FPÖ: Gott und Lederhose

FPÖ: Gott und Lederhose

Das dritte Lager war strikt antiklerikal, nun ist es als Retter des christlichen Abendlandes auf Kreuzzug. Eva Linsinger über die Chiffren Kruzifix und Lederhose, mit denen die FPÖ die Sehnsucht nach der vermeintlich guten alten, übersichtlichen Zeit bedient.

"Hopfen und Malz, Gott erhalt’s – das lassen wir uns nicht wegnehmen“, echauffiert sich Heinz-Christian Strache auf seiner Facebook-Site. Bisher ist zwar niemand von den üblichen Hauptverdächtigen der Blauen – Brüssel? Alexander Van der Bellen? Flüchtlinge? Lügenpresse? – mit der Forderung vorstellig geworden, den bierseligen Trinkspruch verbieten zu wollen. Aber präventiv Kampfposition einzunehmen, schadet nie für eine Partei, die sich als Retterin des christlichen Abendlandes positioniert.

Zumal die FPÖ vergangene Woche, wieder einmal, vorexerziert hat, wo der Wahlkampf-Gott wohnt. Die gezielte Provokation von Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer, „So wahr mir Gott helfe“ auf seine neuen Wahlplakate schreiben zu lassen, klappte strikt nach Kampagnen-Lehrbuch: Vertreter der Amtskirchen protestierten tagelang gegen die Instrumentalisierung von Gott und verfassten frostige Stellungnahmen. Gelernte Theologen wie ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka bewiesen ihre Bibelfestigkeit und zitierten das zweite Gebot, wonach man den Namen des Herren nicht missbrauchen dürfe. Der andere Hofburgbewerber, Alexander Van der Bellen, hielt es für notwendig, Hofers Plakate als „geschmacklos“ zu geißeln. Kurz: Gottseibeiuns FPÖ gelang es, fast die gesamte öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – und ihre Lieblingspose als von allen Eliten verfolgte Unschuld einzunehmen.

Erstaunlich eigentlich, dass dieses von Provokations-Altmeister Jörg Haider eingeführte Rollenspiel immer noch funktioniert.

Selbst das Muster des Kreuzzugs ist beileibe nicht neu: Schon im EU-Wahlkampf des Jahres 2009 gab FPÖ-Chef Strache sein Debüt als Teufelsaustreiber, posierte bei einer FPÖ-Demonstration gegen ein Islam-Zentrum in Wien am Rednerpult und hielt mit leicht umflortem Blick dramatisch ein Kreuz in die Kameras. Das wirkte wie ein trashiger Vampirfilm, bot aber, garniert mit Kampfreimplakatslogans wie „Abendland in Christenhand“, den Stoff, aus dem Wahlkampfdebatten gemacht sind. Die Amtskirchen wetterten gegen die Vereinnahmung von christlichen Symbolen für Parteipolitik und so weiter, siehe oben, – und FPÖ-Historiker Lothar Höbelt gestand in einem raren Moment völliger Aufrichtigkeit ein: „In so einem langweiligen Wahlkampf ist jeder Aufreger etwas wert.“


Warum nicht mit Gottes Hilfe ein wenig Pepp in den Dauerwahlkampf bringen?

Krach muss geschlagen sein, das gilt erst recht für den Wahlkampf um die Hofburg, der sich in die vierte Runde schleppt und in dem von allen alles gesagt ist, und zwar mehrmals. Selbst mäßig Politikinteressierte wissen mittlerweile, wer wen angeloben wird oder nicht, kennen die Ehepartner, Kinder, Lieblingswandergegenden und sogar Haustiere von Hofer und Van der Bellen. Warum nicht mit Gottes Hilfe ein wenig Pepp in den Dauerwahlkampf bringen?
Zumal diesmal, Zusatzcharme der Wiederholung eines Wahlkampfhits, selbst die Freiheitlichen ihren Segen zur Gott-Kampagne geben. Straches Kruzifix-Auftritt 2009 galt in der traditionell antiklerikalen, national-liberalen FPÖ noch als Kulturbruch, gegen den parteiintern heftig angemotzt wurde. Kein Wunder: Die FPÖ als Gottesanbeterin – dann könnte gleich die ÖVP die Familien abschaffen oder die Grünen Österreich flächendeckend mit Autobahnen zupflastern wollen.

