profil Editor's Dinner 2017: Rede von Rainer Nikowitz

Rainer Nikowitz bei seiner Rede anlässlich des profil Editor's Dinner 2017

Rainer Nikowitz bei seiner Rede anlässlich des profil Editor's Dinner 2017

profil-Herausgeber Christian Rainer lud wieder Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum traditionellen „Editor’s Dinner“ ins Palais Rahimi in Wien. Als Zwischengang wurde wie immer Rainer Nikowitz auf die Gäste losgelassen - mit dieser Rede.

profil-Herausgeber Christian Rainer lud wieder Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum traditionellen „Editor’s Dinner“ ins Palais Rahimi in Wien. Heuer unter den Gästen: Bald-Bundeskanzler Sebastian Kurz, die Minister Wolfgang Brandstetter, Thomas Drozda, Harald Mahrer und Wolfgang Sobotka, Klubobmann Andreas Schieder, die Wiener Stadträte Renate Brauner, Jürgen Czernohorszky, Michael Ludwig und Andreas Mailath-Pokorny, Kathi Zechner und Alexander Wrabetz vom ORF, Johanna Rachinger, Nationalbibliothek, und Belvedere-Chef Wolfgang Bergmann. Als Zwischengang wurde wie immer Rainer Nikowitz auf die Gäste losgelassen - mit dieser Rede.

Sehr geehrte Damen und Herren, werte Mitesser! Man hat’s ja nicht leicht. Generell nicht, und dann als Satiriker noch einmal extra. Jetzt werden manche von Ihnen vielleicht sagen: Was beschwert sich der? Es gibt genug andere, die haben es im Moment noch schwerer. Eh. Zweifellos. Man könnte jetzt zum Beispiel auch Christian Kern sein. Oder Peter Pilz. Oder, am allerhärtesten: Peter Pilz ohne Alkohol und mit beiden Händen in Gips.

Aber trotzdem, glauben Sie mir: Auch als Satiriker hat man es schwer genug. Und damit meine ich nicht einmal die Schwierigkeiten beim Witzemachen. Also, schon auch. Weil, man müht sich ab an elaborierten Scherzen, zermartert sich das Hirn über spitze Pointen, freut sich dann recht, wenn man das Gefühl hat, dass sie einem gelungen sind … Und dann veröffentlicht irgendwer von der Konkurrenz einfach die Ministerliste der FPÖ. Da kann man nur abstinken.

Aber es gibt manchmal auch andere Probleme. So musste ich vor diesem Dinner erstmalig in die Gestaltung des Menüs eingreifen, obwohl das nun wirklich nicht meine Kernkompetenz ist. Aber heuer galt es, eine wirklich peinliche Situation zu vermeiden. Ich meine, verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin ja an sich an Peinlichkeiten gewöhnt. Immerhin heißt mein Chef seit 20 Jahren Christian Rainer. Aber in diesem Fall wäre sie zu groß gewesen. Auf dem Menü stand nämlich ursprünglich beim Hauptgang: Branzino.

Wie ich das gesehen habe, habe ich sofort in unserer Event-Abteilung angerufen und gesagt: Leute, seid’s ihr narrisch? Das geht nicht! Kein Branzino!
Sagen die: Warum nicht, was ist falsch an Branzino?
Sag ich: Na ja, der Kurz kommt!
Sagen die: Na und? Wo ist das Problem?
Sag ich: Hallo? Wie kommt denn der Branzino zu uns? Mittelmeerroute!!

Aber immerhin haben wir jetzt auch bald einen Bundeskanzler mit einer Trademark. Wir müssen nicht mehr auf die Deutschen neidig sein. Angela Merkel hat die Raute – und wir eben die Route.

Die letzte Wahl hat ja viel verändert. Das ist jetzt überhaupt das Generalthema: Veränderung. Es wird sich was ändern im Land. Das muss nicht schlecht sein. Kann es aber. Auch für einige unserer heutigen Gäste wird sich was ändern. Und beinahe hätte sich auch schon für mich etwas geändert. Nämlich insofern, als an meiner Stelle ein anderer Büttenredner dagestanden wäre: Horst Pirker.


Wir haben heute einige Minister unter uns, die nach menschlichem Ermessen bald keine mehr sein werden. Weil, dass das mit ÖVP und FPÖ – oder wie man in der Kurzform sagen könnte: mit Bumbasti – dass das also nichts wird, da müsste es ja mit dem Teufel zugehen.

