Lügen wie gedruckt

Facebook in der Kritik

Facebook in der Kritik

Man kann den „Systemmedien“ nicht trauen: Der alte verschwörungstheoretische Reflex hat sich im Internet zum zornigen Konsens verfestigt. Christa Zöchling über die Geschichte eines Kampfbegriffs.

„Lügenpresse“: Das Schmähwort hat Fahrt aufgenommen. Journalisten werden angepöbelt, mit hasserfüllten Postings überflutet, im Internet per Foto vorgeführt wie gehetzte Tiere – vor allem natürlich die Frauen unter ihnen. Repressionen gegenüber Berichterstattern häufen sich weltweit. Sie sterben in Kriegsgebieten, sie werden bedroht und ins Gefängnis geworfen. Sie fliehen ins Exil, wie derzeit türkische Journalisten. Man könnte eine gewisse Empathie für diesen Berufsstand erwarten, doch das Gegenteil ist der Fall. Es hat sich eine Bewegung formiert – rechts wie links –, die nicht mit skeptischem, sondern mit zutiefst bösem Blick auf den Journalismus schaut.

In der Österreichischen Nationalbibliothek bekommt man ein Büchlein ausgehändigt, gerade so groß, dass es bequem in der Hand liegt. „Die Lügenpresse unserer Feinde“ steht auf dem rauen Pappdeckel. Ein sogenanntes Schützengrabenbuch aus dem Ersten Weltkrieg, gedruckt 1918, als das Deutsche Reich in seinen letzten Zügen lag. Auf der ersten Seite ein Gedicht, klagend und anklagend: „Mit List und Lüge habt ihr uns umsponnen / Nur gut, dass ihr euch selbst belogen habt / Als ihr euch eure falschen Zahlen gabt / Auf deren Grund ihr diesen Krieg begonnen.“

Der Erste Weltkrieg war die Urkatastrophe der europäischen Moderne gewesen, auf den der Zivilisationsbruch des Zweiten Weltkrieges folgte: die Massenvernichtung der Juden. „Das erste Opfer des Krieges ist immer die Wahrheit“, so ein altes Sprichwort.


Irrationale Welterklärungen, die auf geheime Mächte abzielen, sind weiter verbreitet, als man glauben möchte.

Es werde bald „Bürgerkrieg“ geben, prophezeite FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache. Die Aussicht auf einen „großen Krieg“ postete er schon vor eineinhalb Jahren auf Facebook, sich auf den Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski berufend, der unter anderem behauptet, es werde ein geheimer Krieg gegen Russlands Präsidenten Wladimir Putin geführt, der Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 sei von der US-Regierung inszeniert worden und Haiders Unfalltod ein Akt von Geheimdiensten gewesen.

Irrationale Welterklärungen, die auf geheime Mächte abzielen, sind weiter verbreitet, als man glauben möchte – auch die fast lustvolle Angst vor einem Krieg, auf den das alles zulaufe. Der Verdacht, der sich in solchen Hirngespinsten artikuliert, ist gleichzeitig der Verdacht gegenüber Medien, die eine solche Sichtweise nicht teilen. Verschwörungstheoretiker wie der ehemalige „FAZ“-Redakteur Udo Ulfkotte erzielen enorme Auflagen. Sein Buch „Gekaufte Journalisten. Wie Politiker, Geheimdienste und Hochfinanz Deutschlands Massenmedien lenken“ hielt sich acht Monate lang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.

Im Bierdunst freiheitlicher Wahlkampagnen hieß es immer schon, wenn man erst einmal etwas zu sagen habe, werde in den Redaktionsstuben „ordentlich aufgeräumt“ und „ausgemistet“. Man werde dafür sorgen, dass dort „weniger gelogen“ werde. Bei den Feindbezeichnungen macht man nur graduelle Unterschiede. Man spricht vom „Lügensender“ (FPÖ-Generalsekretär Kickl über den ORF), von „Systempresse“, „Meinungsindustrie“ oder, doppelt gemoppelt, „Systemmedienmanipulation“.

