Interview: Fischer, Lacina und Bronner zur "Borodajkewycz-Affäre"

Interview: Fischer, Lacina und Bronner zur "Borodajkewycz-Affäre"

Heinz Fischer, Ferdinand Lacina und Oscar Bronner über ihre Aktionen gegen Borodajkewycz und die Versäumnisse der Nachkriegspolitiker.

profil: Herr Bundespräsident, was veranlasste den damals 23-jährigen Parlamentssekretär Heinz Fischer, eine Kampagne gegen einen Hochschulprofessor zu starten?
Fischer: Ich habe Aussagen der Minister Josef Afritsch und Christian Broda (beide SPÖ, Anm.) in Erinnerung, in denen sie sich sehr positiv über die Überwindung der Zeit des Nationalsozialismus äußerten. Dem habe ich im April 1962 in Artikeln in der "Zukunft“ und später in der "Arbeiter Zeitung“ mit dem Hinweis widersprochen, dass an den Hochschulen noch viele Leute mit echter NS-Vergangenheit tätig sind. Ich kritisierte, dass diese Professoren unserer Jugend Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Humanität beibringen sollen, während sie in Wirklichkeit Antisemiten sind und die NS-Zeit verharmlosen. Als Beispiel dafür nannte ich Professor Taras Borodajkewycz von der Hochschule für Welthandel, auf den mich Ferdinand Lacina aufmerksam gemacht hatte. Daraufhin klagte mich Borodajkewycz - ein Verfahren, das den damaligen Verfassungsrichter Wilhelm Rosenzweig, der selbst in der NS-Zeit emigrieren musste, sehr empörte. Er verteidigte mich als Mitglied des Verfassungsgerichtshofs vor dem Bezirksgericht am Hernalser Gürtel. Aber ich wurde dennoch zu einer Strafe von 4000 Schilling oder 20 Tagen Arrest verurteilt.


Borodajkewycz spiegelte fast alle Farben des politischen Spektrums. (Heinz Fischer)

profil: Im Vorwort Ihres Buches zu dieser Affäre schrieben Sie 1966: "Die österreichischen Antisemiten und Neonazis haben eine subtile, man möchte fast sagen österreichische Art, gemischt mit Opportunismus und trotziger Feigheit.“ Stimmt das auch heute noch?
Fischer: Es passte jedenfalls auf Borodajkewycz. Er war ja kein Nazi, der im Jahr 1945 sagte, ich habe einen schrecklichen Fehler gemacht, und sich dann normal benahm. Er hatte zuerst Engelbert Dollfuß verherrlicht und Katholikentage organisiert, war aber schon illegal bei den Nationalsozialisten. Nach 1938 rühmte er sich seiner illegalen Vergangenheit. 1945 begann er die Segel wieder neu zu setzen und arbeitete an Kontakten ehemaliger Nationalsozialisten zur ÖVP. In den 1950er-Jahren wurde er Professor an der Hochschule für Welthandel, wo er seinem Antisemitismus wieder freien Lauf ließ. Borodajkewycz spiegelte fast alle Farben des politischen Spektrums.

profil: Herr Lacina, Ihre Mitschriften der Vorlesungen von Borodajkewycz spielten eine zentrale Rolle. Aber er hatte seit Jahren Vorlesungen in dieser Tonart gehalten. War das niemandem aufgefallen?
Lacina: In der ersten Vorlesung, die ich von ihm hörte, vertrat er die These, das römische Reich sei deswegen untergegangen, weil der germanische Pflug wesentlich tiefer in die Erde gedrungen sei. Das kann man noch als skurril abhaken. Weil es in dieser Zeit auch Nazi-Schmierereien gab, veröffentlichte das Unterrichtsministerium den Erlass, sich an den Schulen und Unis stärker mit Zeitgeschichte zu befassen. Damals wurde gerade der Film "Mein Kampf“ gezeigt, und Borodajkewycz sagte, der Film verzerre die Tatsachen ganz wesentlich. Er erklärte sich bereit, den Film im Rahmen von Vorlesungen zu kommentieren, und philosophierte zum Beispiel zwei Stunden lang über die Frage, ob Hitler teilweise jüdischer Abstammung gewesen sei oder nicht.

