© Alexandra Unger

Interview
12/10/2020

Erika Freeman: "Meine persönliche Rache an Hitler"

Die Altösterreicherin und Psychoanalytikerin Erika Padan Freeman über die Fallstricke des Feminismus, Bildungshunger und das Hotel Imperial.

von Christa Zöchling

profil: Sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, schafft Distanz, schrieben Sie einmal. Für eine Psychoanalytikerin eine überraschende Aussage.

Freeman: Ganz und gar nicht. Man setzt sich mit der Vergangenheit auseinander, um die Gegenwart zu bewältigen. Als ich zu Jom Kippur im Jahr 1946 meinem Vater völlig überraschend auf einer Straße in Manhattan in die Arme lief-er hatte gedacht, ich sei tot, und ich hatte gedacht, er sei tot-,war die erste Frage, die er mir stellte: "Was liest du?"Ich las damals die "Die göttliche Komödie" von Dante. Das fand er gar nicht gut. Dante sei ein Pessimist, nichts für ein junges Gehirn, sagte er und versprach, mir die Gedichte von Michelangelo zu schicken.

profil: Ihre Eltern waren Intellektuelle?

Freeman: Mein Vater war Sozialdemokrat. Er war 1938 nach Prag geflüchtet und galt als Außenminister im Schattenkabinett der Sozialdemokraten. Meine Mutter war eine sehr außergewöhnliche Frau: Zionistin und die erste Hebräisch-Lehrerin in Westeuropa. Rachel Grau wollte unbedingt Hebräisch studieren, aber in dem kleinen galizischen Stetl Kuty, in dem sie aufwuchs, war das unvorstellbar. Sie setzte sich durch mit Energie. Sie war das Vorbild für die Kurzgeschichte des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer, die als "Yentl the Yeshiva Boy" mit Barbra Streisand verfilmt wurde. Ich habe Barbra noch nicht erzählt, dass Yentl meine Mutter war.

profil: War Singer die Geschichte Ihrer Mutter zu Ohren gekommen oder hat er Ihre Mutter gar gekannt?

Freeman: In den jüdischen Gemeinden war das wie eine Legende, die jeder kannte. Als Schriftsteller hat er in seiner Art darüber geschrieben. Singer war, nebbich, ein mürrischer Kerl, nebbich.


profil: Sie sind ein gläubiger Mensch?

Freeman: Ja, ich bin ein gläubiger Mensch. Mein Vater war es nicht, aber meine Mutti. Sie sorgte für einen koscheren Haushalt. Nach dem "Anschluss" kam sie eines Tages nach Hause mit drei Stückerln Salami und sagte: "Die sind koscher." Und ich dachte: Wenn diese gläubige Person mich anlügen kann, dass das koscher ist, soll ich die Salami essen, um ihr eine Freude zu machen. Wenn ihr so viel daran liegt, muss ich wenigstens mitspielen. Ich zünde am Schabbat auch die Kerzen an. Mein Mann hat nicht daran geglaubt. Ich hab es trotzdem gemacht. Einmal vergaß ich, und er fragte: "Wo sind die Kerzen?"

profil: Haben Sie schlimme Erinnerungen an Wien?

Freeman: Aufgewachsen bin ich im 3. Bezirk, dann zogen wir in den 2., in die Ausstellungsstraße, und am Ende waren wir in einer Wohnung in der Engerthstraße für Juden. Zu siebent in einem Zimmer mit Fremden. Alles war irgendwann nicht mehr da, nur Bücher. Wir konnten von einem Tag auf den anderen nicht mehr mit der Straßenbahn fahren. Ich erinnere mich auch an das jüdische Theater am Nestroyplatz. An einem Abend standen alle Schauspieler auf der Bühne und verkündeten, dass dies die letzte Vorstellung sei. Sie durften nicht mehr spielen. Ich durfte nicht mehr in meine Schule gehen und kam in das einzige noch offene Gymnasium für jüdische Kinder, ins Chajes-Gymnasium beim Augarten. Einmal sah mich ein vorbeimarschierender SSler am Straßenrand stehen, hob mich auf und sagte: "So sieht ein deutsches Mädchen aus." Ich mit meinen blonden Zöpfen und den blauen Augen. Von da an musste ich oft jüdische Freunde meiner Mutter durch die Stadt begleiten, wenn irgendwo ein Visum abzuholen war. Jetzt scheint mir, ich war gewissermaßen das kleine blonde Schutzengerl, dass sie nicht von der Straße weg verhaftet wurden. Das rührt mich jetzt irgendwie.


profil: Steht die Welt mit Corona vor einer Zeitenwende?

