Nonnen: Warum entscheiden sich junge Frauen für das Kloster?

Nonnen: Warum entscheiden sich junge Frauen für das Kloster?

Obwohl die Ordens-gemeinschaften in Österreich dramatisch schrumpfen, zieht es immer noch junge Frauen ins Kloster. Warum entscheiden sie sich für ein Leben als Nonne?

Schwester Ruth Pucher wirbelt durch die Ausstellung von Siegfried Anzinger im Bank Austria Kunstforum auf der Wiener Freyung. Sie trägt ein weißes Hemd, eine weiße Hose, darüber ein aus einer alten Herrenhose geschneidertes Kleid von jungen Designern aus Berlin: ein Geschenk ihrer Eltern, das die Schwester der „Missionarinnen Christi“ nur angenommen hat, „weil es aus alten Materialien besteht und jungen Menschen Arbeit gegeben hat“. Für die 40-Jährige, deren Orden seit der Gründung 1956 auf die Schwesterntracht verzichtet, sind teure Kleider sonst tabu. Die Einnahmen der studierten Kunsthistorikerin, die spirituelle Führungen durch die Museen, Kirchen und Galerien Wiens anbietet ( www.ordentlich.at ), fließen in den Orden. Schwester Ruth hat sich neben Gehorsam und Ehelosigkeit zur Armut verpflichtet. Für ihre Ausgaben muss sie Rechenschaft ablegen können. Ein möglichst nachhaltiges Leben zu führen, war ihr freilich immer schon wichtig: „Durch den Orden fällt es mir leichter, es auch durchzuziehen.“

Parallelwelt Kloster
Immer weniger Frauen – schon gar nicht junge – sind bereit, sich auf ein Leben in der Parallelwelt Kloster einzulassen. Entsprechend dramatisch sind die Zahlen: „2013 standen 149 Todesfällen 14 Neuzugänge gegenüber“, vermeldete die Vereinigung der Frauenorden Österreichs kürzlich. Nur jede Vierte der 3942 Ordensfrauen in Österreich ist jünger als 65. Besonders die kontemplativen Klöster, also jene, in denen nur Beten und Hausarbeit auf der Tagesordnung stehen, leiden unter der Vergreisung. Die Salesianerinnen am Rennweg im dritten Wiener Gemeindebezirk sind auf elf Schwestern geschrumpft – im Durchschnitt sind sie 70 Jahre alt.

„Zu viel Einfluss stört die Verbindung mit Gott“
Nachwuchs sei leider nicht in Sicht, sagt Oberin Helga Maria Dillinger. Die 72-Jährige empfängt Gäste im Besucherraum. Sie sind von den Nonnen durch eine hüfthohe Mauer getrennt. Die schmiedeeisernen Gitter, durch die man früher miteinander sprach, wurden inzwischen geöffnet. Oberin Dillinger ist selbst erst mit 51 vom Orden der Caritas Socialis, wo die ausgebildete Krankenschwester hauptsächlich in der Altenpflege eingesetzt war, ins strengere Klosterleben gewechselt. Hier genießt sie die Stille. „Zu viel Einfluss von der Außenwelt stört die Verbindung mit Gott“, sagt die eigentlich kommunikative Nonne. Ihr Alltag besteht hingegen aus Beten, Gottesdiensten, Hausarbeit, Schweigen. Es macht ihr nichts aus, das Kloster so gut wie nie zu verlassen. Das hält nicht jede aus. „Es kam früher schon vor, dass Novizinnen gereizt an der Klostermauer hin und her tigerten“, sagt die Oberin.

„Ein Kloster ist kein Kuschelklub“
Obwohl sie Nachwuchs dringend brauchen, lehnen die Klöster immer wieder Anwärterinnen ab. Grundsätzlich müssen Novizinnen über 18 Jahre alt sein, die Matura oder eine abgeschlossene Lehre haben und gesund sein. Bei Schwester Franziska Madl melden sich interessierte Frauen per E-Mail, auf Facebook oder sie klopfen einfach an die hölzerne Pforte des Dominikanerinnenklosters in Wien-Hietzing. „Wenn eine Anwärterin als Erstes sagt, sie möchte gerne von einer Gemeinschaft getragen werden, läuten bei mir die Alarmglocken“, erzählt die 34-Jährige. Die psychische Stabilität der Novizinnen ist ihr wichtig, denn: „Ein Kloster ist kein Kuschelklub.“

„Bodenständigen, gelassenen Glauben”
Sie selbst arbeitet 50 bis 60 Stunden pro Woche. Die studierte Theologin kümmert sich um die Neueintritte, hält Vorträge, organisiert Tagungen und bietet Seelsorge an. Nebenbei arbeitet sie an ihrer Dissertation. Von ihren Großeltern hat Schwester Franziska, die ihren Ordensnamen aus Verehrung für den heiligen Franz von Assisi wählte, einen „bodenständigen, gelassenen Glauben mitbekommen“. Mit 21 trat sie den Dominikanerinnen bei – gegen den Willen ihrer Eltern. „Sie stellten sich den Orden vor wie eine Sekte. Sie glaubten, ich würde im Kloster weggesperrt.“ Anders als die 432 Klausurschwestern – sie dürfen die Klostermauern nur im Ausnahmefall verlassen – ist Schwester Franziska viel unterwegs. Wie ihre Mitschwestern im Dominikanerinnenkloster hat sie ein Smartphone, Internetzugang und steht mit Familie und Freunden immer in Kontakt. So wie die Dominikanerinnen versuchen heute viele Orden, den wenigen Novizinnen entgegenzukommen. Diese sind nicht mehr automatisch gezwungen, in den klostereigenen Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern zu arbeiten.