In den vergangenen Jahren hat mir mein Mehrheitseigentümer praktisch nach jeder Rede hier erklärt, dass er ja auch ein ziemlich lustiger Kampl ist. Dass er schon lange mit dem Gedanken schwanger geht, öfter einmal etwas Satirisches zu schreiben. Und dass er das, was ich jetzt gerade mache, also auch gut könnte. Zuerst war ich natürlich schon ein wenig gekränkt, dass er mir offenbar den Rang ablaufen will, aber erstens besitzt er nun einmal mehr als die Hälfte von mir, und zweitens gilt natürlich auch bei Satire: Das Bessere ist der Feind des Guten. Und dann wollte ich halt nicht so sein und habe ihm sogar noch einen Tipp für seine noch junge Karriere mitgegeben. Ich habe gesagt: Herr Pirker, ich kann mir gut vorstellen, dass Sie viele Leute zum Lachen bringen. Aber: Es sollte schon absichtlich sein.

Und heute ist er nicht gekommen. Ich weiß jetzt auch nicht, warum.

Aber zurück zu den Veränderungen, die wirklich passieren. Wir haben heute einige Minister unter uns, die nach menschlichem Ermessen bald keine mehr sein werden. Weil, dass das mit ÖVP und FPÖ – oder wie man in der Kurzform sagen könnte: mit Bumbasti – dass das also nichts wird, da müsste es ja mit dem Teufel zugehen. Oder auch mit der anderen Seite. Wenn die Koalitionsverhandlungen jetzt scheitern sollten, dann würde man im Stephansdom auf einmal so viele Linke Kerzerln anzünden sehen, dass man erst zu Weihnachten wieder „Brand aus!“ geben könnte.

Thomas Drozda wird bald nur mehr einfacher Abgeordneter sein. Er könnte aber, so hört man, wenigstens auch noch neuer SPÖ-Bundesgeschäftsführer werden. Da würde er ein schweres Erbe antreten. Denn es ist weder gesichert, ob er mit dem taktischen Geschick von Georg Niedermühlbichler mithalten kann, noch, ob ihm der Aluhut von Christoph Matznetter nicht ein paar Nummern zu groß ist.

Jörg Leichtfried hat leider noch kurzfristig abgesagt. Wahrscheinlich, weil er das Match mit Alois Stöger um den Titel des Ministers, den die wenigsten Leute erkennen, noch in letzter Sekunde gewinnen will.

Aber, wenn wir schon bei der SPÖ sind: Wir haben heute auch den Wiener Bürgermeister unter uns. Also, nicht denjenigen, der sich in statu abeundi befindet. Nein, ich meine den nächsten. Andreas Schieder, Michael Ludwig, Jürgen Czernohorszky – suchen Sie sich einen aus! Wenn Sie wollen, können wir nachher auch gern so tun, also wären wir der Parteitag der Wiener SPÖ – und eine Kampfabstimmung machen. Der Andi Mailath zählt dann durch.

Für manche unserer Gäste ändert sich sogar noch mehr. Wobei, es gibt ja immer wieder einmal die Debatte, ob man über jemanden Witze machen darf, der eh schon auf dem Boden liegt. Weil es halt nicht sehr anständig ist. Überhaupt nicht politisch korrekt. Also bin ich in mich gegangen, wirklich grundlegend. Sicher so zehn, fünfzehn Sekunden. Und dann zu dem Schluss gelangt: Wurscht! Ich darf also im Lichte dieser Entscheidung herzlich begrüßen: Werner Kogler, nunmehr Bundesparteichef der Grünen. Oder, wie es in der Wirtschaft heißt: Masseverwalter. Es ist eben nie zu spät für den zweiten Bildungsweg.

Wobei, ich mache mich zwar über die Grünen lustig, aber ich bin kein völliger Unmensch. Also ja, Herr Kogler, Ihrer Bitte wird entsprochen. Sie dürfen nachher ein Menage-Reindl für den Julian Schmid mitnehmen. Er wird’s brauchen, der Arme. So ganz ohne Mandat, in dieser kalten, neoliberalen Welt.


Es könnte gut sein, dass die FPÖ auch den Posten des Justizministers bekommt, auf dass dann in unserem verweichlichten Rechtssystem endlich für Ordnung gesorgt wird. Mit modernsten Mitteln wie Teer, Federn und Daumenschrauben.

Für alle, die diesen Namen schon wieder vergessen haben – und dies nicht völlig unberechtigterweise: Das ist jener Mann, der bei dem jetzt schon legendären Bundeskongress der Grünen Peter Pilz den vierten Listenplatz weggeschnappt hat. Mit bekannten Folgen. Und da zeigt sich auch wieder einmal die Richtigkeit des Satzes: „Wenn zwei das Gleiche tun, ist es noch lange nicht dasselbe.“ Peter Pilz hat die Grünen aus dem Parlament geschmissen. Und Sebastian Kurz die Schwarzen. Aber die sind deshalb komischerweise viel weniger angefressen.

