Dschihadismus: Die Verbindung österreichischer Salafisten in bosnische Scharia-Dörfer

Dschihadismus: Die Verbindung österreichischer Salafisten in bosnische Scharia-Dörfer

Die Verbindung heimischer Salafisten in Scharia-Dörfer auf dem Balkan reicht bis in die 1990er-Jahre zurück. Radikalisiert wurden viele Islamisten erst in Wien – unter den Augen der Staatsschützer.

Seit der groß angelegten Razzia vergangene Woche ist ein kleines bosnisches Dorf in aller Munde: Gornja Maoca, 150 Kilometer nördlich von Sarajevo gelegen, bewohnt von nicht mehr als 30 bis 40 Familien. Nach YouTube-Videos zu schließen, dürfte es eine armselige Gemeinde sein: Wege im Schlamm, unfertige Häuser, Kleinkinder, die in Schubkarren transportiert werden, Männer mit langen Bärten und blassen Gesichtern, Frauen in der Burka. Man lebt hier nach stockkonservativen islamischen Vorschriften. Auch Männer in schwarzer Kampfmontur mit Wollmützen über dem Gesicht sind zu sehen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um Terrormilizen, sondern um Einsatzkräfte der Sipa, der bosnischen Sonderpolizeieinheit, die hier immer wieder Razzien und Festnahmen durchführt.

In diesem Dorf soll auch der vergangene Woche in Wien verhaftete Misrad O., besser bekannt unter seinem Predigernamen „Ebu Tejma“, eine Zeit lang gelebt haben und öfter dorthin zurückgekehrt sein. Gornja Maoca ist nicht die einzige Salafisten-Hochburg auf dem Balkan; auch im serbischen Sandschak, wo Ebu Tejma geboren wurde, und im Kosovo gibt es solche Enklaven. Gegründet wurden diese Dörfer ursprünglich von arabischen Mudschaheddin, die nach ihren Einsätzen in Afghanistan und Tschetschenien an der Seite der bosniakischen Armee auf dem Balkan gegen die Serben kämpften und dafür die Staatsbürgerschaft erhielten. Später zogen Bosnier aus der Diaspora zu. Nicht wenige Familien kamen aus Wien.

Salafistisch-wahhabitische Gruppe
Etwa 90.000 Bosnier waren Anfang der 1990er-Jahre nach Österreich geflüchtet. Wenn sie sich schon als Muslime fühlten, dann hingen sie einem gemäßigten, europäischen Islam an, doch einige wenige waren durch das Trauma des Kriegs und der Vertreibung islamisiert und radikalisiert worden. In den Verfassungsschutzberichten aus den späten 1990er-Jahren wird auf diese Entwicklung hingewiesen. „Vor allem unter der zweiten und dritten Einwanderergeneration ist eine zunehmende Affinität für den dschihadistischen Salafismus zu erkennen“, hieß es im Bericht für das Jahr 2000. Man stellte damals fest, dass saudi-arabische Gelder über diverse Hilfsorganisationen nach Österreich flossen, und man vermutete, dass ein Teil dieser Gelder zurück auf den Balkan in den Aufbau solcher Dörfer ging.

2004 fand ein Netzwerk namens „Aktivna Islamiska Omladina“ (AIO) Eingang in den Verfassungsschutzbericht. Bei der „aktiven islamischen Jugend“ handelte es sich um eine salafistisch-wahhabitische Gruppe, deren Ziel in der Gründung eines islamischen Staates bestand. Ihre Anhänger rekrutierte die AIO unter jungen Bosniern im Westen, auch unter Konvertiten. Ihre Europa-Zentrale befand sich laut Verfassungsschutz in Wien. Von dort aus wurde Schulungs- und Propagandamaterial in andere europäische Länder verbreitet. Die AIO organisierte Computer- und Sprachkurse, sie etablierte Internet-Foren und Koran-Seminare. Finanziert wurde die AIO in Bosnien durch saudi-arabische Hilfsorganisationen und NGO’s. Gruppen der AIO waren in Wien, Graz und Linz tätig. Der damalige Imam einer Moschee in Wien Meidling soll dabei eine Schlüsselrolle gespielt und auch den Zuzug nach Gornja Maoca befördert haben, ebenso sein Nachfolger, Nedzad B., der die besonders radikale Gruppe „Kelimetul Haqq“ gegründet und angeführt haben soll.

