Ist die Weltwirtschaft noch zu retten?

Astronomische Verluste an den Börsen, Staaten am Rande des Schuldenkollapses,­ ­Politiker in Schockstarre: Ist die Welt noch zu retten? Und wenn ja, wie viel kostet das? Und wer soll es zahlen?

Zur Job-Description eines Notenbankers gehört es, in Krisenzeiten zu beschwichtigen. Dienstag dieser Woche sprach Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), dennoch von der „schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“. Wenn Verantwortungsträger wie er aus der Rolle fallen, muss die Lage ernst sein.

Zur Job-Description eines Politikers gehört es, in turbulenten Zeiten Führungsstärke zu demonstrieren, doch Angela Merkel und Nicolas Sarkozy weilten im Urlaub, als die Eurokrise wieder einmal eskalierte.

Zur Job-Description von Börsenhändlern gehört es, im Auf und Ab der Finanzmärkte den Überblick zu bewahren. Als die Kurse nachgaben, verkauften selbst die abgeklärtesten Trader in Panik oder delegierten ihre Entscheidungen an Computerprogramme.

Offenbar weiß derzeit niemand so genau, was eigentlich passiert. Die Fakten sind unstrittig: An den Weltbörsen gingen innerhalb einer Woche Milliarden verloren. Die Politik fand kein Mittel, die Finanzmärkte zu beruhigen, und die Staaten sind auch nicht mehr liquid genug, um mit Hilfspaketen gegenzusteuern. Die schwächelnde Wirtschaftsmacht USA ist mit sich selbst beschäftigt und schlingert auf einen Schuldenstand in Höhe von 12.000 Milliarden Euro zu. Allein der Klang dieser Summe erinnert an die Fantastilliarden, in denen die Comic-Ente Dagobert Duck ihren Reichtum zu beziffern pflegt.

Während die Summen der Rettungspakete, Staatsschulden und Börsenverluste immer neue Dimensionen erreichen, werden die Fragen seit der Pleite des Investmenthauses Lehman Brothers vor knapp drei Jahren immer drängender.

Reißen die USA die Welt hinunter?
Durchaus.

Bisher folgten Weltwirtschaftskrisen einem Muster: Die Ökonomie der USA sackte rasanter und tiefer in die Misere – erholte sich aber auch wesentlich schneller als Europa. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase zu Anfang des Jahrtausends etwa wuchs die US-Wirtschaft schon im Jahr 2004 wieder um satte fünf Prozent, während die EU-Staaten bei einem Wachstum von 0,6 Prozent dahindümpelten.

Diesmal können die USA, die größte Volkswirtschaft der Welt, ihre gewohnte Rolle als Wachstumsmotor nicht erfüllen, im Gegenteil: Die Arbeitslosigkeit stieg seit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers stetig, liegt bei hohen 9,2 Prozent und bremst die erhoffte Erholung der Wirtschaft gewaltig. Diese wuchs im zweiten Quartal nur um matte 1,3 Prozent, weit weniger als etwa in Deutschland, das wegen seiner Exportstärke boomt.

Die Wirtschaft der USA hingegen basiert traditionell auf Konsum – und der lässt diesmal aus. „Die USA haben frühere Krisen schneller überwunden, weil der Immobilienmarkt so boomte. Diesmal sind die Amerikaner von der Immobilienkrise wesentlich stärker betroffen, die Vermögen privater Haushalte sanken massiv, es wird wenig konsumiert“, analysiert Wirtschaftsforscher Stefan Schulmeister. Das trifft auch andere Staaten, etwa China, das weniger in die USA exportieren kann, und hat das Potenzial, eine Abwärtsspirale auszulösen. Die italienische Großbank UniCredit prognostiziert pessimistisch einen „synchronen Abwärtstrend in den USA, Lateinamerika und ­Europa“. Die Kursstürze könnten ein Vorgeschmack darauf ­gewesen sein.

Und kein Staat ist mehr liquid genug, um mit Konjunktur- oder Wachstumspaketen gegensteuern zu können. „Die Staaten haben seit 2008 mit keynesianischer Politik ihr Pulver verschossen“, formuliert es Ökonom Fritz Breuss trocken. Als Konsequenz kämpfen alle Staaten mit hohen Schulden, jene der USA werden bis 2013 überhaupt in die Rekordhöhe von 12.000 Milliarden Euro emporschnellen. Der symbolisch bedeutsame Verlust des prestigeträchtigen Triple A ist nur eine Konsequenz daraus.