Womit wir bei den Änderungen bei der ÖVP sind. Manche waren was, andere werden was. Harald Mahrer zum Beispiel ist schon etwas geworden, er beerbt Christoph Leitl. Herzliche Gratulation dazu. Jetzt müssen Sie nur noch lernen, so zu grinsen, dass Sie dabei ein Salzstangl quer in den Mund bringen. Und sogar Gernot Blümel dürfte irgendwas werden. Herr Blümel! Ich bin so froh! Wir haben uns schon solche Sorgen gemacht! Ihre Mutter und ich.

Andere wiederum treten ab, Sophie Karmasin zum Beispiel wird nicht mehr Familienministerin sein. Sie ist noch nicht da, auf meiner Zusagenliste ist vermerkt: „Kommt später, landet erst um 19 Uhr.“ Na ja klar, die Bonusmeilen wollen schließlich auch noch verbraucht werden. Wär ja schad.

Bei Wolfgang Brandstetter weiß man es noch nicht so genau. Es könnte gut sein, dass die FPÖ auch den Posten des Justizministers bekommt, auf dass dann in unserem verweichlichten Rechtssystem endlich für Ordnung gesorgt wird. Mit modernsten Mitteln wie Teer, Federn und Daumenschrauben. Eines wird Brandstetter aber in Bälde mit Sicherheit nicht mehr sein, nämlich Vizekanzler. Das wird ihn nicht allzu stark schmerzen, obwohl er in dieser Rolle durchaus für Furore gesorgt hat. In einer profil-Geschichte wurde er vor einigen Monaten als „kauzigster Vizekanzler seit Herbert Haupt“ bezeichnet. Wobei der entscheidende Unterschied ist: Wenn Herbert Haupt etwas gefragt wurde, dann folgte ein Satz, dessen Ende ungefähr mit jenem der Legislaturperiode zusammenfiel. Sämtliche Antworten auf die Fragen hingegen, die an Wolfgang Brandstetter in seiner Funktion als Vizekanzler gerichtet wurden, kann man im Wesentlichen so zusammenfassen: „Öh … Keine Ahnung.“
HC Strache will unbedingt Innenminister werden. Da gibt es viele Leute, die Vorbehalte haben: der Bundespräsident, viele Kommentatoren … Aber an der Spitze dieser Widerstandsbewegung steht dem Vernehmen nach ein gewisser Wolfgang Sobotka. Es ist nur leider sehr fraglich, ob das was nützen wird.

Was machen wir also mit Ihnen, Herr Sobotka? Zum AMS können wir Sie nicht schicken, die haben schon genug Wickel dort. Und ich glaub auch, diese „Aktion 20.000“ für ältere Arbeitslose, die ist voll. Also, wenn man der 20.001 ist, hat man Pech. Das ist wie bei der Flüchtlingsobergrenze.

Eine Zeit lang wurde kolportiert, Wolfgang Sobotka könnte Nationalratspräsident werden. Das wird jetzt Elisabeth Köstinger. Auch eine erstaunliche Karriere. An ihrem ersten Tag im Nationalrat darf sie sich gleich auf den Chefsessel setzen. Seit ich das gehört habe, bin ich noch beleidigter, dass ich nicht der Nachfolger von Marcel Koller geworden bin. Hoffentlich kommt Elisabeth Köstinger morgen zu ihrer Kür nicht zu spät. Weil, wenn sie bei Google Earth nachschaut, wo eigentlich dieses Parlament ist – dann steht sie ja nachher auf der Baustelle und nicht im Ausweichquartier in der Hofburg.

Ich schweife ab, wir haben immer noch keinen Job für Herrn Sobotka. Als möglicher neuer Verteidigungsminister wurde er ebenfalls genannt. Weil Hans Peter Doskozil ist nicht, wie an sich zu erwarten gewesen wäre, fliegend zur FPÖ gewechselt, sondern geht zurück ins Burgenland, um dort irgendwann nächster Landeshauptmann zu werden. Das heißt also, er wechselt nicht fliegend zur FPÖ – sondern fließend.

Jetzt weiß man aber nicht, ob ein Verteidigungsminister Sobotka nicht vielleicht umgehend mit ihm treu ergebener niederösterreichischer Infanterie das rot-grüne Wien einkesseln würde. Das ist möglicherweise sogar Sebastian Kurz zu riskant. Bei aller offen zur Schau getragener Liebe zu seiner Heimatstadt. Bliebe also als letzte Möglichkeit für Sobotka das Bildungsministerium. Immerhin ist er einmal Lehrer gewesen. Und da muss ich jetzt ausnahmsweise einmal einen Scherz klauen, der mir auf Facebook untergekommen ist (© Klaus Oppitz), aber den brächte ich auch nicht besser zusammen:
„Sobotkas erste Amtshandlung als Bildungsminister wäre wahrscheinlich, in die Kreuze in den Klassen Überwachungskameras einzubauen.“
Also ich glaub ehrlich gesagt, Bildungsminister wird er auch nicht. Was er meiner Meinung nach wird, verrat ich Ihnen gleich.


