nicht einfach zu verleihen, sondern teuer zu verkaufen. Dafür lieben sie ihn dann und gehen mit leuchtenden Augen weg.

Es geht auch keine Ausländerversammlung zu Ende, ohne daß Flüchtlinge und ihre Betreuer in bittstellerischer Dankbarkeit dem Minister alles Gute wünschten.

Einem ist politisch immer sehr, sehr korrekt. Wenn die Polizeibeamten darüber klagen, daß in ihrem Grätzel die Prostituierten wie Hausfrauen und vice versa aussehen, die Kunden die Frauen also wahllos belästigen, und was sie da tun könnten, wirft er schon grundsätzlich mal ein, daß dies doch "ein sehr männlicher und fragwürdiger Umgang mit Sexualität sei".

Er verwendet auch ziemlich konsequent männliche und weibliche Formen - da kommt's dann auch zu "tüchtigen Hechten und Hechtinnen".

Im sozialdemokratischen Milieu propagiert Einem einen Wendepunkt für die SPÖ und überrascht die Genossen mit kühler Wählerstimmenkalkulation. Die SPÖ solle sich weniger um die kümmern, die "sich ihre Häuser schon gebaut haben", sondern um die "wirklich Unterprivilegierten, die Alten, die Frauen und die Ausländer". Das sei nicht nur eine Frage der Moral und der alten Grundsätze, sondern eine Frage der Mehrheit und ob die SPÖ auf Dauer ihre Existenzberechtigung halten könne. Solidarität sei kein Grundwert, sondern ein Instrument. Und: "Der Haider kriegt uns", warnt er, "überall dort, wo wir wunderbare Ideale, aber eine fürchterliche Praxis haben."

All jenen, denen es heute gutgeht, und das ist immer die Mehrheit in den SPÖ-Versammlungen, stellt Einem den sozialdemokratischen Arbeiterführer Victor Adler als Vorbild hin: "Auch der hat nicht müssen, sondern wollen."

Einem muß dabei wohl ein bißchen an sich und an die Fußstapfen Bruno Kreiskys gedacht haben. Von "Staberl" in der "Kronen Zeitung" wird er in nestroyscher Manier als "Herr von Einem" beschimpft, als Aristokrat, links und nicht dazugehörig, von der "Presse" fallweise gelobt und von Haiders Mannen als "gefährlich" eingestuft. Er fühlt sich stark genug, Privilegien einer etablierten SPÖ-Klientel in Frage zu stellen, auch wenn er dann wieder kokett hinwirft, daß er "in der Parteihierarchie ein Niemand" sei. Er bricht sozialdemokratische Tabus, indem er bei den Dürnsteiner Gesprächen laut über ein "schlankes Berufsheer" nachdenkt. Bei einem Besuch in einer Polizeiwachstube erzählt er, daß Franz Vranitzky ihn einst gefragt habe, ob er für "alles" zur Verfügung stehe, und er habe ja gesagt.

Als die Wiener SPÖ nun vor wenigen Wochen bei ihrem Wahlkampfauftakt in der Kurhalle Oberlaa alle Kandidaten mit Nelkensträußen auf die Bühne klatschte, gab's für Ex-Innenminister Franz Löschnak, der im Gegensatz zu seinem Nachfolger auf einem sicheren Listenplatz kandidiert, ein leises Pfeifkonzert, in das Caspar Einem, nur spaßeshalber natürlich, einstimmte. Der Kanzler, zwischen den beiden stehend, runzelte die Stirn.

"Einem ist nicht der Mann für den Parteivorsitz", sagte Wiens Bürgermeister Michael Häupl Ende November in einem "WirtschaftsWoche"-Interview, weil er polarisiere. Ein SPÖ-Funktionär aus Wien-Favoriten meinte kürzlich: "Wenn wir den Einem am Victor-Adler-Markt auftreten lassen, wird er wegen seiner Ausländerpolitik mit nassen Fetzen davongejagt". Einem ist es zuzutrauen, daß er noch in dieser Woche dort steht.

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