Hohe Militärausgaben und niedrige Steuern lassen den Schuldenberg der USA seit Vietnam und Präsident Richard Nixon wachsen. Bill Clinton war das einzige Staatsoberhaupt, das einen Budgetüberschuss produzierte und den Schuldenstand um rund ein Drittel reduzierte (siehe Grafik). Sein Nach-Nachfolger Barack Obama bemühte sich in der Vorwoche zwar, Zuversicht zu verbreiten („Die Wirtschaftsprobleme sind lösbar“) – ernsthaft glauben mochte ihm aber niemand. Ökonom Breuss kalkuliert, dass die amerikanischen Finanzprobleme das Wachstum in Europa zumindest um einen Prozentpunkt dämpfen.

Trotz all der Probleme sieht Wirtschaftsforscher Schulmeister die USA nicht als das bedeutendste Bedrohungspotenzial für die Weltwirtschaft: „Die größere Gefahr geht von Europa und vom Euro aus.“

Warum rasseln die ­Börsenkurse in den Keller?
Weil sich die Märkte ­automatisiert zu Tode fürchten.

Es gibt wahrscheinlich nur einen Antrieb, der die Börsen stärker bewegt als die Gier: Angst. Das war auch vor der Krise schon so. Der Ölpreis erreichte – unabhängig vom Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage – Mitte des Jahres 2008 einen Rekordwert von über 147 US-Dollar je Barrel. Die von Analysten ins Treffen geführten Gründe dafür waren diffus: Angst vor möglichen Unruhen in Nigeria, Sorgen über iranische Raketentests – und wenn sich sonst nichts anbot, dann wurden einfach die ständigen Spannungen in Nahost als Erklärungsmodell angeboten. Kurz nach dem Rekordstand im Juli 2008 kollabierte die US-Investmentbank Lehman Brothers, der Ölpreis halbierte sich innerhalb von vier Monaten – aus Furcht vor der drohenden Rezession.

Auch in der aktuellen Situation war der Auslöser für den Kursrutsch an den internationalen Kapitalmärkten wieder die Angst – diesmal jene vor der (tatsächlich eingetretenen) Herabstufung der US-Bonität und einer drohenden Krise der Gemeinschaftswährung Euro. Allerdings sind die Begleitumstände andere, die Angst hat Verstärkung bekommen.

Die großen internationalen Anleger – in erster Linie Banken, Fonds und Versicherungen – haben auf die dramatischen Kursverluste der Finanzmarktkrise reagiert und ihre Positionen durch so genannte Stop-Loss-Systeme abgesichert. Rutscht der Kurs einer Aktie unter einen vorher fixierten Wert, wird ein Handelsprogramm aktiviert, das den Titel automatisch verkauft. Dadurch wird der Kursverlust eingeschränkt. Die Folge ist eine Kettenreaktion. Die Verkaufsorder des ersten Fonds drückt den Kurs so weit, bis das Stop-Loss-Limit des nächsten Großanlegers erreicht wird und auch dieser zu verkaufen beginnt. Der Kurs sinkt weiter. Setzt sich diese Tendenz lange genug fort, schlagen schließlich auch noch die Trendfolgeprogramme von Hedgefonds an. Fundamentale Unternehmensdaten spielen bei solchen Entwicklungen keine Rolle mehr. Die deutsche Autoindustrie vermeldete beispielsweise gerade erst Rekordgewinne und volle Auftragsbücher. Trotzdem verloren Volkswagen, BMW und Co an den Börsen zwischenzeitlich ein Viertel ihres Unternehmenswerts. Gebremst wird ein solcher Abwärtstrend am ehesten, wenn eine hohe Zahl an Aktionären mit einem langfristigen Anlagehorizont im Markt ist – Privatanleger eben. Diese haben sich jedoch seit Ausbruch der Finanzmarktkrise reihenweise von den Börsen verabschiedet. Das lässt sich auch an den Statistiken der Wiener Börse ablesen: Im Jahr 2006 waren Privatanleger noch für mehr als 47 Prozent der Handelsumsätze verantwortlich, 2009 waren es nur noch 33 Prozent. Im Juli 2011 gingen 75 Prozent der getätigten Transaktionen auf das Konto internationaler Investoren.

