Man spricht Deutsch: Umgang mit Sprachmängeln

Seit 2003 verpflichtet eine Integrationsvereinbarung Einwanderer dazu, Deutsch zu lernen.

Seit 2003 verpflichtet eine Integrationsvereinbarung Einwanderer dazu, Deutsch zu lernen.

Mit dem Rohrstaberl fuchteln, wo es nichts bringt, und nachgeben, wo Druck sinnvoll wäre: Edith Meinhart über den ärgerlichen Umgang mit den Sprachmängeln von Einwanderern.

Trivialer kann man ein Gespräch über das Thema Integration nicht einleiten, als damit, wie wichtig es wäre, die Sprache des Landes zu sprechen, in dem man lebt. Jedes Kind weiß das. Und es sollte auch niemanden überraschen, dass Menschen, junge und alte, sich in der Regel durchaus anstrengen, dieses Ziel zu erreichen. Sie wollen ja dazugehören.

Und doch klebt an Einwanderern oft der Generalverdacht, dass sie sich diesem Anliegen absichtlich verschließen. Doch warum sollten sie es darauf anlegen, möglichst schwer eine Wohnung zu finden, auf dem Arbeitsmarkt zu scheitern und sich mit Lehrern, Ärzten oder Nachbarn partout nicht zu verständigen?

Auf Spielplätzen sind immer öfter selbst ernannte Sprachpolizisten zu beobachten, die mit einem beherzten "Sprechen Sie gefälligst Deutsch!“ dazwischenfahren, wenn Eltern sich mit ihrem Nachwuchs in einer Fremdsprache unterhalten. Diese Respektlosigkeit tarnt sich gern als gut gemeint, wie auch das Verbot von Serbisch oder Türkisch im Pausenhof oder die FPÖ-Idee, in oberösterreichischen Kindergärten heimisches Gedicht- und Liedgut zur Pflichtübung zu machen oder Anwärter auf eine Sozialwohnung zum Vokabeltest zu beordern.

Seit 2003 verpflichtet eine Integrationsvereinbarung Einwanderer dazu, Deutsch zu lernen. Wer sich sträubt, muss Strafe zahlen und steht mit einem Fuß schon im Abschiebeflieger. Das bei seiner Einführung heftig umstrittene Regelwerk wurde mehrmals verschärft, aber nie evaluiert. Niemand weiß, ob es für die sprachliche Integration gut, schlecht oder eh wurscht war.


Man erlebt sich als sprachlos, traurig, wütend

So ernst darf man das freilich nicht nehmen. Zwischen dem, was Forscher über den Spracherwerb herausfinden, und dem, was Politiker zur Behebung von Deutschmängeln vorschlagen, besteht ohnehin nur ein loser Zusammenhang. Man fuchtelt gerne mit dem Rohrstaberl, wo es für den Spracherwerb nichts bringt, um auf der anderen Seite in die Knie zu gehen, wo Beharrlichkeit und Druck gescheiter wären.

In die erste Kategorie fallen Sprachverbote im Schulhof. Natürlich gibt es hier jede Menge Reibereien und Gewalt. Es wird verspottet, eingeschüchtert und herumgestoßen. Doch die Verletzungen hören nicht auf, nur weil alle Beteiligten auf Deutsch umschalten. Einem respektvollen Umgang wäre es dienlicher, wenn Lehrer bei Konflikten nicht wegschauten, sondern in der Klasse thematisierten, was es bedeutet, ausgeschlossen zu werden und nichts zu verstehen. Generell gilt, dass Zuwanderersprachen umso eher zum Schimpfen verwendet werden, je geringer ihr Prestige ist. Nicht ihre Verbannung, sondern ihre Aufwertung fördert den zivilisierten Gebrauch. Fallweise sollen Kinder schon von selbst auf die Idee gekommen sein, Deutsch zu reden. Wenn im Pausenhof 15 verschiedene Sprachen aufeinandertreffen, ist es oft die einzige Chance, sich zu verständigen.

Kinder verbringen ihre freie Zeit nicht damit, in hochabstrakten und präfixgespickten Schachtelsätzen zu kommunizieren, wie sie für die Unterrichtssprache kennzeichnend sind. Hier aber hapert es am meisten. Bis Muttersprachler und Fremdsprachige auf diesem Feld gleichziehen, verstreichen fünf bis acht Jahre, sagen Studien. Das bedeutet, dass die sprachliche Förderung sich über die gesamte Sekundarstufe erstrecken müsste. Förderung in Deutsch gibt es im Kindergarten und in der Volksschule, danach fühlt sich niemand mehr zuständig. Quereinsteiger laufen im Gymnasium eine kurze Zeit lang als außerordentliche Schüler mit und werden danach von der Sprachförderung fallen gelassen. Ginge es wirklich um Integration, müsste es die Bürger dieses Landes tief besorgen, dass Schülerinnen und Schüler in Fächern wie Mathematik scheitern, weil sie die Aufgaben sprachlich nicht verstehen. Das babylonische Sprachgewirr, das sie auf dem Schulhof veranstalten, ist im Vergleich dazu eine Lappalie.

