IS: Wie Kurden in Österreich den Terror in ihrer Heimat erleben

IS: Wie Kurden in Österreich den Terror in ihrer Heimat erleben

Sie sind politisiert, geschichtsbewusst, verzweifelt und wütend: zu Besuch bei den Kurden in Österreich.

Eren Kilic geht nicht mehr oft auf eine Demo. Wie seine intellektuellen Freunde war auch er zur Ansicht gekommen, dass sich die Kurden in Österreich eher als Künstler, Unternehmer oder Lehrer einbringen sollten, statt auf die Straße zu gehen. Die Aufmerksamkeit dafür sei immer nur kurz, das Verständnis gering. Vor zwei Wochen aber trieb ihn eine wütende Verzweiflung zur Kundgebung der Kurden: "Jetzt müssen wir uns zeigen. Was können wir sonst tun?“

Unter den Bannern der türkischen Linken und den schwankenden Plakaten mit dem überlebensgroßen Gesicht des PKK-Chefs Öcalan, die seine Mitstreiter vom kurdischen Dachverband Feykom hochhielten, im Kopf die grauenhaften Nachrichten und Bilder aus der Kurden-Enklave Kobane, stand Kilic, Leiter eines Bildungsinstituts, unter Tausenden anderen, bewacht von nervösen Polizeikräften, die sich an U-Bahn-Ausgängen und Seitenstraßen postiert hatten, um mögliche Angreifer im Vorfeld abzudrängen.

Streetworker gegen Hetze
Ein paar Messer wurden an diesem Freitag der vorvergangenen Woche konfisziert. Streetworker rannten herum und erklärten Jugendlichen, die, angestachelt von dummer Hetze in den sozialen Medien, aus den Randbezirken angereist waren, "weil die Jesiden Rache an uns Muslimen nehmen wollen“, worum es bei der Demo eigentlich gehe: um Menschenrechte, demokratische Verhältnisse, ein Leben in Freiheit und Frieden.

"In Kobane ist ein Ungeheuer entstanden, das bald auch Europa erfassen könnte“, sagt Eren Kilic. Mit einem seltsam gemischten Gefühl aus Macht und Ohnmacht starren die heimischen Kurden auf das IS-Monster, schreien Parolen, tragen Transparente auf den Wiener Ballhausplatz, leiden über Facebook und Viber mit den Verwandten und Freunden vor Ort mit, sammeln Geld und Winterkleidung für die Flüchtlinge in Syrien und der Türkei und gehen zu Veranstaltungen, in denen über die kurdische Frage debattiert wird.

Vergangene Woche lud die entwicklungspolitische Initiative Vidc in die Diplomatische Akademie. Zu Gast war der kurdische Journalist Irfan Aktan. Die Türkei sei von den Friedensverhandlungen aufgestanden, sagte er. Für den türkischen Präsidenten sei der IS ein Mittel sowohl gegen den syrischen Diktator Assad als auch gegen die Kurden. Dauerhaften Frieden aber werde es nur mit den 40 Millionen Kurden geben, die seit dem Zerfall des Osmanischen Reiches aufgesplittert auf mehrere staatliche Territorien leben. Die Kurden mögen ein Volk ohne Staat sein, aber sie sind die heimliche Macht, von der alles abhängt. Darüber herrschte Einigkeit im Publikum.

Kurden ohne eigene Staatsbürgerschaft
Unterdrückt und kriminalisiert in der Türkei, entrechtet in Syrien, verfolgt in einem mit Giftgas geführten Vernichtungsfeldzug Saddam Husseins, flüchteten Hunderttausende in den vergangenen Jahrzehnten in alle Welt. Wie viele heute in Europa leben, weiß niemand so genau. Weil Kurden keine eigene Staatsbürgerschaft besitzen, werden sie in den Statistiken nicht gezählt. Die meisten - Schätzungen sprechen von 800.000 - ließen sich in Deutschland nieder, zwischen 60.000 und 100.000 sollen es in Österreich sein.

Hier kamen die Ersten Mitte der 1960er-Jahre als Gastarbeiter an. Viele von ihnen stammten aus den ländlichen Gebieten im Südosten der Türkei und hofften, am Bau oder in der Fabrik so viel Geld zu verdienen, dass es später für ein besseres Leben in ihrer Heimat reicht. Dass sie Kurden waren, wurde vielen erst bewusst, als 1980 in der Türkei das Militär putschte und die kurdische Arbeiterpartei PKK fünf Jahre später in einen Guerillakrieg gegen die Zentralregierung zog. Die kurdischen Flüchtlinge aus dem Irak und Iran hingegen kamen bereits hochpolitisiert nach Österreich. Sie waren an Aufständen oder an der Revolution 1979 im Iran beteiligt gewesen und betrachteten das Exil als Chance, ihre politische Arbeit mit anderen Mitteln fortzusetzen.