Sind die Ratingagenturen an allem schuld?
Diesmal nicht.

Ob Unternehmen, Staaten oder Investmentfonds – wer auch immer Finanzierungen am Kapitalmarkt aufnehmen will, kommt an ihnen nicht vorbei. Ohne ein Rating von Moody’s, Fitch oder Standard&
Poor’s gibt es kein Geld. Die drei den Weltmarkt beherrschenden Rating­agenturen bewerten Bonität und Ausfallsrisiken von Staaten, Finanzderivaten und Unternehmen. Und sie liegen dabei oft genug gewaltig daneben. An der Blase am US-Hypothekenmarkt, die letztlich Auslöser für eine weltweite Finanzmarktkrise war, sind die drei Analystenkonzerne zumindest mitschuldig. Über Jahre hinweg hatten die Agenturen den waghalsig von Investmentbanken zusammengeschnürten Bündeln von Hypothekenkrediten Bestnoten erteilt; die Investoren folgten der Empfehlung. Finanzprodukte ohne ein Triple A dürfen die meisten Fonds und Versicherungen gar nicht kaufen. Erst wenige Wochen vor dem endgültigen Platzen der Blase revidierten die Agenturen ihr Urteil. Der Vorwurf, Moody’s, Fitch und Standard&Poor’s hätten sich das Geschäft mit der eigenen Kundschaft nicht mit schlechten Ratings verderben wollen, lag nahe. Die Ratingagenturen haben von diesem Geschäft gut gelebt. Die Staaten und private Emittenten müssen schließlich selbst für ihr Rating bezahlen. Außer ein wenig Kritik von Verbraucherschützern und Politikern hat die Subprime-Krise den Agenturen wenig geschadet. Diese übernehmen nämlich keinerlei Garantien oder Haftungen für die Richtigkeit ihrer Bewertungen. Mehr noch: Sie legen nicht einmal offen, wie diese im Detail zustande kommen. Das Geschäft der großen drei blüht wie nie zuvor. Dafür sind auch staatliche Regulatoren verantwortlich, die Bonitätsbewertungen für Finanzprodukte verlangen, ohne jedoch Richtlinien für das Zustandekommen dieser Bewertungen vorzugeben.

Die Schuldenkrise wurde jedenfalls nicht von Ratingagenturen verursacht. Eigentlich brauchte man auch nicht Moody’s & Co, um zu wissen, dass Griechenland hart an der Grenze zur Zahlungsunfähigkeit steht; oder um zu dem Urteil zu gelangen, dass die USA in den vergangenen Jahren einen enormen Schuldenberg aufgetürmt und bei den Beschlüssen, die Schuldengrenze nach oben zu verlegen, nicht eben vor politischer Entscheidungskraft gestrotzt haben.

Allerdings schaffen die Ratings Fakten. Wird die Bonität eines Landes – wie zuletzt jene der USA – herabgestuft, verteuert sich die Aufnahme neuer Finanzierungen. Die Herabstufung im Standard&Poor’s-Rating könnte die USA laut Schätzungen von Investmentbanken bis zu 100 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Damit trüben sich die wirtschaftlichen Perspektiven ein. So gesehen behalten die Ratingagenturen zumindest bei Negativprognosen eigentlich immer Recht.

Wann bricht ein Staat unter seinen Schulden zusammen?
Sobald man ihn lässt.

Solange ein Schuldner in der Lage ist, seine Verbindlichkeiten fristgerecht und voll zu bedienen, gilt er als solvent, also flüssig. Das betrifft Privatpersonen ebenso wie Unternehmen – und eben auch Staaten. Und doch greifen die betriebswirtschaftlichen Parameter auf staatlicher Ebene nur bedingt. Staaten erstellen keine Bilanzen, quantifizieren daher auch kein Vermögen.

