Concordia-Preis: Elfriede Hammerl über Edith Meinhart

Concordia-Preis: Elfriede Hammerl über Edith Meinhart

Die Laudatio von Elfriede Hammerl für Edith Meinhart, der am Mittwoch der Concordia-Preis für Menschenrechte überreicht wurde.

Edith Meinharts Dankesrede lesen Sie hier.

Mit besonderer Freude halte ich heute eine Lobrede auf meine Kollegin Edith Meinhart, die in mir eine treue und zustimmende Leserin hat.

Es gehe ihr „im weitesten Sinn um das redliche und um das missbräuchliche Ausüben von Macht, um den Umgang der Stärkeren mit den Schwächeren und um das, was die zu erzählen haben, die keine Stimme haben.“


Der Unterschied zwischen Edith Meinhart und den selbsternannten Volksverstehern oder –versteherinnen mit der großen Klappe ist der Verzicht auf die große Klappe.

So definiert Edith Meinhart auf mein Befragen die Schwerpunkte ihrer Arbeit. Nun nehmen ja manche für sich in Anspruch, dass sie denen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden. Aber der Unterschied zwischen Edith Meinhart und den selbsternannten Volksverstehern oder –versteherinnen mit der großen Klappe ist der Verzicht auf die große Klappe. Edith Meinhart gibt nicht vor, die Überhörten zu hören, um sich zu berühmen und auf sich aufmerksam zu machen, und schon gar nicht, um bestimmte Meinungen zu lancieren – sondern sie hört wirklich zu und genau hin. Die Stimmen, die sie wiedergibt, sind authentisch. Meinhart nähert sich den Menschen behutsam, verständnisbereit, aber mit kritischem, wachem Geist. Sie beobachtet scharf, analysiert, ordnet zu, fühlt mit. Aber weder spekuliert sie auf billiges Mitleid einer für Sozialromantik empfänglichen LeserInnenschaft, noch gefällt sie sich darin, die Mitleidlosen bloß zu provozieren.

Sie selber sagt zum Thema Empathie, Empathie sei kein permanenter Zustand für eine Journalistin. Oft trete sie bewusst zurück, um „kühl und distanziert auf etwas Größeres, Ganzes zu schauen“ und sich „nicht in der Geschichte eines einzelnen Menschen zu verlieren“. Doch das Große und Ganze mache „ohne die empathische Nähe zum Einzelnen auch keinen Sinn.“

„Da grenze ich mich eigentlich nicht ab“, sagt sie, „sondern versuche, seine oder ihre Geschichten zu verstehen, das Besondere und das Allgemeine daran zu erfassen und danach nicht zu behalten, sondern durch das Schreiben weiterzugeben.“

Und schon sind wir bei Edith Meinharts Sprache und der Art, wie sie formuliert. Wie war das gerade? Es gehe darum, eine Geschichte zu erfassen, aber - nicht zu behalten, sondern durch das Schreiben weiterzugeben.
Das kommt so beiläufig daher, so nebenbei, fast hat man es überhört, ehe man stutzig wird und das Wortspiel begreift, den kleinen, hinterlistigen Bedeutungs-Austausch, der blitzschnell das Wesentliche trifft.

Das ist ein Kennzeichen ihrer Texte: Wie sie mit wenigen Worten, mit ein paar Sätzen, mit knappen Strichen scheinbar unangestrengt ein eindrückliches Bild zeichnet. Ich sage scheinbar unangestrengt, weil ich weiß, dass gerade die leichtfüßigen Texte niemandem so einfach passieren. Da wird in der Regel viel nachgedacht und viel verworfen, ehe der richtige Satz, der einzig präzise Ausdruck dasteht.

Sie habe, sagt Edith, Germanistik studiert, weil sie in der Schule „einen Deutschlehrer hatte, der für Literatur brannte“, weshalb sie geglaubt habe, „dass das einzige, für das es sich im Leben zu brennen lohne, Literatur sei“.

Der Mann kann stolz sein. Wenn auch seine Schülerin heute nicht ausschließlich für Literatur brennt, so hat ihr Schreiben doch literarische Qualität. Dazu braucht es in erster Linie Talent, das kann nicht unterrichtet werden, aber dass eine ihr Talent entdeckt und perfektioniert, dazu kann guter Unterricht viel beitragen.

Unterrichtet wurde Edith Meinhart in Wels, wo sie zuerst in eine Klosterschule und dann in die Handelsakademie ging, ehe sie 1984 zum Studieren nach Wien zog.


Sie nimmt alle Aufgaben ernst und offenbar nicht nur ihre eigenen, sondern sogar die der anderen.

