Heinz-Christian Strache: Für den zweiten Platz reichte es nicht

FPÖ - Heinz-Christian Strache: Für den zweiten Platz reichte es nicht

Heinz-Christian Straches hysterischer Wahlkampfstil erzeugte bei den Freiheitlichen eine erstaunliche Eigendynamik. Für den erhofften zweiten Platz reichte es am Ende doch nicht.

Sie gehören zu den Gewinnern der Wahl und konnten ihre Enttäuschung dennoch kaum verbergen. Gegen 18 Uhr hatte es im Hauptquartier der Freiheitlichen hinter dem Parlament noch so ausgesehen, als könnte das „blaue Wunder“ – der ersehnte Platz als zweitstärkste Partei, von dem zuletzt so viel die Rede gewesen war – Wirklichkeit werden. Doch von Stunde zu Stunde schmolz der prognostizierte Prozentsatz für die FPÖ in den Hochrechnungen. Am Ende hoffte man noch auf die Auszählung der Stimmen in Wien. Vergebens. Die anfangs euphorischen Stellungnahmen vor der Kamera wurden nüchterner. Kaum jemand sprach noch von einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit der ÖVP. Und auch der Ruf „Ha-tse, Ha-tse, Ha-tse“, der bei jedem Live-Einstieg in die ORF-Sondersendung anschwellen und in minutenlangen stampfenden Rhythmus hätte übergehen sollen, wurde von Mal zu Mal schwächer. Es war zweifellos ein schöner Erfolg, aber kein Paradigmenwechsel. Weitere fünf Jahre wohl in der Opposition. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wirkte fast schon etwas angegriffen, jedenfalls hundsmüde, als er ankündigte, dass „mit dem heutigen Tag der Kampf um Platz eins eröffnet“ sei.

Einzig das steirische Wahlergebnis entsprach dem Rausch der letzten Tage, in den sich Heinz-Christian Strache und seine Fans hineingesteigert und hineingeschrien hatten.

Samstag, 28. September, 16 Uhr, Lugner City

In zwei Etagen drängt sich das Publikum an die Brüstung und blickt hinunter in das Atrium des Einkaufszentrums, wo Strache-Fans mitleidlos um einen Platz an der Bühnenrampe kämpfen. Hier sind die Abgehängten unserer Gesellschaft unterwegs. Hier herrschen Glitzer und Nylon und Gummilatschen. Heinz-Christian Strache spult versiert das Programm für die Armen ab: 400.000 Pflegebedürftige, die von den Sozialdemokraten im Stich gelassen werden! Ein, zwei Millionen Österreicher unter der Armutsgrenze! Milliarden nach Griechenland! So viele Arbeitslose wie noch nie zuvor! Ein Seufzer geht durch die Menge. Ja, das sind wir!

Freitag, 27. September, 19.30 Uhr, Stephansplatz
Polizeieinheiten im Laufschritt, Trillerpfeifen. Ein Rettungswagen bahnt sich seinen Weg durch die Menge. Straches Security-Männer werden ausgeschickt, um herauszufinden, von welcher Stelle aus die Eier geworfen wurden. Das Terrain um die Bühne ist Sperrzone, doppelt und dreifach gesichert. Davor und dahinter sind nur Straches engste Mitarbeiter und Medienleute zugelassen – sowie Kranke und Sieche. Rollstuhlfahrer und alte Menschen mit Rollator werden von umsichtigen freiheitlichen Helfern aus der Menge geholt und vor der Bühne platziert. 2,6 Millionen der österreichischen Wahlberechtigten sind Pensionisten, erklärt ein ehemaliger FPÖ-Grande den Vorgang.

Hinter der Absperrung strecken sich Strache aberdutzende Hände entgegen. Alle wollen ihn anfassen. Ein Mann schreit: „Ich liebe dich.“ So muss es sich auch im Wallfahrtsort Lourdes abspielen oder in Medjugorje.

Freitag, 27. September, 18.00 Uhr, Stephansplatz
Der Stephansplatz ist schwarz vor Menschen. Die Otti-Band heizt mit alten Schlagern ein. Die Stimmung kippt in die totale Euphorie. Man könnte meinen, Rapid Wien habe gerade die Champions League gewonnen. HC-Fanschals werden inbrünstig geschwenkt, zu Tausenden. Wer dabei ist, denkt: Hier spricht der neue Kanzler. Die Bühne ist an den 600 Jahre alten Stephansdom schier drangeklebt, scheint ein Teil von ihm zu sein, und immer wieder läuten schicksalsträchtig die Glocken, als würde zur Christmette gerufen. Dass Dompfarrer Toni Faber damit nur die Rede des Volksverhetzers stören will, merken die meisten Fans gar nicht. Nur die Strache-Entourage ist stinksauer. Strache redet jetzt noch lauter, schneidender, triumphierender in das Geläut hinein, übertönt es, ist am Ende der Stärkere. Er besitzt das Brachiale, und seine öffentliche Stimme ist, anders als das variantenreiche Timbre seines Vorgängers Jörg Haider, von künstlicher, eintrainierter Dumpfheit. Eine dunkle, unnatürliche Knödelstimme, die er bis zur Heiserkeit vor Publikum einsetzen kann. Strache poltert, wütet, droht und höhnt.

