Katia Wagner: "Ich habe etwas gegen Klassenkampf"

Katia Wagner: "Ich habe etwas gegen Klassenkampf"

profil-Sommergespräche Teil II: Die frühere Waxing-Studio-Betreiberin und nunmehrige „krone.tv“-Moderatorin Katia Wagner über Bürokratie, Feminismus und die Flüchtlingspolitik der Regierung.

profil: Frau Wagner, die Zeitungen belegen Sie mit verschiedenen Namen: Waxing-Lady, Ombudsfrau für Waxingstudio-Betreiber, Enfant terrible der KMU-Szene, Wut-Beauty – was gefällt Ihnen am besten?
Wagner: Am liebsten werde ich mit meinem Namen angesprochen: Katia. Wut-Beauty? So wütend bin ich eigentlich gar nicht.
profil: Der Name Wut-Beauty wurde wahrscheinlich beim Wirbel um ihr Wiener Waxing-Studio geprägt. Das Arbeitsinspektorat hatte damals moniert, es dürfe nicht ohne Sichtverbindung ins Freie gearbeitet werden, worauf Sie gefragt haben, ob Sie wirklich Intim-Waxing in der Auslage machen sollen.
Wagner: Es war eine skurrile Geschichte. Ich habe nicht gewusst, dass es diese Verordnung gibt, sie soll die Psyche der Angestellten unterstützen. Klingt in der Theorie alles vernünftig, stößt in der Praxis aber auf Probleme, wenn etwa Stellen enthaart werden sollen, die man nicht unbedingt der Öffentlichkeit präsentieren will. Ich habe damals alle Beamten des Arbeitsinspektorats zu einem Gratis-Waxing im Schaufenster eingeladen, leider ist niemand gekommen.
profil: Das wäre immer noch eine kleine Schmunzelgeschichte in den Zeitungen geblieben, wäre nicht plötzlich Vizekanzler Reinhold Mitterlehner in seiner Funktion als Wirtschaftsminister bei Ihnen aufgetaucht ...
Wagner: Nicht zum Waxing!
profil: ... um Sie im Kampf gegen die Bürokratie zu unterstützen.
Wagner: Da haben wir uns selbst gewundert. Er wollte sich die Lage vor Ort ansehen. Er hat auch später noch geschrieben, was mich sehr gefreut hat. Das habe ich von einem Politiker nicht erwartet.

profil: Dann hat sich die Arbeiterkammer gemeldet und hat gesagt: So eine Heilige ist Frau Wagner nicht. Bei uns beschweren sich ständig ehemalige Angestellte über sie.
Wagner: Das ist halt die Reaktion, wenn jemand in der Zivilgesellschaft aufmuckt, und es ist auch nicht wahr. Ich bin der Meinung, dass ein Unternehmen nur funktionieren kann, wenn beide Seiten zufrieden sind. Aber es ist das gute Recht jedes Angestellten, der aus einem Unternehmen austritt, bei der Arbeiterkammer zu fragen, was ihm zusteht. Inzwischen habe ich meine Anteile am Studio ja verkauft, das Geschäft läuft gut und mein Nachfolger wird expandieren.
profil: Die Regierung plant, der Arbeiterkammer die Beiträge zu senken. Halten Sie das für sinnvoll?
Wagner: Ich glaube, dass die Kammern einen guten Job machen, aber es gibt immer Einsparungspotenzial. Die Kammern haben ja doch einige Rücklagen. Das Kammersystem muss sich sicher an die heutige Arbeitswelt anpassen.
profil: Laut Ihrem Facebook-Profil besitzen Sie ja selbst einiges: „Owner bei TwentySomething“, „Owner bei Zoga Beauty“, Model bei „Lookformodels“, Model bei Stella Models und dazu jetzt noch Ihr Engagement bei „krone.tv“. Wie geht sich das alles aus?
Wagner: TwentySomething ist ein Ein-Personen-Beratungsunternehmen für Social Media, Zoga Beauty ist eine Vertriebskooperation mit einer deutschen Firma. Und das Modeln wird aufgrund meines fortschreitenden Alters immer weniger. Ich bin ja schon kurz vor der Model-Pension.