Ali Gedek, 54, stieg Mitte der 1970er-Jahre als 15-Jähriger in Vorarlberg aus einem Gastarbeiterbus. Als zwei Jahre später in seiner Heimatstadt Maras ein Massaker an den Aleviten verübt wurde, marschierte Gedek jeden zweiten Tag vom Lehrlingsheim in Hart zu Fuß nach Bregenz, um eine Ausgabe der türkischen Tageszeitung "Hürriyet“ zu kaufen. Zurück im Lehrlingsheim hatte er schon jede Zeile verschlungen. Als nach dem Militärputsch in der Türkei überall in Europa Freunde und Bekannte auftauchten, die vor der Repression flüchten mussten, schloss er sich der Vorarlberger Niederlassung des marxistisch-leninistischen Vereins Atigf an, in dem Stalinisten, Maoisten und türkische Kommunisten sich an unverrückbaren Standpunkten rieben. Ihre kurdischen Wurzeln hielten sie für eine vernachlässigbare, nationalistische Fußnote der Geschichte. Ihnen ging es um die Weltrevolution.

Erste Migranten-Beratungsstellen unter Kreisky
In Gedek aber hatte die kurdische Frage zu glimmen begonnen. Er trat der SPÖ in Vorarlberg bei, weil er Bruno Kreisky als Freund der Palästinenser und der Kurden verehrte. Unter Kreiskys Ägide entstanden die ersten Beratungsstellen für Migranten.

Wie Eisenspäne an Magnetfeldern richtete sich die kurdische Diaspora an den Parteien ihrer Herkunftsländer aus, "alle nationalistischen Strömungen waren bald auch hier vertreten“, sagt Thomas Schmidinger, Sozialanthropologe und Mitbegründer des Zentrums für kurdische Studien in Wien.

Für die kurdischen Zuwanderer aus der Türkei - bis heute die größte Gruppe - gibt Feykom den Takt an. Das Dach der PKK-nahen Organisation überspannt mehr als ein Dutzend kurdischer Vereine in Österreich. Die irakischen Kurden wiederum gruppierten sich um das Kurdische Zentrum im Wiener WUK. Hier fanden die Flüchtlinge, was sie am dringendsten brauchten: Gleichgesinnte, Beratung, Deutschkurse, kurdische Kultur. Die Beziehungen zwischen türkischen, irakischen, iranischen und syrischen Kurden blieben sporadisch: Das Newroz-Fest zu Neujahr feierte man getrennt. Politische Allianzen brachen oft schneller wieder auseinander, als sie geschmiedet waren.

Österreich als Kernland für kurdische Diaspora
Einige Dutzend Kurden, die Kreisky aus Flüchtlingslagern im Iran geholt hatte, versammelten sich im Studentenverein Aksa. Immer neue Vereine formierten sich. Als Hauptstadt eines neutralen Landes kam Wien im Kalten Krieg eine herausragende Rolle für die kurdische Diaspora zu, schreibt Schmidinger: 1975 wurde hier die Gründung der irakischen Kurdenpartei Patriotische Union Kurdistan (PUK) eingefädelt, Vertreter der kurdischen demokratischen Partei des Iran (PDKI) und der Islamischen Republik Iran gaben sich ein Stelldichein. 1989 ermordete der iranische Geheimdienst den PDKI-Generalsekretär Abdhul Rahman Ghassemlou und zwei weitere Politiker. Der Tatort: Wien. Österreich war, neben Holland, Schweden, Finnland und Norwegen, unter den Ländern, die die PKK nicht als Terror-Organisation listeten. Die Beziehungen gediehen oft auf informeller Ebene weiter.

Saya Ahmad, 30, hat vom Tag ihrer Ankunft in Österreich nur noch flüchtige Bilder und überwältigende Gefühle gespeichert. Am Flughafen warteten freundliche Menschen, jemand drückte ihr einen Teddybären in die Hand. Ihre Mutter hat ihn aufbewahrt, so wie die Gummischuhe, die ihr Bruder im Flüchtlingslager in der Türkei bekommen hatte. Die sunnitischen Kurden hatten alles Hab und Gut im Norden Iraks zurückgelassen und waren um ihr Leben gerannt. Es war kalt, es fehlte an Essen, und fast wäre das Mädchen auf der Flucht verdurstet. Und obwohl sie erst sieben war, hatte Saya "nie den geringsten Zweifel, dass meine Familie und ich nur deshalb an einem Ort lebten, den ich nicht aussprechen konnte - Kla-gen-furt -, weil wir Kurden sind“.

