Mahü: Die Bobos in Neubau und Mariahilf entscheiden über das wichtigste rot-grüne Prestigeprojekt

Mahü: Die Bobos in Neubau und Mariahilf entscheiden über das wichtigste rot-grüne Prestigeprojekt

Zwei winzige, in jeder Hinsicht privilegierte Bezirke könnten das wichtigste Prestigeprojekt der rot-grünen Wiener Rathauskoalition scheitern lassen. Rosemarie Schwaiger über Mariahilf und Neubau, wo die Welt plötzlich nicht mehr in Ordnung ist.

Die Sonne scheint auf das grüne Blätterdach der Bäume. Es ist warm, die Passanten sind entspannt und gut gelaunt. Auf dem Rasen rund um einen Brunnen spielen Kinder, ein Liebespaar küsst sich. Freie Bänke laden zum Rasten ein, und ein älterer Herr blickt versonnen in die Ferne; man sieht ihn nur von der Seite, aber selbst aus dieser Perspektive kann man sich ausmalen, was er denkt: "So schön war es hier noch nie.“

Die Wiener Mariahilfer Straße ist tatsächlich ein Stück vom Paradies - allerdings nur in der virtuellen Welt. All die glücklichen, in sich ruhenden Menschen gibt es leider bloß in Computersimulationen, mit denen derzeit für die Umgestaltung von Österreichs größter Einkaufsstraße geworben wird. 100 neue Bänke, gratis W-Lan, Spielzonen für Kinder und jede Menge Platz zum Bummeln und Flanieren: Das soll die "Mahü“ eines Tages bieten, verspricht die Wiener Stadtregierung.


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In der richtigen Welt funktioniert das Miteinander zwischen Westbahnhof und Zweierlinie bei Weitem nicht so harmonisch. Seit die Mariahilfer Straße unter Federführung der Wiener Grünen verkehrsberuhigt wurde, läuft hier zwar kaum noch ein Pkw-Motor im hochtourigen Bereich, dafür aber der Blutdruck vieler Passanten. Vom ersten Tag an wurde gestritten: Wieso dürfen in einer Fußgängerzone Radfahrer unterwegs sein? Warum sind alle Querungen für den Verkehr gesperrt? Wo soll die Buslinie 13A fahren? War der ursprüngliche Zustand - mit Autos, dafür ohne Schreiduelle in der sogenannten Begegnungszone - nicht sowieso besser?

"Ich kann mir das nicht vorstellen“
Mitte Februar sind die Bewohner der betroffenen Bezirke sechs und sieben nun aufgerufen, ihre Meinung zur Mahü-neu abzugeben. Sprechen sich die Bürger mehrheitlich gegen das Projekt aus, wird es beerdigt. Für die rot-grüne Koalition im Rathaus wäre das die bisher peinlichste Niederlage. Die grüne Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou würde sich von dieser Schlappe vielleicht nicht erholen. Jüngst stand sie im Studio der ORF-Sendung "Report“ und wirkte allein bei der Vorstellung so aufrichtig verzweifelt wie Politiker nur selten aussehen. "Ich muss Ihnen ehrlich sagen, ich kann mir das nicht vorstellen“, stammelte Vassilakou.

