Eine Sammlung, die keiner will

Im Depot des Naturhistorischen Museums befinden sich Haarproben jüdischer NS-Opfer. Was soll damit geschehen?

Drucken

Schriftgröße

Diese Geschichte erschien erstmals am 25. 9. 2017 im profil Nr. 39/2017

In einem Interview mit der "Neuen Zürcher Zeitung“ erwähnte die britische Anthropologin Emma Tarlo vor Kurzem beiläufig, sie habe im Zuge ihrer Recherchen zur Kulturgeschichte des Haares eine befremdliche Entdeckung gemacht: "Im Naturhistorischen Museum in Wien sah ich Haarbüschel, die jüdischen Gefangenen in den 1930er-Jahren abgeschnitten wurden.“

Die meist kurzen Strähnen stammen aus einer sogenannten "rassekundlichen“ Untersuchung aus den letzten Septembertagen des Jahres 1939. Mehr als 1000 jüdische Männer, die ursprünglich aus Galizien nach Wien gekommen waren, wurden drei Wochen lang im Wiener Praterstadion interniert, im Sektor B, unter den Tribünen. Kurz vor ihrer Deportation kam eine Abordnung der anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums unter Führung ihres Chefs Josef Wastl mit Messgeräten ins Lager. In wenigen Tagen wurden 404 jüdische Männer vermessen und fotografiert. Einem Teil von ihnen wurden Haarsträhnen abgeschnitten, einigen, die den Wissenschaftern offenbar besonders prototypisch erschienen, wurden Gipsabdrücke ihres Gesichts genommen. Dies alles geschah in großer Eile, denn das Fußballstadion musste für ein Freundschaftsspiel geräumt werden.

Die "Haar-Sammlung“ des Museums ist heute in eine finstere Nische eines riesigen Saales verbannt, an dessen Wänden Hunderte Totenköpfe aufgereiht sind und in dessen Mitte an Tischen gearbeitet wird. Margit Berner, Kuratorin in der anthropologischen Abteilung des Museums, weist betreten in eine Ecke, die wie eine offene Rumpelkammer aussieht. Hier stehen Kästen aus dunklem Holz, die Läden durchnummeriert. Blaue und weiße Kuverts, im Lauf der Zeit verwittert, werden durch Gummiringe zusammengehalten. Man wagt es kaum, einen Blick hineinzuwerfen: zu intim, zu persönlich, unter Zwang abgenommen. Ein dazugehöriges Protokollbuch verrät, wie der Mann hieß, woher er kam und wie alt er war. Das Buch ist in blau-weiß gestreiften, rauen Stoff gebunden - wie der Drillich der KZ-Kluft.

Mehr als 5000 Haarproben sind hier gelagert. Der Großteil stammt von Gefangenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges, denen in manchen Fällen Haupthaar, Achselhaar und Schamhaar abgenommen wurde. Seit 1997 ist Berner mit der Erforschung der "sensiblen Sammlungen“ betraut. Sie war die Erste, die Gipsmasken aus den Kisten hob, Haarproben und Messblätter, auf denen Kopflänge, Kopfbreite, Stirnbreite, Ohrhöhe, Gesichtshöhe, Nasenbreite, Körperhöhe Gebisstyp, Fingernägelform, Haarform usw. eingetragen sind - 300 Merkmale, aus denen dann "Rassen“ konstruiert wurden. Berner war fassungslos. "Aus biologischer Sicht gibt es keine Rassen“, sagt sie.

Die Anthropologen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts hatten von "Rassen“ unter den Völkern gesprochen, sie in höhere und minderwertige geschieden. Sie hatten der nationalsozialistischen Ideologie zugearbeitet und sich indirekt an Menschheitsverbrechen beteiligt.

Das Museum besitzt auch menschliche Überreste aus der Kolonialzeit. Einiges davon wurde in den vergangenen Jahren repatriiert. Der "Tasmanier-Schädel“ befindet sich in einem Rückgabeverfahren. Eines der beschämendsten "Exponate“ erübrigte sich von selbst. Angelo Soliman, ein im 18. Jahrhundert aus Nigeria verschleppter Angehöriger der Kanuri, der als Kammerdiener am Hof Kaiser Franz Josephs II. großes Ansehen erworben und sich eine bürgerliche Existenz aufgebaut hatte, landete nach seinem Tod ausgestopft und als "Wilder“, nur mit Lendenschurz und Muschelkette angetan, im Naturalienkabinett. Mit dem Brand des Museums 1848 ging auch "Soliman“ in Flammen auf.