Während das kurdische Bewusstsein der Gastarbeiter aus der Türkei in Österreich allmählich erwachte, schlief es bei den von vornherein politisierten irakischen Flüchtlingen langsam wieder ein, als die Kurden im Irak eine Schutzzone erhielten, ein eigenes Parlament bildeten und in der Region Ruhe einkehrte. Heute setzt sich Ahmad im Rahmen der Liga für emanzipatorische Entwicklungszusammenarbeit (LeEZA) dafür ein, dass Frauen im Irak und in der Türkei Zugang zu Bildung und Gesundheit erhalten.

"Totale Ohnmacht"
Das ist ihre Art, ihre Wurzeln zu pflegen und die "totale Ohnmacht“ zu bannen, die sie ab und zu spürt. Ihre Verwandten waren 1991 in alle Richtungen geflohen - nach Schweden, England, Amerika -, ein paar leben noch in Kirkuk, "und manchmal können wir nur weinen, weil wir über Facebook und Viber alles hautnah miterleben, aber von hier aus so wenig ausrichten können“. Vergangenen Mittwoch saß Ahmad als SPÖ-Bezirksrätin von Wien-Alsergrund und Kurdin auf einem Podium und sagte, Europa müsse mehr Flüchtlinge aufnehmen.

In den vergangenen Wochen gingen Kurden in vielen Städten Europas auf die Straße, um auf die verzweifelten Menschen in der syrischen Grenzstadt Ain al Arab, kurdisch Kobane, aufmerksam zu machen. Die islamistische Terrormiliz IS versucht dort, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen. In Istanbul krachten Polizeikräfte und Demonstranten aneinander. Tränengas wurde eingesetzt. Im niederländischen Den Haag besetzte eine Gruppe Kurden einen Tag lang das EU-Parlament. In Basel blockierten Kurden Straßenbahngleise. In Brüssel und Paris kam es zu Protesten auf den Flughäfen, in Wien zu einer spontanen Versammlung vor dem Parlament.

Seit den Gezi-Park-Protesten in Istanbul, die sich um die Forderung nach mehr Demokratie kristallisierten, marschieren kurdische Gruppen und linke Türken öfter gemeinsam. "Auch die Solidarität für Kobane eint uns, weil es hier um Menschlichkeit und gegen grauenhafte Verbrechen geht“, sagt Fatma Kücükuncular von der Alevitischen Föderation, in der sich österreichweit zwölf alevitische Vereine bündeln, und über 250 in ganz Europa. Doch selbst die alevitischen Kurden sind in sich tief gespalten, etwa wenn es um die Frage geht, ob ihr Glaube innerhalb oder außerhalb des Islam angesiedelt ist.

"Emotional mit Ereignissen verbunden"
Jede höhnische Äußerung, jeder Tote, jede politische Wendung erschüttert Tausende Kilometer weiter die Diaspora. "Viele Kurden in Österreich sind emotional mit den Ereignissen verbunden, weil sie Verwandte in der Region haben, oder weil sie in der Diaspora ihre Geschichte entdeckt und hier gelernt haben, stolz zu sagen: Ich bin Kurde“, sagt der Grüne Senol Akilic, der 2010 als erster Politiker mit kurdischen Wurzeln in den Wiener Gemeinderat einzog. Sein Onkel in Istanbul habe ihm kürzlich am Telefon gesagt, er habe den Plan zu einer Solidaritätsdemo für Kobane wieder fallen lassen, aus Angst, von IS-Leuten angegriffen zu werden. Akilic hatte die Türkei 1979 verlassen, ein Jahr nach dem Massaker in Maras und ein Jahr vor dem Militärputsch. Das Kurdische hatte ihn noch in der alten Heimat "voll erwischt“. Sein erster Aufsatz in der Hauptschule in Wien war blutrot, als er ihn korrigiert von der Lehrerin zurückbekam. Das Thema: Die Kurden.

Nun fliegen in den kurdischen Städten der Türkei wieder Pflastersteine und brennende Flaschen. Die Polizei antwortet mit Wasserwerfern und Tränengas, wenn Kurden gegen die zögerliche Haltung der Türkei gegenüber dem "Islamischen Staat“ (IS) auf die Straße gehen. De-facto-PKK-Chef Cemil Bayik drohte mit einem Aufflammen des Guerilla-Kriegs, sollten kurdische Kämpfer weiter behindert werden, den bedrängten Menschen in Kobane zu Hilfe zu eilen.

Bei den Straßengefechten in der Türkei tat sich eine kurdische sogenannte Hisbollah hervor. Ihr parteipolitischer Arm "Hüda Par“ kämpft für die Sache der Kurden, die sich von der sozialistischen PKK nicht vertreten fühlen und von einem sunnitischen Gottesstaat träumen, in dem die Scharia herrscht. Eine Vorläuferorganisation dieser kurdischen Hisbollah hatte das türkische Militär in den 1990er-Jahren auf die PKK gehetzt. Es gibt Stimmen unter Kurden, die vor einer Wiederholung der Geschichte warnen, die sich ebenfalls in der Diaspora widerspiegeln könnte.

