Erinnerungstaumel: Eine Tour durch Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg

Erinnerungstaumel: Eine Tour durch Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg

Eine Tour durch Ausstellungen zum Ersten Weltkrieg bietet zwar Einsichten, lässt die Besucher am Ende jedoch ratlos erschauern. Kriegsverbrechen werden kaum thematisiert.

So erlösungssehnsüchtig die Österreicher in den Ersten Weltkrieg hineingetaumelt waren, so depressiv und geschunden wankten sie daraus hervor. Der Vielvölkerstaat zerbrach, das Elend folgte auf dem Fuß. Auch die Folgewirkungen scheinen dem ehernen Gesetz des Revanchismus zu gehorchen: Der Zweite Weltkrieg sei "das Ergebnis des Friedensdiktats von Versailles“ gewesen, doziert Georg Clam-Martinic, einer der Führer durch die Ausstellung auf der niederösterreichischen Schallaburg.

Das ist sinngemäß die banale Erkenntnis des Jubiläumsjahres, die große Erzählung über den großen Krieg in den derzeit laufenden Ausstellungen in Österreich - sofern sich die Kuratoren nicht für einen Schwerpunkt entschieden.

Das Interesse ist groß. Das mag am verregneten Sommer liegen und an der politischen Großwetterlage, an den bewaffneten Auseinandersetzungen in mittelbarer Nachbarschaft - Ukraine, Naher Osten -, an täglichen Nachrichten von Massakern und Flüchtlingsströmen. Das Gefühl, es könnte auch heute alles ganz schnell ganz anders werden, ist weit verbreitet.

Unzählige Gemeinden haben mit Alltagsgegenständen, Postkarten und Fotografien ihr eigenes kleines Weltkriegsmuseum eingerichtet. Tausende und Abertausende von zusammengetragenen Sachen aus dieser Zeit erschlagen in ihrer Beliebigkeit und Sinnlosigkeit den Betrachter. Unter der Hand zementiert das die politische Lebenslüge der Österreicher, wonach der Erste Weltkrieg ein ganz und gar irrationales Phänomen gewesen sei - ein Sturm, ein Naturereignis, ein einziger Alptraum, eben die schiere Unvernunft. Dazu kommt, dass man sich nicht auf eine einzige, zentrale Ausstellung einigen konnte. Statt die besten Köpfe des Landes zusammenzuspannen, gab es Eifersucht und Konkurrenz um wichtige Schaustücke. Die blutbefleckte Zierdecke auf dem Sterbediwan des Thronfolgers Franz Ferdinand in Sarajevo ist sowohl auf der Schallaburg als auch im Heeresgeschichtlichen Museum im Wiener Arsenal zu bewundern - als Kopie und im Original. An beiden Orten wie eine Reliquie inszeniert.

Jede größere Ausstellung zeigt dieselben Proklamationen, Landkarten, Aufmarschpläne, Schlachtszenen, Fotografien und Plakate.

Ein Skandal ist das Verschweigen der Kriegsverbrechen der Habsburger Armee in Galizien und Serbien. Schon in den ersten beiden Kriegsmonaten waren auf dem Vormarsch gegen die Russen abertausende ruthenische Zivilisten, harmlose Untertanen, russophiler Sympathien verdächtigt und deshalb gehenkt worden, in Serbien wurden tausende Geiseln erschossen. Die alliierten Siegermächte wollten 1918 dutzende Generäle der Habsburger Armee vor Gericht stellen, doch das neue republikanische Österreich verweigerte die Auslieferung. Es wäre Österreich gut angestanden, diesem Thema, auch dem Einsatz von Giftgas, eine eigene Ausstellung zu widmen.