profil: Zu welchem Schluss kam er?
Lacina: Zu jenem, dass Hitler nicht jüdischer Abstammung sein konnte, weil Graz zu der Zeit, als sein Vater dort geboren wurde, "judenrein“ gewesen sei. Er verwendete antisemitische Begriffe, zum Beispiel "Kaffeehausjude“. Zwei Vorlesungen widmete er dem Programm der NSDAP.

profil: Wieso wurden Sie dennoch verurteilt, Herr Bundespräsident?
Fischer: Ich versuchte während des Verfahrens, die Mitschrift von Ferdinand Lacina als Beweismittel zu verwenden. Der Richter wollte wissen, wer sie verfasst hatte, und ich sagte, der junge Mann studiere noch, weshalb ich seinen Namen nicht nennen könne. Rechtsanwalt Rosenzweig sagte: "Herr Richter, ich kenne den Namen und die Person des Studenten, und ich bin bereit, mich vereidigen zu lassen und zu beschwören, dass es sich um eine authentische Mitschrift handelt.“ Diesen Beweis ließ der Richter nicht zu, woraufhin ich verurteilt wurde.

profil: Und dann drohte die Sache einzuschlafen, bis Sie auf die Idee kamen, Lacinas Mitschriften Oscar Bronner zu geben.
Bronner: Du hast mir die Mitschrift mit diesen haarsträubenden Inhalten im März 1965 in die Hand gedrückt. Ich betreute damals den journalistischen Teil der Kabarett-Sendungen meines Vaters und wir bauten die Mitschrift in die Sendung "Zeitventil“ ein, indem wir einen Reporter Fragen stellen ließen, die der Schauspieler Kurt Sobotka in der Maske des Borodajkewycz mit Originalzitaten beantwortete. Daraufhin hielt Borodajkewycz eine Pressekonferenz ab, für die er Studenten als Publikum organisiert hatte. Unter höhnischem Lachen seiner Gefolgschaft gab er viele seiner Zitate wieder, vor allem bei jüdischen Namen wurde gewiehert. Diese Pressekonferenz war dann der eigentliche Skandal, über den berichtet wurde.
Lacina: Besonders der "Kurier“ unter Hugo Portisch griff das Thema auf. Während dieser Pressekonferenz wollten zwei Journalisten wissen, warum die Studenten lachten, wenn ein jüdischer Name fiel. Das wurde als Frechheit angesehen, die beiden wurden aus dem Saal gedrängt.

profil: Aufgrund dieser Pressekonferenz wurde die Demonstration veranstaltet, bei der es schließlich zu den tragischen Vorfällen kam. Kannten Sie einige der Gegendemonstranten vom Ring Freiheitlicher Studenten?
Fischer: Ich kannte die meisten nicht, nur ein, zwei Namen waren mir bekannt.
Bronner: Es gab zwei parallele Demonstrationszüge. Die einen schrien: "Nazis raus!“ Die anderen: "Juden raus!“ - "Hoch Auschwitz!“ - "Heil Boro!“

profil: Das war 20 Jahre nach Kriegsende. Hatten die Nachkriegspolitiker etwas versäumt?
Fischer: Das ist eine tief reichende Frage. Viele, die von den Nazis begeistert waren und sich von Hitler Arbeitsplätze erhofften, sahen später, dass sie sich getäuscht hatten. Als am 27. April 1945 die Unabhängigkeit Österreichs erklärt wurde, waren aber nicht alle automatisch Demokraten. Es gab eine breite Schicht, die immer noch sagte: Wenn das wirklich in den KZs passiert ist, dann war das nicht in Ordnung; aber im Prinzip hat Hitler auch gute Sachen gemacht. Für diese Leute war der April 1945 in erster Linie Niederlage, und nicht Befreiung. Auch die nächste Generation sog davon noch einiges auf. Es gab viele Familien, in denen man dieses Phänomen beobachten konnte.
Bronner: Die "Entnazifizierung“ - das Wort an sich ist schon absurd - hatte in Wahrheit nicht stattgefunden. Die Parteien sagten: Es gibt 700.000 NSDAP-Mitglieder - wir können diese Menschen nicht abschaffen. Also buhlten beide Koalitionsparteien um diese Wähler.