Früher war es in kinderreichen Familien auf dem Land üblich, mindestens ein Mädchen ins Kloster zu schicken: eine Esserin weniger am Tisch, die obendrein noch eine Ausbildung bekam. Heute sind die Neueinsteigerinnen durchschnittlich um die 30, haben oft ein Studium hinter sich und stehen mitten im Berufsleben. So wie Schwester Joanna Jimin Lee, 37: Die Familie der Konzertpianistin aus Südkorea gehörte einer katholischen Minderheit an, ihr Vater, ein Arzt, hatte seine Praxis neben einem Pfarrhaus. Die Ordensschwestern von nebenan beeindruckten sie. Schon bei der Erstkommunion hatte sie die „fixe Idee“, einmal ins Kloster zu gehen.

Nachdem sie ihr außergewöhnliches Talent für das Klavierspielen entdeckt hatte, war es mit dem Wunsch vorbei – vorerst. Dem Studium in St. Petersburg, Wien und Salzburg folgten Wettbewerbe und Auftritte auf der ganzen Welt. „Diese Maschinerie mit ihrem großen Konkurrenzdruck setzte mir immer mehr zu. Ich begann mich zu fragen: Warum mache ich das überhaupt?“, sagt die 37-Jährige. 2009 trat sie den Missionarinnen Christi bei. Nach der Eingangsphase in Bayern lebt die Novizin nun in einer Ordens-WG in Wien-Mauer. Mit zwei Mitschwestern trifft sie sich täglich zum Morgengebet, nach dem gemeinsamen Frühstück fährt jede zur Arbeit in die Stadt. Derzeit ist Schwester Joanna pastoral tätig. Nun will sie ihre vernachlässigte Musikkarriere wieder ankurbeln.

Was passiert mit der Sehnsucht nach Nähe, mit dem Wunsch, eine Familie zu haben? „Ich gehe davon aus, dass ich beim Orden bleibe. Aber sicher ist man nie“, sagt die zierliche Pianistin. Das ewige Gelübde wird sie nach den Regeln des Ordens erst in fünf Jahren ablegen. Viel Zeit, die Entscheidung zu hinterfragen: „Natürlich hätte ich manchmal gerne einen Partner und körperliche Nähe. Aber dann wäge ich ab, was mir wichtiger ist. Mir hilft dieser Weg mehr, meine Beziehung zu Gott zu leben.“ Auch die Dominikanerin Franziska Madl geht mit dem Thema offen um: „Ich war vor meinem Eintritt natürlich manchmal verliebt. Auch jetzt kommt es noch vor, dass ich jemanden attraktiv finde. Doch durch mein Gelübde fühle ich mich vergeben.“ An ihrer linken Hand trägt sie einen goldenen Ring – als Zeichen der Vermählung mit Christus.

Schwester Ruth Pucher hätte gern viele Kinder gehabt. Ihren Schritt, 2000 in den Orden der Missionarinnen Christi einzutreten, hat sie dennoch nicht bereut: „Kinderlos zu bleiben, ist wirklich ein Verzicht für mich. Aber ich mag keine halben Sachen. Hätte ich mit 25 wie geplant geheiratet, dann hätte ich mich 20 Jahre lang voll um die Familie gekümmert und könnte jetzt nicht so aktiv sein.“ Die Hochzeitseinladungen waren bereits gedruckt, als Ruth Pucher und ihr Verlobter es sich anders überlegten. Anfangs dachte ihre Mutter, sie sei aus Enttäuschung über die kaputte Beziehung ins Kloster geflüchtet. Tatsächlich war ihr die Idee schon viel früher gekommen. Während eines zweimonatigen Praktikums bei den Zisterzienserinnen in Frankreich hatte die junge Kunststudentin Reisegruppen durch das Kloster geführt. „Jeden Tag habe ich den Leuten erklärt, dass es sinnvoll ist, zurückgezogen und in Armut zu leben. Irgendwann ergab es auch für mich selber Sinn.“

In ihrer Freizeit legt Schwester Franziska das Ordenskleid, den Habit, meistens ab. Er zieht die Blicke der Passanten automatisch an. Oft musste sich die 34-Jährige in der U-Bahn ordinäre Sprüche anhören, häufig wurde sie Zielscheibe für den Hass auf die Kirche. „Allein bin ich lieber in Zivil unterwegs. Mit dem Habit braucht man schon einen guten Magen.“ Nur die wenigsten Ordensfrauen können sich täglich neu überlegen, ob sie die Schwesterntracht tragen wollen oder nicht. In den kontemplativen Klostern, welche die Nonnen in der Regel nicht verlassen dürfen, ist die Tracht ohnedies Pflicht; Individualität wird dort nicht geschätzt. In offenen Orden müssen sich die Novizinnen meist beim Eintritt für oder gegen den Habit entscheiden. Grund: Vielen Klöstern ist es zu teuer, ihre Schwestern doppelt auszustatten.

Da sie keinen Nachwuchs mehr finden, müssen die Salesianerinnen am Wiener Rennweg Hilfe zukaufen. Die bettlägerigen Nonnen werden in ihren bescheidenen Zellen von 24-Stunden-Pflegerinnen versorgt. Mehrere Angestellte helfen, das riesige, fast 300 Jahre alte Ordensgebäude samt Kirche und dem drei Hektar großen Klostergarten in Schuss zu halten. Finanziell hält Oberin Helga Maria Dillinger den Orden durch das Vermieten von Räumen und Parkplätzen über Wasser. Frische Gesichter sehen ihre Nonnen nur, wenn Urlauberinnen zu Besuch kommen. Frauen, die eine Auszeit brauchen, dürfen eine Woche lang gegen eine freiwillige Spende den Klosteralltag miterleben. Bleiben wollte bisher keine.

Foto: Michael Rausch-Schott