"Das sollte uns alle beschäftigen"
Kücükuncular, die kurdisch-stämmige SPÖ-Politikerin aus Oberösterreich, möchte über Jugendliche reden, die zu rasender Gewalt verführt werden, über Burschen, die ihr Selbstwertgefühl mit IS-Allmachtsfantasien aufbessern, Mädchen, die in den heimischen Parks für den bewaffneten Dschihad in Syrien werben: "Das sollte uns alle beschäftigen.“ Sie selbst kam mit vier Jahren nach Österreich. In der Volksschule hatten ihre sunnitischen Freunde sie sekkiert, wenn sie nicht fastete. Als sie älter war, wurde sie mal als Terroristin, mal als Ausländerin beschimpft. Sie geht weiter für die kurdische Sache und gegen den IS auf die Straße, "weil man seine Stimme erheben muss, wenn Verbrechen passieren“, obwohl sie weiß, dass jedes Mal Einheimische über die türkischen Banner und Öcalan-Bilder lästern. Und einer ist immer dabei, der die Menge anbellt: "Was wollen die Tschuschen schon wieder?“ Migranten in Österreich hätten viele Probleme, von Bildung bis Diskriminierung: "Dagegen sollten wir gemeinsam kämpfen. Wir müssen unsere Herkunft ja nicht gleich vergessen, aber wann haben wir je gegen ein österreichisches Schulgesetz demonstriert?“

Im Feykom-Lokal im 15. Wiener Gemeindebezirk hängt die Karte von Kurdistan. Seit Jahrhunderten bezeichnet der Name eine Region, die sich über den Südosten der Türkei, den Nordosten Syriens und den Norden Iraks bis in den Nordwesten Irans erstreckt. "Jeder Kurde träumt von einem unabhängigen Kurdistan“, sagt Feykom-Obmann Hüseyin Akmaz, ein alevitischer Kurde aus Dersim, wo die türkische Armee 1938 über 10.000 Menschen massakrierte. Akmaz kam 1978 nach Österreich. Die Lage in Istanbul, wo er als Beamter arbeitete und nebenbei studierte, war erdrückend geworden. Kurz bevor das türkische Militär ihn einziehen konnte, entkam Akzam ins Ausland. Er bekam ein Visum für Österreich und inskribierte an der Technischen Universität Datentechnik.

In der Türkei war von der Sprache bis zur Musik alles Kurdische verboten. Akzam wähnte sich in einem schönen Traum, als ein hoher Polizeibeamter ein Buch über die Kurden am helllichten Tag im Wiener Kurhotel Oberlaa präsentierte (Hans Hauser, "Stiefsöhne Allahs“). Gemeinsam mit einer Handvoll Studenten rief er die ersten Arbeiter-und Studentenvereine ins Leben, richtete Folklore-Abende aus und organisierte Deutschkurse. Er war Mitte 40, als Kurdenführer Öcalan auf Druck der Türkei seinen Rückzugsort in Syrien verließ und in Europa seine Anhänger zu Tausenden auf die Straße gingen. Es war die erste Demo, bei der Akzams junger Feykom-Kollege Mevlüt Kücükyasar mitmarschierte. Seine Eltern hatten ihn im Alter von acht Jahren aus dem türkischen Konya nach Österreich nachgeholt. In Graz, wo er damals lebte, besuchten Feykom-Leute kurdische Familien zu Hause, um sie zu Veranstaltungen einzuladen und für Demos zu mobilisieren. Offensichtlich mit einigem Erfolg. Kücükyasar, der in Wien Soziologie und Politik studierte, ist inzwischen Sprecher von Feykom.

Lerneffekte gibt es in beiden Richtungen. Seit zwei Wochen verfolgt der 60-jährige Akzam auch auf Twitter, wie sich die Lage in den Kurdenregionen entwickelt. Abschalten geht kaum noch. Ständig kursieren neue Grässlichkeiten, ein 16-Jähriger hat beide Beine verloren, Frauen werden geschlagen und vergewaltigt. "Es ist ein Horror, es fällt schwer, sich daneben noch auf die Arbeit zu konzentrieren. Allen meinen kurdischen Freunden geht es genauso“, sagt Eren Kilic. Auf eine Nachricht warten sie bisher vergeblich: dass der IS geschlagen und die Friedensgespräche wieder in Gang gekommen sind. Kilic: "Die Türkei hat jetzt die letzte Chance, mit den Kurden zu reden. Die nächste Generation ist mit der Gewalt groß geworden, sie wird vielleicht nicht mehr reden wollen.“