Novemberpogrom in Wien: Keiner der Täter wurde vor Gericht gestellt

Viele der Brandstifter und Mörder des November­pogroms 1938 in Wien waren namentlich bekannt. Sie standen nie vor Gericht, auch nicht nach 1945.

Für das Rechtsempfinden ist es eine schwärende Wunde. Von jenen Österreichern, die in der sogenannten „Reichskristallnacht“ im November 1938 in Wien Juden demütigten, quälten und zu Tode prügelten, Synagogen und Bethäuser anzündeten und demolierten, wurde kein Einziger jemals vor Gericht gestellt.

„Wo sind die Täter, die so schöne Berichte an die Gauleitungen geschrieben hatten? (…) Sturmbannführer Köberl lebt als Vertreter in Wien, Kowarik lebt in Wien, Trittner lebt in Baden, Ungar lebt in Wien, und auch die vielen anderen, die in den Berichten namentlich genannt sind, erfreuen sich der Freiheit. Sie sind heute biedere Kaufleute, Vertreter oder Pensionisten. Herr Skorzeny lebt in Madrid mit einem österreichischen Pass. (...) Gauleiter Hofer lebt in Mühlheim an der Ruhr“.

Damit war Simon Wiesenthal 1963 erbittert an die Öffentlichkeit gegangen. Delikte wie Brandstiftung waren damals zwar schon verjährt, Mord jedoch nicht.

Anders als die Massenvernichtung im Osten ist das Novemberpogrom in Wien dokumentiert. Mit deutscher Gründlichkeit fassten SS, NSDAP, Gestapo und Feuerwehr ihre Berichte an die vorgesetzten Dienststellen ab und setzten ihre Namen und Funktionen darunter. Auch Zeitungen und Radio berichteten täglich. „Die ,armen‘ Juden. Nur kein Mitleid!“ („Deutsches Volksblatt“)
Die Exzesse jener Tage fanden vor aller Augen statt. Wie auf dem Jahrmarkt hatten die Wiener und Wienerinnen einen Ring gebildet und gejohlt, wenn alte Männer von Hitlerjungen an Bärten gezogen wurden oder nach SS-Befehlen „turnen“ mussten.
Und hier liegt vielleicht auch der tiefere Grund für das Schweigen der Justiz. Während der sogenannten „Reichskristallnacht“ hatten sich brave Wiener Bürger in Bestien verwandelt, es krachen lassen, Fenster eingeschlagen, Geschäfte geplündert, Klaviere, Bilder und Teppiche aus der Wohnung der Nachbarn getragen, immer im Schlepptau der SS-Kommandos, welche die Grobarbeit verrichteten. Brutalität und Sadismus hatten von Anbeginn geherrscht. Aber das Pogrom war ein neuer Höhepunkt.

„Lernt ihnen in Dachau die Arbeit“
Schon Wochen vor dem angeblichen Anlass des Pogroms, dem Attentat eines jungen Juden auf einen deutschen Diplomaten in Paris, war die SS in den bürgerlichen Bezirken Döbling und Währing in Wohnungen von Juden eingefallen. Nach Stimmungsberichten des Sicherheitsdienstes (SD) hätten die „besseren Kreise“ sich wohler gefühlt, wenn es für den Raub gesetzliche Grundlagen gegeben hätte. In der Leopoldstadt, wo die ärmeren Juden wohnten, wurden Anfang Oktober, zu Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, Juden gejagt, Synagogen angezündet und Läden demoliert. Nach SD-Berichten soll das Vorgehen in der Arbeiterschaft großen Anklang gefunden haben: „Lernt ihnen in Dachau die Arbeit.“

Vier Wochen später, im Morgengrauen des 10. November 1938, begann die im gesamten „Reich“ organisierte „Judenaktion“, so die NS-Diktion. In Wien war der Befehl ergangen, „wohlhabende Juden zu verhaften“ und ihre Wohnungen zu versiegeln. In Notarresten wurden sie tagelang gequält und geschunden. Sie musste Nächte „durchwippen“ und Kniebeugen machen. Bei dem darauffolgenden Transport nach Dachau am 16. November kamen 17 Männer ums Leben. Man schätzt, dass 22 Menschen in den Pogromtagen in Wien getötet wurden, sechs Mordopfer sind amtlich nachweisbar, die Namen der mutmaßlichen Täter stehen in den Akten. Aber es kam nicht einmal zu einer Anklage gegen unbekannte Täter.
Für die Zerstörung der Synagogen waren ein paar hundert Mann der SS-Standarten 11 und 89 aufgeboten worden. Jeder SS-Sturm musste schriftlich berichten, was an jenem Tag geschah. SS-Stabsscharführer Rudolf Ungar: „Befehl erhalten 1.25. (…) Um 6 Uhr früh erfolgte der erste gründliche Einsatz. Vollständige Zerstörung des ,Neudegger Tempels‘ im 8. Bezirk. Zerstörung des Bethauses in der Stumpergasse.