Manchmal wird sogar geraunt, dass wir deswegen so bumbasti sind, weil Christian Rainer auf einen Job im Kabinett Kurz spitzt. Ich kann Ihnen versichern: Das sind Fake News.

Weil jetzt kommen wir zu dem Mann, der an der Spitze der Veränderungs-Nahrungskette steht: Sebastian Kurz. Wissen Sie, wir bei profil werden ja für vieles geprügelt, man gewöhnt sich dran. Entweder sind wir rote Socken oder schwarze Gummistiefellecker, je nachdem. Im Moment wirft man uns in den asozialen Medien vor allem vor, wir seien zu freundlich zu Sebastian Kurz. Auch mir. Dabei hat mich mein Gewissen in dieser Hinsicht eigentlich bis jetzt ganz gut schlafen lassen. Im aktuellen Heft zum Beispiel ist meine große Kolumne ein trautes Zwiegespräch zwischen Kurz und Strache, und ich gehe doch davon aus, dass beide schon mehr gelacht haben. Aber vorne, in der kleinen, wesentlich kürzeren Glosse, habe ich über Christian Kern und sein Selfie mit Dreitagesbart beim Konzert von Nick Cave gewitzelt. Also ein nicht eben weltbewegendes Thema. Aber mehr hab ich nicht gebraucht. Ich darf stellvertretend zwei Facebook-Postings von kritischen Lesern dazu zitieren: „Typisch profil! Zuerst Schwarz-Blau hochschreiben und dann auch noch dem Zweiten hintennach treten!“

Und das zweite, noch kritischere: „Ich sorniere Profil! Dan Rainer Nikowitz kann man nicht mehr lesen!!!! Soooooo einseitige, subjektive Geschichten schmerzen im Kopf. Also: unsymatisch!!!!!!“

Das mit den Kopfschmerzen glaube ich der Dame, die das geschrieben hat, ungschaut. Aber wenn wir jemals so viele Abonnenten gehabt hätten, wie ständig auf Facebook sornieren, dann würde dieses Dinner heute synchron in Hofburg, Schloss Schönbrunn und auf dem Salzburger Domplatz stattfinden. Und übermorgen nicht in den Zeitungen stehen, sondern in den Paradise Papers.

Manchmal wird sogar geraunt, dass wir deswegen so bumbasti sind, weil Christian Rainer auf einen Job im Kabinett Kurz spitzt. Ich kann Ihnen versichern: Das sind Fake News. Wobei, nicht, dass er nicht die Qualifikation dafür hätte. Aber trotzdem will ich hier und heute ein für allemal klarstellen: Christian Rainer wird nicht Stylingberater von Sebastian Kurz. DAS wird nämlich der Sobotka.

Und er wird’s nicht schlecht machen. Der Erwin Pröll hat noch so viele gute Anzüge im Kasten, die er jetzt nicht mehr braucht.

An Sebastian Kurz scheiden sich die Geister, das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen, das wurde im Wahlkampf und auch danach hinreichend durchdekliniert. Die Bandbreite reicht von Gott bis Gottseibeiuns. Ah, übrigens Herr-in-spe-Bundeskanzler: Uns geht hier leider bald der Wein aus. Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Wahrscheinlich wegen der ganzen ÖVPler hier, die sich die FPÖ schönsaufen.

Wir haben also draußen im Gang ein paar Kübel Wasser hingestellt – könnten Sie dann kurz vorbeigehen und … Sie wissen schon. So wie damals in Kanaan halt. Super, danke!

Eine interessante Wortmeldung zur Beschaffenheit von Sebastian Kurz gab es erst jüngst, und zwar von Matthias Strolz von den NEOS. Er hat gesagt: „Das ist eindrucksvoll und zugleich abschreckend: Als wäre ein Androide im Amt.“

Jetzt könnte man natürlich sagen, dass man andere vielleicht besser nicht mit Maschinenmenschen vergleichen sollte, wenn man selber der Duracell-Hase ist. Aber mich treibt jetzt schon die Frage um: Ist Sebastian Kurz vielleicht in Wirklichkeit der Terminator? Muss Renate Brauner zur Sarah Connor der SPÖ werden, um ihn zu stoppen? Und schließlich: Verabschiedet sich Kurz von Strache nach einer wieder einmal ausnehmend amikalen Verhandlungsrunde mit einem zärtlichen: „Hasta la vista, Baby!“?

Wobei: Der würde das ja nicht einmal verstehen. Mahlzeit!