Haben oder Schein

Haben oder Schein

Die Linke bejammert soziale Aufstiegsbarrieren, die Rechte die Absandelung des Landes. Warum beide danebenliegen.

Sozialer Aufstieg, Chancengleichheit? Reine Fiktion, behauptet der Historiker Gregory Clark in einer Studie anhand auffälliger Familiennamen („The Son Also Rises: Surnames and the History of Social Mobility“) vom Februar 2014: Oben ist oben, unten bleibt unten, und zwar über Jahrhunderte. Wer heute noch Sinclair, Percy oder Beauchamp heißt – Namen, die sich bereits in englischen Grundbüchern des 11. Jahrhunderts fanden –, studiert mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit in Oxford oder Cambridge. Wessen Vorfahren schon im 17. Jahrhundert in Harvard waren, dessen Name scheint auch 400 Jahre später in den Absolventenlisten auf.

Unter Jusos dürfte Clark begeisterte Fans haben. Im September kritisierten sozialistische Studentenorganisationen, das „Bildungsbürgertum“ habe „über Jahrhunderte hinweg die Macht über die Hochschulen“ inne. Auslöser des roten Rappels war eine Studie der OECD („Education at a Glance“), wonach die Bildungsmobilität hierzulande nach wie vor gering ist. Nur 21 Prozent der jungen Österreicher erreichen einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. Die Forderung der Jungsozialisten: „Elitenreproduktion stoppen“. Was die reproduktionsfeindlichen Jusos übersehen: Höherer Abschluss bedeutet nicht automatisch höheren Aufstieg. Jeder Facharbeiter besitzt bessere Chancen am Arbeitsmarkt als die Tausenden Absolventen von Publizistik, Psychologie und Politologie – so sie nicht das Glück haben, direkt vom VSStÖ zur SPÖ wechseln zu können.

Wo wie in ÖGB und Arbeiterkammer linke Politik gemacht und nicht nur studentisch gedacht wird, misst man sozialen Aufstieg weniger am Bildungsgrad als am Gehaltszettel. Und da die dort ausgewiesenen Beträge seit Jahren real stagnieren, übergaben die Arbeitnehmervertreter der Regierung in der Vorwoche 882.184 Unterschriften für ihre Kampagne zur Lohnsteuersenkung – brauchbare Vorschläge zur Gegenfinanzierung übergab man nicht. Und eine Reduktion der hohen Sozialabgaben ist für ÖGB und AK so ausgeschlossen wie ein Verzicht auf den 1.-Mai-Aufmarsch, obwohl gerade Kranken-, Pensions- und Arbeitslosenversicherung Niedrigsteinkommen stärker belasten als Steuern.

Wenn die vereinigte Linke allzu laut über soziale Schieflagen und Aufstiegsbarrieren lamentiert, wertet sie ironischerweise ihre eigenen Erfolge ab. Österreich ist ein sozial halbwegs gerechtes Land; nicht ganz so gerecht wie Skandinavien, die Niederlande oder die Schweiz, aber egalitärer als Deutschland, Kanada, die südlichen EU-Länder und unsere östlichen Nachbarn. Dies ergibt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung (auf Basis der Methoden des Heidelberger Professors Wolfgang Merkel), die soziale Gerechtigkeit an fünf Indikatoren (Armutsvermeidung, Bildungszugang, Arbeitsmarktinklusion, soziale Kohäsion, Generationengerechtigkeit) misst. Unter 31 OECD-Ländern landet Österreich auf dem neunten Platz.

Dem Wehklagen zur Linken entsprechen Kassandrarufe zur Rechten. Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl bereicherte im Sommer 2013 den Zitatenschatz der Zweiten Republik mit dem Hinweis, der Wirtschaftsstandort Österreich sei „abgesandelt“. Der oberste Arbeitgebervertreter formulierte oberösterreichisch-deftig, was die Elite aus Industrie, Handel und Gewerbe seit Jahren ebenfalls kritisiert – teils in desperatem, teils in fast masochistischem Kammerton. Etwa Wolfgang Mayrhuber, Aufsichtsratschef der AUA-Mutter Lufthansa, wie Leitl gebürtiger Oberösterreicher. Bei einer Diskussion vergangene Woche in Wien sagte Mayrhuber, Österreich habe „seine Standortqualität minimiert“.

Die valideste einschlägige Studie, der Global Competitiveness Report des Weltwirtschaftsforums, reiht Österreich in puncto Wettbewerbsfähigkeit unter den 28 EU-Ländern auf Platz neun – was unserem Abschneiden in der Bertelsmann-Studie entspricht. Interessanterweise liegen im Gerechtigkeits- und im Wettbewerbs-Ranking teils die gleichen Länder vor uns: Schweiz, Niederlande, Schweden, Dänemark, Norwegen und Finnland. Der zulässige Schluss der Gewerkschaft: Hohe Sozialstandards schaden – entgegen der Arbeitgeber-Propaganda – keineswegs der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Der zulässige Schluss der Industrie: Höhere Wettbewerbsfähigkeit bedroht – entgegen der Arbeitnehmer-Propaganda – keinesfalls soziale Standards.

Eine gute Konjunktur schafft von allein einen relativen Ausgleich zwischen Haben und Nichthaben. Wenn wie derzeit die Wirtschaft stagniert, sinken die Erlöse der Unternehmer, und auch der soziale Aufstieg wird schwieriger. Die Überwindung dieser Barriere liegt im Interesse der Arbeitnehmer- und der Arbeitgebervertreter. Zweifellos widerspricht dem sozialpartnerschaftlichen Konsens dagegen Gregory Clarks Tipp für den raschen sozialen Aufstieg: Einheirat in eine höhere Klasse.

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