Enttäuschte Eltern gründen eine etwas andere Schule

Enttäuschte Eltern gründen eine etwas andere Schule

Eltern, die sich von der Bildungspolitik nichts mehr erwarten, haben sich in Wien eine völlig neue Schule erschaffen. Richtige Lehrer gibt es nicht, die sogenannten Lernbegleiter helfen den Kindern beim selbständigen Wissenserwerb. Ein Modell für die Zukunft?

Dieser lauernd-ängstliche Blick verfolgt Florence Holzner. Sie kennt ihn von Kindern, die eine normale Volksschule hinter sich haben. Und von Jugendlichen, die im Gymnasium brav ihre Schularbeiten abliefern. Oft seien sie verstört, seltsam lustlos, und wehe, man fange an, mit ihnen über Literatur oder Mathematik zu räsonieren. Dann flackere in ihren Augen etwas wie Panik auf, sie könnten mit ihren Ansichten danebenliegen und am Ende nicht genügen.

Holzner ist die pädagogische Leiterin einer alternativen Schule in einer ehemaligen Druckerei in Wien-Erdberg, die sich nicht Schule nennt, sondern Colearning Space; eine Lehrerin, die keine traditionelle Lehrerin sein will; eigentlich ist sie eine Funkenmacherin. Oft dauere es ein, zwei Jahre, bis das Feuer in die Blicke der Kinder zurückkehre, sagt sie, die Neugierde, die sprungbereite Wachheit, die einmal gewesen sein muss: "Wenn es so weit ist, weiß ich, dass wir erst bei null stehen. Dann können wir anfangen zu lernen."

Die Schule vergessen, um sie neu zu erschaffen: Es ist eine aus der Enttäuschung über Jahrzehnte des bildungspolitischen Stillstands geborene Idee. Vor drei Wochen führten Florence Holzner, Stefan Leitner-Sidl und Roland Dunzendorfer einige Journalisten und Kameraleute über das mehr als 2000 Quadratmeter große Areal. In der Küche hantierten Kinder mit Messern und Kochlöffeln. Es roch nach frischer Wandfarbe. Noch waren nicht alle Schachteln ausgepackt. Möbel fehlten. Das passte zu dem Projekt, das nichts Endgültiges darstellen will, sondern ein Experiment mitten im echten Leben ist.

Rechtlich betrachtet handelt es sich um häuslichen Unterricht

Auf Foldern, die Besuchern ausgehändigt wurden, steht: "Markhof. Das Dorf in der Stadt." Rund 40 Kinder zwischen sechs und 18 Jahren sollen hier alles lernen, was der offizielle Lehrstoff verlangt, begleitet und angespornt von einem 16-köpfigen Team. Die Erwachsenen unterrichten hier nicht, sondern helfen beim selbstständigen Wissenserwerb, deshalb heißen sie, etwas spröde, Lernbegleiter.

Rechtlich betrachtet findet im Wiener Markhof keine Privatschule statt, sondern häuslicher Unterricht, den der 2015 gegründete Verein Colearning organisiert. Weil das, was unter Schulpflicht firmiert, gesetzlich bloß eine Unterrichtspflicht ist, darf überall gelernt werden. Auch die Methode steht frei. Einzige Bedingung: Die Beherrschung des Stoffs muss durch Externistenprüfungen an einer öffentlichen Schule nachgewiesen werden.

MARKHOF-GRÜNDER Stefan Leitner-Sidl, Florence Holzner und Roland Dunzendorfer (v. li.)

Stefan Leitner-Sidl ist Vater von drei Buben und ein Pionier der Community-Arbeit. Er entwickelte den ersten Wiener Coworking-Space in der Schraubenfabrik für Menschen, die nicht nur einen Arbeitsplatz mit schnellem Internet suchen, sondern sich mit anderen austauschen , arbeiten und feiern wollen. Der Markhof ist für ihn nur die logische Fortsetzung des Gedankens, dass die arbeitsteilige Industriegesellschaft sich überlebt hat und einst strikt getrennte Sphären - die Fabrik zum Arbeiten, die Schule zum Lernen und rund um das Privatleben vier Wände - zusehends ineinanderfließen.

Die Schule ist wie ein Dorf aufgebaut

Früher hatten die Kinder am Land ein paar Stunden Unterricht und verbrachten den Rest ihrer Tage unter Handwerkern, Wirtsleuten, Greißlern oder am Bauernhof, halfen einmal da mit und schnupperten einmal dort hinein. Ein bisschen so soll es im Markhof sein. Es gibt einen gemeinsamen Garten, ein Besuchercafé, eine Einkaufsgemeinschaft für Bio-Lebensmittel, ein Seminar-und Eventzentrum, Ateliers, Werkstätten und 45 Arbeitsplätze zum Mieten. "It takes a village to raise a child." - Leitner-Sidl hat sich das afrikanische Sprichwort zum Motto gemacht: "Wir bauen das Dorf unserer Kindheit aber nicht einfach nach, sondern heben es auf die Ebene des 21. Jahrhunderts und verbinden es mit Urbanität." Nach drei Infoabenden waren alle Plätze weg, so groß war die Resonanz. Die meisten Eltern, die hier mitmachen, treibt die Hoffnungslosigkeit. "In den heimischen Schulen herrscht das Biedermeier. Weder ich noch meine Kinder werden es erleben, dass sich hier etwas ändert", sagt Ulla Mimura. Sie ist ausgebildete Volksschullehrerin. Die ältere ihrer Töchter, elf und acht Jahre, zögerte, in den Markhof zu wechseln: "Sie ist sehr ehrgeizig und wollte sichergehen dass das keine Laissezfaire-Tüdeldü-Hippie-Geschichte ist."


