Pensionen: Bitte nicht in meinem Namen!

Der Autor und seine Großmutter

Der Autor und seine Großmutter

Jakob Winter, 25, über die Pension seiner Oma und das gefährliche Dogma der Generationengerechtigkeit.

Gerechtigkeit allein reicht heute nicht mehr. Als Steigerungsform wird uns die Generationengerechtigkeit serviert. Sie vermag es, einen absoluten Ausgleich zwischen den Altersgruppen herzustellen. Aber: Achtung!

Generationengerechtigkeit ist proklamierter Idealzustand, jedoch längst nicht erreicht. Mittel zum Zweck ist – und spätestens jetzt wird es ungemütlich – der Generationenkonflikt, in dem sich die Jungen zurückholen, was ihnen die Alten genommen haben. Letztlich läuft es auf ein simples Duell hinaus: Der Ruf nach Generationengerechtigkeit suggeriert einen Interessenskonflikt zwischen dem 25-jährigen Autor dieser Zeilen, der ins Pensionssystem einzahlt, und seiner Oma, die ihre Pension in vollen Zügen genießt.

Wird bei den Alten gespart, bleibt mehr für die Jungen, so die banale Verheißung. Bloß: Für die Pensionisten kommt länger arbeiten nicht mehr infrage, weil sie längst im Ruhestand sind. Kürzungen gelten, so der politische Usus, nur für die noch Aktiven. Im Umkehrschluss: Einsparungen aller Art treffen also die, die nachkommen. Das sind die Alten von morgen und damit die Jungen von heute. Kurz gesagt, meinesgleichen. Das haben die Halbwüchsigen dann vom Neid auf ihre Omas: Sie fallen jener Solidarität zum Opfer, die sie selbst einmahnen.


Warum sollen Junge flammend für Pensionskürzungen und länger Arbeiten sein – wenn es ohnehin bloß sie trifft?

Oder, polemischer formuliert: Warum sollen Junge flammend für Pensionskürzungen und länger Arbeiten sein – wenn es ohnehin bloß sie trifft? Niemand muss deshalb gleich Mitglied bei einem Pensionistenklub werden oder irrwitzigen Pensionsprivilegien das Wort reden.

Generationenübergreifende Gerechtigkeit kann sich zu einem komplexen Gedankenexperiment auswachsen. Dann nämlich, wenn die Altvorderen revoltieren und – in der Logik der Generationengerechtigkeit – ins Treffen führen, dass sie es in ihrer Jugend nicht gar so fein erwischt haben. Man denke nur an die damaligen Bildungsstandards, von der technischen Ausstattung ganz zu schweigen. Müssten die Jungen dann zur Abgeltung ihres heutigen Lebensstandards Ausgleichszahlungen an die Alten leisten? Über derlei Konflikte polemisierte Joseph Addison, ein englischer Schriftsteller und Politiker, bereits im Jahr 1714, nicht ganz frei von Sarkasmus: „Wir tun immer etwas für die Nachwelt. Gern würde ich sehen, dass die Nachwelt einmal für uns etwas tut.“

Dabei ist alles ganz einfach. Im österreichischen Pensionssystem trägt eine Generation die Kosten der vorangegangenen und baut darauf, dass die nachfolgende es ihr gleichtun wird. Freilich, die demografische Entwicklung stellt das Pensionssystem vor eine schwierige Hürde. Luxuspensionen und Frühpensionierungswellen in teilstaatlichen Unternehmen wie der Post torpedieren das gegenwärtige System zusätzlich. Gerecht ist das nicht gerade.


Eigentlich wird das Ungleichgewicht einer Generation durch steuerbefreite Erbschaften ungefiltert an die nächste weitergereicht

Deshalb einen Konflikt zwischen den lebenden Generationen zu proklamieren, ist allerdings ein fatales Denkmuster, weil es den Generationenvertrag grundsätzlich infrage stellt. Wenn die Jungen von heute den Alten also die Unterstützung kündigen, werden sie ihrerseits im Alter alleine dastehen. So eine Welt würden die Nachkommenden bestimmt nicht wollen.

Müssen sie auch nicht, liegt doch der Generationengerechtigkeit ein denkbar kreatives Konzept von Fairness zugrunde. Wie es um die Gerechtigkeit innerhalb einer Generation bestellt ist, wird viel weniger laut getrommelt: Besonders deutlich wird das, wenn etwa die Abschaffung der Erbschaftssteuer als „wichtige Maßnahme im Sinne der Generationengerechtigkeit“ gefeiert wird, wie dies die Junge ÖVP im Jahr 2008 tat.

Eine listige Argumentationslinie: Denn eigentlich wird das Ungleichgewicht einer Generation durch steuerbefreite Erbschaften ungefiltert an die nächste weitergereicht. Beim Vergleich zweier Generationen miteinander verflüchtigt sich eben dieser Verteilungsunterschied. Berechnungen der Wirtschaftsuniversität Wien zufolge wird heuer ein Gesamtvermögen von etwa 17 Milliarden Euro vererbt.

Gut für die Erben, schlecht für alle anderen.
So ungerecht kann Generationengerechtigkeit sein.