Hausdurchsuchungen in der Herklotzgasse mit zahlreichen Sicherstellungen von Geld und Sachwerten. Ferner 15 Personen in Schutzhaft genommen und der Polizei übergeben. (…) Tempel in der Turnergasse vollständig zerstört, mit Benzin übergossen und angezündet. In der jüdischen Kultusgemeinde Geld und Akten sichergestellt. Eine weitere Gruppe arbeitete im 6. Bezirk. 25 Hausdurchsuchungen. 40 Leute im Café Raimund festgehalten.“

Rudolf Ungar war damals 22 Jahre alt. Drei Jahrzehnte später erreichte Simon Wiesenthal ein Brief eines Salzburger Sozialdemokraten. Leopold Blechinger, Betriebsrat der Salzburger Gebietskrankenkasse, berichtete darin, dass ein Kontrollarzt der Kasse in angeheitertem Zustand mit seinen SS-Aktionen geprahlt habe, dass man bei Erkundigungen feststellen musste, dass dieser Rudolf Ungar seine NS-Vergangenheit verheimlicht habe, dass er noch im April 1945 in Zell am See eine Wehrwolfgruppe habe aufbauen wollen, sich dann als Schleichhändler durchgeschlagen habe und plötzlich als Arzt der Krankenkasse wieder aufgetaucht war. Nach seinen Geburtsdaten war es jener Ungar aus der Pogromnacht.

Weitere Nachforschungen ergaben, dass neben Ungar auch noch andere ehemalige Mitglieder der SS in der Salzburger Krankenkasse untergekommen waren. „Ungar hat in meinen Parteikreisen Eingang gefunden und scheint nun gedeckt zu werden“, schrieb der Betriebsrat resigniert. Ein ähnlicher Fall hatte sich in der Tiroler SPÖ abgespielt (siehe Kasten am Ende).

„Tempel, 2, Leopoldsgasse. Einrichtung vollkommen zerstört“
Ein weiterer Pogromtäter, Leopold Köberl, starb erst in den 1990er-Jahren. Köberl hatte 1938 gemeinsam mit den SS-Angehörigen Kowarik, Koscher, Rath und Grohmann vier Tempel in drei Stunden dem Erdboden gleichgemacht („Beginn 4.15 Uhr, beendet 7.45 Uhr“). Köberl war der Anführer gewesen und hatte den Bericht unterschrieben: „Tempel, 2, Leopoldsgasse. Einrichtung vollkommen zerstört. (...) Eine Stunde gebraucht. (...) Tempel, 20, Kluckygasse. Erdgeschoß und Galerie wurden gründlich zerstört. (...) Tempel, 20, Wintergasse. Hier war bereits die SS-Verfügungstruppe anwesend, mit der gemeinsam das Innere vollkommen vernichtet wurde. (...) Tempel, 9, Grüne-Tor-Gasse. Wurde vollständig zerstört, war bereits von einer anderen Gruppe bearbeitet worden. Bei unserem Eintreffen war das Innere mit Rauch erfüllt.“
Ein weiterer SS-Obersturmführer, Heinz Riegler, hatte rapportiert, dass drei SS-Stürme gegen acht Uhr morgens schon auf 300 Mann angewachsen waren. „Es darf gesagt werden, die SS hat ganze Arbeit geleistet.“
Von einem Großteil der angeführten Täter wussten die Behörden in den Nachkriegsjahren Wohnort und Adresse. Heinz Riegler etwa hatte sich 1947 in Baden niedergelassen, Kurt Kowarik lebte im 18. Bezirk und zeitweise ebenfalls in Baden.

Leopold Köberl hatte sich bis 1957 vorsichtshalber in der BRD aufgehalten. Zurück in Wien arbeitete er als Verkaufsleiter eines kleinen Unternehmens in der Leopoldstadt. Die profil-Redakteurin Erika Wantoch suchte im Gedenkjahr 1988 den damals 84-jährigen ehemaligen Sturmbannführer in seiner Wohnung in der Thaliastraße auf. Sie begegnete dem niederträchtigen Charakter eines „Herrn Karl“, wie ihn einst Helmut Qualtinger in seinem genialen Monolog geschaffen hatte. „Früher war ich bei der SS, aber dann bin ich zur Stadt Wien.“ An das Pogrom konnte sich Köberl kaum erinnern: „Wann war denn die Kristallnacht? Im November?“
Er sei damals nur noch „ehrenamtlich“ bei der SS gewesen, sagte Köberl. Er könne sich nicht erklären, warum er in den Akten als Befehlshaber auftauche. Wahrscheinlich habe ihn „der Kowarik reingeschrieben“. Und: „Über die Kristallnacht weiß ich nix.“ Später im Krieg war er „überall, wo was zu holen war, ein Partisanenjäger“. Nach dem Krieg sei er in Deutschland geblieben, weil „hier hättens’ mi vielleicht eingsperrt“. „Was mit den Juden war“, habe er erst 1945 erfahren.

