Integration: Moscheen auf dem Prüfstand

Integration: Moscheen auf dem Prüfstand

Wie denken unsere Imame? Fördern sie das Zusammenleben oder schotten sie die Muslime von ihrer Umwelt ab? Eine neue Studie hat viel Erschreckendes gefunden – und ein wenig Ermutigendes.

Es ist die erste umfassende empirische Untersuchung, die je in Österreich zu diesem Thema angestellt wurde. Ein Team des „Instituts für islamische Studien“ an der Universität Wien hat unter der Leitung von Ednan Aslan mit 43 Imamen, die in österreichischen Moscheen predigen, Tiefeninterviews geführt. Auf Herz und Nieren wurden die Imame zu Geschlechterverhältnissen, Familienwerten, Kindererziehung, religiöser Identität, Integrationspolitik, aber auch zu ihrem eigenem Werdegang, ihrem Islamverständnis und zu ihren Arbeitsbedingungen befragt. Die Forscher hatten Zugang zu den großen türkischen und bosnischen Verbänden, zu kleineren arabischen, albanischen und pakistanischen Zusammenschlüssen, einem iranischen Verein und einem für Muslime aus Bangladesh.

Der Dachverband „Islamische Föderation“, der die sehr konservative Milli-Görüs-Bewegung repräsentiert, verweigerte die Mitarbeit. Es fehlen in der Studie auch tschetschenische Vertreter.

Die Kernfrage der Forscher war: Welche Rolle spielen Imame beim Integrationsprozess und mit welchen Schwierigkeiten haben sie zu kämpfen.

Abgrenzung und Öffnung

Das Ergebnis gibt Anlass zur Sorge. Die Einstellung der Imame ist teilweise erschütternd integrationsfeindlich.

Doch es gibt auch die Gegenseite: Imame, die sich um eine Öffnung der Moscheen bemühen, die den Islam als eine Religion der Barmherzigkeit begreifen und ihre Gemeindemitglieder nicht mit eisernen Vorschriften und Regeln plagen, sondern zum Kontakt und Austausch mit ihrer Umwelt ermutigen. Einige dieser Imame sitzen, selbst in fortgeschrittenem Alter, in Seminaren des Studiengangs „Muslime in Europa“, der an der Universität Wien angeboten wird, und zerbrechen sich den Kopf, wie man mit Koran und Sunna in der modernen Welt umgehen kann.

Allen Imamen gemeinsam ist ihre prekäre arbeitsrechtliche Absicherung, ihr befristetes Aufenthaltsrecht, das nicht auf Dauer angelegt ist, eine relativ schlechte Bezahlung, die Abhängigkeit von den Betreibern der Moscheevereine, von ausländischen Sponsoren oder Dienststellen wie dem türkischen Erziehungsministerium „Diyanet“. Den türkischen ATIB-Beamten geht es finanziell noch am besten.

Allen gemeinsam ist auch ihre Ausbildung, die sie mangels Alternative an einer Predigerschule in der Türkei oder an streng konservativen theologischen Universitäten im arabischen Raum, in Saudi-Arabien oder Ägypten absolviert haben. Die meisten beherrschen die deutsche Sprache nur rudimentär und tun sich schwer, ihre Kenntnisse neben der laufenden Arbeit in Sprachkursen zu verbessern. Alle befragten Imame respektieren die österreichische Rechtsordnung, sind für Integration und – als religiöse Vertreter – naturgemäß gegen Assimilation, wobei das Verständnis darüber, was Integration bedeutet, vage und breit gefächert ist. Der Begriff „Integration“ wird allerdings auch in öffentlichen Debatten recht willkürlich verwendet und hat selbst in der Wissenschaft keine allgemein gültige Definition.

"Hüter der religiösen Identität"

Die Forscher haben aus dem empirischen Material Typen destilliert und in Fallbeispielen beschrieben. Die Mehrheit der Imame sieht sich demnach als Missionare, die die Gläubigen „auf den richtigen Pfad“ zurückführen wollen, oder als „Hüter der religiösen Identität“. Jonas Kolb, einer der Studienautoren, schätzt, dass zwei Drittel aller Imame in diese beiden Kategorien fallen.

Sie neigen einer konservativen Auffassung des Islam zu, vertreten salafistische Strömungen, wie ein Imam aus Vorarlberg, der sich über die Unwissenheit seiner Gemeinde ärgert, sich weigert, seine eigene Tochter in den Schwimmunterricht zu schicken und lieber Geldstrafen in Kauf nimmt. Der Rede von Integration begegnet er mit „Argwohn“. Ein anderer Iman predigt in einer Wiener Moschee nach dem Theoretiker der Muslimbruderschaft Sayyid Qutb, leidet unter der „Nacktheit“ auf den Straßen und hat „nichts gegen Integration, solange das nicht gegen den Islam ist“. Ein Bosnier, der als Flüchtling nach Österreich kam, erst hier fromm wurde und daraufhin ein Stipendium für Medina bekam, sieht in der Öffnung von Moscheen ein „Einfallstor für Tendenzen der Assimilation“, wie in der Studie festgestellt wird. Ein Imam, der von einem türkischen Orden nach Österreich geschickt wurde, findet es nicht so gut, dass Kinder mit türkischem Hintergrund nach österreichischen Lehrplänen unterrichtet werden. Ein anderer erlaubt kleinen Mädchen nicht, dass sie in der Moschee neben ihrem Opa beten und empfindet die Gesetze, die in Österreich die Züchtigung von Kindern verbieten, zu „streng“. Als Muslim würde er niemals einer Silvester-Einladung folgen. Das sei ein „christliches Fest“ und „Sünde“.

Hoffnungsschimmer

Weitgehend allein gelassen, dem Druck der Gemeinde oder Moscheebetreibern ausgeliefert, fühlen sich Imame der Kategorie „Brückenbauer“. Ein Wiener ATIB-Imam versuchte schon ein Mal, seine Gläubigen davon zu überzeugen, am Internationalen Frauentag ihren Frauen Blumen zu schenken oder sich Hand in Hand mit ihnen auf der Straße zu zeigen. Dieser Imam hätte gern mehr Rückdeckung. Er würde auch gern besser Deutsch können, doch wird er für den Sprachkurs nicht freigestellt. Er wünschte sich, dass Österreich „seine Meinung über Migranten ändert“. Dann fiele ihm seine Arbeit leichter.

Ein bosnischer Imam in der Steiermark, der sich als „europäischer Muslim“ fühlt, wäre ebenfalls gern vom Verein unabhängig. Er schlägt vor, die Gehälter der Imame aus einem Topf der Islamischen Glaubensgemeinschaft oder vom österreichischen Staat zu bezahlen. Dann könnten Imame „nicht erpresst werden, es so oder so zu machen“.

Die zentralen Werte des Islam würden nur in Europa gelebt, sagt ein Imam mit kurdischem Hintergrund.

Ein Einziger der befragten Imame plädiert dafür, dass sich praktizierende Muslime auch an der Politik in Österreich beteiligen.