Satire-Reporter Peter Klien: Der Schmähdrescher

Satire-Reporter Peter Klien: Der Schmähdrescher

Von Politikern gefürchtet, vom Publikum geliebt: Satire-Reporter Peter Klien stellt Fragen, die sonst niemand zu stellen wagt -nicht immer zur Freude seiner Chefs beim ORF.

Der Landeshauptmann kann es nicht fassen. Hat ihn der ORF- Reporter das gerade wirklich gefragt? Er hat. "Herr Pröll, wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Was war für Sie persönlich wichtiger, Bürgernähe oder Bürgerinnennähe?", fragt Peter Klien beim Landesparteitag der ÖVP Niederösterreich vor einem Monat, bei dem Prölls Abschied zelebriert wird. Das Gesicht des Reporters bleibt dabei todernst.

Peter Kliens Stärke ist seine Durchschnittlichkeit. Er sieht so unscheinbar aus, dass es fast schon verdächtig wirkt. Dunkler Anzug, graue Mähne, Brille, legere Haltung, und in der rechten Hand seine Geheimwaffe: das rote Mikrofon mit dem ORF-Schriftzug. Wer damit herumläuft, kann eigentlich nur ein seriöser Fernsehreporter sein -dachten sich wohl die meisten seiner Opfer.

So auch Erwin Pröll, der sonst nicht eben zimperlich mit unliebsamen Journalisten umgeht und ihnen schon mal mit Interventionen beim Chef droht. Auf Kliens Pointe antwortet Pröll nur irritiert: "Wie soll ich diese Frage verstehen?" Der Interviewausschnitt wird später in der ORF-Comedyshow "Willkommen Österreich" gesendet, moderiert von Dirk Stermann und Christoph Grissemann, für die Klien seit gut einem Jahr als Außenreporter arbeitet.


Der erste Nachwuchskabarettist mit grauen Haaren.

Die Spitze gegen Pröll ist eine der Grenzüberschreitungen, die Kliens Publikum so liebt und über die sich vortrefflich debattieren ließe: Darf man einen hohen Amtsträger so vorführen? Und: Wer ist dieser Mann, der jene aus der Fassung bringt, die sonst immer eine Antwort wissen, vor dem Politiker die Flucht ergreifen und den sogar die Sendungsverantwortlichen vom ORF schon zensierten?

Peter Klien, 46, ist ein Spätberufener - oder, wie er es nennt, "der erste Nachwuchskabarettist mit grauen Haaren". Der Wunsch, auf der Bühne zu stehen, war zwar schon während seiner Schulzeit in Wien präsent. Doch es fehlte der Mut; Klien studierte Philosophie und Altgriechisch. Kurz vor seinem 40. Geburtstag, inzwischen Unilektor und Pressesprecher des Bibliothekenverbundes, startete er im Jahr 2010 doch noch einen Versuch: beim Nachwuchskabarett-Bewerb im Theater am Alsergrund in Wien. Klien witzelte und siegte, was ihm zu ersten Vorstellungen verhalf. Zwei Jahre später wurde er dem ORF eher zufällig als Gag-Schreiber für "Willkommen Österreich" empfohlen. Und als für die Sendung ein Außenreporter für politische Events gesucht wurde, meldete sich Klien freiwillig. Die Idee hatten sich die Fernsehmacher von deutschen und amerikanischen Comedy-Kollegen abgeschaut. Für Klien war es die Eintrittskarte "zum ganz Großen", wie er sagt.

"Willkommen Österreich"-Reporter Peter Klien im profil-Interview

Im ersten Wahlgang zur Bundespräsidentenwahl vor gut einem Jahr rückte er erstmals aus -noch völlig unbekannt. "Wer war denn in den letzten Wochen ärmer: Rudolf Hundstorfer oder die Leute, die von Rudolf Hundstorfer begeistert sein mussten?", fragte er den EU-Parlamentarier Eugen Freund. Dem SPÖ-Bundesgeschäftsführer sprach er "mein Beileid" aus. Und von einem verdutzten Meinungsforscher wollte er wissen, wie es möglich sei, "dass man die gesamte Zeit komplett daneben liegt". Aus Kliens Testballon wurde ein fixer Bestandteil der Sendung "Willkommen Österreich".

"Herr Kurz, nur ganz kurz."

Klien, privat ein ernsthafter Mensch, ist kein Blödler ohne Substanz. "Mein Anspruch ist, den Mächtigen unangenehme Fragen zu stellen und damit die Medienberichterstattung zu konterkarieren", sagt er: "Ich kann mir dabei die Freiheit nehmen, jede Grenze zu überschreiten, was Journalisten nicht können." Dass Klien Politiker auf dem falschen Fuß erwischen kann, hat sich inzwischen herumgesprochen: "Herr Kurz, nur ganz kurz. Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?" Als der Satiriker Sebastian Kurz vor einigen Wochen auflauerte, wurde der Außenminister (damals noch nicht ÖVP-Chef) von einem Mitarbeiter abgeschirmt und eilte davon. Die Kurz'sche Furcht vor Klien hat sich seit vergangenem Dienstag zum Running Gag entwickelt. Da strahlte "Willkommen Österreich" den jüngsten Schabernack des Satire-Reporters aus. Das Video zeigt Klien, der sich beim Bundesparteivorstand der ÖVP wieder an den Außenminister heranpirscht: "Ist die ÖVP jetzt die Partei der Zukurzgekommenen?", fragt er ihn im Vorbeigehen. Kurz würdigt Klien keines Blickes.

