Flucht und Schande: Warum weniger Frauen fliehen

Flucht und Schande: Warum weniger Frauen fliehen

Frauen, die alleine fliehen, brechen ein großes Tabu. Der afghanische Flüchtling Murtaza Tahiri* über den Preis, den sie noch in Österreich dafür zahlen.

20. September 2014: Im Hafen von Mytilini auf der Insel Lesbos warteten wir auf die große Fähre nach Athen. Mitra und Leyla, beide 18 Jahre alt, ließen sich bis zehn Minuten vor der Abfahrt Zeit. Dann liefen die beiden mit ihren Mantos, den typischen iranischen Mänteln, und ihren Kopftüchern zu den Toiletten. Als sie zurückkamen, sagte ich nur: "Wow. Was habt ihr gemacht?"

Ich staunte über Mitras glattes braunes Haar, das bis zur Hüfte ging. Sie trug ein T-Shirt und eine Hose bis knapp über die Knie. Leylas blond gefärbtes gewelltes Haar fiel auf ihr dünnes schwarzes T-Shirt. "Jetzt sind wir in Europa und frei. Das ist Demokratie, oder?", sagten die beiden zum neuen Outfit und lachten. Die Fähre legte ab. Manto und Kopftuch blieben im Mülleimer zurück.


Jetzt sind wir in Europa und frei. Das ist Demokratie, oder?

Mitra und Leyla waren seit Ankara meine Fluchtpartnerinnen gewesen, bis Lesbos hatte ich sie nur verhüllt gesehen. Die Kleidung für unser neues Leben in Europa hatten sie schon im Rucksack dabei, als wir in Istanbul mit 50 anderen Menschen in einen engen, dunklen Van gedrückt wurden, den wir zwölf Stunden nicht verlassen durften; und auch später, als wir mit genauso vielen Menschen auf ein Boot nach Lesbos stiegen. Gebaut war es für 30 Personen. Wir verirrten uns im Meer und fürchteten um unser Leben.

Wie sehr müssen sich die Frauen im Boot auf ihre Freiheit in der neuen Kleidung gefreut haben. Ich werde nie vergessen, wie sie ihr altes Leben im ersten Hafen Europas einfach "auszogen".

Nach zwei Jahren in Österreich kommt es mir aber so vor, als hätten viele Afghaninnen ihre Unfreiheit im Rucksack mitgenommen, egal ob sie noch Kopftuch tragen oder nicht.

Eine Frau, die alleine flüchtet, darf es in der afghanischen Kultur eigentlich gar nicht geben. Das ist gegen die Ehre der Familie und deswegen tabu. Selbst wenn die Familie zustimmt, sagen die anderen Afghanen: Diese Familie hat keine Ehre, sie lässt ihre Tochter mit fremden Männern auf die Reise gehen. Das ist - neben dem fehlenden Fluchtgeld - ein wichtiger Grund, warum so viele Männer und so wenige Frauen alleine nach Europa kommen. In der afghanischen Volksgruppe der Paschtunen ist die Ehre der Familie besonders heilig. Wenn ein Mädchen sie "beschmutzt", weil es alleine weggeht, könnte ich mir vorstellen, dass ihre Brüder sie finden und bestrafen.

2015 kamen 25.500 Afghanen nach Österreich, 23 Prozent davon waren Frauen. Die meisten kamen als Töchter oder Ehefrauen mit. Von den 5000 unbegleiteten minderjährigen Afghanen waren nur 150 junge Frauen.

Viele afghanische Flüchtlinge in Österreich stammen aus der Volksgruppe der Hazara und lebten vor der Flucht bereits im Iran. Sie werden in Afghanistan und im Iran unterdrückt. Die Hazara sind ein bisschen freier und offener eingestellt. Doch frei sind auch die Hazara-Mädchen nicht, die alleine nach Österreich geflüchtet sind. Ein paar von ihnen habe ich getroffen. Ich nenne weder ihren vollen Namen noch den genauen Ort der Flüchtlingsheime zwischen Wien, Steiermark und Kärnten. Es war schwer genug, sie überhaupt zu einem Gespräch zu überreden. Sie sind oft sehr schüchtern und ängstlich. Das Selbstbewusstsein österreichischer Frauen haben sie nicht.