Das gängigste makroökonomische Kriterium ist der Schuldenstand im Verhältnis zum BIP, also der Wirtschaftsleistung eines Jahres. Laut den Maastricht-Kriterien galt in Europa lange Zeit eine Staatsschuldenquote von 60 Prozent des BIP als gerade noch vertretbar. Heute erscheint diese Markewie ein verschwommener Nasstraum. Die durchschnittliche Schuldenquote der Eurozone lag nach Erhebungen des EU-Statistikamts Eurostat im Vorjahr bereits bei 79,2 Prozent, heuer sollen es 86,5 Prozent sein, 2012 gar 87,8 Prozent. Österreich liegt mit erwarteten 73,8 Prozent im laufenden Jahr zwar besser als etwa Deutschland (82,4 Prozent), aber doch deutlich schlechter als Estland, Zypern, Malta, die Niederlande, Slowenien oder die Slowakei.

„Die Kernfrage lautet: Welche Zinsen kann sich ein Staat leisten? Wenn diese dauerhaft höher sind als das nominelle Wirtschaftswachstum, dann bricht der Schuldner irgendwann zusammen“, so Bank-Austria-Volkswirt Walter Pudschedl.

Denn ohne Wachstum gehen die Steuereinnahmen real zurück – und ohne einen so genannten positiven Primärsaldo (also Einnahmen minus Ausgaben exklusive Zinsen) wird es denkbar schwierig, den laufenden Verpflichtungen nachzukommen, von der Aufnahme neuer Schulden ganz zu schweigen.

Vor allem aber gibt die Verschuldungsquote keine Auskunft über die Qualität der Verbindlichkeiten. Am Beispiel Japan: Seit 1997 haben sich die Verpflichtungen des Staats mehr als verdoppelt – von damals 100,5 Prozent auf 212,7 Prozent 2011. Dass Japan immer noch existiert, liegt an den Japanern selbst. 95 Prozent der Staatsanleihen werden von Inländern gehalten, die sich obendrein traditionell mit vergleichsweise niedrigen Zinsen bescheiden.

Ganz anders die Situation in Griechenland. Gemessen an Japan sind die Griechen mit 157,7 Prozent 2011 nachgerade solide – und trotzdem pleite. Die griechischen Staatsschulden liegen zum weitaus größten Teil auf den Büchern international tätiger Bankengruppen, allen voran deutsche und französische. Damit sind die Hellenen dem Druck der Märkte, gemeint sind damit immer die Investoren, ungleich stärker ausgesetzt. Fallen die Anleihekurse, steigen die Renditen, was die Aufnahme neuer Schulden exponentiell verteuert. Nervöse Anleger sind schlechte Geschäftspartner. Eine Erfahrung, die nunmehr auch die Italiener machen müssen, obwohl deren Staatsschuld bereits 1991 die Marke von 100 Prozent knackte und heuer 120 Prozent erreichen dürfte. „Im Vergleich zu den anderen europäischen Volkswirtschaften stehen die Italiener so schlecht nicht da“, meint Ökonom Pudschedl. „Doch in der aufgeheizten Stimmung an den Märkten hilft das wenig. Es geht da auch immer um das psychologische Moment.“

Das Beispiel funktioniert auch umgekehrt. Spanien etwa weist heuer eine Quote von nur 68,1 Prozent aus – und ist dennoch in der Bredouille. Die hohe Arbeitslosigkeit und das ausufernde Budgetdefizit lasten schwer auf der Bonität des Landes, was dem Vertrauen der Anlegernicht eben zuträglich war.

Ist der Euro am Ende?
Wahrscheinlich nicht, obwohl er wackelt.

Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papan­dreou flüchtete sich in Galgenhumor und gab kürzlich die Neuversion eines alten Witzes zum Besten: „Mit 10.000 Euro Schulden hast du ein Problem. Mit einer Million Schulden hat deine Bank ein Problem. Mit 100 Milliarden Schulden haben alle ein Problem.“

Das Gelächter dürfte sich in Grenzen gehalten haben. Seit über einem Jahr versucht die EU, Griechenland und den Euro zu retten. Mit überschaubarem Erfolg. Der befürchtete Dominoeffekt trat längst ein, das mit 1800 Milliarden Euro verschuldete Italien sowie Spanien taumelten in der Vorwoche, die Zinsen für ihre Staatsanleihen kletterten über die Warnmarke von sechs Prozent. Kein Wunder, dass blanke Panik ausbrach: Italien und Spanien, die dritt- und die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone, wären viel zu groß, um gerettet werden zu können. Ihre Schulden sind fünfmal so groß wie jene von Griechenland, Portugal und Irland zusammen.

Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank, ließ um geschätzte 100 Milliarden Euro italienische und spanische Staatsanleihen kaufen, nachdem die EZB sich bereits 2010 mit griechischen Papieren im Volumen von rund 60 Milliarden Euro eingedeckt hatte – all das, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Ob die EZB das überhaupt darf, ist umstritten, aber noch das geringste Problem. Denn Trichets Feuerwehraktion kam einer Bankrotterklärung der EU gleich: Europas Staatschefs hatten zwar beim Sonderkrisengipfel am 21. Juli einen neuen Euro-Rettungsmechanismus von 440 Milliarden Euro beschlossen. Bloß: Bisher existiert dieser Finanz-Feuerlöscher nur auf Papier und kann niemandem helfen. Wieder einmal hielten Angela Merkel, Nicolas Sarkozy und Co mit dem Tempo der Finanzmärkte nicht mit. Trichet war der Einzige, der Handlungsfähigkeit demonstrierte – und urgierte vehement ein Eingreifen der Politik.

„Die Eurokrise ist eine Tragödie der langsamen Lerngeschwindigkeit der Politiker. Notwendige Maßnahmen werden zu spät und zu langsam gesetzt, das ist eine Aufforderung an Finanzjongleure“, kritisiert Wirtschaftsforscher Stefan Schulmeister. Und fügt alarmistisch hinzu: „Jetzt ist es fünf Minuten vor zwölf.“

Selbst in der Eurokrise blieb die EU ein Club der Egoisten, die sich nur zum Durchwursteln aufraffen konnten: Angela Merkel und Nicolas Sarkozy praktizieren Sololäufe – und Kommissionspräsident José Manuel Barroso begeht Tölpeleien wie jene, Differenzen über die Schuldenkrise via Brief öffentlich zu machen. Nach Bekanntwerden seines Schreibens brachen die Kurse ein. Ökonom Fritz Breuss glaubt dennoch, dass der Euro rettbar ist. Die Gemeinschaftswährung würde zwar eine Pleite Italiens nicht überleben, aber das sei „ausgeschlossen. Italien hat im Gegensatz zu Griechenland eine dynamische Volkswirtschaft.“ Zweitens stabilisiere China den Euro: In den vergangenen zehn Jahren stieg der Anteil des Euro an den Weltwährungsreserven von 18 auf 27 Prozent, der Anteil des Dollars fiel von 72 auf 60 Prozent – unter anderem, weil China umschichtet. Daraus folgert Breuss: „Der Euro wird zur zweiten Weltwährung. Das hilft.“

Können sich die Staaten die Rettungspakete leisten?
Nicht mehr lange.

Mit dem Zusammenbruch von Lehman Brothers war der Kapitalismus vorübergehend aus der Mode gekommen. Selbst das US-Nachrichtenmagazin „Newsweek“, traditionell alles andere als ein Zentralorgan des Klassenkampfs, titelte im Februar 2009 enthusiastisch „We are all socialists now“.

Um eine Weltwirtschaftskrise wie in den dreißiger Jahren zu verhindern, investierten quer über den Globus alle Staaten in Konjunkturbelebungs- und Bankenrettungsprogramme. Mit 2000 Milliarden Euro, von der Kurzarbeit über Autoabwrackprämien bis zu Bankenpaketen, versuchten die EU-Staaten, Wirtschaft und Geldinstitute zu stabilisieren. China ließ 450 Milliarden Euro springen, um Eisenbahnlinien zu bauen oder den Kauf von Fernsehern zu fördern. Gleichzeitig fluteten die Notenbanken die Weltwirtschaft mit billigem Geld, allein die US-Fed warf seit dem Jahr 2008 rund 2500 Milliarden Dollar (1760 Milliarden Euro) auf die Märkte und hielt das Zinsniveau kons­tant extrem niedrig.

2008 waren sich alle einig, dass der Staat Banken und Wirtschaft retten muss. Bloß: Wer rettet dann den Staat? In Europa müssen die starken Staaten die schwachen auslösen: Irland bekam Kredite in der Höhe von 85 Milliarden Euro zugestanden, Griechenland in den ersten Tranchen 110 Milliarden, Portugal 78. Die 22 Milliarden Euro für Rumänien und die 19 Milliarden für Ungarn fallen da nachgerade schon unter den Budgetposten Kleingeld.