Jede Frau wird schon einmal mit der Reduktion auf ihr Geschlecht zu tun gehabt haben.

profil: Sie waren 2013 Zweite bei der Miss-Earth-Wahl. Was ist eine Miss Earth?
Wagner: International gibt es drei große Miss-Bewerbe: Die Miss Universe, die Miss World und die Miss Earth. Bei der Miss Earth setzen sich die Missen für Umweltthemen ein.
profil: Was haben Sie für die Umwelt getan?
Wagner: Wir hatten tolle Projekte. Wir waren zum Beispiel auf den Philippinen und haben zwei Dörfer mit Solarpanelen ausgestattet, die hatten vorher keinen Strom.
profil: Wenn Sie sagen „wir“, meinen Sie da die Missen?
Wagner: Nein, die Organisation, die ja auch die Sponsoren aufgetrieben hat. Die Missen sind von Schule zu Schule gefahren und haben mit den Kindern besprochen, was sie im Alltag für die Umwelt tun können. Wir hatten etwa auch Mangroven-Pflanzprojekte.
profil: Letztlich paradieren Sie bei einer Misswahl aber vor einer Herrenriege von Juroren über den Laufsteg. Empfinden Sie das nicht als erniedrigend?
Wagner: Das gehört halt dazu: Die Bikini-Show, die Abendkleid-Show. Man müsste dann ja auch jede Unterwäsche-Präsentation so sehen oder aufreizende Plakatwerbung. Inzwischen verzichten die meisten Misswahlen ohnehin auf den Bikini-Durchgang.
profil: Hatten Sie manchmal Nachteile, weil Sie eine Frau sind?
Wagner: Schon. Für viele ist gleich das Klischee da: Miss, junge Frau – Frauen bewertet man manchmal sehr schnell. Jede Frau wird schon einmal mit der Reduktion auf ihr Geschlecht zu tun gehabt haben, mit Sexismus. Mir hat man halt sofort den Stempel „Waxing Lady“ und „Wut-Beauty“ aufgedrückt. Das ist ein bisschen hinunterdrückend. Ich bin keine Ex-Frau von Richard Lugner, dass ich eine solche Bezeichnung brauchen würde …
profil: Dann hätten Sie einen Tiernamen.
Wagner: Stimmt. Aber ich habe nie um einen Spitznamen gebeten.

profil: Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Wagner: Ich sehe mich als große Feministin. Mir ist die Gleichstellung von Mann und Frau wichtig. Es bestehen immer noch viele Nachteile: Den Gender Pay Gap, Frauen sind viel seltener in Vorstandpositionen vertreten, das sollte es alles nicht mehr geben.
profil: Sind Sie für Frauenquoten?
Wagner: Ich bin keine Freundin von Quoten. Eine Frau braucht dieselben Rahmenbedingungen und Chancen wie ein Mann. Darum braucht es auch den Ausbau der Kinderbetreuungsstätten. Ich verstehe nicht, warum die aktuelle Regierung gerade da sparen will.
profil: Sie haben einmal in einem Interview gesagt: „Wenn die Politik glaubt, die Unternehmer seien ausschließlich Ausbeuter, dann ist das falsch. Die Wirtschaft braucht beides: Arbeitgeber und Arbeitnehmer.“ Das ist ja beinahe der Geist der Sozialpartnerschaft.
Wagner: Ich habe ja auch nichts gegen die Sozialpartnerschaft an sich. Ich habe etwas gegen Klassenkampf. Ich bin von meinen Beschäftigten genauso abhängig wie sie von den Arbeitsplätzen, die ich für sie durch mein Risiko schaffe.
profil: Was verstehen Sie unter Klassenkampf? Ist das ein Streik, ein Sturm auf die Fabrik oder ist es schon Klassenkampf, wenn sich jemand bei der Arbeiterkammer beschwert?
Wagner: Nein, um Gottes willen. Es geht eher um die Sprache. Ich glaube, es würde der Sache guttun, wenn auf beiden Seiten mehr Pragmatismus herrschte, weil es ja auch auf beiden Seiten schwarze Schafe gibt.
profil: Sie müssten als Unternehmerin mit der jetzigen Regierung ja sehr zufrieden sein. Der 12-Stunden-Tag, die geplante Senkung der Körperschaftssteuer …
Wagner: Na ja. Ich warte noch ab. Ich bin eine Klein-und Mittel-Unternehmerin, von den Dingen, die Sie angesprochen haben, habe ich nichts. Vom 12-Stunden-Tag hat vielleicht ein Produktionsbetrieb etwas, aber nicht ein Kosmetikstudio. Die Regierung sollte für die KMUs und EPUs viel mehr tun.