Freeman: Alle 100 Jahre scheint irgendetwas zu passieren. Irgendeine Krankheit wie die Influenza im Ersten Weltkrieg. Vielleicht, damit wir begreifen: Es ist etwas Größeres da als wir. Wir machen uns wichtig, und es kommt Corona. Ich kann da nur ein Wort von Freud zitieren: "Die Wege Gottes sind immer unergründlich und meist unerfreulich."In der Nazi-Zeit, als die Hitlerjugend vor der Schule stand, um uns jüdische Kinder zu verprügeln, habe ich gelernt: Zu mehrt kämpfst du, allein läufst du. Jetzt sitzen wir alle in einem Boot. Die ganze Welt ist von der Pandemie betroffen. Und dennoch macht sich schon wieder Antisemitismus bemerkbar.

profil: Sie waren zwölf Jahre alt, als Sie von Ihrer Mutter in einen Zug gesetzt und nach Rotterdam geschickt wurden, um sich dort in die USA einzuschiffen. Wie schafft man das, so allein?

Freeman: Ach (sie weint).Ich wollte ein selbstständiges Kind sein, sodass sie sich auf mich verlassen konnte. In der Nacht war ich oft allein. Meine Mutter ist jeden Abend weggegangen, weil man, um eine Nummer zu kriegen, sich bei der Auswanderungsstelle oft die ganze Nacht hindurch anstellen musste. Da hat eine Frau sie einmal gefragt: "Wie geht es deinem Kind? Schreit sie? Weint sie?" Meine Mutter: "Nein, sie ist überhaupt ein braves Kind. Sie liest, und sie schläft ein."Wenn ich jetzt daran denke, dass ich ihr keine Schwierigkeiten gemacht hab, bin ich richtig dankbar, dass ich so ein braves Kind war, denn sie hat es schwer genug gehabt. Als ich im Zug saß und später auf dem Schiff nach Amerika, wusste ich nicht, dass ich sie nie wieder sehen würde. Sie wurde nach Opole in Polen deportiert, konnte flüchten, kam zurück nach Wien, lebte als sogenanntes U-Boot im Untergrund und starb mit Hunderten anderen bei einem Bombenangriff am 12. März 1945 in der Wiener Innenstadt. Dort, wo sie verschüttet wurde, steht heute das Hrdlicka-Denkmal.


profil: Wie kam Ihr Vater nach Schweden?

Freeman: Er war nach Prag geflüchtet und wurde von dort nach Theresienstadt deportiert, inhaftiert in der kleinen Festung, wo sie die Politischen unterbrachten. Er hatte ein großes Masel. Er wurde gerettet, weil er blonde Haare und blaue Augen hatte. Ein schwedischer Diplomat, der ins Lager kam, um schwedische Staatsbürger auszulösen und heimzuholen, wurde durch einen Zwischenfall auf ihn aufmerksam und schmuggelte ihn mit hinaus. Sein Glück war, dass er aussah wie ein Schwede.

profil: Sie hatten es nicht leicht in den USA, zuerst bei weit entfernten Verwandten untergebracht, die mit Ihrem Wissensdurst nichts anfangen konnten, dann in einem Waisenhaus. Wie gelang Ihnen der akademische Aufstieg, und warum entschieden Sie sich für die Psychoanalyse?