Es ist einigermaßen absurd, dass nun ausgerechnet die Bewohner von Mariahilf und Neubau über die politische Zukunft der Rathauskoalition entscheiden sollen. Mariahilf ist der zweit-, Neubau der drittkleinste Wiener Gemeindebezirk. Stimmberechtigt sind insgesamt nicht einmal 50.000 Menschen. Es wären noch weniger, wenn nicht ausnahmsweise (und verfassungsrechtlich nicht ganz lupenrein) auch EU-Bürger ohne österreichischen Pass mitmachen dürften. Keines der beiden Grätzln kann für sich in Anspruch nehmen, in irgendeiner Weise repräsentativ für die Stadt zu sein. Wahr ist das Gegenteil: Wer vom echten Wien und seinen Großstadtproblemen genug hat, kann hier Pause machen. Am Spittelberg und in der Gumpendorfer Straße wirkt die City aufgeräumt, sorgenfrei und schick. Die ewig verstopfte, streckenweise trashige Mariahilfer Straße an der Grenze zwischen den zwei Bezirken war schon immer ein Fremdkörper. Denn eigentlich sind Mariahilf und Neubau die Reservate der sogenannten Bobos - also jenes in den 1990er-Jahren definierten Typs von Besserverdienern mit ökologischem, sozialem und, alles in allem, weltverbesserischem Anspruch. Seiner Definition gemäß fährt der "Bourgeois Bohemien“ Klapprad statt SUV, ernährt sich nach Möglichkeit biologisch, kauft Fair-Trade-Kaffee für die handbetriebene Espressomaschine, kleidet sich gerne im hochwertig-nachlässigen Stil noch nicht arrivierter Nachwuchsdesigner und begreift sich als gesellschaftliche Avantgarde.

Ein Klischee? "Zum Teil schon“, sagt Thomas Blimlinger, Bezirkschef in Neubau und der einzige Grüne in dieser Position. "Aber in jedem Klischee steckt auch etwas Wahres.“ Wenn sich Blimlinger umsieht, entdeckt er eine Menge Einschlägiges: "Bei uns gibt es mehr Singles, mehr Kreative, mehr Therapeuten und mehr ausgebaute Dachböden als in anderen Bezirken.“ Das durchschnittliche Einkommen ist deutlich höher als im Wien-Schnitt, das Bildungsniveau ebenfalls. Auch die Wahlergebnisse fallen hier anders aus. Bei der Nationalratswahl 2013 votierten in Mariahilf nicht einmal elf Prozent für die FPÖ, in Neubau sogar nur neun Prozent. Die Grünen bekamen in beiden Bezirken mit Abstand am meisten Stimmen. Ginge es nach den Bewohnern des Sechsten und Siebten, wäre die Wehrpflicht in Österreich längst Geschichte. Zwei Drittel votierten vor einem Jahr für deren Abschaffung. Das war bundesweit Rekord.

Den wahrscheinlich besten Blick auf die Lebensart südlich und nördlich der Mariahilfer Straße bietet der Siebensternplatz in Neubau. Geboten werden hier unter anderem Österreichs erstes "Heklucht“, eine designpreisgekrönte Fahrradservicestation samt Schlauchomat für Schnellreparaturen, und, ganz neu, eine Edelstahl-Lufttankstelle. Die Gastronomie ist multikulti; es gibt ein österreichisches, ein orientalisches, ein spanisches, ein italienisches und ein kommunistisches Lokal. Und während Restösterreich noch angestrengt über den Papamonat diskutiert, ist der voll engagierte Jungvater in Neubau längst Standard. Gefühlte 70 Prozent der Säuglinge werden von ihren Erzeugern durch die Gegend geschoben. Frauen mit Kinderwagen beginnen bereits unangenehm aufzufallen.

Der Hotspot im Sechsten ist - neben dem Naschmarkt - die Gumpendorfer Straße. Parallel zur Konsumhölle der Mariahilfer Straße haben sich hier kleine Geschäfte angesiedelt, die nicht einfach nur etwas verkaufen wollen. Eine Runde Weltrettung geht sich nebenbei immer noch aus. Vertrieben werden Textilien aus pestizidfrei angebauter Baumwolle, fair gehandelte, garantiert tropenholzfreie Möbel oder frisch bemalte, recycelte Flohmarktware aus Paris. Manch ein Gewerbetreibender geht bei dieser Art von Spezifizierung extrem ins Detail. Die Boutique "Anzüglich“ in einer Seitengasse wirbt etwa mit einer "eigenen Schneidermanufaktur in Peru, in der nur gehörlose Frauen arbeiten“.

