Christa Zöchling: „Es lohnt sich, jetzt zu kämpfen“

Christa Zöchling: „Es lohnt sich, jetzt zu kämpfen“

Vergangene Woche wurde Christa Zöchling vom Frauennetzwerk Medien mit dem Wiener Journalistinnenpreis ausgezeichnet. Ihre Dankesrede war ein Plädoyer gegen die Feigheit.

Ich muss gestehen: Ich bin nicht die Tapferste. Ein paar Mal schon hätte ich meinen geliebten Beruf gern an den Nagel gehängt – und zwar immer dann, wenn ich mit dem, was ich schrieb, Empörung auslöste. Journalisten und Journalistinnen sind bisweilen auch schüchterne Menschen.

Besorgte Freunde haben mir geraten, die Pöbeleien der Strache-Partei gegen mich, die Hetze gegen diese Veranstaltung heute besser zu ignorieren, als mich in die verdammte Opferrolle zu begeben. Ich dachte selbst, da steh ich drüber.

Doch dann stand ich am Stephansplatz beim Wahlkampffinale der FPÖ, neben mir meine Freundin Mona, die mich unbedingt begleiten und beschützen wollte, und hörte über Lautsprecher, von der Bühne herab, meinen Namen – einmal, zweimal, dreimal. Aufgerissene Münder, Fäuste in der Luft, Fahnenschwenken. Lärm. Es fehlte nur noch, dass einer sagte: Da, da steht sie!

Das ist neu. Nicht diese Stimmung auf dem Siedepunkt ist neu, sondern dass ein Journalist namentlich herausgepickt wird, als wäre er ein Politiker, gegen den Heinz-Christian Strache antritt. Und es ist kein Zufall, dass dieser Journalist eine Journalistin ist.

Ich hatte Straches johlende Anhängerschaft in einem sehr emotionalen Online-Kommentar für profil als die „hässlichsten Menschen Wiens“ beschrieben. Manche meinen, ich hätte damit der FPÖ in die Hände gespielt.
Ich sehe das so: Wenn eine Gesellschaft kippt, geht der liberale Diskurs unter. Aber solange die Gesellschaft noch nicht gekippt ist, hat der Gegner die Möglichkeit, Kritiker für Eigenreklame zu instrumentalisieren. Wie eben Strache, der meine Artikel vor einer johlenden Menge zitierte. Das ist Gewaltersatz. Aber was kommt dann?

Das alles betrifft nicht mich persönlich. Auch andere – wie Nina Horaczek vom „Falter“ – werden derzeit von denselben Leuten gejagt. Und es werden noch andere Kollegen und Kolleginnen dazukommen.

Wir leben in Gesellschaften von einer – eventuell – autoritären Zukunft, aber von noch liberalen – ironischerweise gesagt: freiheitlichen – Möglichkeiten. In einer Gesellschaft, die noch unsicher ist, die sich in einer Kippsituation befindet, ist eines der wesentlichen Kennzeichen der Angriff auf Journalisten und Journalistinnen. Denn etwas vom Wichtigsten, was eine autoritäre Gesellschaft braucht, ist eine gelenkte Presse. Schauen wir nur in das von Viktor Orbán regierte Ungarn.


Man greift ja nicht die FPÖ an, weil sie eine Partei im Parteienspektrum ist, sondern weil von ihr Positionen, die schon einmal erreicht wurden, humanitär-politische Positionen, verletzt werden.

Es ist paradox. Die Hetzer äußern sich in einer Weise, die mit der christlich-jüdischen Kultur, auf die sie sich so gern berufen, überhaupt nichts gemein hat. Das gehört zu den Absurditäten dieser Art von Angriffen, dass sie eine Kultur verteidigen, die sie nicht haben oder die sie verleugnen. Zu dieser Kultur gehört nun einmal der Umgang mit der freien Rede und auch mit dem Klarmachen des Nicht-einverstanden-Seins mit bestimmten, in der Gesellschaft auftauchenden Positionen. Man greift ja nicht die FPÖ an, weil sie eine Partei im Parteienspektrum ist, sondern weil – und das gilt auch für die internationale Rechte, die jetzt so auf dem Vormarsch ist – von ihr Positionen, die schon einmal erreicht wurden, humanitär-politische Positionen, verletzt werden.

Sollten die Menschen aus Gründen, zum Beispiel aus der sogenannten Angst heraus, die man ihnen nachsagt, die in den meisten Fällen aber keine Angst mehr ist, sondern eine Wut; sollten die Menschen eine autoritäre Wende wünschen, dann werden sicher die Intellektuellen und die Journalisten und die Künstler ein erstes Opfer sein. Weil der Angriff auf uns nichts kostet, im Prinzip feig ist, denn wir haben keine wirtschaftliche oder sonstige Sanktionsmacht, obwohl uns ständig eine ungeheure Macht unterstellt wird. Und zugleich bringt dieser Angriff, der nichts kostet, ihnen sehr viel, weil man damit sehr viel behaupten, sehr viel deuten und propagieren kann, ohne das geringste Risiko zu haben. Der Begriff „Lügenpresse“ ist bereits in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Journalisten wird oft vorgeworfen, sie stünden am sicheren Ufer, sie spielten „Schiffbruch mit Zuschauer“, um ein philosophisches Werk von Hans Blumenberg zu zitieren. Ich bitte zu bedenken, dass in Zeiten der Aufklärung Schiffbruch und Seefahrt als Metapher für ein Wagnis und für den Mut zum Aufbruch gesehen wurden – ein Liegenbleiben im Hafen dagegen als Feigheit, Verfehlen einer Lebenschance, versäumtes Glück. Das würde ich gern jenen ins Stammbuch schreiben, die unsere Kultur vor den Flüchtlingen retten wollen. Die sich selber natürlich nicht für illiberal halten oder für autoritär, sondern für die Zukunft und das Wunschpotenzial der Mehrheit. Solange sie das nicht auf autoritäre Weise bestimmen können, so lange müssen sie damit leben, dass sie kritisiert werden. Das fällt ihnen schwer. Aber da gibt es nichts zu verhandeln. Wenn sie einmal die Macht haben, dann ist es freilich aus.

So weit muss es nicht kommen. Unsere liberale Gesellschaft mag auf der Kippe stehen, aber es kann auch in die andere Richtung kippen, in unsere. Im Zuge der Flüchtlingskrise beobachten wir ein historisch einzigartiges Aufbrechen von Fremdenfreundlichkeit und damit einhergehender Mitmenschlichkeit und Hilfe. Sicher ist im Moment nur, dass etwas Grundsätzliches sich bewegt, dass wir im Umbruch sind. Es könnte auch sein, dass die gute Seite siegt, und es lohnt sich also, jetzt zu kämpfen, gerade für Journalisten, besonders für Journalistinnen. Wir werden weitermachen. Das verspreche ich Ihnen und der freundlichen Jury, die mir diesen Preis zuerkannt hat.