Eine Grazer Gesamtschule schneidet besser ab als vergleichbare Gymnasien

Eine Grazer Gesamtschule schneidet besser ab als vergleichbare Gymnasien

Warum eine Grazer Gesamtschule für Zehn- bis 14-Jährige in allen Belangen besser abschneidet als vergleichbare Gymnasien. Ein Lokalaugenschein.

So wie sie da steht, ist diese Schule ein Moloch. In einem ehemaligen Gewerbeviertel im Westen von Graz, einer Gegend ohne Schönheit und Charakter, schwingt sich ein glänzendes Blechdach über einen riesigen Flachbau. Oberhalb einer Fassade aus Glas prangt blaues Gestänge aus Stahl, über die gesamte Länge. Und ein Fahrradabstellplatz für hunderte von Rädern gibt zu verstehen: Hier wird Wissen vermittelt – und zwar in großem Stil.

Mehr als 800 Schüler und Schülerinnen im Alter von zehn bis 18 Jahren strömen täglich in die „Klusemannstraße“. Rund 100 Lehrer und Lehrerinnen unterrichten hier an der sogenannten Neuen Mittelschule – zugleich auch Gymnasium und Realgymnasium.

Es ist früh am Morgen, die Schulglocke ist eben verklungen, doch keines der Kinder hier rennt um sein Leben die Treppen hinauf, die Treppen hinunter, ins Kellergeschoß mit den 828 pinkfarbenen Spinden, die Gänge entlang und in die Klassenzimmer hinein – weil es vielleicht zu spät dran sein könnte. Nur ein Junge im Rollstuhl rast dahin.
Viele Klassentüren stehen sperrangelweit offen. Auch auf den weiten Gängen lungern Mädchen und Buben um rote und gelbe Glastische, Köpfe über Bücher gebeugt, mit dem Nachbarn auf Englisch konversierend. Licht vom Winterhimmel fällt über die Glasfront ein. Es murmelt, summt, schrillt und tönt durchs ganze Haus.
In den Klassenzimmern stehen Schulbänke, wie es sie immer schon gab, mit einer Vertiefung fürs Federpennal und Raum für zappelnde Beinchen. Im Englischunterricht stehen, wie in allen Hauptfächern der Unterstufe, zwei Lehrer oder Lehrerinnen vor der Klasse.
Renate Schnelzer und Monika Haring sind seit 15 Jahren ein Team, zu einem mehrgestaltigen Wesen verschmolzen. Ein Blick genügt, ein Wink, und eine vollendet den Satz der anderen. „Von innen heraus haben wir eine gemeinsame Idee des Unterrichtens“, sagt Schnelzer. Die beiden strahlen Ruhe und Sicherheit aus, befleißigen sich einer Aussprache, die eines Radiosprechers würdig wäre, und sind „bloߓ Hauptschullehrerinnen.
In einer anderen Klasse ist die erfahrene Schnelzer, die sich im 40. Dienstjahr befindet, mit der jungen Julia Schindelka, einer AHS-Lehrerin, zusammengespannt. Hier kommt es vor, dass die Frauen einander ins Wort fallen oder ratlos ansehen.

Glücksfall
„Teamteaching“ ist hohe Kunst, kein Wettbewerb um Beliebtheit oder Autorität. Man muss es aushalten, dass der andere für manches begabter ist als man selbst, und sich ohne Hochmut der eigenen Stärken bewusst sein. Die ungleiche Bezahlung macht es nicht leichter. Hauptschullehrer bekommen weniger.

Für engagierte Lehrer war die „Klusemannstraße“ ein Glücksfall. Der steirische ÖVP-Landesschulratspräsident Bernd Schilcher, der sich selbst aus kleinen Verhältnissen nach oben gekämpft hat, war Ende der 1980er-Jahre auf die verzweifelte Suche nach einem Gymnasium gegangen, das sich mit Hauptschulen gemeinsam auf das Abenteuer einer Gesamtschule einlassen wollte. Er fand keines. Und so wurde ein neues Gymnasium – im Schulversuch war von einer „demokratischen Schule“ die Rede – auf die Wiese gestellt.
Die „Klusemannstraße“ ist heute ein Abbild der Grazer Gesellschaft in den Westbezirken von Graz mit einem Ausländeranteil von 20 Prozent. Auf die soziale Balance wird geachtet: Es werden gezielt auch Kinder aufgenommen, die mit schlechten Noten die Volksschule abgeschlossen haben und die, wie Direktor Klaus Tasch sagt, bisweilen später wie Raketen durchstarten. Und es gibt hier Kinder, die eine körperliche oder geistige Behinderung haben.
Selbst in jenen Klassen, in denen vom ersten Jahr an alle Fächer teilweise in Englisch unterrichtet werden, sitzen keine handverlesenen Sprachgenies, sondern Kinder, deren Eltern das wollten und die sich an den Sprechtagen auch sehen lassen.

