Medien: Sebastian Kurz hat nun auch die Vorherrschaft im Boulevard

Sebastian Kurz, Liebling des Boulevards

Sebastian Kurz, Liebling des Boulevards

Über Jahrzehnte setzte die SPÖ viel Geld auf den Boulevard. Der große Gewinner dieser Wette ist nun ÖVP-Chef Sebastian Kurz. Ist er der wahre Erbe Werner Faymanns?

Je näher die Nationalratswahl rückt, desto länger werden die roten Balken; blaue und schwarzen Balken sind kaum wahrnehmbar. Ein Diagramm, das die negative Berichterstattung in "Österreich" misst, zeigt das Dauerfeuer der Zeitung gegen SPÖ-Kandidat Christian Kern in den Monaten vor der Wahl. Mit der Silberstein-Affäre alleine ist der Abstand zu Kurz nicht zu erklären, über den sich über Monate kaum Kritik findet.

Es ist ein kleiner Chart, der eine große Geschichte erzählt: Das epochale Verlustgeschäft der SPÖ mit ihrer Wette auf den Boulevard. Über Jahrzehnte fütterte die SPÖ Kleinformate mit Steuergeld; erst "Krone", später "Heute" und "Österreich". Ausgehend vom Big Spender Wien verschmolzen Partei und Kleinformat unter SPÖ-Bundeskanzler Werner Faymann zu einer regelrechten Schicksalsgemeinschaft. Doch nun spielen ausgerechnet "Kronen Zeitung" und "Österreich" die Königsmacher für ÖVP-Chef Kurz. Warum wird der Aufstieg des "Wunder-Wuzzis" ("Krone") derart hymnisch begleitet?

Das Geld

"Wir müssen davon wegkommen, dass man das (Regierungsinserate im Boulevard, Anm.) als Instrument einsetzt, um sich gewogenen Journalismus zu kaufen", sagte Bundeskanzler Christian Kern im Mai dieses Jahres. Nie zuvor hatte ein Regierungspolitiker jenen Konnex zwischen Geld und positiven Geschichten so offen bestätigt. In Faymanns Spitzenzeiten schalteten Ministerien Inserate im Wert von über 20 Millionen Euro pro Jahr. Das ist pro Kopf der Bevölkerung fast das Zehnfache von Deutschland. Heuer dürften die Ausgaben bis Jahresende wieder in diese Sphären wachsen. Mit einem Unterschied: Unter Faymann schütteten vor allem rote Ministerien das Füllhorn über dem Boulevard aus. Mittlerweile hat die ÖVP kräftig aufgeholt. Ein besonderes Faible scheinen die schwarzen Ministerien für "Österreich" entwickelt zu haben. Die Zeitung bekam in den ersten beiden Quartalen 2017 mehr aus der schwarzen als aus der roten Reichshälfte. Im ersten Halbjahr schaltete das Außenministerium unter Sebastian Kurz 21 Prozent von 930.000 Euro, die für Werbeeinschaltungen reserviert waren, in dieser Zeitung; das Landwirtschaftsministerium unter Andrä Rupprechter 30 Prozent: das schwarze Innenministerium unter Wolfgang Sobotka gar 40 Prozent. Zufall oder nicht: Rupprechter und Sobotka waren besonders dahinter, dass Kurz neuer ÖVP-Chef wird. In den Ministerien wird der Überhang für ein Medium ganz nüchtern mit Publikum und Reichweite der Zeitung begründet. Mit der Media-Analyse – acht Prozent Reichweite für "Österreich" – deckt sich diese Aussage allerdings nicht.

"Österreich" betreibt auch einen TV-Sender: oe24.tv. Die Reichweite ist minimal. Doch Herausgeber Wolfgang Fellner kann auf prominente Gäste zählen, die im Internet Quote bringen – darunter Sebastian Kurz. "Erstes Kurz-TV-Interview nach der Neuwahlrede!" – "Letzter Kurz-Talk vor der Wahl!" – "1. großes TV-Interview nach der Wahl!" In den Fragen klingt der Dank für den Besuch durch: "Trump hat sich nicht gemeldet?" Für 2017 wurde oe24.tv eine Million Euro an Privatrundfunkförderung genehmigt. "Steigende Reichweite kann bei Förderungen mitberücksichtigt werden", heißt es aus der Förderstelle RTR zur nächsten Tranche.