Krieg im Prunksaal

Überdimensional vergrößert hängen im barocken Prunksaal der Nationalbibliothek Kriegsanleihe-Plakate im Jugendstil-Design an Schnüren von der Decke. Wer etwas über den Ersten Weltkrieg wissen will, wird seinen Blick seufzend von der Pracht des Raumes, den schönen Fresken, dem dunklen Holz, den alten, ledergebundenen Büchern abwenden und auf die Vitrinen lenken müssen, in denen Flugblätter, Proklamationen, Kundmachungen, Medaillen und Medaillons, Feldpostkarten, Tagebuchseiten, Kriegskochrezepte, Kampflieder und Kinderzeichnungen zu besichtigen sind. Die Ausstellung wurde vom wohl renommiertesten Militärhistoriker des Landes, Manfried Rauchensteiner, analytisch und nüchtern kuratiert. Doch sie hält der Ausstrahlung des Raums nicht stand. In Erinnerung bleibt ein Schüleraufsatz mit dem Titel: "Wie ich die Engländer besiegen würde“, die Verkündigung des Standrechts, die Warnung des Armeeoberkommandos, wer Kriegsgefangenen helfe, werde "mit dem Tode durch Strang bestraft“ und eine Fülle schönster Plakate. Der Katalog zur Ausstellung - und das gilt auch für alle anderen Kriegsschauen, bietet hintergründige Essays und Reflexionen.

Routinierte Überfülle

Die Schallaburg ist das Schlachtross unter den Weltkriegsschauen. Man rechnet mit einem Rekord von 150.000 Besuchern. Familien, Busreisegesellschaften und Schulklassen (in der Unterrichtszeit) drängen sich hier täglich durch 24 Ausstellungsräume, vorbei an mehr als 1000 Exponaten. Nach einer einstündigen Gruppenführung wird man erschlagen von der Überfülle, die Stimme des Museumsführers im Ohr, die Rücken der anderen Besucher vor Augen, wieder ins Tageslicht entlassen. Uniformjacken, Bajonette, Maschinengewehre, Fotografien, Propaganda-Aufrufe, ein mobiles Feldklosett; Gegenstände, hinter denen spektakuläre Geschichten stecken, wie eine lebensrettende Uhr, an der eine Kugel abprallte; Munition, die im Schützengraben zu Schmuck verarbeitet wurde, Kriegskochbücher und Kriegsgemälde, alles wird gezeigt, alles wird erzählt, der Krieg in Fels und Eis, im Wasser und in der Luft und im Wüstensand. Man erfährt, dass alle gekrönten Häupter dieser Jahre untereinander verwandt waren, über die Kontinente Handel getrieben wurde, und der Krieg doch nicht aufzuhalten war. Man würde gern mehr darüber erfahren, warum die Armeeführung vom Hinterland aus, fernab der Front, ihre Befehle gab und wie Maschinengewehre, Splittergranaten, chemische Kampfstoffe und Jagdflieger das Morden beschleunigten. Man hört, dass die Habsburger Armee anfangs in einem schlechten Zustand war, kaputtgespart "wie das heutige Bundesheer“, so der Ausstellungsführer Clam-Martinic, und dass zu Kriegsende auch noch die Spanische Grippe die Menschen dahinraffte. Doch da ist man schon wieder draußen.

Lügen in Zeiten des Krieges

Die Ausstellung über das Kriegspressequartier im Wiener Palais Porcia bewegt sich am Puls der Zeit. Hier sind die Jungen anzutreffen. Man staunt über kriegstrunkene Schlagzeilen in den angesehensten Zeitungen der Monarchie und weiße Flecken in der "Arbeiterzeitung“, Artikel, die der Zensur zum Opfer fielen. Alle namhaften Schriftsteller und Künstler der damaligen Zeit (außer Karl Kraus) hatten sich der Propagandamaschinerie zur Verfügung gestellt: Robert Musil, Stefan Zweig, Leo Perutz, Felix Salten, Egon Erwin Kisch, Rainer Maria Rilke, Oskar Kokoschka, Egon Schiele - auch um dem Einsatz an der Front zu entgehen. "Ich log nur durch Verschweigen, aber ich verschwieg Furchtbares“, gestand später der Schriftsteller Richard Arnold Berman. Wolfgang Maderthaner, Leiter des Staatsarchivs und Kurator, führt hier auch vor, was damals nicht gezeigt werden durfte: Fotografien von zerrissenen und zerfetzten Menschenkörpern, Leichenberge, den demütigenden Umgang mit Kriegsgefangenen, Hinrichtungen von Zivilisten. Die Ausstellung wurde mit wenig Geld in viel zu kleinen Räumen inszeniert. Eine verpasste Chance.

