Zeitgeschichte: Der "Patronenkönig" und Lamarr-Ehemann Fritz Mandl

Hedy Lamarr

Hedy Lamarr

Eine TV-Serie und ein Film widmen sich Hedy Lady Lamarr, der Filmdiva aus Wien. Nicht weniger schillernd war ihr erster Ehemann, der Waffenhändler Fritz Mandl.

Er war der "Lord of War" seiner Zeit und obendrein mit der schönsten Frau der Welt verheiratet. Am 8. September 1977 starb der "Patronenkönig" Fritz Mandl im Alter von 77 Jahren. Wenn man sich heute noch an ihn erinnert, dann vor allem wegen seiner zweiten Ehefrau, der Hollywood-Diva Hedy Lamarr. Aber nicht nur ihr Leben war filmreif. Mandls Biografie ist die Geschichte eines Machtmenschen und skrupellosen Geschäftsmanns. Er war tief in die schleichende Zerstörung der Ersten Republik verstrickt, aber auch in die Aufrüstung faschistischer Machthaber in Italien, Ungarn und Argentinien. Neue Dokumente zeigen: Mandl, laut NS-Diktion "Halbjude", war eine fixe Größe im Spinnennetz der Ultrarechten -bis hin zu Gerüchten, Fluchthelfer für Adolf Hitler gewesen zu sein.

Alles begann im niederösterreichischen Hirtenberg. Dort befindet sich noch heute die Hirtenberger AG, jener Rüstungsbetrieb, der eng mit Mandl verbunden war. 1887 entstand die Firma Hirtenberger Patronen-, Zündhütchen-und Metallwarenfabrik Keller & Compagnie. Die Hälfte der Anteile ging damals in den Besitz von Fritz Mandls Vater Ludwig über. Nach Ausstieg des letzten Geschäftspartners war er 1904 alleiniger Herr über das Unternehmen. Er baute es zu einer der wichtigsten Waffenschmieden der Monarchie aus. Die große Stunde kam im Ersten Weltkrieg: 1916 stellten in Hirtenberg 4200 Arbeiter in 20-stündiger Arbeitszeit (zwei Schichten) 1,4 Millionen Patronen täglich her. Ein eigenes Werk produzierte 25.000 Artillerie-Sprengkapseln pro Tag. Selbst die Niederlage 1918 schwächte die Produktion nur geringfügig, weil auch die Nachfolgestaaten der Monarchie weiterhin Munitionsbedarf hatten. 1920 aber erlebte Hirtenberger einen herben Rückschlag: Bei einem Großbrand wurden große Teile der Fabrikinfrastruktur zerstört. Als Ursache vermutete man Brandstiftung durch Kommunisten, was der Grund für Fritz Mandls ausgeprägten Hass auf die Linke gewesen sein soll. Das hielt ihn freilich nicht davon ab, später sowohl die Sowjetunion als auch die Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg zu beliefern.

Mit 24 Jahren war Mandl an die Stelle seines Vaters als Generaldirektor gerückt. Als einziger Rüstungsbetrieb weltweit war Hirtenberger damals in der Lage, eine komplette Serie von Patronen in nahezu jedem gewünschten Kaliber anzubieten. Allein im Zeitraum 1935 bis 1937 gingen 550 Millionen Schuss nach Argentinien, Bolivien, Bulgarien, Chile, China, Ecuador, Griechenland, Irak, Italien, Mexiko, Polen, Spanien und Ungarn.

Lebemann und Glücksspieler

Das zahlte sich aus: Ab Anfang der 1930er-Jahre galt Mandl als drittreichster Österreicher. Der junge Lebemann und Glücksspieler war ein Fixstern der noblen Wiener Gesellschaft. Eine erste Ehe scheiterte bald. Dann begann Mandl eine Affäre mit seiner Cousine, die mit dem Selbstmord der 22-Jährigen endete. Ab 1933 wandte Mandl seine Aufmerksamkeit einer aufstrebenden Wiener Schauspielerin zu: Hedwig Eva Maria Kiesler, die später unter dem Namen Hedy Lamarr Weltruhm erlangen sollte. Bei ihrer ersten Begegnung soll Mandl gesagt haben: "Ich nehme an, Sie haben schon viel über mich gehört?" Woraufhin Hedy antwortete: "Ja, aber nicht viel Gutes."

Nach zwei Monaten gab die 19-Jährige dem Werben des Industriellen schließlich nach. Am 10. August 1933 heirateten die beiden in der Wiener Karlskirche. Sie habe sich zunächst wie "Cinderella" gefühlt, meinte Hedy später. Ihr wurde ein Fuhrpark von neun Automobilen mit Chauffeur, ein Luxus- Apartment in der Innenstadt, ein Jagdgut und der Landsitz Burg Schwarzenau geboten. Eine illustre Schar von Besuchern gab sich dort ein Stelldichein: Prinz Albrecht von Bayern, Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, Kurt Schuschnigg, Ödön von Horváth, Franz Werfel und "Duce" Benito Mussolini, der darauf bestand, beim Essen neben Hedy zu sitzen. Das Geschäft stand jedoch immer im Vordergrund. Selbst wenn Hedy es schaffte, Mandl in die Oper zu zerren, habe er dort nur an "Zeitbomben und Gasmasken" gedacht. Gleichzeitig war er rasend eifersüchtig. 1933 hatte Hedy in der österreich-tschechoslowakischen Produktion "Ekstase" die erste Nacktszene der Filmgeschichte gedreht. Nun versuchte Mandl, alle Kopien des Films aufzukaufen; er zahlte bis zu 60.000 Dollar pro Stück. Die Verbreitung des Streifens konnte er trotzdem nicht verhindern. Dafür verbot er Hedy die Schauspielerei. Die Ehe wurde für sie zum "goldenen Käfig".

