Mehr Geld für Problemschulen könnte die soziale Ungleichheit lindern

Mehr Geld für Problemschulen könnte die soziale Ungleichheit lindern

Kommen die Kinder der Mittelschicht in die öffentlichen Schulen zurück, wenn die Problemschulen mehr Geld bekommen? Vielleicht.

Als Erstes fällt die Ruhe auf. Andrea Köhler hütet sie wie etwas Zerbrechliches, denn sie hat mühsam darum gerungen, dass die Kinder im Stiegenhaus nicht mehr brüllen, dass sie sich nicht gegen Türen werfen, sondern die Schnalle hinunterdrücken, und dass sie erst artig grüßen, bevor sie ihre kleinen und großen Anliegen vortragen. Wenn es geht, in vollständigen Sätzen.

„Bunte Schule”
In der Pantucekgasse 13 zog ein anderer Ton ein, als Köhler vor zwölf Jahren Direktorin wurde. Ihre "bunte Schule“ liegt am Rand des Leberbergs in Wien-Simmering, in einer Gegend wirtschaftlicher und sozialer Nöte, in der Mädchen und Buben viel zu früh in die Rolle der Großen schlüpfen, statt beschützt und umsorgt zu werden.

Köhler nahm es nicht hin, dass Väter ihr mit Fäusten drohten oder Mütter vor ihrem Konferenzzimmer einander an den Haaren rissen. Es sprach sich rasch herum, dass man der Neuen nicht rabiat kommen brauche: "Die wirft dich raus, wenn du schreist“, hieß es im Grätzel.

Vergangene Woche tagten in der Arbeiterkammer Wien Bildungsexperten zur Frage, wie Brennpunktschulen wie jener in der Pantucekgasse geholfen werden kann. Es geht um den Ausgleich sozialer Ungerechtigkeit, um faire Startbedingungen, um ein Ziel, das rasch abgenickt wird und praktisch oft unerreichbar scheint.

In den USA der 1970er-Jahre wurden schwarze und weiße Kinder mit Bussen aus armen in reiche Wohngegenden gekarrt. Und umgekehrt. Was als Maßnahme für mehr Chancengleichheit gedacht war, schockierte die Mittelschicht so sehr, dass sie in panischer Eile die Koffer packte und in die Wohlstandsgürtel zog, die sich um die urbanen Zentren legten. In den Ballungsräumen blieben die "schwarzen“ Schulen erst recht auf der Strecke.

Seither gilt "Busing“ unter Bildungsexperten als gescheitert. Man verlegte sich darauf, Geld statt Kinder durch die Gegend zu schicken. Für die schwierigen Umstände ihrer Arbeit sollten benachteiligte Schulen entgolten werden. Die Niederlande und Kanada gingen voran, die Schweiz zog nach, das von schlechten Pisa-Ergebnissen gepeinigte Deutschland folgte.

Nun schwappt die Debatte mit Verspätung nach Österreich über, ein Land, das 5,8 Prozent seines Nationaleinkommens für Bildung ausgibt - mehr als der EU-Schnitt -, in dem der schulische Erfolg der Kinder aber nach wie vor stark vom sozialen Status der Eltern abhängt und selbst Politiker, die sich für gute, öffentliche Schulen starkmachen, ihren eigenen Nachwuchs gerne in Privatschulen geben.

"Wenn wir die Mittel zu Brennpunkten umlenken, haben wir eine Chance, diesen Widerspruch zu lösen“, glaubt Martin Schenk, Sozialexperte der Armutskonferenz. Stimmt das? Würde die aufstiegsorientierte Mittelschicht ihre Kinder in Schulen geben, wo alle Benachteiligungen anfallen, wenn dort die Umstände besser werden? Die Antwort lautet: vielleicht.