In den heimischen Schulen herrscht das Biedermeier. Weder ich noch meine Kinder werden es erleben, dass sich hier etwas ändert.

Das Hickhack rund um das Reformpaket der Bildungsministerin kostet die Dissidenten in der aufgelassenen Druckerei ein Schulterzucken. Sie sind gebildet, sozial gut vernetzt und zahlen -je nach sozialer Lage -zwischen 200 und 300 Euro Schuldgeld im Monat. Das ist halb so viel, wie eine elitäre Privatschule kosten würde, aber für viele immer noch eine Hürde. Mittel aus dem staatlichen Budget gibt es nicht. Noch arbeiten die Lernbegleiter ehrenamtlich. Geht der Businessplan auf, spielen die Vermietung der Arbeitsplätze oder Sommercamps für Kinder von außen Geld herein und sorgen gleichzeitig für soziale Durchmischung.

Die Markhof-Betreiber wollen nicht nur das Wohl ihrer eigenen Töchter und Söhne im Auge haben. Wer darüber nachdenke, wohin die Gesellschaft steuert, müsse sich dafür interessieren, was aus den nachrückenden Generationen wird, sagen sie. In ihren Gesprächen geht es viel um Beziehungsfähigkeit. Wer so wie der 15-jährige Noel ein berühmter Regisseur werden will, muss ein Set organisieren und andere mitziehen. Wer zu Mittag gut essen will, muss einkaufen und kochen. Mit diesen Lernaufgaben hole man Kinder aus der Konsumhaltung, sagt Leitner -Sidl: "Sie sollen merken, dass es nicht egal ist, ob sie da sind oder nicht." Die Vision der Viertagewoche ist im urbanen Dorf bereits verwirklicht: Gelernt wird von Montag bis Donnerstag von 8 bis 17 Uhr. Es beginnt mit freiwilligem Morgensport und gemeinsamem Frühstück -spätestens um 9 Uhr müssen sich alle eingefunden haben -, und es endet mit einer kollektiven Rückschau. Jeder hier soll entspannen. Fehler sind menschlich; nicht genügend gibt es nicht. Was nicht heißt, dass nicht viel gestritten würde: Wie viel Schlaf brauchen Kinder? Wie hält man es mit dem Rauchen? Wie dosiert man ihren Medienkonsum? Die Pädagogik speist sich aus alternativen Strömungen, von Waldorf über Montessori bis Lais-Bewegung, und entwickelt sich in täglichen Auseinandersetzungen weiter. Lernen wollen auch die Erwachsenen.

Vergangene Woche waren die älteren Kinder zu Praktika ausgeflogen. Drei Mädchen helfen bei Tierärzten mit. Ein Bursche schaut einem Mechaniker beim Reparieren amerikanischer Oldtimer über die Schulter. Die Jüngeren, die eben von einem Praterausflug zurückgekommen sind, erklären mit gespielter Entrüstung, dass sie hier eigenhändig putzen, als wollten sie testen, wie die ungewöhnliche Nachricht bei jemandem von außen ankommt. In ihren alten Schulen seien die Lehrerinnen "streng" oder gar "doof" gewesen; hier seien sie "viel netter".


Uns interessieren Noten nicht, uns interessiert, ob Wissen längerfristig behalten und praktisch umgesetzt werden kann. Das aber misst kein Test.

In fünf altersübergreifenden Gruppen tauchen die Kinder einige Wochen lang in ein Stoffgebiet ein. Das Ergebnis zeichnen sie auf Schaubilder. Es sind erfundene Geschichten über Literatur, Chemie oder Optik, die sie dann anderen Kindern übergeben, damit diese sie weiterspinnen. Die Älteren schauen auf die Jüngeren und schlichten bei Streit. Wenn es fachlichen Input braucht, holt man ehrenamtliche Vortragende oder startet kleine Expeditionen in die Praxis. Im Mai und Juni treten die Kinder in einer Mittelschule in Niederösterreich zur Externistenprüfung an. Es sind eher Präsentationen, die zeigen sollen, was sie gelernt haben. Dafür gibt es Zeugnisse und Noten von eins bis vier, aber keine Fünfer. Wer nicht überzeugt hat, darf noch einmal antreten.

"Uns interessieren Noten nicht, uns interessiert, ob Wissen längerfristig behalten und praktisch umgesetzt werden kann. Das aber misst kein Test", sagt Leitner-Sidl. Einmal im Jahr lädt man Angehörige, Freunde und Unterstützer zu einem Zeugnisritual der anderen Art: Die Kinder demonstrieren vor Publikum, was sie draufhaben. Künftig sollen auch Künstler, Unternehmer oder Wissenschafter dabei sein. Von ihnen erhoffen sich die Colearning-Vordenker Rückmeldungen, ob die Richtung stimmt. Unlängst entdeckten sie im Manifest des Wiener Bildungsstadtrats Jürgen Czernohorszky den Satz: "It needs a Grätzel to raise a child." Sollten sich am Bildungscampus der Zukunft nicht nur unterschiedliche Schultypen, sondern auch Ateliers oder eine Seniorenresidenz finden, könnten sie für sich reklamieren, einen Anstoß geliefert zu haben. Ein Funke Hoffnung lebt ja doch noch.