Freeman: Ich lernte, lernte, lernte. Meinen sehr entfernten Verwandten war das fremd. Ich sollte auf der Straße spielen, und weil ich immer in einer Ecke saß und Englisch lernte, hieß es, ich sei ungehorsam. Eine Kommilitonin vom Internat gestand mir später, sie hätten vereinbart: "We should rough you up."Aber eine Freundin, Judy Martinez, sagte: "Von dir haben wir gelernt, wie eine Lady sich zu verhalten hat." Zur Psychoanalyse kam ich, weil ich die Welt retten wollte. Meine Mutter hatte in Wien zwar Anna Freud gekannt, aber das war nicht ausschlaggebend. Ich hatte während meines Studiums der Internationalen Beziehungen am Hunter College in New York und meiner Arbeit bei der Jewish Agency mit Diplomaten bei den Vereinten Nationen zu tun bekommen. Die hatten Macht, doch der eine oder andere schien meschugge zu sein. Ich dachte, wenn ich da ansetze, kann ich auf diese Weise die Welt retten. Darum studierte ich Psychologie an der Columbia University.


profil: Sie wurden bald berühmt, gaben ein Buch gemeinsam mit dem ehemaligen Freud-Protegé Theodor Reik heraus, zählten Hollywoodstars von Marlon Brando bis Liv Ullmann zu Ihren Freunden, und teilweise auch zu Ihren Klienten. Wie kam es zu diesem rasanten Aufstieg?

Freeman: Ich machte mein Doktorat-damals waren nur 0,1 Prozent der Doktoranden weiblich. Ich lernte Leute kennen und wurde weiterempfohlen. Mit Reik war ich auf einer Wellenlänge, zwei Wiener, zwei jüdische Flüchtlinge. Reik hat mit mir auf Augenhöhe diskutiert und mich einmal sogar zu seiner Nachfolgerin bestimmt.

profil: Auch Woody Allen gehörte zu Ihrem weiteren Freundeskreis. Trauen Sie ihm zu, was man ihm vorwirft? Ist es für Sie vorstellbar, dass er seine Tochter missbraucht hat?

Freeman: So wie ich ihn kannte, kann ich es mir nicht vorstellen. Ich kannte ihn schon, bevor er mit Mia Farrow zusammenkam. Aber wenn das Kind und die Mutter sich an so etwas erinnern, ist es eine Möglichkeit. Man muss den Frauen-im Allgemeinen-Gehör schenken und auch einmal glauben. Bisher wurde den Frauen ja kaum geglaubt.

profil: Sie waren früh in die amerikanische Frauenbewegung involviert und mit Betty Friedan, der Anthropologin Margarete Mead und der Schriftstellerin Anaïs Nin befreundet. Was war die Initialzündung für Ihren Feminismus?

Freeman: Das Vorbild meiner Mutti, meiner Tante, die in Palästina den Mossad mitbegründet hat, und eigene Erfahrungen. Als ich auf einer Reise in die Schweiz den Analytiker Carl Jung anrufen und kennenlernen wollte, ließ ich mich von meinem Mann-"Warum soll der mit dir reden wollen"-noch entmutigen, später jedoch nicht mehr. Mein Mann war ein interessanter Künstler, aber kein Feminist. Wir Frauen haben schon in den 1960er-Jahren eine nationale Frauenorganisation gegründet, alles wichtige Weiber, die es geschafft haben. Das Women's Forum-Eleanor Holmes Norton, Muriel Fox, Muriel Siebert. Betty Friedan war Freundin und Seelenverwandte. Mit ihrem Buch "Der Weiblichkeitswahn" und ihrer Kritik an der Rolle der Frauen als Mutter und Hausfrau hat sie den Startschuss gegeben.


profil: Warum dauert es mit der Gleichberechtigung so lang?

Freeman: Weil viele Frauen selbst es nicht wollten, viele Frauen Angst hatten und weil eine auf die andere eifersüchtig war. Wenn eine Frau es geschafft hat, wurde die andere Frau als Konkurrenz gesehen, und nicht etwa als Kameradin. Auf der Seite der Männer war dagegen alles klar. Die sind schon da, sitzen in ihren Positionen, wollen keinen reinlassen, Frauen schon gar nicht.

profil: Haben Sie sich in Amerika als Europäerin gefühlt?

