Konrad Paul Liessmann: „Ich gehe nur zu weiblichen Ärzten“

Konrad Paul Liessmann: „Ich gehe nur zu weiblichen Ärzten“

Der Philosoph Konrad Paul Liessmann über seinen Kampf gegen das Binnen-I, den Reiz von Debatten auf Neben­gleisen und seine Abneigung gegen das Wort „Handy“.

Interview: Eva Linsinger

profil: Freut Sie die Erregung, die Sie mit Ihrem Brief gegen das Binnen-I ausgelöst haben?
Konrad Paul Liessmann: Mich überrascht die Aufregung. Sie freut mich aber nicht sonderlich, weil es keine große Leistung ist, einen Brief zu unterzeichnen. Ich habe den Brief nicht formuliert, sonst hätte manches anders geklungen. Dennoch erscheint mir das Grundanliegen plausibel: nämlich auf manche Unsitten des Genderns, vom Binnen-I bis zu Schräg- und Unterstrichen, zu verzichten, wie es sich in der Bürokratensprache breitmacht.

profil: Bürokraten- und Gesetzestexte sind doch ohnehin kein Lesevergnügen.
Liessmann: Alle beklagen zu Recht die Unleserlichkeit von Gesetzestexten. Muss man sie noch unleserlicher machen? Und im akademischen Milieu erreicht das Gendern fragwürdige Ausmaße. Ich bekomme Zuschriften von Studenten, die unter unglaublichem Druck stehen zu gendern, weil sie sonst mit Nachteilen zu rechnen haben. Das geht nicht und widerspricht allen Kriterien der Leistungsbeurteilung. Daher sollten wir endlich zur sprachlichen Normalität zurückkehren.

profil: Aber Sprache verändert sich doch ständig – und damit auch die Definition dessen, was „normal“ ist.
Liessmann: Natürlich verändert sich Sprache, aber, und das ist das große Missverständnis, durch den gesellschaftlichen Gebrauch und nicht durch bürokratische Vorschriften. Jede Sprache zeichnet sich durch Dynamik aus, doch diese Dynamik wird eben nicht von oben gesteuert. Das Binnen-I verstößt gegen alle Usancen der deutschen Sprache und ist ein artifizielles Minderheitenprogramm, das sich ohnehin nicht durchsetzen wird.

profil: Was regt Sie denn dann so auf? Außer in Stellenanzeigen kommt das Binnen-I im Alltag kaum vor.
Liessmann: Aber selbst das führt zu skurrilen Situationen. Ich habe Briefe bekommen, etwa von einer Unternehmerin, die eine Stelle brav gegendert ausschrieb und eine Verwarnung vom Ministerium bekam, weil bei den Ausbildungserfordernissen HTL-Ingenieur stand. Das ist doch zutiefst lächerlich.

profil: Würden Sie sich auf eine Stellenausschreibung melden, in der eine Philosophin gesucht wird?
Liessmann: Natürlich nicht, denn wenn dort Philosophin steht, weiß ich, es sind nur Frauen gemeint. Wenn aber Wissenschaftler steht, ist klar, dass beide Geschlechter gemeint sind – und eben nicht nur mitgemeint. Das ist das Resultat unserer Sprachgeschichte.

profil: Sie argumentieren im Brief, dass „nur diktatorische Regimes Sprache ändern“. Man kann die Rechtschreibreform gut finden oder nicht, aber sie wurde von Regierungen beschlossen, nicht von Diktaturen.
Liessmann: Das ist sicher einer der Punkte, die ich anders formuliert hätte. Ich finde die Rechtschreibreform verunglückt, man hätte sie besser unterlassen sollen, aber sie wurde natürlich nicht von einer Diktatur eingeführt. Aber es ist etwas anderes, ob ich die S-Schreibung modifiziere oder politische Programme in Sprache gießen möchte. Letzteres ist signifikant für totalitäre Regimes, die bewusst Sprachpolitik machen und vorschreiben, welche Begriffe wie zu verwenden sind und welche Ausdrücke verboten werden, George Orwell hat dies in „1984“ vorgeführt. Gegen solches Neusprech wehre ich mich.

profil: Auch Sie wollen Sprachpolizei sein und das Binnen-I verbieten.
Liessmann: Mir geht es nicht um Verbote. Warum machen Sie mich für jede Formulierung des Briefes verantwortlich?

profil: Weil Sie einer der prominenten Unterzeichner sind.
Liessmann: Ich wehre mich gegen die Verbreitung von Binnen-I und Co, weil es zu einer ungemein verquälten und unlesbaren Sprache ohne Stilbewusstsein führt.

profil: Was ist für Sie eine adäquate Form: Sagen Sie Professor? Oder Professorin?
Liessmann: Je nachdem: Wenn ich die Haltung der deutschen Professoren im Jahr 1968 beschreiben will, sage ich Professoren, weil klar ist, dass damit der Berufsstand gemeint ist. Natürlich gab es damals schon Professorinnen – wenige, aber doch. Wenn es mir wichtig ist, dezidiert Männer und Frauen anzusprechen, dann sage ich Professor und Professorin.

profil: Als ein Argument dagegen wird genannt, dass Sprache Realitäten schaffe.
Liessmann: Das ist philosophisch höchst problematisch und falsch. Ich kann etwa arme Menschen noch so lange Millionäre nennen, davon werden sie nicht reich.

profil: Aber wenn man von Ärzten und Krankenschwestern spricht, verfestigt sich das Bild, dass Ärzte Männer sind und Krankenschwestern Frauen.
Liessmann: Bei Krankenschwestern wurde das Sprachbild gewählt, weil der Beruf weiblich war.