Elitärer als in der „Klusemannstraße“ geht es in ihrer Dependance, der ehemaligen „Marschallschule“, heute „Klex“ genannt, zu. In einer Gegend in Graz, in der immer schon arme Leute wohnten. Vor zwei Generationen noch galt der alte Kasten als schwierige Unterrichtsschule. Heute wird dort mit offenen Lernformen experimentiert. Was auf den ersten Blick nach abgehobener Pädagogik riecht, erweist sich als radikale Weiterentwicklung der „Klusemannstraße“ – mit dem Wermutstropfen, dass hier ganz offfensichtlich der Nachwuchs von Bessergestellten, jedenfalls Akademikereltern, den Ton angibt.

„Klusemann“ und „Klex“
Betritt man frühmorgens die Schule, stolpert man überall über Kinder. Sie haben sich auf Matratzen gefläzt, auf Couches zusammengerollt, schauen in Bücher oder in die Luft, sitzen sittsam an Tischen oder allein in einer Koje und lesen. Gern liegen sie auch auf grünen Matten am Boden. Zwei Mädchen in Bauchlage, stecken die Köpfe zusammen, stützen sich auf und schreiben etwas in ihre Hefte, in höchster Konzentration, Zunge zwischen den Lippen. Das Federpennal ist offen, die Stifte sind verstreut. Das Sweatshirt kringelt sich am Boden. Eine andere Gruppe konjugiert spanische Verben, nur so, weil eines der Mädchen Spanisch als Muttersprache hat. In der Wohnlandschaft gibt es Regale voll mit Büchern, Spielen und Karteiboxen. Hier lernen rund 200 Kinder mit 40 Lehrern.
Klaus Tasch, Direktor und Mathematik-lehrer, ist seit 2004 für beide Schulen verantwortlich. Er wirkt in diesem Amt wie eine seltene Tierart. Ruhig, sanft, mit leiser Stimme, fast etwas lethargisch spricht er über „Klusemann“ und „Klex“, die vor einem Jahr als „beste Schule Österreichs“ ausgezeichnet wurde. Bei den vergangenen Mathematik- und den erst vor Kurzem veröffentlichten Englischtests schnitt die „Klusemann“ besser ab als Grazer Gymnasien.

Seine andere Seite zeigte Tasch im Dezember 2013 in einem Gastkommentar für profil , in dem er unter dem Titel „Fremdschämen“ die AHS-Lehrergewerkschaft scharf angriff, die ihrerseits einen noch nie da gewesenen Shitstorm auf ein Profil-Cover ( „Die Lehrer und ihre Gewerkschaft“ ) losgelassen hatte. Die meisten seiner Lehrer standen wohl hinter ihm, doch nicht alle. Es gab es ein kleines Erdbeben. „So etwas geht vorbei“, sagt Tasch in aller Gemütsruhe.
Auf dem ordentlichen Dienstweg wäre einer wie er niemals Schuldirektor geworden. Tasch war in einer Notsituation eingesprungen und dann wiederbestellt worden.
Er hat die Unterrichtsstunden um fünf Minuten verkürzt und dafür verpflichtende Stunden zur Planung des Teamteaching eingeführt. Er managt seine Schule nach der Überzeugung, dass Angst und Pflichterfüllung kein guter Antrieb sind und dass es sich unsere Gesellschaft weder moralisch noch ökonomisch leisten kann, Kinder durch zu frühe Selektion im Nichts stranden zu lassen.
Er hat für jedes Kind ein Stärkenprofil eingeführt und gesehen, dass es manchen Kindern ziemlich schwer fällt, stolz zu sein auf das, was sie können.

Tasch hasst pädagogische Dogmen, doch hält er das Marshmallow-Prinzip für bedenkenswert. In diesem Experiment, das ein Österreicher erfand, wurde vierjährigen Kindern ein Marshmallow in die Hand gedrückt und gesagt, sie würden ein zweites kriegen, wenn sie das erste eine Viertelstunde lang nicht anrührten. Eines von drei Kindern konnte sich so lange beherrschen. In Nachfolgeuntersuchungen stellte sich heraus, dass jene Kinder, die auf die schnelle Lust verzichtet hatten, später beruflich erfolgreicher waren.
Im „Klex“ haben sich Schüler, Eltern und Lehrer nun auf das Wagnis eingelassen. Jedes Kind hat eine Mindmap mit den Lernzielen seiner Schulstufe, die regelmäßig überprüft werden. Einmal in der Woche hält der Lehrer eine Theoriestunde. Viele lernen lieber mit Büchern, allein oder in Gruppen oder fragen einen der Lehrer, die immer greifbar sind. Manche haben Probleme mit dem offenen Lernen und versinken in ihrer Welt, träumen dahin. Da helfe es schon, wenn sich ein Erwachsener dazu setze, sagt Tasch. Und es sei ein Vorurteil, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten sich damit schwerer täten als andere.
Das „Klex“ vermittelt Tugenden, die in Chefetagen gefragt sind: Individualität, Initiative und soziale Kompetenz. Nur die populäre Jugendkultur ist im „Klex“ nicht so richtig sichtbar. An den Wänden hängen Zeichnungen und Geschichten von altbackenen Mythen und Märchen – eine Mischung aus Pseudoweisheit und läppischer, rührender Unmündigkeit. Bei den Gleichaltrigen in der eher proletarischen „Klusemann“ sind Miley Cyrus, Justin Timberlake, Megan Fox, Ronaldo und Messi die Stars.

Bild: Michael Rausch-Schott für profil