Beim EU-Gipfel am 21. Juli wurde der Euro-Rettungsschirm auf 440 Milliarden Euro aufgestockt. Je mehr Staaten ins Wanken kommen, desto mehr potenzielle Geldgeber fallen aus. Italien und Spanien sollten 30 Prozent der Mittel für den Fonds aufbringen – das könnte schon bei der für Mitte September geplanten nächsten Rate des Hilfskredits zum Problem werden. Denn Athen zahlt für seine Kredite neuerdings nur 3,5 Prozent, die Geldgeber Italien und Spanien müssen sich doppelt so teuer finanzieren. Wenn die Mittelmeerländer als Krisenhelfer wegbrechen, müsste allein Deutschland fast 50 Prozent der Hilfen stellen. Wie lange geht das? Wenn sich die Krise in Südeuropa ausbreitet, „geht womöglich auch Deutschland langsam in die Knie“, warnte Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, schon vor einem Jahr.

Auch anderen Rettern geht allmählich die Luft aus. Frankreich hat schon heute neben seinen eigenen Schulden für so viele Darlehen zu bürgen, dass dem Staat selbst der Verlust des Triple A droht. Das könnte den EU-Hilfskreislauf zum Erliegen bringen. Oder, wie es ein deutscher Regierungsberater in der „Süddeutschen Zeitung“ formulierte: „Ein Rettungsschwimmer kann maximal zwei Schiffbrüchige gleichzeitig vor dem Ertrinken retten.“

Gibt es einen glimpflichen Ausweg aus der Krise?
Ja, aber ein Kinderspiel wird das nicht.

Derzeit arbeiten alle EU-Länder – mehr oder weniger hart – am Abbau ihrer Schuldentürme. Das Dilemma: Zu viel sparen würgt das Wachstum ab; weniger Wachstum wiederum erschwert den Abbau von staatlichen Schulden. Wenn sich Wirtschaftsforscher Bernhard Felderer in dieser verzwickten Lage also etwas wünschen dürfte, dann „kleines Wachstum und geringe Defizite“. Ähnlich sieht das Agnes Streissler, Wirtschaftspolitik-Expertin der Arbeiterkammer: „Wir müssen sparen, aber nicht so viel, dass den Menschen kein Geld mehr bleibt; mittelfristig müssen wir wieder auf ein Wirtschaftswachstum kommen.“ Rücksichtsloses Sparen nährt soziale Spannungen, wie die Straßenschlachten und Plünderungen in Großbritannien derzeit vor Augen führen. Laut Kurt Bayer, Direktoriumsmitglied der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung in London (EBRD), räche sich nun das Versäumnis, dass die reichen Ökonomien zwar zusehends reicher wurden, die unteren Einkommen dabei aber nicht Schritt hielten: „30 Jahre lang hat sich im Westen niemand um die Verteilung von Einkommen gekümmert.“

Nicht nur in Tunesien und Ägypten campierten junge, empörte Menschen auf urbanen Plätzen, weil sie sich trotz guter Ausbildung um ihre Zukunftschancen betrogen fühlen, sondern auch im demokratisch regierten Spanien. 1,56 Millionen junge Spanier sind ohne Arbeit, doppelt so viele wie vor drei Jahren. Die Erwerbsquote der unter 30-Jährigen sank in Spanien inzwischen auf 43 Prozent. Der nach der Banken- und Finanzkrise 2008 mit billigem Geld gepushte globale Aufschwung löste keines der fundamentalen Probleme. Weder wurde das Finanzsystem stabiler, noch wurde das Ungleichgewicht in der Weltwirtschaft weniger. Um Spekulanten den Boden zu entziehen, müssten etwa Zinssätze und Wechselkurse stabilisiert werden. EBRD-Ökonom Bayer möchte „die Finanzierung von Staaten nicht mehr privaten Investoren und Banken überlassen, sondern auf unabhängige Beine stellen“. Derzeit werden Staatsanleihen wie Aktien gehandelt, allfällige Gewinne eingestreift und Verluste auf die Allgemeinheit abgewälzt. Eurobonds, also gemeinsame Finanzierungsinstrumente aller Eurostaaten, könnten hier einen Ausweg weisen. Sie scheitern bisher jedoch an den unterschiedlichen Interessen in der Währungsunion. Wirtschaftliche Schwergewichte wie Deutschland fürchten, von schwächeren EU-Ländern hinuntergezogen zu werden. Inzwischen mehren sich aber die Stimmen jener, die Euroanleihen, eine koordinierte, europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik und effektive Schuldenbremsen schlicht und einfach für notwendig halten, um aus der Euro- und Schuldenkrise herauszufinden.