"Mein Flüchtlingsheim ist wie Klein-Afghanistan", erzählt die 16-jährige Hania. "Die anderen Mädchen und Frauen sagen Schlampe zu mir, weil ich eine kurze Hose trage. Und die Jungs reden nur mit mir, weil sie etwas von mir wollen." Sie trägt nicht nur kurze Hosen, sondern hat auch ihre Haare grün gefärbt. "Wirklich verstanden und frei fühle ich mich nur, wenn ich mit Österreichern bin." Im Iran trug sie zwar Kopftuch. Aber auch ein Piercing. Als ein Polizist den Tattoo-Laden kontrollierte, in dem sie arbeitete, riss er den Stift heraus, erzählt sie mir. Diese Arbeit ist verboten. Dann floh sie. Warum genau, will sie nicht erzählen. Auf der Flucht verkleidete sich Hania mit russischer Fliegermütze als Mann. Die Angst vor Vergewaltigung ist groß.


Wirklich verstanden und frei fühle ich mich nur, wenn ich mit Österreichern bin

Ich weiß von der Gefahr. Im Hafen von Athen hat mir ein Iraner, der für Schlepper arbeitet, stolz erzählt, wie viele Flüchtlingsmädchen er sich schon "genommen" hat. "Die Schlepper waren wie Wölfe", sagt die 18-jährige Narges. Sie selbst spielte auf der Flucht die Tochter einer fremden Familie, die auf sie aufpasste. Narges erinnert sich an Frauen, die jede Nacht beim Schlepper schliefen. Sie vermutet, dass sie so ihre Flucht bezahlt haben. Sie selbst ging aus dem Iran weg, weil ihr Bruder sie mit einem Freund zwangsverheiraten wollte, sagt sie. Jetzt wartet sie in Österreich auf ihren Asylbescheid. Und auf die echte Freiheit. Denn im Asylheim beäugen sie die anderen Familien skeptisch, weil sie als Frau alleine geflohen ist. "Sie fragen mich immer mit komischem Blick: "Wie war es so ein Monat alleine auf der Flucht?" Wenn ich das Heim verlasse, rufen sie mir nach: "Na, wohin gehst du?" Sie witzeln und geben mir das Gefühl, ich sei eine schlechte Frau." Sie trägt lange Kleider und weiterhin ihr Kopftuch, aber das schützt sie nicht vor diesen Blicken.


Die Schlepper waren wie Wölfe

Als sie 18 wurde, musste Narges in ein anderes Camp für Familien wechseln. Im Heim für Minderjährige hatte sie noch Kontakt mit Österreichern, die gerne junge Flüchtlinge besuchen. Nun ist sie alleine unter den Flüchtlingsfamilien und bekommt wenig mit von Österreich.

Die 16-jährige Maryam - sie bat mich, auch den Vornamen zu ändern - trägt nur Kopftuch, wenn bestimmte Bekannte in der Nähe sein könnten. Beim Treffen in Schönbrunn trägt sie Sneakers und zeigt ihre blondierten kurzen Haare. Richtig stylish sieht sie aus. Sie hat eine Freundin dabei, ich einen Freund, damit wir eine Gruppe sind. Ein afghanischer Bursch und ein Mädchen, die nicht verheiratet sind und einander zu zweit treffen, das wäre sofort Gesprächsthema in der Community.

Maryam floh vor ihrem Vater, der sie ablehnte und schlecht behandelte, weil er sich einen Sohn wünschte. Sie musste wie die meisten Afghanen im Iran schon als Kind arbeiten. Deswegen konnte sie Geld sparen. Die meisten anderen jungen Frauen, die gerne flüchten wollen, schaffen das nicht. Und die Familie gibt ihr Geld eher den Söhnen. In Österreich angekommen, richtete ihr der Vater aus: "Du bist nicht mehr unsere Tochter."


Du bist nicht mehr unsere Tochter

Warum es den jungen Frauen, die alleine fliehen, so geht, hat mit der Rolle der Frau in der Community zu tun: Eine Frau zu sein, bedeutet dort viel. Zu viel. Manchmal kommt es mir so vor, dass viele nicht leben, sondern leben spielen. Wenn Jungs eine Freundin haben und Schluss machen, ist das okay. Wenn eine junge Frau eine Beziehung hat, sollte sie heiraten. Macht sie Schluss, ist die Community fertig mit ihr. Die Familie des verlassenen Jungen wird über sie schimpfen, und sie wird zum Gesprächsthema Nummer eins.

