Bildung: Immer mehr Eltern melden ihre Kinder von der Schule ab

Bildung: Immer mehr Eltern melden ihre Kinder von der Schule ab

Immer mehr Eltern melden ihre Kinder von der Schule ab. Die Freilerner-Szene verspricht "natürliches Lernen" und fantastische Bildungserfolge. Sie profitiert dabei von einer uralten Gesetzeslücke.

Mit hochtrabenden Verheißungen wird bei den Freilernern nicht gegeizt. "Mathematik bis zur Matura in nur vier Tagen" verspricht die Annonce eines Instituts in Klagenfurt. Ein weiterer Kurs soll es Kindern ermöglichen, "in wenigen Stunden schreiben und lesen zu lernen". Erwachsene kämen dabei "nicht aus dem Staunen" heraus.

"Natives Lernen" lautet das Geheimnis, das eine Bewegung entdeckt haben will, deren Protagonisten sich wahlweise als Freilerner, Unschooler oder Anhänger der sogenannten "Lais"-Methode bezeichnen. Ihre These: Der natürliche Wissensdrang von Kindern müsse in seiner Reinheit bewahrt werden und dürfe nicht durch äußere Einflüsse wie die Schule gestört werden. Ohne Druck und Zwang sollen Kinder und Jugendliche nur das lernen, was sie wollen -und zwar dann, wann sie wollen. Laissez-faire in extremer Ausprägung.

Man könnte diesen Bildungsansatz getrost als krude Esoterik abtun. Doch immer mehr Eltern folgen dem Trend und melden ihre Kinder von der Regelschule ab: 2320 Schüler sind im aktuellen Schuljahr schulbefreit, wie das Bildungsministerium in einer parlamentarischen Anfragebeantwortung vor zwei Wochen bekanntgab. Die umtriebigen Unschooler gründeten in den vergangenen Jahren mehrere sogenannte Institute, eröffneten Pseudoschulen mit Lehrkräften ohne jede Ausbildung. Aussteiger berichten von chaotischen Zuständen, und hochrangige Bildungsbeamte warnen mit Nachdruck vor den Folgen für die Kinder.

"Ich habe dort gar nichts gelernt"

In einer "Colearning"-Gruppe im Wiener Markhof (3. Bezirk) wird das antischulische Konzept gelebt. Allein: Die Praxis dürfte mit der Theorie nicht ganz Schritt halten können, wie eine Jugendliche erzählt, die den Schulersatz für mehrere Tage ausprobiert hat. "Ich habe dort gar nichts gelernt", bilanziert die Schülerin. Sie berichtet von Kindern, die in der Betreuungszeit am Smartphone hingen, bastelten oder fangen spielten. "Das wurde nicht unterbunden. Da hat es geheißen: Die sind noch nicht bereit zum Lernen, das kommt schon noch." Lerninhalte wurden, wenn überhaupt, durch Schaubilder vermittelt. Sonst stand gemeinsames Singen, Einkaufen und Kochen auf dem Programm. An mehreren Schnuppertagen in der Lerngruppe hörte die Schülerin nie jemanden Englisch reden. Die Betreuer hatten mehrheitlich keine pädagogische Ausbildung, Fragen der Kinder werden gemeinsam gegoogelt. Etwa 50 Kinder und Jugendliche besuchen die Gruppe aktuell.

"Natives Lernen ist ein Schmarrn. Olivenöl kann nativ sein, aber das Lernen sicher nicht", sagt Bildungswissenschafter Stefan Hopmann von der Universität Wien. "Diese Einrichtungen lassen keine unabhängige Evaluation ihrer Leistungen zu. Eine ernsthafte Prüfung würden sie auch nicht überstehen." Die Konzepte sind dem Experten nicht neu, er ortet bei den Freilernern ein "Sammelsurium an reformpädagogischen Behauptungen" - Blut-und-Boden-Theorien mit esoterischen und rassistischen Einsprengseln.

Trotz mangelnder Evidenz für den Erfolg des Freilernens gibt es österreichweit inzwischen ein gutes Dutzend solcher Antischulen. Die kollektive Schulverweigerung wird just durch das Schulgesetz ermöglicht. Darin ist keine Schulpflicht vorgesehen, sondern nur eine Unterrichtspflicht - und die kann auch außerschulisch erfolgen, nämlich im sogenannten häuslichen Unterricht. Das Gesetz aus dem 19. Jahrhundert wurde einst für Adelsfamilien gezimmert, die ihre Kinder nicht mit dem gemeinen Volk in die Schule schicken wollten. Heute wird die Regelung von Schulhassern, Esoterikern und anderen Obskuranten ausgenützt. Auch die Anführerin der österreichischen Staatsleugner-Bewegung, die momentan in Untersuchungshaft sitzt, hatte ihre Tochter von der Schule abgemeldet. Einige Eltern unterrichten ihre Kinder tatsächlich zu Hause, das ist laut Hopmann in einem bildungsbürgerlichen Haushalt bis zum Pflichtschulabschluss auch möglich.

"Natürliches Lernen" als Mantra

Andere Eltern schicken ihre abgemeldeten Kinder in Ersatzschulen ohne Genehmigung , etwa in die "Lais"-Schule in einem Klagenfurter Schloss, die das "natürliche Lernen" wie ein Mantra beschwört. Der Begriff "Lais" soll aus dem Gotischen stammen und "erfahren haben" bedeuten. Das pädagogische Konzept nimmt Anleihe bei der russischen Schetinin-Schule, einem völkisch-nationalistischen Internat, das ebenfalls wundersame Lernerfolge verspricht; militärischer Drill inklusive.