Droht eine globale Rezession – oder stecken wir schon mittendrin?
Nein.

„Was wir derzeit erleben, ist eine Krise der westlichen Welt“, sagt Ökonom Kurt Bayer. Die USA sind immer noch die größte Ökonomie des Planeten, doch steuern Schwellenländer inzwischen fast die Hälfte zur Weltwirtschaft bei. Fröhliche Entwarnung ist aber nicht angesagt: Die Volkswirtschaften sind weltweit kommunizierende Gefäße. Geht es den reichen Industrie­nationen schlecht, lähmt das früher oder später auch boomende Länder wie China, Brasilien, Argentinien oder die Türkei. Gefahr droht sowohl aus der Realwirtschaft, wenn die erzeugten Waren im Ausland nicht mehr abgesetzt werden können, als auch vom Finanzsektor. Beispiel China: Die Volksrepublik (BIP rund 4500 Milliarden Dollar) hält 3000 Milliarden Dollar an Devisen, etwa zwei Drittel davon in US-Staatsanleihen.

Amerikas Reputation als Schuldner wurde von Standard & Poor’s herabgestuft. 2012 läuft das Konjunkturpaket aus, das zwei Prozent zum jährlichen US-Wirtschaftswachstum beitrug. Nun hängt alles davon ab, ob die Staatenlenker auf einer globalen Bühne agieren: Gelingt es nicht, die massiven Wechselkursschwankungen zu glätten und fällt beispielsweise der Dollar ins Bodenlose, könnte China mit hinuntergerissen werden. „Dann wird alles möglich, bis hin zu einer Weltwirtschaftskrise wie 1929“, sagt EBRD-Ökonom Bayer. Chinas Wirtschaft verliert seit Monaten an Kraft, durchaus gewollt. China erhöhte – neben Indien und Brasilien – die Leitzinsen, um die Inflation zu zügeln und die Wirtschaft abzukühlen. Wie komplex die Gemengelage mittlerweile ist, zeigt das Gegenbeispiel Schweiz: Die eidgenössische Notenbank musste jüngst die Zinsen senken und zugleich mehr Geld in den Markt drücken – also die Währung künstlich entwerten –, um den Run auf den Schweizer Franken zu bremsen und der stark exportorientierten Wirtschaft unter die Arme zu greifen.Es ist keine drei Jahre her, da stand die Welt schon einmal an einer gefährlichen Klippe. 2008, nach der Pleite des US-Investmenthauses Lehman Brothers, rangen sich die Regierungen zu einem Kraftakt durch: Banken wurden aufgefangen, Konjunkturpakete geschnürt und Sparmaßnahmen verabschiedet. Inzwischen ist der Spielraum jedoch enger geworden. Die westlichen Staaten stehen mit doppelt so hohen Schulden in der Kreide – „und der Impetus, an einem Strang zu ziehen, ist etwas verloren gegangen“, so Bayer. Das liegt auch daran, dass es nicht allen in Europa gleich schlecht geht. Die mittel- und nordeuro­päischen Länder sind halbwegs bei Kräften, Frankreich wächst langsam, Deutschland immer noch erheblich (jüngste Prognose: vier Prozent), die Länder an der Peripherie der Eurozone hingegen schleudert es gewaltig. Eine erste Tranche von 110 Milliarden Euro, die das in Zahlungsnöte geratene Griechenland retten sollten, verpuffte ohne nennenswerte Wirkung. „Die Realwirtschaft ist viel besser als die Stimmung. Das große Problem in Europa sind die Staatsschulden. Für eine globale Rezession muss aber noch einiges passieren, und sie kann eigentlich nur von Amerika kommen“, befindet Wirtschaftsforscher Bernhard Felderer (IHS).

Aber wer weiß das schon. Vor einem Jahr galt die Schuldenkrise als ein rein griechisches Phänomen, zumal lösbar – und Griechenland als zu unbedeutend, um die Währungsunion oder überhaupt Europa zu erschüttern.

Welch ein Irrtum.