Interview

Fehler im Spital: Zehn Tote täglich

Warum sterben so viele Menschen im Spital statt gesund zu werden? Gesundheitsökonom Christian Köck weiß es.

Drucken

Schriftgröße

Der Andrang in Spitälern ist hoch. Was heißt das für die Fehlerquote?
Köck
Nichts Gutes, sie war immer schon hoch. Für die Harvard Medical Practice Study wurden in den 1990er-Jahren rund 37.000 Krankengeschichten analysiert. In 13 bis 14 Prozent kam es zu einem unerwarteten Ereignis, das nicht mit der Grunderkrankung in Verbindung stand, zusätzliche Behandlungen und im Extremfall den Tod nach sich zog. 2,6 Prozent der Patienten starben daran.
Hat sich das Qualitätsmanagement seither verbessert?
Köck
Leider nicht, wie eine Studie der Johns Hopkins Universität 2017 belegte. Die Prozessfehler sind vermutlich die dritthäufigste Todesursache in entwickelten Ländern. Allein in Europa sterben täglich einige Hundert Menschen daran. Das ist, als würde ein Airbus 380 vom Himmel fallen, am nächsten Tag wieder einer, am dritten …
… dürfte keiner mehr starten. Im Spital nimmt man diese Toten in Kauf? Wie viele sind es in Österreich?
Köck
Hochgerechnet auf die Bevölkerung müssen wir, vorsichtig geschätzt, von zehn am Tag ausgehen. Das Schlimme ist, dass ein Drittel bis die Hälfte vermeidbar wäre. Als ich das bei einem Vortrag einmal gesagt habe, drohte ein Ärztekammerfunktionär, mich wegen Verleumdung anzuzeigen.
Wenn eine Krankenschwester am Ende eines Dienstes Hunderte Pillen austeilt, kann man nicht erwarten, dass sie sich nie irrt. So eine Gefahrenquelle würde sich kein Industrieunternehmen leisten.
Köck
Das ist richtig und spiegelt gravierende Probleme wider. Bei einem Kongress hat ein Geschäftsführer einer deutschen Spitalskette erzählt, was ihm widerfahren ist, als er sich einen Leistenbruch operieren hat lassen. Er hat am OP-Tisch sitzend auf den Chirurgen gewartet, der ihm ein Beruhigungsmittel gespritzt hat und dann weggegangen ist. Der Patient hat gemerkt, dass ihm komisch wird, konnte den Mund aber nicht mehr öffnen und ist vom Tisch gefallen. Es stellte sich heraus, dass er ein muskellähmendes Mittel, das man bei Bauchoperationen verwendet, bekommen hat. Wäre er nicht am OP-Tisch gesessen, sondern wie jeder andere Patient im Vorbereitungsraum gelegen, wäre er vielleicht tot gewesen, bis der Arzt zurückkommt. So dramatisch kann ein banales Prozessproblem ausgehen.
Wie schützt man sich als Patient und Patientin?
Köck
Es zeigt sich, dass die Medizin sich ständig weiter spezialisiert, die Spitäler es jedoch nicht schaffen, diese Spezialisierungen in einem Gesamtprozess zu integrieren. Die Komplexität der Abläufe erfordert eine Managementkompetenz, die es nicht in ausreichendem Ausmaß gibt. Wenn Sie eine komplizierte Erkrankung haben, haben nur Sie Ihre ganze Krankengeschichte präsent. Wichtig ist deshalb die Haltung, dass es um meine Krankheit geht und Ärzte sie stets in Abstimmung mit mir behandeln.
Schwierig, wenn man etwa bei einem Unfall schwer verletzt wird.
Köck
Aber bei einer chronischen Erkrankung hat man Zeit, sich kundig zu machen. Wenn Sie als Patientin sich nicht auskennen, wird die Behandlung nicht erfolgreich sein, denn einen wesentlichen Teil müssen Sie selbst machen.
Viele sind damit überfordert und fragen den Arzt lieber: Was würden Sie tun?
Köck
Die richtige Frage wäre: Was würde die Patientin tun, wüsste sie, was ich als Arzt weiß. Wenn man krank ist, gibt es mehrere Optionen, aber keine ist perfekt.
Was ging im Fall des vom OP-Tisch gefallenen Spitalsmanagers schief?
Köck
Auf dem Anästhesiewagen waren mehrere Plastikschubladen für verschiedene Medikamente. Der Arzt hat in die falsche gegriffen. Menschen sind nicht perfekt. Prozesse müssen so gestaltet werden, dass sie Fehler verzeihen.
Man könnte in Spitälern Medikamente in Farbe und Gestalt unterscheidbar machen. Das ist doch trivial.
Köck
Leider sind Gesundheitsorganisationen traditionell hierarchisch, was die Tendenz mit sich bringt, Schuldige zu suchen; und in einer Bestrafungs- und Disziplinierungskultur werden Probleme eher vertuscht als aufgearbeitet.
Edith   Meinhart

Edith Meinhart

war von 1998 bis 2024 in der profil Innenpolitik. Schreibt über soziale Bewegungen, Migration, Bildung, Menschenrechte und sonst auch noch einiges.