Bei Simon Wiesenthal hatten sich in den Jahren nach dem Krieg immer wieder Emigranten aus aller Welt gemeldet, die auf Anfragen und Zeitungsinserate reagierten und mithelfen wollten, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Bei den Opfern hatten sich die traumatischen Vorfälle auf ewig eingebrannt, doch nicht immer das genaue Datum. Ob März, April oder November 1938, war Nebensache, wenn einer als Kind von SS-Männern bei offenem Fenster auf das Fensterbrett gestellt und ihm gedroht wurde, man werde ihn hinunterstoßen. In Zeugenaussagen bei Volksgerichtsprozessen, die Ende der 1940er-Jahre wegen Plünderungen durch Nachbarn und SS angestrengt wurden, war das häufig ein Problem.
Für viele SS-Männer war die Pogromnacht eine Probe für die späteren Kriegsverbrechen an der Ostfront und am Balkan gewesen. Für Josef Trittner etwa, der später im Distrikt Radom Dienst tat, wo 30.000 Juden zusammengetrieben, in ein Ghetto gesperrt und in Vernichtungslager deportiert wurden. Auch Trittner lebte nach dem Krieg unbehelligt in Baden.

Infobox
Ein seltsamer Demokrat
Ein Gestapo-Beamter aus den Pogromtagen macht später in der SPÖ eine steile Karriere.

Das Innsbrucker Pogrom war eine Mordnacht. Tirols Gauleiter Franz Hofer hatte die Parole ausgegeben, es sei notwendig, dass sich „auch in Innsbruck die kochende Volksseele gegen die Juden erhebt“. SS-Oberführer Hans Feil erteilte den Befehl, Richard Berger, den Vorsitzenden der Kultusgemeinde, „aus dem Weg zu räumen“, die Kaufleute Karl Bauer, Wilhlem Bauer und Richard Graubart „auf möglichst geräuschlose Art umzulegen“. SA-Rollkommandos überfielen, mit Adressenlisten ausgestattet, die in Innsbruck lebenden 130 Juden in ihren Wohnungen. Die Gestapo Innsbruck kooperierte. Einer von ihnen, der 21-jährige Gestapo-Beamte Ferdinand Obenfeldner, war an der Verhaftung eines schwer verletzten Juden und seines Sohnes beteiligt. Oberndorfer kam später zur SS-Schutzstaffel und in die 5. Gebirgsdivision, die auf Kreta, an der Ostfront und am Monte Sassino kämpfte. Nach dem Krieg machte er in der SPÖ Karriere. Mit nur 34 Jahren wurde er 1951 zum Direktor der Tiroler Gebietskrankenkasse bestellt. Seine Mitgliedschaften bei SS und NSDAP hatte er verschwiegen. Obenfeldner hatte angegeben, er sei nur Parteianwärter gewesen.

In den 1950er-Jahren holte ihn die Vergangenheit ein. Es gab eine Anzeige, dass Obenfeldner an der Gestapo-Hinrichtung polnischer Zwangsarbeiter beteiligt gewesen sein soll: Zwei Männer waren im September 1940, als Obenfeldner noch in Innsbruck Dienst tat, ohne Gerichtsurteil wegen verbotener intimer Beziehungen gehängt, die beiden Frauen in das KZ Ravensbrück eingewiesen worden. Ein ehemaliger Gestapo-Kollege hatte Obenfeldner belastet. Dieser wurde daraufhin nicht in die SPÖ aufgenommen, der Anzeiger wurde aus der SPÖ ausgeschlossen, das Verfahren 1958 eingestellt. Obenfeldner hatte behauptet, er sei damals im Auftrag der Revolutionären Sozialisten in die Gestapo eingetreten, doch dazu passte seine Mitgliedschaft im christlichen Wehrbund gar nicht. Die SPÖ stellte sich auch dann noch schützend vor Obenfeldner, als ein Foto kursierte, das ihn in SS-Uniform zeigte. 23 Jahre lang war Obenfeldner Vizebürgermeister der Stadt Innsbruck gewesen, Ehrenbürger, Träger der Viktor-Adler-Plakette und des Goldenen Ehrenzeichens der Republik und nach Ansicht sozialdemokratischer Funktionäre „immer auf der Seite der Demokratie“ gestanden.

Foto: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands