Werner Kogler
Werner Kogler

© APA/ROLAND SCHLAGER

Österreich
12/27/2019

Jahresrückblick: Werner Kogler und das Comeback der Grünen

Greta Thunberg, Heinz-Christian Strache, Pamela Rendi-Wagner: Sie alle hatten ihren Anteil am Wahlerfolg der Grünen. Aber ohne Werner Kogler wäre das Comeback nicht so triumphal ausgefallen. Der Steirer hat die Partei gerettet und könnte sie demnächst in die Regierung führen.

von Rosemarie Schwaiger

Das Leben als Politiker ist auch deshalb so hart, weil alles, was einer je gesagt hat, bis in alle Ewigkeit gegen ihn verwendet werden kann. „Die Rache der Journalisten ist das Archiv“, wusste schon der legendäre ORF-Mann Robert Hochner. Und es gehört in der Tat zu den vergnüglicheren Seiten unseres Jobs, verdiente Mandatare mit alten Zitaten zu quälen. Irgendein Blödsinn findet sich immer.

Seltsam eigentlich, dass Politiker bisher nicht auf die Idee kamen, den Spieß umzudrehen. Auch unsereins ist ja nicht unfehlbar. Der Chefredakteur einer angesehenen österreichischen Tageszeitung etwa hatte sich im Mai 2018 Gedanken über die Zukunft der Grünen gemacht. „Ein empathischer Spitzenkandidat muss her, der zumindest die Sprache der politischen Mitte versteht und spricht“, empfahl der Kollege. Ein paar Zeilen und diverse scharfsinnige Betrachtungen später präzisierte er, wie das gemeint war: „Werner Kogler ist sympathisch und klug, Wahlen wird er keine gewinnen.“

Vor eineinhalb Jahren galt das als eine luzide Analyse. Die meisten Berichterstatter hätten den Text wahrscheinlich unterschrieben. Eine taugliche Nummer eins stellte man sich damals anders vor: jünger, wendiger, schicker oder wenigstens eitler und jedenfalls nicht so kauzig. Sollte Werner Kogler ein nachtragender Mensch sein (wofür es aktuell keine Indizien gibt), muss er nie wieder ernst nehmen, was die Medien über ihn und seine Aktivitäten verbreiten.

Grüne Auferstehung

Unter Koglers Führung haben die Grünen ein derart fulminantes Comeback hingelegt, dass selbst nichtreligiöse Menschen dem Konzept Auferstehung mit etwas mehr Wohlwollen gegenübertreten können. Im Oktober 2017 war die Partei aus dem Nationalrat geflogen. Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek erklärte sofort ihren Rücktritt, 24 Nationalratsabgeordnete räumten ihre Büros, sämtliche Mitarbeiter wurden gekündigt. Von einer kleinen, aber stolzen Partei war nicht viel mehr geblieben als fünf Millionen Euro Schulden. Auch Anfang 2019 sah es noch alles andere als rosig aus: Türkis-Blau funktionierte, und den Grünen drohten vier weitere Jahre in der außerparlamentarischen Opposition – ohne Geld, ohne Auftrittsmöglichkeiten, ohne politischen Einfluss.

Jetzt verhandeln die Grünen um ihren Einzug in die Regierung, und Werner Kogler wird wahrscheinlich der erste grüne Vizekanzler in der österreichischen Geschichte werden. Dass so etwas möglich ist, mag auch manchen politischen Gegner trösten. Nicht einmal für die SPÖ ist alles verloren. Nach oben kann es in der Politik genauso flott gehen wie nach unten.

Werner Kogler gehörte zu den wenigen, die Ende 2017 nicht aufgeben wollten. Er übernahm kurzerhand die Verantwortung, und keiner machte sie ihm streitig. Als Trümmermann oder -frau hat man in der Politik selten Rivalen. „Wir können den Laden nicht zudrehen“, verkündete Kogler damals trotzig. Wenige Monate später beschloss die ehemalige Bundessprecherin Eva Glawischnig dann auch noch, beim Glücksspielkonzern Novomatic anzuheuern – aus grüner Sicht also quasi beim Teufel persönlich. „Das haben wir gebraucht wie einen Stein am Schädel“, seufzte Maria Vassilakou, damals Chefin der Wiener Grünen. Kogler arbeitete in jener Zeit unentgeltlich, aber als ein vergnügliches Hobby ging der Job eher nicht durch. „Ja, uns gibt’s, wir leben“, musste er im Herbst 2018 in einem Interview betonen.

