Jugendforscher Heinzlmaier: "Auf Facebook kann man niemanden umarmen"

Bernhard Heinzlmaier

Bernhard Heinzlmaier

Der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier über Klima-Demos, „Konsumtrottel“ und das Elitäre an Jugendbewegungen.

INTERVIEW: EVA LINSINGER

profil: Sie beschreiben die Generation Z der 16- bis 25-Jährigen als „Performer“, „Styler“ und „Egoisten“. Jetzt demonstriert diese Generation für Klimaschutz. Ist sie plötzlich politisiert?
Heinzlmaier: Die Jugendlichen, die protestieren, gehören zu den bildungsnahen Schichten, die immer politikinteressiert waren. Das sind die Kinder der Postmaterialisten und Jugendliche aus dem Performermilieu, die Jugendlichen aus dem oberen Gesellschaftsdrittel.

profil: War die 1968er-Bewegung größer?
Heinzlmaier: Bei den 68ern waren es überhaupt nur die oberen zehn Prozent. Jetzt ist es das obere Drittel, das gerade für das Thema Klima sensibilisiert ist – auch deshalb, weil diese Jungen kaum soziale oder ökonomische Probleme haben und in toller Ausbildung stehen. Sie fühlen sich vom Thema Klima bedrängt, was auch mit den Lehrern zusammenhängt.

profil: Sind Jugendproteste immer Elitenproteste?
Heinzlmaier: Oft. Eine Ausnahme sind die rechtspopulistischen Gelbwesten in Frankreich, eine Anti-Elitenbewegung. Aber die 1968er, Anti-AKW, die Friedensbewegung, Hainburg, das waren alles Elitenbewegungen. Bei den 68ern marschierten Studenten, für das Klima marschieren Gymnasiasten und Studenten. Lehrlinge findet man da wie dort nur wenige. Für die Jugendlichen sind die Klima-Demos oft ihre ersten Demonstrationen. Sie haben ein Gemeinschaftsbedürfnis: Auf Facebook kann man niemanden umarmen. Da ist es super, wenn kollektive Aktionen stattfinden und ein paar Tausend Menschen unterwegs sind.


Den Jungen ist das Thema Klima sehr viel wichtiger als andere Themen. Gerade in diesem Alter haben viele noch ein sehr moralisches Weltbild und wollen die Welt retten.

profil: Wie passt das zum Konsumismus, der dieser Generation nachgesagt wird?
Heinzlmaier: Die Gruppe, die da demonstriert, besteht eben nicht aus Konsumtrotteln, die sich für nichts interessieren. Im Gegenteil: Das sind hochgebildete Leute, die sich informieren und im Elternhaus über Politik diskutieren. Die sind mobilisierbar.

profil: Hätten es auch andere Themen sein können?
Heinzlmaier: Mit dem Thema Klima kann man Konsens herstellen. Niemand ist für Klimazerstörung, nur Skurrilos leugnen den Klimawandel. Außerdem ist den Jungen das Thema Klima sehr viel wichtiger als andere Themen. Gerade in diesem Alter haben viele noch ein sehr moralisches Weltbild und wollen die Welt retten. Sie gehen frisch und frei los – völlig frei von Zynismus, der meist erst später kommt. Das finde ich auch erfrischend. Was mich an der Bewegung stört: Die Jugendlichen sind für das Klima sensibilisiert, für die Probleme der sozialen Unterschichten aber weniger. Da gehören sie eher zur verrohten Bürgerlichkeit, die nicht mehr teilen will – wie ihre Eltern.

profil: Hat „Fridays for Future“ das Potenzial, eine Generation zu prägen – so wie Hainburg die Generation davor?
Heinzlmaier: Ich bin mir nicht sicher, ob die Klima-Demos die Sommerferien überdauern. „Fridays for Future“ hat das Problem, dass es keinen richtigen robusten Gegner gibt. Bei Hainburg standen sich Formationen gegenüber, da gab es eindeutige Gegner: Gewerkschaft gegen Ökobewegung, Junge gegen Alte, Polizei gegen Demonstranten. „Fridays for Future“ ist nicht so konfrontativ.

#FridaysforFuture: In Wien gingen tausende Schülerinnen und Schüler für den Klimaschutz auf die Straße. Wir haben uns am Heldenplatz umgehört.

profil: Dennoch tut sich die Politik schwer, damit umzugehen.
Heinzlmaier: Das stimmt, und ich verstehe das gar nicht. Wenn ich Sebastian Kurz wäre, würde ich mit den Jugendlichen über den Ring ziehen. Aber die Politik scheint sich eher zu fürchten. Dabei ist der Protest ohnehin sehr adrett und anständig; frühere Jugendproteste waren viel aggressiver. Mir ist das ohnehin lieber – für Wirbel bin ich zu alt.

profil: Zum Schluss etwas Persönliches: Das war ein sehr ruhiges Gespräch. Auf Twitter geben Sie gern den aggressiven Wutbürger.
Heinzlmaier: Dort spiele ich eine Rolle, an der ich Spaß habe. Twitter ist ja nicht normal. Da ist alles überzogen und überzeichnet, und deshalb agiere ich genauso.