Auf der Facebook-Page der Klagenfurter "Lais"-Schule wird um Schulbücher und Einrichtungsgegenstände gebettelt - das Schulgeld, das die Eltern berappen müssen, reicht offenbar nicht aus. Die Probleme der "Lais"-Schule beginnen bereits beim Türschild: Die Einrichtung ist keine anerkannte Schule und dürfte diese Bezeichnung folglich nicht führen - das kümmert die Betreiber allerdings wenig. "Wir haben sie angezeigt, sie mussten eine Verwaltungsstrafe von ein paar Hundert Euro zahlen. Geändert hat es nichts", ärgert sich der Direktor des Kärntner Landesschulrates, Rudolf Altersberger. "Wo Schule draufsteht, muss Schule drinnen sein. Das ist eine öffentliche Marke und dazu gehört zumindest, ausgebildete Lehrer anzustellen. Nicht einmal diese Voraussetzung erfüllt die 'Lais'-Einrichtung." Der Landesschulratsdirektor bezeichnet das Projekt als "Larifari-Schule mit Pseudo-Pädagogen" und wünscht sich härtere Sanktionsmöglichkeiten, um das "Gut Bildung zu schützen". Für derlei Projekte sei der häusliche Unterricht nicht gedacht gewesen -dem Bildungsbeamten wäre es am liebsten, die Regelung würde abgeschafft. Kritiker wie er verweisen gern auf Deutschland, wo Alternativen zum Regelschulbetrieb schlicht nicht vorgesehen sind.

Eben erst hat die Regierung die Strafen für Schulschwänzer drastisch verschärft; schon nach wenigen Fehlstunden droht der Rausschmiss. Die Freilerner sind davon freilich nicht betroffen. Während für Privatschulen strenge Auflagen gelten, ist der häusliche Unterricht nur an eine Bedingung gekoppelt: Am Ende des Schuljahres müssen die Kinder eine Externistenprüfung an einer anerkannten Schule ablegen. Scheitern sie, erlischt die Erlaubnis. Das dürfte in der Praxis allerdings kaum ein probates Mittel sein, um das Leistungsniveau der Kinder und Jugendlichen zu überprüfen: Mehrere Insider und hochrangige Bildungsbeamte berichten von einem Externistenprüfungstourismus. Manche Schulen sind bei der Benotung eben nicht so streng wie andere. Das weiß die gut vernetzte Freilerner-Szene. Bei einem dieser Examina in einer niederösterreichischen Schule soll eine Gruppenpräsentation mehrerer Kinder unterschiedlicher Altersklassen ausgereicht haben, um alle positiv zu beurteilen. Teilweise dürften auch die Eltern der Kinder bei den Prüfungen anwesend sein - und mitunter helfend eingreifen. Altersburger vom Kärntner Landesschulrat kennt die Berichte, er ist alarmiert: "Ich habe meine Inspektoren angewiesen, in Zukunft bei diesen Prüfungen dabei zu sein, um eine Kontrollfunktion auszuüben." In anderen Bundesländern gehen die Schulbehörden inzwischen dazu über, die freie Schulwahl bei Externistenprüfungen einzuschränken, um Missbräuchen vorzubeugen.

Behörden sehen weg

Doch eine radikale Strömung unter den Freilernern ist längst einen Schritt weiter. Sie halten ihre Kinder von den Examina fern und nehmen die durchwegs erschwinglichen Verwaltungsstrafen in Kauf. Auf YouTube erzählt eine Ex-Lehrerin, wie sie ihre vier Kinder auf einem steirischen Bauernhof erzieht - ohne Schule und Prüfungen. Die Kids sind im Video beim Füttern von Ziegen zu sehen. Gelernt wird nur, worauf die Kinder Lust haben. Die Behörden sehen weg.

Auch ein verzweifelter Vater aus Niederösterreich klagt über den laschen Staat: Seine Ex-Frau, mit der er sich das Sorgerecht teilt, schloss sich vor Jahren den Staatsleugnern an, die drei Kinder zwischen sechs und 13 Jahren besuchen keine Schulen. Die letzte Externistenprüfung ging krachend daneben. Selbst das Jugendamt stellte in seinem Bericht ans Kremser Bezirksgericht bereits fest: "Große Bedenken bestehen hinsichtlich der Schulausbildung für die Kinder, die von der Kindesmutter nicht erfüllt wird. Es bestehen Zweifel hinsichtlich einer Berufsausbildung für die Minderjährigen." Dennoch kommt das Amt zum Fazit, dass für die Kinder "keine akute Gefährdung vorliegt". Der Mann erzählt von eklatanten Bildungslücken seiner Kinder: "Beim letzten Besuch hat mich mein zehnjähriger Sohn gefragt, wie man 'Kuh' schreibt, und Buchstaben geraten." Sollte der Vater vor Gericht nicht das alleinige Sorgerecht erwirken, wird sich an der schulfreien Karriere seiner Kinder wohl nichts ändern.

Bildungswissenschafter Hopmann erwartet, dass die Szene "sehr kräftig wachsen wird": "Homeschooling war lange eher ein Oberschichtenphänomen. Das wandert jetzt zunehmend zur Unterschicht, genügend Leute werden diese Lücke finden. Auch die türkische Community könnte entdecken, wie wunderbar man da Parallelwelten schaffen kann."

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