profil: Vielleicht war die politische Nachkriegsgeneration zu sehr mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Es gab ja riesige Probleme.
Fischer: Wir sind heute viel strenger, als man es die ersten 20 Jahre nach dem Krieg war. Noch in den 1960er-Jahren gab es im Parlament antisemitische Zwischenrufe, auch gegen Bruno Kreisky, die heute völlig unvorstellbar wären.


Die Opfertheorie ist der große gesellschaftliche Konsens in Nachkriegs-Österreich. (Oscar Bronner)

profil: In Deutschland wäre das nicht möglich gewesen. Lag das an der dort bis 1949 regierenden Militärverwaltung?
Fischer: Ich glaube, es lag eher an einem anderen Umstand. Es gab in Österreich 1938 viele Begeisterte, aber auch Menschen, die entsetzt waren und zum Teil auch Widerstand leisteten. Nach dem Krieg tat man so, als seien sie die Mehrheit gewesen. Das passte so gut zur Opfertheorie der Moskauer Deklaration. Diese Möglichkeit hatten die Deutschen nicht.
Lacina: Vor allem nach der Moskauer Deklaration gab es die Möglichkeit zu sagen: Seht her, wir waren das erste Opfer. Manche Historiker sagen aber, dass Österreicher in der SS überdurchschnittlich stark vertreten waren.

profil: 90 Prozent der Gestapo-Männer am Morzinplatz waren ehemalige Wiener Polizisten.
Bronner: Diese Opfertheorie war der große gesellschaftliche Konsens in Nachkriegs-Österreich. Es ist noch nicht so lange her, dass sich herumgesprochen hat, dass dem nicht so war. Erst die Causa Waldheim war dafür der Katalysator.
Lacina: Die erste große Demonstration der sogenannten Völkischen Verbände, also der Neonazis, nach dem Krieg gab es bereits 1959, die sogenannte "Schiller-Feier“. Es kam zu einer beachtlichen Straßenschlacht, zum Glück ohne Tote.

profil: Waren Sie dabei?
Fischer: Ja, aber auf der richtigen Seite. Wir haben nicht Schiller gefeiert, sondern gegen Neonazis demonstriert.

profil: Tassilo Broesigke, Borodajkewyczs damaliger Anwalt in seinem Prozess gegen Sie, war später FPÖ-Abgeordneter und dann Rechnungshofpräsident. Wie sind Sie miteinander umgegangen?
Fischer: Er war kein Freund von mir. Aber Broesigke war jemand, den ich als geradlinigen Deutschnationalen bezeichnen würde. Er war jemand mit einer ausgeprägt anderen Meinung und anderem Geschichtsverständnis, jemand, der Österreich als Teil einer großen deutschen Kulturnation sah. Aber er war keiner, der Dinge sagte wie Jörg Haider bei den SS-Veteranen in Krumpendorf. Er war zuletzt ein korrekter und anerkannter Präsident des Rechnungshofs.