Souveräner schlägt sich Niederösterreichs Neue, Johanna Mikl-Leitner: Klien fragt sie: "Wenn die ÖVP jetzt eine coole und hippe Bewegung wird, treten Sie dann zurück?" Mikl-Leitners grinsender Konter: "Schauen Sie mich an -ich bin cool." Nach der Sendung verbreitete sich das Video im Netz, es wurde auf Facebook hunderttausendfach geteilt und kommentiert. Die niederösterreichische Landeshauptfrau erntete für ihren Sager Respekt. "Die ist nicht so verkrampft wie die anderen", so der Tenor des jungen Publikums. "Es ist sicher die viel kleinere Gruppe der Politiker, die schlagfertig ist, weil man sich etwas trauen muss -aus der Hüfte, spontan. Das macht halt kaum ein Politiker, weil er im Kopf erst zwölf Zensurebenen durchlaufen muss, bevor er etwas rauslässt. Aber wenn es dann wer tut, macht ihn das viel sympathischer", sagt Klien.

Tagelange Vorbereitung "im Kämmerlein"

Sprücheklopfern wie Wiens Bürgermeister Michael Häupl kommt das Format entgegen. Auf der Vorstandstagung der SPÖ Wien im Jänner dieses Jahres fragte ihn Klien: "Erkennt man einen guten Roten am starken Abgang?" Häupls Replik: "Einen guten Roten erkennt man am Alter." Seine wachsende Fangemeinde will Klien nun für die Bühne begeistern; im Im November ist ein Solo-Programm im Wiener Theater Rabenhof geplant. Bis dahin gilt für Klien: Tagelange Vorbereitung "im Kämmerlein", intensiver Medienkonsum und auf seine "böse Stimme von ganz unten" hören. So kommt Klien zu den Pointen, mit denen er seine rhetorisch versierten Gesprächspartner entwaffnet.

Die Fragen testet der Komiker vorab an seiner Freundin. So manchen einstudierten Witz hat sich Klien vor laufender Kamera verkniffen, "weil er mir unpassend erschien". Und einmal schritten sogar die Sendungsverantwortlichen des ORF ein und strichen eine Frage aus der Sendung. Worum es dabei ging, will Klien nicht verraten.

Meistens sind die Chefs aber kulant. "Ist Fidel Castro auch politisch ein Vorbild?", fragte er SPÖ-Stadträtin Renate Brauner nach ihrem Kuba-Urlaub ungestraft. Castro war erst im November des Vorjahres verstorben. Am Wahlabend der ersten Bundespräsidentenstichwahl sagte Klien zu Stefan Petzner, Jörg Haiders ehemaligem Pressesprecher: "50 zu 50, wie schätzen Sie es ein? Ist doch ein bisserl lauwarm, oder?" Und der britische Thronfolger Charles musste sich bei seinem Wien-Besuch kürzlich diese Frage gefallen lassen: "Do you have a kingsize bed?"

Das Format trifft jedenfalls einen Nerv

Ist das platt und geschmacklos? Oder genial komisch? Das Format trifft jedenfalls einen Nerv, vor allem bei Jugendlichen. Von Politik wollen sie vielfach nichts wissen, die Satire holt sie zurück in den Diskurs. In den Online-Kommentaren unter Kliens Videos entwickeln sich oft politische Debatten.

Darf Satire also alles? "Ich sehe das kritisch", meint Klien: "Einerseits sollen Satiriker Grenzen überschreiten dürfen, wenn sie es für notwendig erachten - aber eben nicht mutwillig. Es geht ja nicht darum, alles in den Dreck zu ziehen." Als Negativbeispiel führt Klien den deutschen Komiker-Kollegen Jan Böhmermann mit seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Erdoğan an. "Das war für mich keine Satire, da ging es nur um eine Provokation", findet Klien.

Dass er mit der Frage zur "Bürgerinnennähe" des Landeshauptmannes unbestätigten Gerüchten Vorschub leistete, sieht Klien weniger problematisch: "Das war ganz klar ein Pistolenschuss. Die Frage ist mir passend erschienen, weil es die letzte Gelegenheit war, ihn damit zu konfrontieren."

So sehr er die Politiker auch vorführt - seit seiner Reportertätigkeit hat sich Kliens Respekt vor dem politischen Personal "deutlich erhöht":"Es ist schon ein Wahnsinn, was es da für starke Persönlichkeiten gibt. Das sieht man im Fernsehen gar nicht." Ob das Publikum es nach seinen Beiträgen auch so sieht? Klien: "Das muss man sogar eher bezweifeln."