Ganz genau nehmen es die Mariahilfer und Neubauer selbstverständlich auch mit der Genderfrage. Auf der Homepage der Bezirks-Grünen wird das unschuldige Wörtchen "man“ nicht mehr verwendet. "Wie mensch die Neubauer Grünen findet“, heißt es da. Und als 2011 in der Zieglergasse ein sogenanntes "Mädchencafé“ eröffnete, stand in den Erläuterungen auf der Homepage folgender Satz: "Wir verwenden die Schreibweise Mädchen_*, um die Aufmerksamkeit auf die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe zu lenken und bewusst zu machen, dass die Frage ‚Was ist ein Mädchen?’ nicht abschließend beantwortbar ist.“ Angesprochen werden soll damit vermutlich die kleine Transgender-Community.

Immer wieder erstaunlich, worüber mensch sich so alles den Kopf zerbrechen kann.

Bobos unter sich
Nirgendwo in Wien lässt sich das Phänomen der Gentrifizierung besser studieren als am Spittelberg in Neubau. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts galt die Gegend als unattraktives Arme-Leute-Viertel. Mehrfach standen die alten Häuser, viele aus dem Biedermeier, vor dem Abriss. Das änderte sich, als linke Gruppen in den 1970er-Jahren einige Immobilien besetzten und notdürftig renovierten. Letztlich war das der Startschuss zu einer Generalsanierung des Spittelbergs. Heute kann dort nur noch wohnen, wer einen alten Mietvertrag geerbt oder beruflich sehr viel Glück gehabt hat. Ein normales Haushaltsbudget wäre mit den Miet- und Eigentumspreisen bei Weitem überfordert. So bleiben die Bobos unter sich und können ihren Idealismus pflegen, ohne dabei allzu viel Elend live zu erleben. Für einen Realitätscheck dann und wann reicht ja ein kurzer Schwatz mit dem "Augustin“-Verkäufer.

Es bleibt ein Mirakel, wie es der Stadtpolitik gelingen konnte, ausgerechnet in dieser Gegend die Errichtung einer Fußgängerzone derart zu vermurksen, dass jetzt irgendwie alle sauer sind. In Simmering und Floridsdorf wäre das logisch; dort gilt das eigene Auto nach wie vor als Statussymbol. Aber im Sechsten und Siebten gibt es keine Pkw-Lobby, sondern einen dezidiert ökologischen Mainstream. Die abgasfreie Flaniermeile auf der Mahü wäre da doch genau das Richtig, oder? "Ich fürchte, die Leute werden das Konzept ablehnen“, sagt Renate Kaufmann, Bezirksvorsteherin des sechsten Bezirks. "Es ist einfach zu viel danebengegangen. Mittlerweile sind auch die dagegen, die früher dafür waren.“ Thomas Blimlinger ist ebenfalls skeptisch: "Es wird knapp“, meint er lakonisch.

Die SPÖ-Politikerin Kaufmann war (anders als der Rest ihrer Partei) immer für eine Fußgängerzone, der Grüne Blimlinger (als Einziger in seiner Partei) aus Gründen der Verkehrslogistik dagegen. Jetzt müssen beide hoffen, dass die Bürger wider Erwarten doch noch ja sagen - wenigstens zu einem Teil der Umbaumaßnahmen. Vielleicht reicht es, wenn die Radfahrer von der Fußgängerzone verbannt werden und ein paar Querungen für den Verkehr erhalten bleiben. Nach Meinung vieler Experten wäre diese Variante von Anfang an klüger gewesen. Aber vor allem die Grünen im Rathaus packten zu viel Ideologie in das Projekt. Zu beweisen war, dass Radfahrer rücksichtsvoll, Busfahrer lernfähig, Fußgänger vorsichtig und Menschen einander grundsätzlich sympathisch sind. Wie sich herausstellte, ist das nicht der Fall. Auch nicht im sechsten und siebten Bezirk.