Genauso wie es Rechtspopulismus gibt, gibt es auch Linkspopulismus.

profil: Was halten Sie eigentlich von der Aufhebung des Rauchverbots?
Wagner: Ich bin Nichtraucherin und würde von rauchfreien Lokalen profitieren, verstehe auf der anderen Seite aber die Hysterie nicht. Das ist überzogen.
profil: Als Sie begonnen haben, bei „krone.tv“ zu arbeiten, haben Sie gesagt, Sie hätten gute Kontakte in alle Parteien. Aber Sie sind ÖVP-Mitglied …
Wagner: … beim Wirtschaftsbund. Es gibt keine Partei, die zu 100 Prozent erfüllt, was ich mir wünschen würde, aber alle haben einige gute Ideen.
profil: Sie sind damals im Sommer 2017 in „krone.tv“ interviewt worden, und der Moderator deutete an, dass Sie sogar in die Politik gehen könnten. Sie haben gesagt: Na schau’n wir mal. Hatten Sie ein Angebot? Hat man Sie gefragt, ob Sie kandidieren wollen?
Wagner: Ja, ich wurde gefragt, ob ich kandidieren will. Aber ich habe mich dagegen entschieden.
profil: Ich nehme an, die ÖVP hat Sie gefragt.
Wagner: Ich habe mehrere Gespräche mit verschiedenen Parteien geführt, bin aber froh, dass nichts daraus geworden ist. Ausschließen will ich nichts, aber ich habe keine große Neigung, in die Politik zu gehen.
profil: Finden Sie eigentlich, dass es in Wien zu viele Flüchtlinge gibt?
Wagner: Nicht, dass ich das mitbekommen würde.
profil: Halten Sie die Aufregung darüber für übertrieben?
Wagner: Nein, übertrieben finde ich sie nicht. Die Migrationsdebatte beschäftigt die Menschen, auch wenn ich persönlich nicht viel davon mitbekomme. Sie haben Ängste, haben Zukunftssorgen, das muss man respektieren und auch ernst nehmen, auch wenn ich nicht diese Ängste habe. Die Debatte ist auch dem geschuldet, dass so lange nicht darüber gesprochen wurde. Deswegen hat ja die FPÖ stetig zugelegt.

Katia wagner im Sommergespräch mit Herbert Lackner im Wiener Prater

Katia wagner im Sommergespräch mit Herbert Lackner im Wiener Prater

profil: Ich zitiere aus Ihrer vorwöchigen Kolumne auf krone.at: „Kern & Co haben ÖVP und FPÖ teilweise zu Recht zur Last gelegt, Themen wie Migration und Kriminalität als populistische Trägerrakete für ihre Wahlkämpfe zu benutzen.“
Wagner: Ja, aber genauso wie es Rechtspopulismus gibt, gibt es auch Linkspopulismus. Linke Forderungen haben ja immer etwas moralisch Gutes, Populismus wird den Rechten unterstellt. Aber die Unterstellung, die Regierung wolle die fünfte Urlaubswoche streichen, ist auch populistisch, eben linkspopulistisch. Wir werden nicht jeden Tag zwölf Stunden arbeiten müssen und nur noch vier Wochen Urlaub haben. Diese Diskussion ist genauso populistisch, wie das Thema Flucht als Trägerrakete für einen Wahlkampf zu verwenden. Ich seh den Populismus ja nicht nur negativ. Er spricht Themen an, die die Menschen interessieren, formuliert sie aber in einer besonders überspitzten Weise.
profil: Ihr Vater stammt aus Indonesien, er ist also ein Migrant. Würde er heute nach Österreich kommen, hätte er bei Minister Herbert Kickl sehr schlechte Karten.
Wagner: Mein Vater ist als Student nach Wien gekommen, er ist wegen der Liebe und der schönen Stadt hier geblieben und hat geheiratet. Wir haben auch zu Hause Deutsch gesprochen, ich kann gar nicht Indonesisch, seine Lieblingsspeise ist das Schnitzel. Ich habe manchmal das Gefühl, er ist schon ein wenig überintegriert.
profil: Es gibt viele Migranten, die schon seit Jahren hier und gut integriert sind, die Kinder sprechen perfekt Deutsch, und Kickl lässt sie dennoch deportieren.
Wagner: Es geht auch mir nahe, wenn Lehrlinge, die hart arbeiten und gut integriert sind, ausgewiesen werden. Wenn jemand eine Lehrstelle hat, Steuern zahlt und sich etwas aufbauen möchte, sehe ich persönlich keinen Grund, ihn zurückzuschicken. So furchtbar das ist – aber das ist die Gesetzeslage.
profil: Gesetze kann man ändern.
Wagner: Ich bin der Meinung: Wenn jemand, der eine Lehrstelle in einem Mangelberuf hat und hier integriert ist, nach dem Abschluss bleiben dürfte, würde das auch den Wirtschaftsstandort stärken. Diese Personen nach der Ausbildung auszuweisen, ist hirnrissig.


Ich hab wenig Privatleben, und das wenige ist meins.

profil: Ist Ihr Vater ein Moslem?
Wagner: Nein, er ist zur Hälfte Chinese und daher ein Buddhist. In Österreich wurde er protestantischer Christ.
profil: Ihre Religion ist laut Facebook-Profil „Love“.
Wagner: Klar, tägliche Gebete zum Liebesgott! Nein im Ernst: Ich bin evangelisch wie meine Eltern.
profil: Sie haben ja jetzt schon elf ihrer Talk-Shows auf „krone.tv“ gemacht und hatten relativ viele Promis in Ihren Sendungen. Kommen die wegen Ihnen oder wegen der immer noch mächtigen „Krone“?
Wagner: Das kann ich nicht sagen. Ich höre von den Diskussionsteilnehmern, dass sie es als angenehm empfinden, dass sie aussprechen dürfen, nicht ständig unterbrochen werden und dass ein gutes Klima herrscht.
profil: krone.at ist eine Website, die vehement die Regierung verteidigt und die Opposition oft wild kritisiert. Stört Sie das nicht?
Wagner: Sehe ich nicht so. Wir haben ja auch viele Journalisten und Kolumnisten in der Zeitung, die sehr regierungskritisch sind …
profil: Na ja.
Wagner: Ich habe jedenfalls überhaupt keine Auflagen, ich kann in meiner Kolumne schreiben, was ich will.
profil: „Brillante Analysen und spitzfedrige Kommentare“ würden Sie liefern, jubelte krone.at in der Ankündigung Ihrer Kolumnistenkarriere.
Wagner: Wenn’s krone.at sagt, muss es ja wahr sein. Und ja: Ich schreibe alles selbst, und zwar mit viel Herzblut. Ghostwriter gehen sich bei meinem Gehalt nicht aus. Das Schreiben dauert bei mir halt etwas länger als bei altgedienten Kolumnisten. An diesem Tag darf mich niemand anrufen, da flipp ich.
profil: Man liest wenige Privat- und Adabei-Geschichten über Sie. Schirmen Sie sich ab?
Wagner: Ich hab wenig Privatleben, und das wenige ist meins. Es muss nicht jeder wissen, wie das aussieht, wenn ich zu Hause in der Jogginghose vor dem Fernsehapparat knotze. Und das kommt gar nicht so selten vor.

Zur Person
Katia Wagner, 30. Bekannt wurde die Wienerin 2017 durch ihre Fehde mit dem Arbeitsinspektorat, das die Bedingungen in ihrem Waxing-Studio kritisierte. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner schaltete sich damals auf ihrer Seite in den Konflikt ein. Inzwischen Ist Katia Wagner Kolumnistin auf krone.at und Moderatorin auf krone.tv

+++ profil-Sommergespräche Teil I: Star-Schlagzeuger Martin Grubinger über Österreichs neue Politik, seine Pulsfrequenz während eines Konzerts und seine Schwäche für Deutschland. +++

Interview: Herbert Lackner; Fotos: Walter Wobrazek