Die Besessenheit, den Menschen zu vermessen und zu kategorisieren, erreichte in der NS-Zeit ihren Gipfelpunkt. In Kriegsgefangenenlagern sahen die Wiener Anthropologen eine "einmalige“ Gelegenheit, "verschiedene rassische Gefüge“ zu untersuchen - "um so mehr als die selbstverständliche militärische Disziplin a priori gewisse Schwierigkeiten wegräumt, die bei zivilen Untersuchungen nicht zu vermeiden und immer wieder störend sind: Notwendigkeit von Ganz-Nackt-Photos, Vermessungen an nackten Körpern, Gipsabformungen des Schädels und anderer Körperteile“, so der damalige Schriftverkehr.

Bei den Juden musste nicht gefragt werden. Nach der Prateraktion ließ der Chefanthropologe Wastl 1942 jüdische Gräber in Wien schänden, um an "Material“ heranzukommen. Er kaufte "Schädel und Gipsabgüsse“ von jüdischen KZ-Opfern und polnischen Widerstandskämpfern aus Posen zu. Mit "Rassegutachten“ verschaffte er sich ein lukratives Nebeneinkommen. 1947 wurde Wastl zwangspensioniert. Obschon als Illegaler für die NSDAP tätig gewesen, galt er als "minderbelastet“. Im Museum war Wastl weiterhin als Konsulent tätig. Seine Mitarbeiter, mit denen er die Juden vermessen hatte, blieben gänzlich unbehelligt.

Wastl war nach 1945 ein gefragter Gerichtsgutachter in Vaterschaftsangelegenheiten, für die er dieselben Formulare mit denselben Merkmalen verwendete, die ihn in der NZ-Zeit geleitet hatten. Er war Vizepräsident der Anthropologischen Gesellschaft in Wien. Als er 1968 starb, bekam er einen ehrenvollen Nachruf. Über die Juden im Praterstadion schwieg man diskret.

Eine Untersuchung an Juden im Ghetto von Tarnow aus dem Jahr 1942 hatte Johann Szivassy, der langjährige Leiter der anthropologischen Abteilung, noch in den 1970er-Jahren dem Naturhistorischen Museum einverleibt. 1978 richtete er einen "Rassensaal“ für die Besucher ein. Erst nach internationalen Protesten und einem Interview, in dem Szivassy seine Geisteswelt offenbarte, indem er vor "Mischehen“ von Österreichern mit Migranten warnte, wurde dem Nazi-Geist ein Ende gemacht.

In dieser Zeit begann Berner zu recherchieren, was mit den 1000 Menschen aus dem Praterstadion geschehen war. Sie waren in Viehwaggons nach Buchenwald deportiert worden und bis auf zwei Dutzend allesamt ermordet worden. Es gelang Berner, gemeinsam mit der Historikerin Claudia Spring, mit zwei Überlebenden, die als 16-Jährige vermessen worden waren, Kontakt aufzunehmen. Einer von ihnen, Gershon Evan, kam ins Museum und nahm seine Gesichtsmaske entgeistert in die Hand. Nach längerem Nachdenken entschied er, sie solle im Museum bleiben. "Das ist eure Geschichte“ sagte er. Dieser Ansicht waren auch viele Nachkommen, mit denen Berner gesprochen hat. Sie baten um Fotos, doch keiner wollte die Haarproben des Vaters oder Großvaters an sich nehmen.

Die Masken wurden schon öfter für Ausstellungen verliehen. Aber was tun mit den Haaren? Darf man sie zeigen? Sollten sie nicht bestattet werden? Nach jüdischer Ansicht sind Haare, die einem Menschen zu Lebzeiten genommen wurden, keine menschlichen Überreste. Doch Haare besitzen in allen Kulturen eine ungeheure Symbolkraft. Auch in der Gedenkstätte Auschwitz, wo Berge von Haaren der in den Gaskammern Ermordeten gezeigt werden, ist dieser Anblick für viele Besucher der anrührendste und schockierendste Moment. Im Vorstand des Holocaust-Memorials in Washington entschied man sich nach heftigen Debatten unter Nachkommen von NS-Opfern, Haare nicht auszustellen und nur eine Fotografie von ihnen zu zeigen.

Was soll nun das Naturhistorische mit seiner Sammlung tun? Was man zeige und in welchem Kontext, sei eine schwierige Frage, sagt Berner. Sie habe darauf keine Antwort. Nur eines sei gewiss: "Wenn man es entsorgt, entsorgt man auch die Geschichte und ihre Schande.“

Christa   Zöchling

Christa Zöchling

war bis 2023 in der profil-Innenpolitik