Ich habe sie, als ich eingeladen wurde, ihre Laudatio zu halten, um ein paar biographische Daten gebeten. Denn ich kenne und schätze sie schon lange, aber so ganz genau wusste ich über ihr Leben nicht Bescheid. Geschickt hat sie mir einen wunderbaren Text, der – kunstvoll lakonisch – ihr Aufwachsen zusammenfasst. Damit ich mir ein Bild machen könne. Ich erzähle das, weil es mir typisch erscheint für Edith Meinhart: Sie nimmt alle Aufgaben ernst und offenbar nicht nur ihre eigenen, sondern sogar die der anderen.

Also: Ich habe mich, ihrem Beispiel folgend, bemüht, zu behalten, was ich erfahren habe, behalte es jedoch nicht für mich.

1965 wurde sie in Wels geboren und wuchs als Älteste von drei Kindern, wie sie sagt, recht unbekümmert auf. Es habe wenig zum Fürchten gegeben. Als die Religionslehrerin in der Volksschule den Kindern Angst vor einem Dritten Weltkrieg einjagte, damit sie ihr Taschengeld für die in der UdSSR verfolgten Christen spendeten, beschwerten sich die Eltern beim Direktor. O-Ton Edith Meinhart: „Die Verhältnisse waren zwar autoritär, aber auch nicht mehr völlig unhinterfragt.“

Sie erinnert sich an eine optimistische Zeit, die Erwachsenen hätten nur nach vorne geschaut, die Wirtschaft wuchs, Männer flogen zum Mond, daheim gab es einen Schwarz-Weiß-Fernseher und bald darauf einen mit Farbe, der Vater ging arbeiten und wählte Kreisky, die Mutter war daheim bei den Kindern und wählte, obwohl erzkatholisch aufgewachsen, wie ihr Mann. Bei der Ausbildung sollte es keine Unterschiede zwischen der Tochter und den jüngeren Brüdern geben, Bildung galt als höchstes Gut. Als die 15-jährige Edith ihrer Mutter allerdings ein „Emanzen-Buch“ schenkte, war Feuer am Dach, das regte den Vater, wie sie sagt, „unglaublich auf“.

Rebellieren sei damals einfach gewesen. Es genügte, so Edith Meinhart im Rückblick, „im ländlich-patriarchalen kleinbürgerlichen Oberösterreich, feministische Bücher zu lesen und zu beschließen, kein Fleisch mehr zu essen, oder an die NS-Vergangenheit zu rühren.“ Wobei ihre Eltern, bei Kriegsende und knapp danach geboren, keine solche haben konnten, es war die Großelterngeneration, die jede Auskunft verweigerte.

Trotzdem: eine Bilderbuch-Kindheit und -Jugend. Sicherheit, Geborgenheit, Liebe, Zuversicht.


Sie hat die Bodenhaftung nie verloren.

Auch seither: ein stabiles Leben. Keine Absturzerfahrungen. Erfolg im Beruf, aber keine Abgehobenheit. In ihrer Studienzeit, sagt Edith Meinhart, habe sie gelernt, mit so wenig auszukommen, dass sie sich heute gut bezahlt fühle. Ein wichtiger Punkt. Sie hat die Bodenhaftung nie verloren. Sie weiß, wovon Menschen sprechen, die sich mit bescheidenen Mitteln durch den Alltag kämpfen. Das unterscheidet sie von denjenigen in den Medien, die Reality-Berichterstattung als Ausflug in exotische oder gruselige Niederungen begreifen.

Manche Leute würde ein zufriedenstellendes Leben vielleicht zu Selbstgerechtigkeit verleiten. Edith Meinhart sieht es offensichtlich als Auftrag, sich um die weniger Stabilen zu kümmern, um die Schwachen, die zu Bedrohten - aber nicht aus der Position einer gütigen Wohltäterin, sondern mit Respekt und aus dem Gefühl, man dürfe Ungerechtigkeit nicht einfach unwidersprochen lassen.

An und für sich führen wir die Menschenrechte verbal ja jederzeit im Gepäck. Aber praktisch gibt es Menschen, denen sie nicht zugestanden werden, zumindest nicht in vollem Umfang - auch bei uns. Menschen werden wegen ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer Sprache und ihres Glaubens diskriminiert. Dass manche aus Glaubensgründen ihrerseits andere – zum Beispiel wegen ihres Geschlechts – diskriminieren, macht die Sache nicht einfacher. Im öffentlichen Diskurs gibt es im wesentlichen zwei schädliche Methoden, darauf zu reagieren. Die eine besteht in beschwichtigendem Relativieren, das unterschiedliche Menschenrechtsverletzungen gegeneinander aufrechnet mit dem Ergebnis, dass sich zum Beispiel Frauen aufgrund ihrer Herkunft mit einer Light-Version von Persönlichkeitsrechten zufriedengeben sollen, die andere Methode rechtfertigt Einschränkungen von Persönlichkeitsrechten, zum Beispiel für Asylsuchende, mit der Unterstellung, diese Menschengruppe bringe sonst unser Wertesystem in Gefahr.