Der gierige Sammler

"Franz is here“ heißt die Ausstellung im Weltmuseum am Wiener Heldenplatz, und damit ist einiges über den Zustand des Monarchie und seiner Elite gesagt. Sie zeigt die krankhafte Sammelwut des später erschossenen Thronfolgers. Von einer zehnmonatigen Weltreise 1892/93 hatte Franz Ferdinand 14.000 Objekte mitgebracht, ausgestopfte Tiere, Puppen, Fächer, Stoffe, Lanzen, Speere, Masken, Schmuck und Kästchen, wahllosen Ramsch wie Raritäten. In Zitaten aus seinem Reisetagebuch wird der Besucher durch die Säle geführt.

Graz grüßt deutsch

Der Zeitgeschichtehistoriker Helmut Konrad ist stolz auf seine Ausstellung "Steiermark und der Große Krieg“. Er ist es zu Recht. Wer hier war, weiß hinterher mehr über die Gründe des Kriegs, die Sehnsucht nach Struktur und Eindeutigkeit und was das in den Köpfen der Menschen anrichtete. Schon Jahre vor dem großen Schlachten hatte sich Graz im zweisprachigen Umfeld als deutsches Bollwerk inszeniert. Glühend vor Begeisterung zog man von hier aus in den Krieg, mit Blumen und Kaiserbildchen am Hut, anfangs noch in schönen blauroten Uniformen, die bald unauffälligem Feldgrau weichen mussten. Normiert und in den Kriegsdienst gestellt wurden Denken, Produktion und Erziehung. Ein Foto zeigt eine Gruppe von Kindern, die einen Außenseiter in eine Voliere gesperrt haben. Ein Lehrfilm für medizinisches Personal führt vor, wie Kriegsversehrte - Männer mit nur einem Bein und einem Arm - gedrillt und für weitere Einsätze zugerichtet werden. Man sieht Ringe, die im Schützengraben aus Patronenhülsen geschliffen wurden. Bei der einzigen Waffe, die gezeigt wird, handelt es sich um das Maschinengewehr des Typs 08/15, eine MG mit einfachem Mechanismus, der wir die gleichlautende Redewendung verdanken.

Waffenschau

Die einzige Ausstellung, die auch nach Ende des Jubiläumsjahres zu sehen sein wird, ist die des Heeresgeschichtlichen Museums. Schon das Entree macht dem Besucher klar, dass hier vor allem Militärfreaks ihre Freude haben werden. Man passiert eine Saalflucht voll Uniformen aller Chargen und Waffen aller Art, ehe man den Sarajevo-Saal betritt, in dem das offene "Graef & Stift“-Automobil des Grafen Harrach zu besichtigen ist, in dem der Thronfolger angeschossen wurde. Auf der anderen Seite des Raumes steht die Chaiselongue mit der gestickten Decke und der blutbefleckten Uniform, in der er sein Leben aushauchte. In einem zweiten Teil, der sich über mehrere Ebenen zieht, passiert man Vitrinen mit Waffen und Uniformen, eine monströse, 81 Tonnen schwere Belagerungshaubitze, eine beschädigte Panzerkuppel, einen Albatros-Doppeldecker, Granaten, Kriegsschrott aus den Dolomiten und Filmsequenzen von Gehenkten. Auch das berühmte Bild "Leichenberge“ von Albin Egger-Lienz ist hier ausgestellt.

Briefe und Tagebücher

Klein, aber fein präsentiert sich die Ausstellung im Wiener Rathaus, ein einziger, schlauchartigen Raum. In Zeiten des Krieges versicherte man sich durch Tagebuch-Schreiben der Brüchigkeit der Existenz und wollte über ein ungeheures Ereignis Zeugnis ablegen. Dank Marcel Atze, Leiter der Handschriftensammlung, taucht man hier ein in eine Gesellschaft im Krieg, erfährt, wie jubelnde Freiwillige als Gespenster von der Front zurückkamen, sieht Fotos von kriegsversehrten Kindern und liest in Briefen, wie sich die Menschen um ihre Angehörigen ängstigten.