Henk Beerten unterrichtete im niederländischen Nijmegen. 168.000 Menschen wohnen in der alten Hansestadt, viele Beamte, Polizisten, Militärs. Industrie gibt es kaum. Dennoch haben in den Volksschulen 40 Prozent der Kinder eingewanderte Eltern. Sie kommen aus der Türkei, Marokko und Surinam, zunehmend auch aus Afghanistan oder Somalia.

1973, als Beerten als Begleitlehrer angestellt wurde, gab es für jedes eingewanderte Volksschulkind 90 Prozent mehr Geld. Inzwischen kommt die "Gewichte“-Regelung ohne das Migrationsmerkmal aus: "Die Bildung der Eltern ist der bessere Indikator, außerdem erspart man sich Debatten, ob für Ausländerkinder mehr getan wird als für einheimische Kinder.“

Das Thema brennt auch in Österreich unter den Nägeln. In heimischen Städten mit über 50.000 Einwohnern wächst jedes zweite Kind entweder nicht mit Deutsch als Muttersprache auf, hat Eltern, die nur eine Pflichtschule besucht oder bloß eine niedrige berufliche Stellung erreicht haben. Oft kommt alles zusammen. Finden sich diese Kinder in Brennpunktschulen wieder, was die Regel und nicht die Ausnahme ist, summieren sich die Bildungsrisken. Laut Michael Bruneforth, Forscher am Bifie, besucht jeder sechste Volksschüler eine "belastete“ Schule und hat allein deshalb schlechtere Chancen als andere Gleichaltrige. In Wien sind es 51 Prozent.

Brennpunktschulen
Wie sind die Belastungen einer Schule zu messen? Wie viel Geld soll es dafür geben? Woher soll es kommen? Und wer bestimmt am Ende, wie es verwendet wird? Der Soziologe Johann Bacher studierte die Schullandschaft in Linz und entwickelte ein Modell, das Brennpunktschulen besser ausstattet. Laut seinen Berechnungen brauche es 15 bis 20 Prozent mehr Mittel, was nicht heißt, dass das Gesamtbudget steigen muss: "Die Kosten pro Volksschulkind liegen bei 6000 Euro. Wie viel davon bei ihm ankommen, könnte nur eine genaue Aufschlüsselung der Bildungskosten zeigen.“

Darauf warten die Forscher bis heute vergeblich. Der Bund verteilt die Gelder auf die Bundesländer, danach verliert sich die Spur. Eine heimische Volksschule hat durchschnittlich 100 Kinder, im Burgenland sitzen in einem Drittel weniger als 25 Schüler, sagt Gabriele Schmid, Leiterin der Bildungsabteilung der Arbeiterkammer Wien: "Das ist natürlich sehr teuer.“ Soll man kleine Standorte zusammenlegen?

Strittig ist auch, wie frei die Schulen bei der Verwendung der Gelder sein sollten. Bacher ist für hohe Autonomie. Einige seiner Kollegen warnen davor, auf vorschnelle Rufe nach mehr Personal hereinzufallen. Mitunter haben zusätzliche Lehrer an einem Standort keinerlei Effekte auf die Leistung der Kinder.

Bevor eine Schule Geld in die Hand nimmt, sollte sie ihre Ausrichtung kennen. Mit der Initiative "Schulqualität Ausbildung“ hält das Bildungsministerium Direktoren und Lehrer dazu an, Ziele zu entwickeln. So hofft man zu verhindern, dass Einzelne sich bloß nach Vorlieben weiterbilden und das Große und Ganze am Standort aus dem Blick verlieren.

In der Wiener Pantucekgasse fliegen keine Sessel mehr durch die Luft, seit Direktorin Andrea Köhler vor einigen Jahren in den Sommerferien die Idee zu "Bunktis“ hatte. Das Wort steht für "Bewegungs- und nachhaltiges Konzentrationstraining in der Schule“ und soll die Kinder schulen, Langeweile und Aggressionen aufkommen zu spüren, ein Kärtchen zu heben, um der Lehrerin zu zeigen, dass es Zeit ist, in die Aula zu gehen und sich dort auszutoben, bevor sie die Beherrschung verlieren.