War doch der Aufstand gegen die Macht von Klerus und Habsburgern der Geburtshelfer des heimischen deutsch-nationalen Lagers, am radikalsten vertreten in der „Los von Rom“-Bewegung des großdeutschen Antisemiten Georg von Schönerer vor dem Ersten Weltkrieg, fortgesetzt von der FPÖ nach dem Zweiten Weltkrieg mit Widerstand gegen das Konkordat. Diese Kulturkämpfe, Reformation und Gegenreformation inklusive, sind Geschichte – wirken aber nach: Bis heute erzielt die FPÖ in Regionen mit hohem Protestantenanteil (etwa im Salzburger Lungau oder in Kärnten) ihre besten Wahlresultate. Erst in den 1990er-Jahren suchte FPÖ-Chef Jörg Haider eine Annäherung an die katholische Kirche, ertrotzte mithilfe des erzkonservativen Bischofs Kurt Krenn eine Privataudienz bei Papst Johannes Paul II. und ließ den Fundamentalkatholiken Ewald Stadler über das „wehrhafte Christentum“ und ein neues Parteiprogramm predigen. Heftig bekämpft von einem aufmüpfigen Jungspund im Wiener Gemeinderat namens Strache übrigens, der im Jahr 1997 wetterte: „Wir stehen ideologisch am Boden der nationalliberalen Tradition und können nicht in Richtung katholischer Fundamentalismus gehen.“

Diese Meinung von gestern gilt längst nicht mehr. Strache ist mittlerweile gefirmt und zum Gott-Fan geläutert. Ein mystisches Erweckungserlebnis, das die neue Frömmigkeit erklären würde, ist nicht überliefert, aber niemand hat je behauptet, dass Politik logisch sein muss. Wie sonst könnte Norbert Hofer mit Getöse aus der katholischen Kirche austreten, weil diese als Männerbund Frauen das Priesteramt verwehrt – und gleichzeitig dem Männerbund FPÖ die Treue halten? Hofer ist jetzt evangelisch, ein kleiner Fingerzeig Gottes soll ihm helfen, schwankende ÖVP-Klientel bei der Bundespräsidentschaftswahl ihr Kreuz bei ihm machen zu lassen.

Religiös gefärbte Wahlkampfslogans

Prinzipiell schwindet die Wählerschicht der Christen, der praktizierenden sowieso, vergleichsweise kümmerliche 650.000 Österreicher raffen sich noch regelmäßig zum Besuch der Sonntagsmesse auf, in Wien machen Konfessionslose bereits die zweitstärkste „religiöse“ Gruppe aus, Tendenz steigend.
Beim Kreuzzug der FPÖ mit Kruzifix und Gottesanspielungen geht es um mehr als Gläubige. Brachialgereimte Wahlkampfslogans wie „Pummerin statt Muezzin“ oder „Daham statt Islam“ haben das Terrain aufbereitet, den plumpen blauen Anti-Ausländerkampagnen quasi Gottes Segen zu geben und sie damit beinahe salonfähig zu machen. Oder zumindest weniger angreifbar. Norbert Hofer hat selbstredend nichts gegen Migranten oder Flüchtlinge, er will nur, wie er vergangene Woche bei einer Rede in Wörgl versicherte, „euch euer Österreich zurückgeben“.

Die p. t. Wähler werden schon wissen, was damit gemeint ist.

Zygmunt Baumann, der polnisch-britische Altmeister der philosophischen Deutung der Postmoderne, nennt dieses Phänomen „Retrotopia“: Die grassierende Sehnsucht nach der vergangenen, sicheren Welt, die übersichtlich, verlässlich und konform war. Baumann beschreibt luzide, dass der englische Staatsmann (und spätere Märtyrer) Thomas Morus vor 500 Jahren mit seinem Standardwerk „Utopia“ den Wunsch nach einer modernen, besseren Zukunft und damit den Fortschrittsglauben prägte – neuerdings, nach Finanzeurowirtschaftsflüchtlingskrise, die Zukunft aber vor allem eines macht: Angst. Vor Verlusten, sinkendem Lebensstandard, Arbeitslosigkeit, Prekariat, Globalisierung, Muslimen. Das lässt die Vergangenheit retrospektiv so richtig heimelig wirken.

Die FPÖ bedient diesen Traum von der guten alten Zeit geschickt mit Chiffren. Ihr Faible für den Lederhose-Macho Andreas Gabalier, der die traditionelle Gesellschaftsordnung hochleben lässt, passt da genauso wie die Hinwendung zu Gott. Nicht umsonst würdigt Strache Gabaliers töchterlose Version der Bundeshymne („Wundervoll!“) gleich über Redewendungen mit Gott, die „wir“ uns „nicht nehmen lassen“. Herrgottswinkel, Tracht, Sprache, Herren im eigenen Haus. Alles klingt nach herrlich überschaubarer Welt, die weder von Flüchtlingen noch von Feministinnen, Radfahrern, Muslimen oder anderen lästigen Störenfrieden durcheinandergebracht wurde und in der das Wirtschaftssystem kontrollierbar schien. Das ist beileibe nicht nur in Österreich, siehe das Phänomen Donald Trump, vor allem für jene Schichten attraktiv, die aus realen oder eingebildeten Gründen das Gefühl haben, in der Jetzt-Zeit zu kurz zu kommen. Und es spielt auch keine Rolle, dass die gute alte Zeit im Rückblick wunderbarer erscheint, als sie je war – weil, zumal hierzulande, ein wenig hinterwäldlerisch und Neuem instinktiv abhold.

„Ich muß so sein, wie mein Volk es von mir verlangt“, postet Strache auf seiner Facebook-Site. Selbstverständlich in alter Rechtschreibung.