So wie die Demokratie von innen ausgehebelt werden kann, so ist der Generalverdacht gegenüber Medien eine Errungenschaft der Demokratie – er kann aber auch ihr Totengräber sein. Der „New York Times“-Kommentator John Swinton wird heute noch oft zitiert, wenn es darum geht, Zeitungen und Journalisten zu diskreditieren. „Es gibt niemanden unter Ihnen, der es wagt, seine ehrliche Meinung zu schreiben. (…) Es ist das Geschäft der Journalisten, die Wahrheit zu zerstören, unumwunden zu lügen, zu pervertieren, zu verleumden.“ Diese Rede soll im vornehmen New Yorker Presseclub im Jahr 1880 gehalten worden sein; seit einem Jahrhundert geistert sie durch allerlei Verschwörungspamphlete. Kommunisten wie Nationalsozialisten beriefen sich auf Swinton. Auszüge aus der Polemik finden sich in den berüchtigten „Protokollen der Weisen von Zion“, die eine jüdische Weltverschwörung insinuieren, aber auch bei Mathias Bröckers, Gründungsmitglied der linksalternativen Berliner Tageszeitung „taz“, der einen Bestseller über die „Hintergründe“ des 9/11-Terroranschlags veröffentlichte. Es gibt freilich keinen historischen Beleg, dass Swinton die ihm zugeschriebenen Äußerungen jemals getätigt hat.


Zu einigen guten Gründen, der Presse zu misstrauen, gesellten sich ideologische: der anschwellende Nationalismus und Antisemitismus.

Der Begriff „Lügenpresse“ reicht ins 17. Jahrhundert zurück. Damals stand er für Propaganda gegen die Aufklärung. Bald kursierten wilde Verschwörungstheorien, wie immer in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche. Die Französische Revolution wurde von katholischer Seite den „Illuminaten“ zugeschrieben, einem Geheimorden, der angeblich eine Weltbürgerrepublik der Freimaurerei errichten wollte. In der Erklärung der Bürger- und Menschenrechte am 26. August 1789 wurde auch die Pressefreiheit verankert. Zeitungen boomten daraufhin, bei den Revolutionären ebenso wie bei deren Gegnern. Meinungsblätter kamen in Mode; der Vorwurf der „Lügenpresse“ folgte auf dem Fuß.

Im deutschsprachigen Raum brachte das Revolutionsjahr 1848 einen Wendepunkt. Ein Volk von Zeitungslesern entstand, eine bürgerliche Öffentlichkeit. Es war das goldene Zeitalter der Presse. Zeitungen besaßen das Meinungsmonopol und lukrierten Unmengen von Inseraten. Regierungen unternahmen einiges, um sich Journalisten gewogen zu halten, mit einer bis heute gängigen Praxis von Subventionen über Inserate und dem Versprechen auf exklusive Information. Auch unappetitlichere Methoden kamen zum Einsatz: Mit Geld aus schwarzen Kassen, „Reptilienfonds“ genannt, machte Kanzler Otto Bismarck die „Pressreptilien“ gefügig.

Zu einigen guten Gründen, der Presse zu misstrauen, gesellten sich ideologische: der anschwellende Nationalismus und Antisemitismus. „Jüdische Lügenpresse“ wurde um die Jahrhundertwende ein geflügelter Begriff. Gemeint waren damit liberale Blätter, die ihren Erfolg häufig jüdischem Kapital und jüdischem Bildungsbürgertum zu verdanken hatten. Auch in der Donaumonarchie hetzte man gegen die „Logen- und Lügenpresse“. Gefährlich, unter Umständen auch tödlich wurde es für Journalisten solcher Zeitungen mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten.