Die Fans sind im Taumel. Die Eingefleischten unter ihnen kennen jeden Gedanken ihres Idols, jeden Witz, jeden Spruch. Sie könnten jeden begonnenen Satz laut zu Ende sprechen beziehungsweise schreien. Unser schönes Heimatland Österreich. Die Leistungsträger, die bestraft werden für ihre Leistung. Die Zuwanderer, die uns auf der Nase herumtanzen. Das Haus Österreich, das uns gehört. Der rote Hausmeister Faymann, dem nun gekündigt wird. Die grüne „Vasilakuh“, die in Griechenland hätte bleiben sollen. Die Sozialdemokraten, die haben uns verraten. Willst du eine Wohnung haben, musst du nur ein Kopftuch tragen.

Ja, die Zuwanderung, sie wird immer mehr zum einzigen Thema, je länger die Rede andauert. Die Regierung wolle die eigene Bevölkerung gegen eine fremde austauschen. Doch der Tag der Abrechnung sei gekommen. Oder, wie Straches Vorredner Johann Gudenus es ausgedrückt hat: „Jetzt heißt es ‚Knüppel aus dem Sack!‘ für alle Asylbetrüger, Verbrecher, illegalen Ausländer, kriminellen Islamisten und linken Schreier!“ Jetzt werde „aufgeräumt in unserem schönen Österreich“.

Donnerstag, 26. September, 21.30 Uhr, ORF
Strache hat seine letzte TV-Konfrontationsrunde mit den anderen Oppositionsparteien hinter sich gebracht. Im Fernsehen geht es nicht intim zu, aber für Strache auch nicht öffentlich genug. Es ist ein schlechtes Medium für Populisten, die an die Macht drängen. Straches Schreistimme wirkt monoton und deplatziert. Umso größer war sein Triumph zu werten, als es ihm gelang, SPÖ-Kanzler Werner Faymann mit einem SPÖ-Wahlplakat in türkischer Sprache aus der Fassung zu bringen. Davon reden seine Mitarbeiter heute noch. Jeden Strache-Auftritt im ORF haben sie im Atrium mitverfolgt und gefeiert. Nur Generalsekretär Herbert Kickl sitzt bei solchen Gelegenheiten immer hochkonzentriert abseits, und sein Mund zuckt, als ob er leise mitsprechen würde.

Im privaten Kreis spricht Strache anders als vor der Kamera: leise, einschmeichelnd, um Zustimmung buhlend. „Wir haben Umfragen. Es ist gut möglich, dass wir am Sonntag ein blaues Wunder erleben“, raunt er verheißungsvoll. An diesem Abend feiert Strache mit seiner Entourage bis drei Uhr morgens im Gastraum des ORF.

Mittwoch, 25. September, 11 Uhr, Parlament
In der Parlamentscafeteria gönnt sich der frischgebackene freiheitliche Volksanwalt Peter Fichtenbauer eine kleine Pause von der Sondersitzung des Parlaments, die seine Partei beantragt hat. Als Präsident des Liberalen Klubs hatte Fichtenbauer eine Woche zuvor den prominenten Euro-Kritiker Thilo Sarrazin nach Wien in die Hofburg eingeladen und damit sein Schärflein zum Wahlerfolg der FPÖ beigetragen. Der Redoutensaal war bis auf den letzten Platz gefüllt gewesen: 1200 Besucher. Unter ihnen die konservative Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel und der ehemalige ÖVP-Staatssekretär Alfred Finz, in der Mehrheit jedoch freiheitliche Sympathisanten, die angewidert die Nase rümpfen würden, wenn sie Strache am Viktor-Adler-Markt pöbeln hörten. Beim Hofburg-Publikum handelte es sich um ein rabiates Kleinbürgertum mit sicherer Pension und Angst um ihre Ersparnisse.

Fichtenbauer hat kein Problem mit den vielfältigen Zielgruppen, aus denen die FPÖ ihre Siege schöpft – nicht einmal mit jenen Rabauken im freiheitlichen Umfeld, die in den vergangenen Monaten mit NS-Symbolen auf Facebook aufgefallen waren. „Bei uns gibt es keine NPD wie in Deutschland. Die FPÖ inhaliert sie alle. Man sollte uns dafür das Verdienstkreuz geben.“