Jungs werden viel weniger kontrolliert als Mädchen. Wer fragt, warum, bekommt nur eine Antwort: "Na, weil er ein Junge ist." Nach der Schule sollen die jungen Frauen rasch nach Hause. Aber sie müssen doch auch lernen, wie das Leben nach 18 Uhr ist. Vermutlich kennt ein Afghane, der vor einem Jahr nach Österreich kam, mehr Plätze, Parks, Cafés als so manche Afghanin, die seit zehn Jahren hier lebt. Man konzentriert sich bei der Integration der Flüchtlinge zu sehr auf die Männer. Dabei sind doch freie Frauen der Schlüssel für unsere Zukunft. Denn die Frauen erziehen die nächste Generation. Jetzt sind 50.000 Afghanen in Österreich. In 20 Jahren werden viele Kinder dazugekommen sein.

Viele afghanische Frauen können ein Handwerk. Im Beruf wird man selbstbewusst. Wenn Frauen lernen, dass Bildung, Arbeit und Erfolg süß schmecken, kommen auch ihre Kinder auf den Geschmack.

Ich wünsche mir, dass die Afghaninnen nicht in einem so geschlossenen System bleiben wie andere ausländische Gruppen, die ich in Wien kennengelernt habe. Sie sind lange in Österreich. Aber es kommt mir vor, als ob die Frauen oft nur daheim sind oder im Familienbetrieb arbeiten.

Das wird bei der 16-jährigen Afghanin Arezo nicht so sein. Sie verlor als zwölfjähriges Kind auf der Flucht ihre Eltern. Eine andere Familie nahm sie über die Grenzen mit. Dann landete sie bei einer schwedischen Gastfamilie. Jetzt will sie zu ihren eigenen Eltern, die es nach Österreich geschafft haben. Als ich sie am Wiener Schwedenplatz treffe, trägt sie Nike-Schuhe, ein Pimkie-Shirt und sieht aus wie jedes andere Mädchen hier. Bis vor einem Jahr trug sie Kopftuch. Heute sagt sie: "Ich will es nie wieder tragen." Sie erzählt von ihrem neuen Leben und ihren Träumen. Und ich denke mir: Ein westlicheres Mädchen kann ich mir nicht vorstellen.


Ich will es nie wieder tragen

Ich glaube, nur der Staat mit seinen Beratungsstellen kann die jungen Frauen raus aus ihren Wohnungen holen, ihnen sagen, welche Rechte sie haben, und ihnen die Angst nehmen, selbstständig zu leben. Dann wird es auch für Frauen, die alleine flüchten, leichter.

Den neuen Flüchtlingen sollte man das bereits in ihrer Muttersprache sagen. Denn es kann Jahre dauern, bis sie gut Deutsch können. Mütter sollten den Kindern aber von Beginn an beibringen, dass auch Frauen frei sind. Dass sie zum Beispiel mit Männern reden oder arbeiten dürfen - ohne sexuellen Hintergrund. Das lernt man besser außerhalb vom Flüchtlingsheim im Kontakt mit Österreicherinnen oder Afghaninnen, die selbstbewusst sind.

Mitra und Leyla leben heute irgendwo in Deutschland. Ob sie sich noch so frei fühlen wie an ihrem ersten Tag in Europa?

*) Murtaza Tahiri : Der 24-jährige Afghane floh vor zwei Jahren aus politischen Gründen aus dem Iran. Dort lebte seine Familie nach der vorhergehenden Flucht aus Afghanistan. Er ist subsidiär schutzberechtigt und absolvierte im Sommer ein Praktikum bei profil. Innenpolitik-Redakteur Clemens Neuhold unterrichtete ihn. Diese Story basiert auf der Idee, der Recherche, den Gedanken, Zitaten und Worten von Tahiri. Neuhold half ihm, sein Material erzählerisch in Form zu bringen. Diskutieren Sie mit Tahiri auf Twitter: @murtazatahiri8

Murtaza Tahiri bisher für profil:
"Wie wir die Mindestsicherung nützen sollten"
"Warum so viele Flüchtlinge nach Wien wollen"