Bernhard Weidinger, Mitarbeiter des Dokumentationsrachivs des österreichischen Widerstandes (DÖW): „Im burschenschaftlichen 
Milieu ist man irritiert.“
Bernhard Weidinger, Mitarbeiter des Dokumentationsrachivs des österreichischen Widerstandes (DÖW): „Im burschenschaftlichen Milieu ist man irritiert.“

© Monika Saulich

„Berufen, das Volk zu führen“
02/16/2018

Politologe Weidinger: „Berufen, das Volk zu führen“

Der Politologe Bernhard Weidinger über die Frage, wie gefährlich Burschenschaften für die Demokratie sind.

von Christa Zöchling

Interview: Christa Zöchling

profil: Sie haben eine 600 Seiten starke Dissertation über deutschnationale Verbindungen nach 1945 verfasst, Mitteilungsblätter, Jahresberichte und Festschriften durchforstet. Was könnte eine Historikerkommission neu entdecken? Weidinger: Es war mir etwa nicht möglich, Sitzungsprotokolle der einzelnen Verbindungen zu sichten. Ich bin skeptisch, dass sie ihre Archive jemals für einen Außenstehenden öffnen.

profil: Burschenschaften wirken wie Geheimbünde. Wenn zufällig etwas nach außen dringt, sind es rechtsradikale Vorfälle. Trügt das Bild? Weidinger: Abschottung regt natürlich die Fantasie an, fördert die Verbreitung von Klischees. Andererseits: Wenn so ein Nazi-Liederbuch auftaucht, rückt die Wahrheit sehr nahe ans Klischee. Die Häufigkeit ähnlicher Vorfälle lässt eine Einzelfalltheorie wenig tragfähig erscheinen.

profil: Knapp 40 Prozent der FPÖ-Nationalräte gehören deutschnationalen Verbindungen an. Sie besetzen Schaltstellen in FPÖ-Ministerbüros. Ist das gefährlich für die Demokratie? Weidinger: Eine generalstabsmäßige Unterwanderung der Republik durch braune Netzwerke sehe ich nicht. Doch die Mehrheit der Burschenschaften in Österreich hat ein problematisches Verhältnis zur Demokratie. Das beginnt beim völkischen Nationalismus mit seiner Verneinung des Gleichheitspostulats und endet bei der Idealisierung von Autorität und Gehorsam. Wer im wahrsten Sinn des Wortes eingepaukt bekommt, dass jedes Zurückweichen verwerflich ist, wird nur beschränkt zu Kompromissen fähig sein. Damit ist eine wesentliche Grundlage liberaler Demokratie infrage gestellt, die ja vom Interessenausgleich lebt. Auch hängen viele Burschenschafter der Überzeugung an, dass bestimmte männliche Eliten – nämlich sie selbst – berufen seien, den Willen des Volkes zu erkennen und das Volk zu führen. Mit diesem Elitarismus geht eine Missachtung der Masse einher, also des demokratischen Souveräns.

Einzelne Ansätze, die eigene NS-Geschichte aufzuarbeiten, wurden bisher im Keim erstickt.

profil: Die Grundlage der Menschenrechte, wonach alle Menschen gleich sind an Rechten und Würde, wird von Burschenschaften geleugnet? Weidinger: Man bekennt sich rhetorisch zwar zur Gleichwertigkeit aller Menschen, verwirft aber reale Gleichstellung als linke Utopie. Das Primat des Völkischen zeigt sich in ihrer Volksgruppenpolitik. Hier gilt die Maxime: Der Deutsche hat immer recht. Was man in Südtirol seit jeher forderte, etwa zweisprachige Ortstafeln und Schulen, wurde in Südkärnten ebenso verbissen bekämpft.

profil: Heinz-Christian Strache hat – wie übrigens noch jeder Parteiobmann vor ihm – angekündigt, die FPÖ von „Kellernazis“ zu befreien. Betrifft das auch Burschenschafter? Weidinger: Ich sehe bei schlagenden Verbindungen nicht generell eine Begeisterung für nationalsozialistisches Gedankengut, sondern ein Liebäugeln mit gewissen Aspekten der NS-Herrschaft und Ideologie bei gleichzeitiger, oft freilich recht verdruckster Ablehnung der NS-Verbrechen. Einzelne Ansätze, die eigene NS-Geschichte aufzuarbeiten, wurden bisher im Keim erstickt. Jene, die das wollten, wurden als Verräter gebrandmarkt.

profil: In Publikationen von Burschenschaften wurde lange vor der Flüchtlingskrise gegen „Überfremdung“ und „Vermischung“ angeschrieben. Ist Rassismus der burschenschaftlichen Ideologie immanent? Weidinger: In ihrer in Österreich vorherrschenden völkischen Auslegung ja. Das passt zu ihrer deutschnationalen Ideologie. Der völkische Nationalismus sieht das Volk als eine Blutsgemeinschaft, der man nicht nach Belieben angehören kann oder nicht. Personen bestimmter Herkunft wird die Integrationsfähigkeit abgesprochen – sozusagen genetisch. Es gibt eine burschenschaftliche Schrift aus dem Jahr 2012, die explizit „Unterschiede zwischen den ‚Rassen‘“ festhält. Verfasst wurde das von einem Herrn, den die FPÖ nun als Universitätsrat installieren will.

profil: Ewald Stadler hat Strache bereits für den Fall gedroht, dass er weitere Burschenschafter dem „linken Gesinnungsterror opfern“ sollte. Ist das ernst zu nehmen? Weidinger: Im burschenschaftlichen Milieu ist man irritiert. Man nimmt die jüngsten Distanzierungen als Treuebruch und „nicht mannhaft“ wahr. Das wird wohl ein schwelender Konfliktherd bleiben. So etwas kann immer wieder passieren, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Solange die FPÖ erfolgreich ist, wird man, wie unter Jörg Haider, zähneknirschend stillhalten. Wenn allerdings die Wahlerfolge ausbleiben, stehen die Zeichen auf Konfrontation.