Freeman: Nein, als kleiner jüdischer Flüchtling-und feste Amerikanerin.

profil: Sie praktizieren immer noch, haben einige Klienten. Wollen Sie sich nicht zur Ruhe setzen?

Freeman: Ich weiß jetzt mehr als früher, warum soll ich aufhören? Ich kann noch behilflich sein. Ein Leben soll einen Zweck haben und die Welt verbessern. Für uns Juden heißt das Tikun Olam (aus dem Hebräischen übersetzt: Reparatur der Welt, Anm. d. Red.).


profil: Wie bringen Sie die Leute zum Reden?

Freeman: Wenn man schon einmal den Körper mitbringt, ist man auch bereit, zu reden. Aber ich kann nicht jedem helfen.

profil: Sie sind im Corona-Jahr anscheinend fix nach Wien übersiedelt und leben nun schon seit Monaten im Hotel Imperial an der Ringstraße. Verbinden Sie mit dem Hotel eine Kindheitserinnerung?

Freeman: Nein, meine Mutti hat mich zwar oft zu Treffen in Salons mit gescheiten Leuten mitgenommen. Das Imperial war nicht dabei. Das Imperial ist meine ganz persönliche Rache an Hitler. Er ist hier abgestiegen, um am Heldenplatz zu den Wienern zu sprechen. Jetzt wohne ich im Imperial, und sehr angenehm. Für eine Frau nach einer Herzoperation macht es das Leben einfacher und sehr bequem. Überhaupt in meinem Alter, das ich nicht zugebe, denn nach den Worten des Arztes zeigt die Maschine, dass ich eigentlich 20 Jahre jünger bin, als mein Geburtsdatum sagt. Also bin ich zwar dreimal 31, aber tatsächlich nur dreimal 25. Aber wirklich wichtig ist, dass jeder Mensch weiß, dass er oder sie wertvoll ist und geliebt wird, auch wenn nicht von jeder Person, dann aber doch von dem lieben Herrgott.


Zur Person

Dr. Erika Freeman, geboren 1927 in Wien, lässt sich gern auf das Herzstück von Situationen ein. Kein Vorgespräch, keine Abmachung. Was passiert, das passiert. Seit die Corona-Pandemie die Welt im Griff hat, hat sie sich wieder in Wien niedergelassen, vorerst im Hotel, wo sie auch ihre Klienten empfängt oder telefonisch betreut. Freeman, vormals Polesciuk, amerikanisiert Padan, entstammt einer altösterreichischen Familie aus Galizien. Ihr Vater, ein aktiver Sozialdemokrat, wurde von einem schwedischen Diplomaten aus dem Konzentrationslager Theresienstadt gerettet, ihre Mutter wurde in den Osten deportiert, konnte zurück nach Wien fliehen, lebte versteckt und starb bei einem Bombenangriff 1945. Erika Polesciuk floh im Alter von zwölf Jahren nach New York. Allein auf sich gestellt, unter weit entfernten Verwandten, die kein Verständnis für sie hatten, dann in einem Waisenhaus, machte die junge Frau eine beachtliche Karriere als Psychoanalytikerin. In ihrer Dissertation untersuchte sie die Stellung der Familie im israelischen Kibbuz-System, eine von der Anthropologin Margaret Mead hoch empfohlene Arbeit. Zu ihren Freunden zählte sie Hollywoodstars von Marlon Brando bis Liv Ullmann; unter ihren Klienten waren prominente Schauspieler. Mit dem ebenfalls aus Wien geflohenen Theodor Reik, einst Sekretär von Sigmund Freud, veröffentlichte sie in den 1970er-Jahren Reflexionen über Wesen und Methode der Psychoanalyse, Fallbeispiele und was Freud dazu gesagt hatte. Für die deutsche Fassung werden gerade Verlage sondiert. Am 10.12. um 21 Uhr ist Freeman auf ORF III im Gespräch mit Markus Kupferblum zu sehen.

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