Kritik an Massenmedien und Journalisten gehört zur Demokratie. Erst Medien erzeugen in unseren Köpfen ein Bild von der Welt. „Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, sagt der Soziologe Niklas Luhmann. Seiner Ansicht nach wissen wir von den Medien und ihrer inhärenten Logik so viel, dass „wir diesen Quellen nicht trauen können“.


Was der Presse heute entgegenschallt, ist jedoch etwas völlig anderes.

Karl Kraus, der unerbittliche Sprach- und Zeitungskritiker des frühen 20. Jahrhunderts, meinte, Medien hätten die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts nicht nur nicht verhindert, sondern regelrecht verschuldet. Die Massenpresse habe die Vorstellungskraft der Menschen ruiniert, der Journalismus „durch jahrzehntelange Übung die Menschen auf eben jenen Stand der Phantasienot gebracht, der ihr einen Vernichtungskrieg gegen sich selbst ermöglicht“. Kraus war ein einsamer Scharfrichter; er hatte keine Agenda, außer jener seines Intellekts und Gewissens.

Was der Presse heute entgegenschallt, ist jedoch etwas völlig anderes. Die Geburtsstunde der Internetsuchmaschine Google fiel zusammen mit der größten Veränderung moderner Kriegsführung: Bilder, die Wirklichkeit simulieren, Medien, die sie inszenieren, und Medien, die das debattieren. Man verstand den französischen Philosophen und Medientheoretiker Jean Baudrillard intuitiv, als er Anfang der 1990er-Jahre sagte: „Der Golfkrieg findet nicht statt.“ Der Fernsehkonsument in seinem Wohnzimmer erlebte ihn wie ein Computerspiel. Selbst die beteiligten US-Soldaten sagten später, sie hätten sich „wie im Kino“ gefühlt.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren der Startschuss für moderne Verschwörungstheorien, den Aufstieg des Internets und den Niedergang der klassischen Printmedien. 9/11 wurde stilbildend für alle anderen Verschwörungstheorien, für das Umdrehen von Ursache und Wirkung. Da die USA umgehend den „war on terror“ ausriefen, eine US-geführte Koalition in Afghanistan und im Irak einmarschierte, behaupteten Verschwörungstheoretiker, US-Eliten, Öl- und Rüstungskonzerne hätten ein vitales Interesse daran gehabt, die Anschläge womöglich sogar selbst beauftragt oder zumindest schon im Vorfeld davon gewusst.

Manche witterten die CIA dahinter, manche den israelischen Geheimdienst Mossad; andere sahen darin eine Strafe Gottes oder das Werk des Satans. Die Quersumme von 09/11/2001 beträgt 14 – folglich waren es die Illuminaten. So lauten die einschlägigen Spekulationen, und im Internet finden sie rasende Verbreitung. Da die traditionellen, seriösen Medien bei diesem irren Spiel nicht mitmachen, werden sie zur „Lügenpresse“ gestempelt.


Eigenartig ist nur, dass die sozialen Netzwerke vom allgemeinen Vertrauensverlust gegenüber Medien kaum betroffen sind.

Die Kraft des Irrationalen ist erschreckend. Nach einer Umfrage von WorldPublicOpinion.org glaubten im Jahr 2008 23 Prozent der Deutschen, die US-Regierung sei an 9/11 beteiligt gewesen. In Ägypten glaubten 43 Prozent der Befragten, Israel stecke dahinter.
Die Vernunft ist auf dem Rückzug, und neben der vierten Gewalt, wie man Medien in entwickelten Demokratien einst nannte, macht sich eine nun fünfte bemerkbar: das Publikum – vermittelt über die sozialen Medien.