Die Medien tragen ihr Teil zu diesen undifferenzierten Betrachtungsweisen bei. Es ist ja auch einfacher, auf fertigen Argumentationsschienen zu fahren, als sich manchmal mühsam einen Weg durchs Gestrüpp der Behauptungen, Gegenbehauptungen und bisweilen widersprüchlichen Fakten zu suchen.


Sie sucht nach Wahrheit, im Bewusstsein, dass es die eine, einzige, gusseiserne Wahrheit oft nicht gibt.

Edith Meinhart geht beharrlich den schwierigeren Weg. Sie sucht nach Wahrheit, im Bewusstsein, dass es die eine, einzige, gusseiserne Wahrheit oft nicht gibt.

Dass man sich nicht für Menschenrechte einsetzen kann, ohne – gerade als Frau – die Frauenrechte im Fokus zu haben, versteht sich dabei von selbst. Seit dem Emanzen-Buchgeschenk für ihre Mutter hat sie das Thema nicht mehr losgelassen. Ich habe sie gefragt, ob der Einsatz für Menschen- und insbesondere Frauenrechte ihrer Ansicht nach eine Karrierebremse sein könne, und sie antwortete so:

„Natürlich, man muss sich ja nur vergegenwärtigen, wie viele Frauen und Männer einen enormen Preis gezahlt haben, um Freiheiten und Rechte zu erkämpfen, die wir heute mitunter recht gedankenlos genießen. Jede Frau, die keine Benachteiligung erlebt, kann darüber froh sein, selbstverständlich ist es immer noch nicht. Wer immer sich entscheidet, Benachteiligungen nicht zu übersehen, muss ständig weitere Entscheidungen treffen: Welche Konflikte geht man ein, welche lässt man liegen? Ich finde es entlastend, wenn Männer in den Debatten, wie wir miteinander umgehen, wie Freiheiten, Rechte, Arbeit, Wohlstand und Ansehen verteilt werden, Frauen nicht allein lassen.“

Das, liebe Kollegen, männlich, war, behaupte ich, auch ein Appell.

In einem Artikel über Qualitätsjournalismus schrieb kürzlich Miriam Meckel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Wollen wir unsere informationelle Zukunft entwerfen als Netzwerk verschalteter Neuronen und verlinkter Datenströme, getrieben durch ein Programm, das immer Gleiches rekombiniert, um es uns als Wirklichkeit zu präsentieren? Wenn nicht, dann brauchen wir weiterhin den professionell organisierten Ausbruch aus diesem Kreislauf. Wir brauchen Menschen, die von ihrem Schreibtisch aufstehen und sich von ihrem Computer lösen, um zu beobachten, was in der Welt geschieht. Wir brauchen Menschen, die unter Recherche mehr als die Eingabe eines Begriffs in eine Suchmaschine verstehen. Die mit anderen Menschen sprechen, um zu verstehen, was sie bewegt und ihr Leben bestimmt. Wir brauchen Menschen, die diese Geschichten so erzählen können, dass andere sich für sie interessieren.

So eine Qualitätsjournalistin ist Edith Meinhart. Sie verwendet ihren Computerbildschirm nicht als Barriere zwischen sich und der realen Welt, sie spricht mit den Menschen, sie erzählt ihre Geschichten so, dass wir uns dafür interessieren. Sie nimmt sich Zeit. Sie prüft nach. Sie zieht keine voreiligen Schlüsse. Als Interviewerin ist sie beharrlich, fragt nach, hakt nach, gibt sich nicht mit Wischiwaschi-Antworten zufrieden.

All das ist, wie wir wissen, nicht selbstverständlich. Die Grenzen zwischen PR und Berichterstattung verschwimmen, aus Leserinnen und Lesern sind User und Userinnen geworden, die die Kommunikation in so genannten Blasen mit Information verwechseln, und der Verzicht auf sorgfältiges Recherchieren und Formulieren ist nicht unüblich, manchmal liegt’s an unzureichender Bezahlung, manchmal an einer unzureichenden moralischen Ausstattung derer, die sich als Journalisten oder Journalistinnen verstehen.

Als Kind gab es für sie, sagt Edith Meinhart, „Tischler, Landmaschinenhändler, Kaufleute, Briefträger, Krankenschwestern und Lehrerinnen, aber keine Journalisten und schon gar keine Journalistinnen.“ Lange sei sie unschlüssig gewesen, wo ihr beruflicher Platz sein könnte, aber, wieder O-Ton, „auf eine glückhafte Art und Weise ist alles, was ich versucht habe, letztlich auf diesen Beruf hinausgelaufen.“

Ich denke, das war auch ein Glück für unseren Beruf. Darum gratuliere ich dir, liebe Edith, zu deinem Preis, und uns, dass es dich in unserer Mitte gibt.