Weit unterschätzt wurde dafür eine andere menschliche Regung: der Trotz. Dominik Rosenauer, Psychotherapeut in Mariahilf, kann darüber nicht nur von Berufs wegen viel erzählen. Seit die Buslinie 13A für die Fußgängerzone umgeleitet wurde, fahren die Busse direkt an seiner Praxis vorbei. Das geht nicht, findet Rosenauer: "Die sind so laut, dass es mich um fünf Uhr früh aus dem Bett hebt.“ Er sei extra wegen der Ruhe in die kleine Capistrangasse gezogen. "Hätte ich das gewusst, wäre ich nicht hierher gekommen.“ Besonders ärgert ihn aber, dass sein Widerstand keine Konsequenzen zeitigt. Als die Bewohner der Neubaugasse gegen eine doppelte Linienführung des 13A protestierten, habe die Politik sofort nachgegeben, klagt er. Der Therapeut macht sich darauf seinen eigenen Reim: "Dort gibt es halt mehr Geschäfte als bei uns. Die sind offenbar wichtiger.“

Rosenauer war Mitglied der Grünen und ein glühender Fan der Fußgängerzone. Vor Kurzem ist er aus der Partei ausgetreten und wird bei der Bürgerbefragung mit Nein stimmen. Die von ihm mitgegründete Bürgerinitiative gegen den 13A hat Ende Jänner einen Termin bei den Wiener Linien. Viel werde dabei wohl nicht herauskommen, befürchtet Rosenauer.

Wenn es in den vergangenen Jahren in Neubau oder Mariahilf Ärger gab, ging es fast immer um ein Straßen- oder Verkehrsprojekt. Bei diesem Thema sind die Bürger nun einmal sensibel - und recht viele andere Probleme gibt es nicht. Weil die Leute mehrheitlich aber gerne mitreden und entsprechend selbstbewusst sind, kann schon der Austausch einiger Pflastersteine für Grätzldramen sorgen. Renate Kaufmann, seit 2001 im Amt, war seinerzeit mit dem Versprechen angetreten, die Anrainer an Entscheidungsprozessen zu beteiligen. "Es lohnt sich, aber die Politik wird dadurch natürlich schwieriger“, sagt sie. So konnte eine sachte Umgestaltung der Fillgradergasse samt neuem Straßenbelag erst nach der dritten Bürgerbefragung vonstatten gehen. Gesamtdauer des Projekts: sechs Jahre. "Dafür muss man Geduld haben“, meint Kaufmann.

Solcherart verwöhnt, empfinden die Anrainer das Tempo bei der Umgestaltung der Mariahilfer Straße als abenteuerlich. Von einem Tag auf den anderen konnten sie per Pkw den eigenen Bezirk nur noch über Umwege verlassen. Es macht auch für überzeugte Öko-Aktivisten einen Unterschied, ob sie freiwillig auf ihr Auto verzichten - oder verzichten müssen, weil sie vor lauter Sackgassen nicht mehr aus der Stadt finden. Der mündige Bürger fühlt sich da im Wortsinn ausgebremst. "Wenn es jetzt nichts wird, dann vielleicht in zehn Jahren“, seufzt Bezirkschefin Kaufmann.

Die Grünen im Wiener Rathaus wollen sich noch nicht geschlagen geben. Zum offiziellen Werbebudget der Stadt in der Höhe von 850.000 Euro legen sie noch einmal 250.000 Euro dazu. Außer in Wahlkämpfen hat die Partei für eine Kampagne noch nie so viel Geld ausgegeben. Rund 35.000 Hausbesuche sind geplant. Außerdem wird Stadträtin Maria Vassilakou Sprechstunden in diversen Kaffeehäusern der Bezirke abhalten. Plakatsprüche wie "Gute Luft ja? Oder baba?“ lassen allerdings den Schluss zu, dass die Grünen ihre bisher hohe Meinung über die intellektuellen Kapazitäten der Mariahilfer und Neubauer Bürger mittlerweile etwas revidiert haben.

Sind halt auch bloß Menschen.