Übrigens haben auch 15 bis 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler mit deutscher Muttersprache damit ihre Not, weil sie ohne Gute-Nacht-Geschichten und Märchenvorlesen in der Obhut von Erwachsenen aufwachsen, die mit ihnen nur das Allernötigste reden. Dafür reichen wenige Minuten am Tag. An dem sprachlichen Fehlstart laborieren Kinder mitunter die gesamte Bildungslaufbahn hindurch. Wichtiger, als Eltern auf dem Spielplatz anzuweisen, gefälligst mehr Deutsch zu reden, wäre, sie dazu zu ermuntern, überhaupt mehr zu reden, die Fantasie ihrer Kinder zu beflügeln und sie mit Geschichten zu inspirieren, bevorzugt in der Sprache, die sie am besten können. Österreichische Eltern sind mitgemeint.


Das Gegenteil von Verunglimpfen ist nicht Liebsein, sondern ernsthafte Arbeit

Zu den Erkenntnissen, auf die sich Fachleute mühelos einigen, gehört, dass ein positives Verhältnis zur Sprache der Eltern, stabile Beziehungen und emotionale Sicherheit dabei helfen, eine Zweitsprache zu lernen. Einsprachig aufgewachsenen Nachkriegsgenerationen fällt es schwer, sich vorzustellen, welche Kränkungen, Enttäuschungen und Krisen Menschen durchmachen, die als Flüchtlinge oder Arbeitsmigranten neu anfangen. "Man erlebt sich als sprachlos, traurig, wütend“, sagt die Sprachforscherin Verena Plutzar. Wie es mit dem Spracherwerb in der Fremde weitergeht, hängt auch davon ab, wie die Menschen durch diese Krisen kommen.

Uneinigkeit herrscht unter Plutzar und ihren Kollegen übrigens noch darüber, ob man die Erstsprache wirklich tadellos beherrschen muss, um es auch in der Zweitsprache weit zu bringen. Die Befunde dazu sind nicht eindeutig. Sicher ist sich die Expertenwelt hingegen, dass Angst blockiert und im schlimmsten Fall dazu führt, dass Kinder völlig verstummen. Nicht Sprachen gehören verboten, sondern das Verbieten von Sprachen, pflegt Hans-Jürgen Krumm zu sagen, einer der Experten des 2003 gegründeten Netzwerkes "SprachenRechte“, das sich dem hoffnungslosen Unterfangen verschrieben hat, Fakten zur Debatte beizusteuern.

Das Gegenteil von Verunglimpfen ist nicht Liebsein, sondern ernsthafte Arbeit. Es ist kein Ruhmesblatt der Integrationsgeschichte, dass Gastarbeiter nach 50 Jahren immer noch kaum Deutsch sprechen. In Ländern wie Schweden wurde früh damit begonnen, Kurse während der Arbeitszeit anzubieten, weil man Sprache am besten dann lernt, wenn man sie braucht. Wien hat ein "Mama lernt Deutsch“-Programm aufgesetzt, das völlig freiwillig und trotzdem stark nachgefragt ist. Die Kurse finden in Schulen und Kindergärten statt und sind mit einem Euro pro Stunde sensationell günstig. Ärgerlich ist, wenn das Wehklagen über die Sprachmängel der Einwanderer überdeckt, dass an entscheidenden Stellen schlampig gearbeitet wird. Forscher der Universität Wien haben Werkzeuge entwickelt, um die sprachliche Entwicklung von Kindern beobachten und im Bedarfsfall gegensteuern zu können. Doch sie sind dem pädagogischen Personal zu anstrengend. Was tut daraufhin das Ministerium? Statt den Lehrern klarzumachen, dass ihre Mühe für die Integration ganzer Einwanderergenerationen entscheidend sein könnte, wird nun an einer Light-Version getüftelt.


Das lauernde Misstrauen aber lässt sich abtrainieren, etwa durch die alltägliche Erfahrung im Klassenzimmer

Wem ist geholfen, wenn Kinder in einer Kunstwelt groß werden, die dem trügerischen Ideal der Einsprachigkeit nahekommt? Dem Klassenzimmer entwachsen, treten sie in eine Gesellschaft hinaus, die auf jeden Fall mehrsprachig sein wird. Einsprachig sozialisierte Lehrer, die gleich nervös werden, wenn sie nicht jedes Wort verstehen, berauben diese Generationen der Chance, das einzuüben, was Psychologen sperrig "Ambiguitätstoleranz“ nennen und für eine Schlüsselfähigkeit halten. Wir alle suchen mehr oder weniger bewusst unser Umfeld ständig nach Anzeichen für Gefahren ab und verspannen uns, wenn wir etwas nicht einordnen können. Das lauernde Misstrauen aber lässt sich abtrainieren, etwa durch die alltägliche Erfahrung im Klassenzimmer oder in der Straßenbahn, dass längst nicht jeder, der für uns unverständlich spricht, etwas ausheckt oder sich über uns lustig macht.

In einem profil Interview vor zehn Jahren bezeichnete es der Dramatiker Peter Turrini als eine sich nicht schließende Wunde, dass im Kärnten seiner Kindheit das Slowenische wie auch das Italienische seines Vaters "das Hässliche“ gewesen sei. Ein Kind könne nicht verstehen, warum die deutsche Sprache eine "schöne ist und die Sprache, von der man kommt, eine hässliche sein soll“. Es wäre schon ein Fortschritt, wenn das mehr nicht zu den schmerzlichen Erinnerungen künftiger Dramatiker gehören müsste.