Die Wende kam mit Greta Thunberg und Fridays for Future. Mittlerweile steht der Klimawandel ganz oben auf der Agenda, und Öko-Parteien spüren überall Aufwind. Die Dauerkrise der SPÖ ist für die Grünen ebenfalls kein Schaden; irgendwo müssen enttäuschte Linkswähler mit ihren politischen Anliegen ja andocken. Den letzten Baustein lieferte schließlich das Ibiza-Video, das die Regierung in die Luft sprengte und den Weg für Neuwahlen freimachte. Bei der Nationalratswahl am 29. September dieses Jahres feierten die Grünen mit 13,8 Prozent der Stimmen ein triumphales Comeback.

"Alter weißer Mann"

Alles in allem ist Werner Kogler wohl gut beraten, die Verantwortung für das vollbrachte Wunder nicht ausschließlich bei sich selbst zu suchen. Aber es war sein Verdienst, dass die Partei wenigstens noch eine Postanschrift hatte, als das Wunder zugestellt wurde. Außerdem gelang es Kogler zuletzt, die in ihre Basisdemokratie verliebten Ökos ziemlich straff an die Leine zu nehmen. Aus den Koalitionsverhandlungen dringt kaum ein Muckser nach außen. Wenn einer was sagt, dann der Chef – und der lässt sich auch nicht viel entlocken. „Ich bin ja nicht in einem Wettlauf mit irgendwelchen Kalendern oder Feiertagen“, erklärte er jüngst auf die Frage, ob es vor dem Jahreswechsel noch eine Einigung geben werde.

Disziplin und Korpsgeist der Grünen können einem leicht ein wenig unheimlich werden. Immerhin ist Kogler 58 Jahre alt, Steirer und Besitzer eines XY-Chromosoms – laut der in linken Kreisen geltenden Definition also ein „alter weißer Mann“. Dass ausgerechnet so jemand jetzt ganz allein bestimmen darf, wo es langgeht, ist im Vergleich zu früher doch ein heftiger Stilbruch.

Nicht nur das Matriarchat legt bei den Grünen derzeit eine Pause ein, auch mit dem Moralisieren hält man sich zurück. Werner Kogler kann über den Klimawandel und die aus seiner Sicht nötigen Maßnahmen gegen die Erderwärmung ohne Punkt und Beistrich stundenlang referieren, aber das religiös anmutende Bußetun geht ihm gegen den Strich. „Ich halte diese Askese-Geschichten für völlig verfehlt, da spiele ich nicht mit“, erklärte er in einem profil-Interview Anfang August. „Eh fein, wenn man ein Gewissen hat. Aber mit schlechtem Gewissen zu argumentieren, ist trotzdem unsinnig.“

Für ihre Verhältnisse abgebrüht agierten die Grünen zuletzt in der Debatte um Asylwerber, denen die Abschiebung droht, obwohl sie gerade eine Lehre absolvieren. Angestoßen worden war die Kampagne gegen Abschiebungen vom oberösterreichischen Landesrat Rudi Anschober; es handelte sich also um ein genuin grünes Anliegen. Die ÖVP kam den Wünschen nur gerade so weit entgegen wie unbedingt nötig: Asylwerber dürfen ab sofort ihre Lehre zwar beenden, müssen danach aber ausreisen, wenn ihr Asylantrag negativ beschieden wird. Sonderlich großzügig ist das nicht. Dennoch fiel nach der Einigung kein böses Wort: Man habe sich zwar mehr gewünscht, hieß es bei den Grünen. Doch immerhin handle es sich um eine menschlich und wirtschaftlich vernünftige Lösung. Die noble Zurückhaltung hat natürlich mit den Regierungsverhandlungen zu tun – aber vielleicht nicht nur: „Wenn wir die parlamentarische Demokratie erhalten wollen, dann ist es schlecht, den Kompromiss zu denunzieren“, sagte Kogler ebenfalls im profil-Interview. Wer das mitten im Wahlkampf so sieht, kann nach der Wahl nicht den Holzhammer auspacken.