profil: Oscar Bronner wies in den Monaten nach der Borodajkewicz-Affäre in einer Artikelserie nach, dass in der Justizverwaltung Männer saßen, die in der NS-Zeit Todesurteile gefällt hatten …
Bronner: … worauf man mich vonseiten des Justizministeriums auf den Umstand verwies, dass diese unmittelbar nach dem Krieg von einer Kommission für in Ordnung befunden worden waren. Damals mussten ja viele Positionen besetzt werden, was der SPÖ schwerer fiel als der ÖVP, weil viele Akademiker der SPÖ als Juden entweder umgebracht oder vertrieben worden waren. Beide Parteien buhlten also um Leute aus dem Reservoir ehemaliger Funktionäre des NS-Staats. So ist dann sehr schnell "entnazifiziert“ worden.

profil: Welche Fälle kamen Ihnen dabei unter?
Bronner: Zum Beispiel Staatsanwälte, die gegen österreichische Widerstandskämpfer und zum Teil harmlose Regimekritiker Todesurteile erwirkt hatten. Sie wurden in den Justizdienst aufgenommen und machten im Lauf der Jahre Karriere. Zwei waren beim Obersten Gerichtshof, einer war Senatsvorsitzender, einer Leiter der Personalabteilung des Justizministeriums, einer war in der Generalprokuratur. Deutschland hatte ein Gesetz erlassen, in dem solche Leute aufgefordert wurden, um Pensionierung anzusuchen, weil man sie als Beamte auch dort nicht loswerden konnte. Bis auf wenige machten alle Belasteten davon Gebrauch. Österreich als "Opferland“ hat das nicht gemacht. Und Justizminister Christian Broda schrieb in einem Antwortartikel: Selbst wenn jemand einen solchen Vorschlag machen würde - er wäre dagegen. Dabei war Broda selbst im Widerstand gewesen und wäre fast hingerichtet worden.

profil: Herr Bundespräsident, Sie waren einer der engsten Vertrauten Brodas. Wie hat er das argumentiert?
Fischer: Broda stellte sich auf den Standpunkt: Wenn jemand ein Täter war, dem man das beweisen kann, dann muss er weg. Wenn das Gericht das nicht kann, dann gilt die Unschuldsvermutung. Und als Minister wollte er wahrscheinlich auch keinen Krieg gegen die eigene Justizverwaltung führen.
Bronner: Aber die Beweise waren ja da. Es ging um Todesurteile gegen österreichische Patrioten. Natürlich waren das nach NS-Recht keine kriminellen Taten.
Lacina: Die Justiz ist ein eigenes Kapitel, da hat sicher mehr als anderswo der Spruch gegolten: "Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.“
Bronner: Eben. Diese Leute haben dann die Karriere bestimmter Menschen gefördert und andere verhindert. Sie haben die Justiz mindestens eine weitere Generation lang beeinflusst. So sind dann auch viele absurde Urteile erklärbar. Auch der Totschläger von Ernst Kirchweger saß ja nur wenige Monate im Gefängnis.

profil: Zumindest der Fall Borodajkewicz nahm insofern ein gutes Ende, als Heinz Fischer in der Berufung freigesprochen und der Professor in Pension geschickt wurde.
Fischer: Und das Begräbnis Kirchwegers wurde zu einer großen Anti-Nazi-Kundgebung.

profil: War die Anti-Borodajkewicz-Aktion das erste Morgenrot des heraufdämmernden 68er-Jahres?
Lacina: Ich würde es nicht mit 1968 vergleichen. 1968 war im Wesentlichen von Studenten getragen, während 1965 die Mehrheit der Studenten unsere Aktivitäten als Angriff auf die Lehr- und Lernfreiheit sah - und das waren nicht nur Nazis. Auf diese Argumentation sind damals viele hereingefallen. Das Klima an den österreichischen Universitäten war unvergleichbar mit jenem ab 1968.
Fischer: Ich glaube nicht, dass die Mehrheit der Studierenden damals für Borodajkewicz war. Ein Viertel der Studierenden mag aber durchaus so gedacht haben. Es war schon 1965 - also vor 1968 - ein bisschen besser als noch ein paar Jahre davor. Und heute, 50 Jahre später, sind die Universitäten meines Erachtens eine neue Welt im Vergleich zu den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts.

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