Keine Bildungspolitik ohne Wohnpolitik
Um diese kurzen Auszeiten wird wenig Aufhebens gemacht. Kinder, die innerlich in Bedrängnis geraten, verlassen die Klasse und müssen hinterher niemandem erklären, warum sie kurz weg waren. Insgeheim hofft Köhler, dass sich in diesen Momenten etwas einprägt: "Vielleicht gehen sie später von einem Würstelstand weg, bevor die Lage eskaliert.“ Was die Buben und Mädchen zu Hause und auf der Straße erleben, formt sie nicht weniger als die Zeit in der Klasse. Deshalb kommt eine Bildungspolitik nicht ohne Wohnpolitik aus, nicht ohne Jugendarbeit und Nachmittagsbetreuung - "und alles muss mit dem verknüpft sein, was in der Schule passiert“, sagt Bildungsforscherin Barbara Herzog-Punzenberger.

Hinter der ausgebleichten 1970er-Jahre-Fassade der "bunten Schule“ kümmern sich 24 Lehrer um 250 Kinder, von denen 50 zu Mittag heimgehen. Die anderen bleiben zum Essen und am Nachmittag. Eine Beratungslehrerin ist neun Stunden in der Woche für Krisen da. Es gibt Deutschunterricht für jenes Dutzend Erstklässler, die dem Unterricht nicht folgen konnten.

Härte des sozialen Umfelds
Die größte Sorge der Direktorin aber sind nicht die Kinder der Zuwanderer, sondern die Härten des sozialen Umfelds. Das Gros der Eltern hat keine Arbeit, viele kämpfen sich mit Sozialhilfe durch. Ihre Kinder kommen nicht nur wirtschaftlich, sondern auch emotional zu kurz: "Das betrifft viele österreichische Kinder.“ Um ihnen zu helfen, bräuchte es nicht mehr Personal, sondern weniger Kontrolle und "die Erlaubnis, über die Stunden, die wir bekommen, frei zu verfügen“: "Wir setzen uns regelmäßig zusammen und wissen genau, was jedes Kind braucht. Aber oft können wir nicht reagieren, weil jede Stunde einen Zweck hat und für nichts anderes verwendet werden kann.“

Vor einigen Jahren wurden die Genossenschaftsbauten in der Thürnlhofstraße fertig. Etwa 3000 Menschen zogen hier ein, junge Mittelschichtfamilien, deren Kinder bald die Spielplätze füllten. Nun trudeln sie nach und nach in der "bunten Schule“ ein und sorgen hier für soziale Durchmischung - so wie im niederländischen Nijmegen, wo der ehemalige Volksschullehrer und heutige Bildungsstadtrat Beerten herkommt: "Als wir begonnen haben, alte Häuser zu renovieren oder abzureißen und schöne, neue Quartiere zu bauen, hat sich die Stimmung im Viertel gedreht.“

Erst mussten freilich die Eltern gewonnen werden. In Nijmegen schlossen sich ein paar Dutzend, die ihre Kinder normalerweise nicht auf eine "schwarze“ Schule mit 70 Prozent Migrantenkindern und 30 Prozent Kindern aus benachteiligten holländischen Familien geschickt hätten, zusammen, um die Schule in ihrem neuen Grätzel zu verändern.

Was in Holland funktionierte, könnte auch in Österreich klappen, hofft AHS-Lehrer und Bildungsaktivist Daniel Landau: "Ich halte das für eine der spannendsten Maßnahmen gegen Bildungsarmut. Wir müssen sie nur umsetzen.“

Genug geforscht, findet auch Soziologe Bacher. Für die nächste Dekade seien zur sozialen Ungleichheit keine neuen Erkenntnisse zu erwarten: "Jetzt ist die Politik dran.“