Kind der 1970er-Jahre

Werner Kogler wurde in Hartberg geboren und wuchs in der Gemeinde St. Johann in der Haide auf. Bis zur Schließung des örtlichen ADEG-Ladens im Jahr 2015 konnte man dort noch mit Schilling bezahlen. Das war aber schon das Einzige, womit der Ort über regionale Grenzen hinweg ein wenig Berühmtheit erlangte. Im Wikipedia-Eintrag fehlt die sonst übliche Rubrik „Söhne und Töchter der Gemeinde“. Das sollte demnächst korrigiert werden.

In den 1970er-Jahren betreibt Familie Kogler hier einen Getreidehandel, und der Sohn hat das Glück, zu einer Zeit jung zu sein, in der nicht jede Verhaltensoriginalität beim Schulpsychologen landet. Vor Kurzem hat Kogler dem „Falter“ erzählt, dass er fast von der Schule geflogen wäre, weil er Kloschüsseln abmontiert und damit die Lehrersessel ersetzt habe. Der junge Mann raucht, wo er nicht darf, er boykottiert den Tanzkurs, er betrinkt sich, er gründet einen „Verein zur Abschaffung des Mittelalters in der Oststeiermark“, und er rauft – angeblich auch mit Neonazis; das wäre eine selbst für die Grünen akzeptable Gewaltanwendung. Kogler ist ein talentierter Fußballer, hat mit 21 einen schweren Mopedunfall und erwähnt heute noch mit grimmigem Vergnügen eine mehrtägige „Aloha“-Party, bei der offenbar einiges passierte, worüber ein Vizekanzler in spe nicht ins Detail gehen sollte. Alles zusammen ergibt das keine superbrave, aber auch keine ganz außergewöhnliche Adoleszenz in den 1970er-Jahren. Im Vergleich zu heute herrschte damals die blanke Anarchie.

Für seinen akademischen Abschluss in Volkswirtschaftslehre benötigt Kogler stolze zwölf Jahre. Es dauert auch deshalb so lange, weil er nebenbei noch ein paar andere Studienfächer ausprobiert. Außerdem sitzt er schon mit 24 im Grazer Gemeinderat. Dass die Politik sein Beruf werden soll, steht also ziemlich früh fest.

Kogler sah sich selbst lange als eine klassische Nummer zwei. Es zog ihn nicht in die erste Reihe, und niemand hatte Grund, den oft launischen, zu ausufernden Monologen neigenden Kollegen für einen Publikumsliebling zu halten. Vielleicht war es ausgerechnet die Pleite der Hypo Alpe Adria, die schließlich zu einer Art Erweckungserlebnis führte. Um den Bürgern die Details dieser Affäre näherzubringen, tingelte Kogler monatelang durchs Land. Er trat in Stadtsälen, Wirtshäusern und Universitäten auf und gastierte nach eigenen Angaben live vor etwa 10.000 Menschen. Bei einer solchen Tournee kann man durchaus die Rampensau in sich entdecken.

Schon im Nationalratswahlkampf war offenkundig, dass Werner Kogler mit der Idee warmlief, eventuell in die Regierung einzuziehen. Diese Vision ist inzwischen nähergerückt. Nebenbei muss die Partei organisatorisch wieder auf die Beine kommen. Nach den Massenkündigungen von 2017 gibt es derzeit Neuanstellungen en gros. Und bei aller Vorfreude auf allfällige Regierungsämter gilt es auch zu berücksichtigen, dass die grünen Wähler ein besonders anspruchsvolles Biotop darstellen. Sie würden wohl noch viel empfindlicher auf den Bruch von Wahlversprechen reagieren als die Anhänger anderer Parteien. Mit den ersten etwas schlechteren Umfragen käme schnell auch die parteiinterne Harmonie ins Wanken.

„Keep cool down everybody!“, hat Werner Kogler jüngst in etwas ungelenkem Englisch als Devise ausgegeben. Das ist auf jeden Fall ein guter Tipp.