profil-Morgenpost: Kinderlos im Kreisverkehr

Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger

Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger

Von Meinl-Reisinger bis Rendi-Wagner – die Fettnäpfchen-Gefahr steigt offenbar mit der Hitze (des Wahlkampfes).

Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

Die Neos haben Donnerstagvormittag nun auch offiziell den langjährigen TV- und Print-Journalisten Helmut Brandstätter als Kandidaten für ihre Nationalratswahl-Bundesliste präsentiert. Seine erste Leistung für die Partei: Sein Quereinstieg lenkte vom Shitstorm gegen Beate Meinl-Reisinger ab. Die Neos-Chefin sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, etwas gegen kinderlose Menschen zu haben. Den Anlass lieferte sie mit dieser Aussage in „Kronen-Zeitung“-Interview: Ich will eigentlich nicht von lauter kinderlosen Karrieristen regiert werden, sondern von Menschen aus der Mitte, die eine Ahnung haben, was es heißt, Verantwortung für Kinder zu tragen. Solche Menschen möchte ich in der Politik sehen.“ Die Christliche Partei Österreich hätte es nicht besser formulieren können.

Mit ihren zwei Töchtern erfüllt SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner das pinke Jobprofil. An ihrer Eignung, ausgerechnet das Land Österreich zu führen, wurden jedoch nach einem ZIB-Interview Mittwoch-Abend Zweifel laut. Denn in der Alpenrepublik spielen die Bundesländer eine mächtige Rolle. Und die wollen nicht vom gleichgeschlechtlich-ampelgesteuerten Wien aus für ihre durch ausrangierte Draken-Kampfjets behübschten Kreisverkehre verlacht werden. Konkret meinte Rendi-Wagner: „Auf Bundesebene sind schwerwiegende Dinge zu beschließen, da geht es um Verfassung, Verteidigungspolitik oder Sicherheit. Auf der Landesebene ist das anders, da werden Kreisverkehre besprochen, Pflegeheime und Volksschulen. Da ist die politische Dimension eine ganz andere.“ Das sagte die SPÖ-Chefin auf die Frage, wieso die SPÖ auf Landesebene mit den Freiheitlichen koaliert, im Bund aber eine Zusammenarbeit strikt ausschließt.

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Natürlich hat Meinl-Reisinger nichts gegen kinderlose Politiker und Menschen allgemein und hält sie genauso regierungsfähig wie sich selbst (mit neuerdings drei Kindern). Und natürlich steht Rendi-Wagner hinter dem in der Verfassung verankerten föderalistischen Prinzip. Die Fettnäpfchen der beiden Politikerinnen sind eher ein Beweis dafür, dass jeder flapsige Satz in der Politik tödlich sein kann, wenn er isoliert betrachtet, ohne Kontext zur generellen Einstellung der Person oder dem gesamten Interview der Meute zum Fraß vorgeworfen wird. Und das ist auf Social Media längst Volkssport geworden.

Als Journalist und eifriger Kolumnist produzierte Helmut Brandstätter besonders viele Sätze. So mancher könnte ihm nun als Politiker um die Ohren fliegen. Beispiel gefällig? „Wir haben ein großes Problem mit Türken“, titelte er 2017. Klingt eher nach FPÖ als einer führenden liberalen Stimme des Landes, als die er sich sieht. Als redliches Magazin liefern wir aber natürlich den zweiten Satz in Brandstätters Türken-Kommentar mit: „Das klingt nach pauschaler Verurteilung, soll aber vor allem ein Appell sein, endlich Realitäten zu sehen.“ Und das passt dann wieder ganz gut zur pragmatischen Zuwanderungspolitik der Neos. So viel Milde wird seine politische Konkurrenz freilich nicht walten lassen, wenn sie sein Werk nach toxischem Satz-Material durchforstet.

In diesem Sinne, ob kinderlos, Kreisverkehr-Pendler oder Türke, legen Sie nicht jedes Wort unserer Politiker auf die Gold-Waage. Und von uns Journalisten bitte sowieso nicht.

Erfolgreichen Tag