Die Jugend

Erfolgsgeschichten, die patriotische Gefühle wecken, liefern hierzulande meist nur Skifahrer – und Sebastian Kurz. Er bediente diese Lieblingskategorie des Boulevards bereits als jüngster Außenminister der EU. Die Aussicht auf den jüngsten Regierungschef Europas erfüllte die Redaktionsstuben mit Nationalstolz. Mit Vertretern des Boulevard in seiner Entourage lieferte Kurz verlässlich Hochglanz-Bilder von Treffen mit den Mächtigen dieser Welt, nicht selten vom eigenen Fotografen geschossen und ausgewählt. In Medien, die zwei Drittel ihrer Seiten auf Bilder verwenden, die perfekte Image-Kampagne, die jeden Inhalt überstrahlt. Der junge Kurz im Slim-Fit-Anzug vor der UN-Zentrale in New York. Wie vergleichsweise unglamourös wirkte der damals 54-jährige Wolfgang Schüssel, als er im Jahr 2000 mit Mascherl ÖVP-Kanzler wurde. Die "Krone" hatte er von Beginn an gegen sich, weil er eine Regierung mit der FPÖ anstrebte. So wie heute Kurz: "Lasst Kurz und sein Team arbeiten", wünschte ihm die "Krone" viel Glück dafür.

Die Symbiose

Wie Kurz trägt auch Christian Kern Slim-Fit-Anzüge und machte als Ex-Manager zunächst gute Figur in den Bildgeschichten. Nur passten seine politischen Botschaften weniger gut in den Boulevard. Kurz’ Appelle, die Grenzen dichtzumachen, fügten sich hingegen symbiotisch ein in die alarmistische Dauerberichterstattung über Straßenbanden, Vergewaltiger und die "explodierende" Kriminalität. Seine Fixierung auf Ausländer und Flüchtlinge immunisierte Kurz sogar gegen die großen Kampagnen des Boulevard – wie jene gegen CETA. "Krone" und "Österreich" führen seit Monaten einen erbitterten Abwehrkampf gegen das europäische Freihandelsabkommen mit Kanada. Dass Kurz ein Befürworter von CETA ist, vermeldete "Österreich" neutral wie das Wetter, die "Krone" sparte das Detail aus. So leicht kam Werner Faymann 2008 nicht davon. Wie heute gegen CETA wetterte die "Krone" damals gegen den EU-Vertrag von Lissabon. In seinem "EU-Brief an die Krone" versprach Faymann der Zeitung als Unterwerfungsgeste eine Volksabstimmung.

Das Erbe

Anders als Faymann richtet der mit dem Internet aufgewachsene Kurz seinen Kompass nicht nur an Massen-Zeitungen aus. Er verbreitet seine Botschaften geschickt über alle Kanäle. Um Gegenwind frühzeitig zu erkennen, greift er wie einst Faymann auch selbst zum Hörer, der Boulevard dient ihm als verlässliches Wetterbarometer. Anders als seinen Vorgänger Reinhold Mitterlehner scheinen Kurz die Methoden des Boulevard nicht zu befremden. "Auch wenn er es verneint: Die sympathischen und wuchtigen Bilder lösen bei einem 31-Jährigen natürlich etwas aus", sagt der Chefredakteur der Gratis-Zeitung "Heute", Christian Nusser.

"Kurz vertritt einen Kurs der Veränderung – das finden wir gut. Wir haben über ihn so berichtet, wie es sich für einen Wahlsieger gebührt", wehrt sich Herausgeber, Wolfgang Fellner, gegen den Vorwurf hymnischer Berichterstattung. Die "Kanzler-Krönung" kündigte er schon eine Woche vor der Wahl an – mit entsprechender Bildsprache.

Christian Kern will Fellner in seinem Blatt nicht sturmreif geschossen haben. "Das hat schon Silberstein getan", spielt er auf die Affäre um den Berater an. Dass Kern aus Ärger über die Berichterstattung Interviews verweigerte, habe es "natürlich erschwert, ausgewogen zu berichten". Davor hatte seine Zeitung den amtierenden Bundeskanzler als "Barbie Kern" mit Krönchen und Kleid verhöhnt.

Zahltag

Kurz verspricht einen neuen Stil in der Politik. Sollte das auch für den Umgang mit dem Boulevard gelten, kann er sich ein Beispiel an Wolfgang Schüssel und Christian Kern nehmen. Beide wollten Regierungsinserate an einer Stelle bündeln. Damit sollte die freihändige Vergabe durch Minister beendet werden. In beiden Fällen legten sich die Minister quer.

Ob im Fall einer türkis-blauen Regierung die FPÖ auf den direkten Griff in den Inseratentopf verzichtet? "Die blauen Ministerien haben damals versucht, mit Inseraten die kritische Berichterstattung abzumildern", erinnert sich Schüssel-Sprecherin Heidi Glück. "Mit wenig Erfolg." Die SPÖ kann ein Lied davon singen.

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