Auch die politischen Verbindungen Mandls waren ihr zunehmend suspekt. Er finanzierte die Heimwehr, die Miliz des christlichsozialen und deutschnationalen Lagers. Deren Kommandant, Ernst Rüdiger von Starhemberg, war nicht nur ein Vertrauter Mandls, sondern vorübergehend auch Liebhaber von Hedy. Der erzreaktionäre Aristokrat wollte aus der Heimwehr eine schlagkräftige Organisation formen. Dafür fehlten ihm nur die Waffen. Vor demselben Problem stand das ungarische Regime von Miklós Horthy. Mandl und Mussolini fanden eine Lösung: Alte, aus der italienischen Kriegsbeute von 1918 stammende österreichische Gewehre und Maschinengewehre gingen, als Altmetall deklariert, an die Hirtenberger ab. Von dort aus sollten ungarische Stellen den Weitertransport übernehmen. "Im Einvernehmen" mit Dollfuß war vereinbart worden, 50.000 Gewehre und eine entsprechende Anzahl Maschinengewehre "für österreichische Zwecke" zurückzubehalten, so Starhemberg. Doch der Plan schlug fehl. Am 8. Jänner 1933 deckte die "Arbeiter-Zeitung" auf, dass der Waffentransport unterwegs sei. 100.000 Gewehre und 1000 Maschinengewehre wurden beschlagnahmt. Diese "Hirtenberger Waffenaffäre" war einer der größten Skandale der Ersten Republik. Doch das ohnedies geschwächte demokratische System wurde im März 1933 von Dollfuß beseitigt, ein Arbeiteraufstand im Februar 1934 blutig niedergeschlagen. Die Heimwehr ging dabei besonders brutal vor.

Hedys Flucht

Mandl profitierte von dieser Entwicklung nicht. Immer öfter sah er sich antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. 1937 verließ er Österreich und führte sein Unternehmen von Argentinien, Frankreich und der Schweiz aus weiter. In dieser Zeit scheiterte seine Ehe mit Hedy endgültig: Als Mandl auf Jagdausflug war, setzte sich Hedy mit dem TransEuropa-Express ab. Es war nicht der erste Fluchtversuch, doch diesmal hatte sie Erfolg. Am 17. September 1937 wurde die Scheidung bekanntgegeben. Das ebnete Hedy den Weg nach Hollywood, wo sie als "schönste Frau der Welt" vermarktet wurde. Einmal bei einer Dinner Party auf Mandl angesprochen, knurrte sie nur "der Hurensohn" und spuckte ostentativ auf den Boden. Trotzdem blieben die beiden brieflich und telefonisch in Kontakt.

In Österreich übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Mandl wies seine Arbeiter an, bei der Volksabstimmung "für das großdeutsche Vaterland zu stimmen". Am 27. März 1938 trat er als Generaldirektor zurück. Am selben Tag schrieb er an "Reichsstatthalter" Josef Bürckel, er sei nur deshalb im "alten Heimatschutz" tätig gewesen, um "wirkungsvoll dem Sozialismus entgegenzutreten". Er habe sich immer bemüht, "den Weg zu einer Verständigung mit dem deutschen Reich zu finden". Der Anbiederungsversuch ging ins Leere. Die Nazis unternahmen große Anstrengungen, Mandl zu enteignen. Doch dieser hatte längst 80 Prozent der Hirtenberger-Aktien nach Argentinien und in die Schweiz transferiert. In einem Zürcher Hotel einigte man sich: Mandls inhaftierter Vater wurde freigelassen, er selbst konnte den Großteil seines Vermögens behalten. Die Hirtenberger AG dagegen wurde der deutschen Wilhelm-Gustloff-Stiftung einverleibt und zählte im Zweiten Weltkrieg zu den Hauptproduzenten von Munition auf österreichischem Gebiet. Mehrere Tausend Zwangsarbeiter, großteils Frauen und Mädchen aus der Ukraine sowie Kriegsgefangene, wurden eingesetzt. Ende 1944/45 betrieb man noch zusätzlich ein Nebenlager des KZ Mauthausen. Etwa 460 weibliche Gefangene mussten unter unmenschlichen Bedingungen schuften.