profil: Geht es also um die Mehrheit? Dann müssten wir Ärztinnen sagen, denn mittlerweile gibt es mehr Ärztinnen als Ärzte.
Liessmann: Ich persönlich gehe – zufällig – nur zu weiblichen Ärzten. Trotzdem werde ich sie „Ärzte“ nennen und im Kalender einen „Arzttermin“ notieren, alles andere, etwa ArztInnentermin, käme mir blöd vor. Die Realität schafft Sprache. Im Schwedischen oder Isländischen etwa sind Amtsbezeichnungen männlich. Wenn Sprache Wirklichkeit schaffte, müssten die Schwedinnen und Isländerinnen die diskriminiertesten Frauen der Welt sein. Wahr ist aber das Gegenteil.

profil: Ihr berühmter Kollege Ludwig Wittgenstein sagte: „Die Grenze meiner Sprache ist die Grenze meiner Welt.“ Kann Sprache Normen verändern?
Liessmann: Natürlich ist Sprache auch ein Instrument, gesellschaftliche und ethische Normen zu hinterfragen. Wittgenstein meint, dass wir nicht denken können, was wir nicht in einer Sprache formulieren können. Er hat damit sicher nicht das Binnen-I gemeint. Bestimmte Sprachmuster transportieren auch Weltvorstellungen und Denkbilder. Ich bin überzeugt, dass Sprache umso geeigneter ist, die Wirklichkeit zu erfassen, je mehr Nuancierungsformen sie bereithält. Wenn wir etwa von „Studierenden“ sprechen, ist das eigentlich unsinnig und kappt eine Nuancierungsform, denn ein „Studierender“ ist jemand, der gerade jetzt vor einem Lehrbuch sitzt. Ein „Student“ hingegen ist jemand, der an einer Universität inskribiert ist.

profil: Sie argumentieren, dass die Mehrheit gegen Gendern ist. Hat die Mehrheit immer recht? Sie war auch gegen die Abschaffung der Todesstrafe.
Liessmann: Das ist eine demokratiepolitisch riskante Aussage und ein fehlerhafter Schluss. Zur Todesstrafe kann man verschiedener Meinung sein, aber solange ich nicht Henker oder Delinquent bin, habe ich damit praktisch nichts zu tun. Aber jeder muss sprechen. Daher existiert im Sprachgebrauch ein anderes Verhältnis von Mehrheit und Minderheit als bei anderen Themenfeldern. Wenn eine Mehrheit für eine bestimmte Sprechpraxis ist, kann ich es letztlich nicht verwehren.

profil: Dann müssten wir auch Genitiv und Dativ abschaffen, beides ist sprachliches Minderheitenprogramm.
Liessmann: Warum abschaffen? Beides verschwindet ohnehin, wie auch der Konjunktiv – leider, aber dagegen könnten wir ankämpfen. Hier geht es auch nicht darum, eine neue Sprachnorm durchzusetzen, sondern den Verlust an Ausdrucksmöglichkeiten durch ein Verschleifen der Sprache möglichst gering zu halten. Andere Kämpfe sind schon verloren: Wie sehr habe ich mich gegen den Anglizismus „Handy“ verwehrt, ich finde „Mobiltelefon“ viel schöner. Aber „Handy“ hat sich durchgesetzt,.

profil: Die Literatin Marlene Streeruwitz sagt, bei Ihnen und Ihren Mitstreitern schwinge Angst vor Machtverlust mit.
Liessmann: Ganz schlechtes Argument. Auf der Ebene will ich nicht diskutieren, weil’s darum nicht geht. Mir zumindest nicht.

profil: Warum ist der Kulturkampf um die Hymne und das Binnen-I derart heftig?
Liessmann: Kulturkampf ist zu hoch gegriffen, denn zu einem echten Kulturkampf gehört, dass wesentliche gesellschaftliche Kräfte eingebunden sind. Bismarck gegen den Papst war der klassische Kulturkampf. So weit sind wir nicht. Aber natürlich geht es um die Macht über Symbole und darum, wer die Interpretationsmacht hat.

profil: Über relevantere Themen, etwa über Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen, wird nie so hitzig diskutiert.
Liessmann: Anscheinend sind bei Debatten auf Nebengleisen die Schlachten leichter zu gewinnen. Man muss auch nichts einsetzen dafür. Man verschafft sich ein unglaublich gutes Gewissen, wenn man glaubt, auf der richtigen Seite zu stehen. Und vielleicht haben alle ein Interesse, dass die wirklich relevanten Fragen an den Orten, wo sie entschieden werden, etwa in der Ökonomie, eben nicht debattiert werden. Alle diskutieren lieber die Bundeshymne als Gehaltsunterschiede. Wenn es die Möglichkeit gibt, solche symbolischen Debatten zu führen, wird sie gerne in Anspruch genommen, um andere Debatten nicht führen zu müssen.

profil: Vor 100 Jahren galten Frauen als zu dumm für die Uni, sie durften nicht wählen, weil sie dadurch vermännlichen würden. Kurz: Es galt vieles als normal, was uns heute absurd erscheint. Wie wird man in 100 Jahren die Debatte um geschlechtergerechte Sprache beurteilen?
Liessmann: Binnen-I und ähnliche Eingriffe werden sich nicht durchsetzen. Möglicherweise wird die Bezeichnung mancher Berufe durch die weibliche Form ersetzt, weil sie verweiblicht sind, vielleicht setzt sich die Nennung beider Geschlechter durch. Allerdings wird man irgendwann auch von Nationalsozialistinnen sprechen müssen, weil die Zahl der weiblichen Anhänger Hitlers doch ganz beträchtlich war. Es geht halt nicht, nur die Guten zu gendern. Aber in 100 Jahren sollte in zivilisierten Gesellschaften das Verhältnis der Geschlechter entspannt sein.