Die Bosnien-Expertin Dunja Larise spricht von etwa fünf bosnischen Vereinen in Österreich, die vermutlich auf Unterstützung aus Saudi-Arabien zählen können und wie Geheimgesellschaften operieren. Die überwältigende Mehrheit der Bosnier in Österreich sei säkular eingestellt, doch jene, die islamisiert wurden, „wurden vor allem in Wien islamisiert und nicht unbedingt von Bosniern“, so die Wissenschafterin 2009 in einem Interview.
Im Jahr 2006 wurde ein junger Bosnier, der in Wien lebte, wegen des Verdachts, Anschläge zu planen, verhaftet. 2007 versuchte ein junger Bosnier, Sprengstoff in die US-Botschaft in Wien einzuschleusen. Bei Wahhabiten-Treffen in Bosnien fielen den bosnischen Sicherheitsbehörden immer wieder Autos mit Wiener und anderen österreichischen Kennzeichen auf.

Gegen den modernen Staat
Im Jahr 2012 standen drei Einwohner von Gornja Maoca in Bosnien vor Gericht. Einer von ihnen, der 23-jährige Melvid J., ein im serbischen Sandschak geborener Landsmann von Ebu Tejma, hatte in einem 40 Minuten währenden Furor die US-Botschaft in Sarajevo beschossen und zwei Sicherheitsleute gefährlich verletzt. Auch Melvid J. hatte seine Jugendjahre in Wien verbracht und war hier wegen krimineller Aktivitäten ins Gefängnis gewandert. Seine Mutter hatte ausgesagt, er sei in einer Wiener Moschee radikalisiert worden. Auch der Dorfvorsteher von Gornja Maoca, Nusred I., hatte zuvor jahrelang in Wien gelebt. In seinen Predigten sagt er, dass es die Pflicht eines Muslims sei, eine Waffe zu tragen, Ungläubige zu töten und den „Unglauben“ auszumerzen, besonders den modernen Staat und dessen Gesetze. Nusred I. vertritt die Ansicht, dass ein Nicht-Muslim nicht neben einem Muslim leben dürfe und sich von diesem distanzieren müsse. Der Mann soll sich heute mit seiner Familie in Syrien oder im Irak aufhalten.

Vergangenen Monat waren in zwei großen Razzien Dutzende Islamisten in Bosnien festgenommen worden, darunter der als Führer der bosnischen Islamisten geltende Hussein B. Ihm wird vorgeworfen, er habe junge Menschen in Norditalien, Deutschland, Belgien, aber auch Österreich für den gewaltsamen Dschihad zu rekrutieren versucht und die Einschleusung nach Syrien mitorganisiert. Hussein B. befindet sich derzeit in Bosnien in Untersuchungshaft, angeklagt wurde er noch nicht.

Ebu Tejma soll sein Kontaktmann in Österreich sein, heißt es in Sicherheitskreisen. Nach Recherchen in den sozialen Netzwerken hatten sich Hussein B. und Ebu Tejma tatsächlich oft an denselben Orten aufgehalten, ihre Predigten sind unter dem Schlagwort „SalafiMedia Balkan“ im Netz zu finden. Islamexperten halten Ebu Tejma schon seit geraumer Zeit für einen „geistigen Brandstifter“, doch ob das schon einen Terrorverdacht begründet? Der Leiter des BVT, Peter Gridling, sagte vor Kurzem auf die Frage, warum jemand wie Ebu Tejma seine gefährliche Propaganda ungefiltert verbreiten dürfe: Einschreiten könne man nur, wenn sich ein Verdacht auf terroristische Handlungen oder Hilfestellungen erhärte.

Sechs der 14 Personen, die bei der Razzia vergangene Woche festgenommen wurden, sind schon wieder auf freiem Fuß. Lennart Binder, ein engagierter Menschenrechtsanwalt, der unter anderem Ebu Tejma vertritt, sagt, jeder könne sich die zahlreichen Predigten seines Mandanten in den sozialen Netzwerken anhören; ein Aufruf, sich der Terrormiliz IS anzuschließen, sei nicht darunter. Im Gegenteil: Sein Mandant könne beweisen, dass er einen Jungen von der Ausreise nach Syrien abgehalten habe.