Unterdessen war Mandl im argentinischen Exil umtriebiger denn je. Die britische Botschaft in Buenos Aires meldete 1940 nach London: "Wir denken, dass Mandl zurück im Geschäft ist. Er glaubt, dass Argentinien angeregt werden könne, eigene Waffenfabriken aufzubauen; und er hat irgendwie einen Teufelspakt mit Deutschland geschlossen, das schändlicherweise in der Lage ist, Antisemitismus zu vergessen, wenn ein Semit nützlich ist." 1940 meldete eine "streng geheime Quelle" dem britischen Geheimdienst, was Mandl bei einem Besuch in New York von sich gegeben hatte: dass er vom Sieg Nazi-Deutschlands überzeugt sei und über Mittelsmänner "ausgezeichnete Beziehungen" zum Regime unterhalte. Auf dieser Basis gelangte man 1941 zur Ansicht, Mandl sei "in jeder Hinsicht ein Gauner und unerwünschter Charakter". Aber man nahm ihn ernst: Im September 1944 warnte FBI-Direktor J. Edgar Hoover in einem Memorandum, Adolf Hitler könnte nach dem Kollaps des Dritten Reichs nach Argentinien fliehen. Dort befinde sich eine Reihe "fragwürdiger Charaktere", die Zuflucht gewähren würden. Gleich an erster Stelle stand der Name Mandl. Dessen Domizil, das "Castillo del Mandl" in der Nähe von Cordoba, galt deshalb unter Verschwörungstheoretikern als Fluchtpunkt Hitlers.

Lamarr als bahnbrechende Erfinderin

Hedy engagierte sich gegen die Nazis. Aus den nächtelangen Diskussionen über Kriegsgerät, die sie an Mandls Tafel mitangehört hatte, schöpfte sie Inspiration. 1941/42 entwickelte sie gemeinsam mit dem Komponisten George Antheil eine Funkfernsteuerung für Torpedos - basierend auf dem Frequenzsprungverfahren, ohne das es heute kein Bluetooth, kein Mobilfunknetz und kein Wi-Fi geben würde. Von dieser bahnbrechenden Erfindung sollte sie zeitlebens aber nie profitieren.

Mandl wiederum förderte noch einen weiteren Diktator. Er investierte in den Wahlkampf von General Juan Perón, der 1946 zum Präsidenten gewählt wurde. Perón träumte von einer Großmacht Argentinien. Dazu gehörte auch der Aufbau einer Waffenindustrie. Perón griff auf das Know-how deutscher Experten zurück, die wiederum von Mandl vermittelt wurden. 1947 warnte die CIA, Mandls Agenten böten "früheren Nazis, SS-Offizieren und deutschen Technikern verschiedener Kategorie" Hilfe bei der Emigration nach Argentinien. Aus einem anderen Dokument des US-Geheimdiensts von 1950 geht hervor, dass Mandl sich 1950 gemeinsam mit argentinischen Vertretern in Wien aufgehalten hatte. Ein deutscher Experte präsentierte der Runde einen umfassenden Plan für das Rüstungsvorhaben.

1955 war Mandl endgültig zurück in der Heimat - pünktlich zur Wiedereröffnung der Staatsoper. Innerhalb von zwei Jahren sprach ihm die Rückstellungskommission beim Landesgericht Wien die Hirtenberger AG wieder zu. Auch wenn mehrere Explosionsunglücke mit toten Arbeitern den Neustart überschatteten, sorgte der Bedarf des Bundesheers für volle Auftragsbücher. Mandl schaffte es, alte Geschäftsbeziehungen aus den Vorkriegsjahren zu reaktivieren. Und es gab eine revolutionäre Neuerung, deren Potenzial zunächst niemand erkannte: Drohnen. Ab 1966 wurden einige Prototypen von unbemannten "Zieldarstellungsflugzeugen" zum Üben für die Flugabwehr gebaut. Es gab jedoch keine Nachfrage dafür.

Anfang der 1970er-Jahre geriet die Hirtenberger in unruhiges Fahrwasser. Mandl kam mit der SPÖ-Alleinregierung nicht zurecht. Es wurden schlechte Zahlen und Verkaufsabsichten kolportiert. Ausgerechnet Udo Proksch, der spätere Drahtzieher im Lucona-Skandal, erstellte Ende 1971 ein Sanierungskonzept. Wie immer hatte Proksch große Pläne: Durch den Einstieg in den "Plastikmaschinensektor" sei es möglich, binnen vier Jahren "400-600 Arbeiter (hauptsächlich männliche)" zu beschäftigen. Daraus wurde nichts. Mandl behielt die Hirtenberger bis zu seinem Tod 1977, dann verkauften seine Erben.

Hedy Lamarr sollte den "Patronenkönig" um 23 Jahre überleben. Als sie 2000 in Florida starb, lagen insgesamt sechs gescheiterte Ehen und der Abstieg in Armut und Bedeutungslosigkeit hinter ihr. Heute erstrahlt die Diva wieder in vollem Glanz: Vorbereitungen für eine US-TV-Serie über ihr bewegtes Leben laufen. Und die Dokumentation "Bombshell: The Hedy Lamarr Story" kam im Herbst in die Kinos. Aber was wäre diese Geschichte ohne den perfekten "Schurken" - Fritz Mandl?