Anfangs gab es große Hoffnungen. Das World Wide Web galt, ähnlich wie die Erfindung des Buchdrucks ein halbes Jahrtausend zuvor, als Turbo für die Demokratisierung der Gesellschaft. Politische Utopien knüpften sich daran: Meinungsfreiheit, Schwarmintelligenz, grenzüberschreitende Netz-Herrlichkeit. Doch so wie schon die Aufklärer von der Druckerpresse enttäuscht waren, weil sie den Markt mit Schauerromanen und kirchlichen Propagandaschriften überschwemmte, so ist es heute mit den sozialen Medien: Es ist beides in Hülle und Fülle zu finden – das Intelligente und das Dumme.

Eigenartig ist nur, dass die sozialen Netzwerke vom allgemeinen Vertrauensverlust gegenüber Medien kaum betroffen sind. Während öffentlich-rechtliche Sender und Printmedien als Werkzeuge geheimer Drahtzieher gelten, vertrauen Internet-User den Algorithmen bei Google und Facebook, die ein auf sie persönlich zugeschnittenes Bild der Welt präsentieren. „Wer
‚Lügenpresse‘ schreit, will nicht bloß seine Meinung auch in den Medien sehen, sondern ausschließlich seine Meinung“, so der Internet-Experte Sascha Lobo auf „Spiegel Online“.

Das ist die traurige Wahrheit hinter der Konjunktur des Wortes „Lügenpresse“ – und zugleich ein Symptom des Zeitenwandels. Wenn sich die Welt dramatisch verändert, das Gute nicht immer gut und das Schlechte nicht immer schlecht ist, wenn die Komplexität überhandnimmt, dann hält der Mensch lieber an früheren Einstellungen fest und versucht, die neuen Erfahrungen an sie anzupassen – so auch beim Ausländer- und Flüchtlingsthema, das die Gesellschaft spaltet wie kein anderes. In Anlehnung an die Worte Jean-Paul Sartres über den Antisemitismus könnte man sagen: Nicht die Erfahrung schafft den Begriff des Ausländers, sondern das Vorurteil fälscht die Erfahrung.


Der Crash der beiden Kulturen erfolgt in der Unterschicht.

Oder ist das ungerecht und abgehoben? Der Crash der beiden Kulturen erfolgt in der Unterschicht. Journalisten berichteten zwar über extreme Situationen, etwa die Silvesternacht in Köln, oder über Gewalt gegen oder durch Migranten, sie hätten aber kein Auge für die Kränkungen der Einheimischen im ganz normalen Alltag, so ein häufig formulierter Vorwurf. Die Damen und Herren Journalisten könnten sich nicht vorstellen, was es bedeutet, wenn einem nur noch fremde Männer, die nicht grüßen, und humorlose Frauen, die partout nicht den Blick heben, im Treppenhaus begegnen; oder wenn im Viertel die vertrauten Läden nach und nach durch arabische Billighandy-Shops ersetzt werden; oder wenn die Straße nach 18 Uhr ausschließlich jungen Männern gehört, von denen man zwei Dinge weiß: dass sie keinen Schmäh verstehen und auf vermutete Ehrverletzungen schnell mit Gewalt reagieren. Die Journalisten würden erst aktiv, wenn das Messer in die Brust gefahren sei.

Diejenigen, die das beklagen, wollen allerdings selten wissen, wie ein Mensch, der von weit her kommt, empfindet; der im Erwachsenenalter eine fremde Sprache und Schrift lernen muss; der sich radebrechend wie ein Kleinkind durch den Ämter­dschungel schlägt; der, wenn überhaupt, den schlechtesten Job kriegt; dessen Lebensfreude mit dem Verlust seiner Heimat entschwunden ist und für den ein freundliches Gesicht im Stiegenhaus Quell der Freude wäre.

Vielleicht sollten sich Journalisten an den Schriftsteller Joseph Roth halten, der 1926 nach seiner Reise durch die Sowjetunion anmerkte: „Weiß diese junge Presse nicht, dass man zur Spiegelung des Lebens der Spiegel bedarf? Dass man aber keineswegs einen beliebigen Gegenstand, eine Teekanne oder eine Hacke oder ein Fleischmesser als Spiegel verwenden kann?“