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Österreich
04/19/2022

Popper über Corona-Herbst: "Schutz vor schwerer Erkrankung sinkt bis dahin stark ab"

Der Pandemie-Erklärer der ersten Stunde, Niki Popper, über ein Ende der Covid-Fixierung, Szenarien für den Herbst und die Sorglosigkeit des Sommers.

von Clemens Neuhold

profil: Die Zahl der Neuinfektionen geht stark zurück. Haben wir die schlimmsten Phasen der Pandemie nun endgültig überstanden?
Popper: Wie definieren Sie das "Schlimmste"? Auf den Intensivstationen ist die Gefahr einer kurzfristigen Überlastung seit Langem vorbei. Wenn Sie das Personal auf den Normalstationen fragen, sagen manche: So belastend wie in den vergangenen Wochen und Monaten war es noch nie.

profil: Ich dachte etwa an neuerliche Lockdowns.
Popper: Solche Extremsituationen drohen aus aktueller Sicht nicht. Es kann im Herbst aber wieder zu sehr vielen Infektionen und zu einer höheren Belastung der Krankenhäuser kommen. Wir sollten uns einfach auf verschiedene Szenarien vorbereiten.

profil: Ist die aktuelle Infektionskurve auch deswegen auf Talfahrt, weil deutlich weniger getestet wird?
Popper: Nein, die Talfahrt ist nicht herbeigetestet, auch wenn natürlich Änderungen beim Testen die Zahlen verändern. Aber wenn ein Auto eine Vollbremsung hinlegt, kommt es auch dann zum Stehen, wenn der Tacho ausgefallen ist. Die starke Dynamik nach unten haben wir bereits im März gesehen, als noch mehr getestet wurde. Übrigens testete sich auch davor nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung häufig.

"Unsere Prognose hat nicht ganz gehalten"

profil: Am 5. März wurden die Maßnahmen weitgehend abgeschafft. Nun fallen die Infektionszahlen deutlich. Warum die ganze Aufregung über den angeblich zu frühen "Freedom Day", die dann in der Wiedereinführung der Maskenpflicht gipfelte?
Popper: Unsere Prognose hat nicht ganz gehalten. Wir haben den Peak der Infektionskurve um einige Tage zu früh und zu niedrig angesetzt. Der Grund für die Unschärfe war die hohe Zahl der Reinfektionen mit der neuen Omikron-Subvariante BA.2 und die im Modell nicht inkludierten Lockerungen. Aber es war klar, dass durch die neue Strategie sehr bald ein Sättigungseffekt eintritt und die Zahlen sinken.

profil: Sie meinen die neue Strategie der Durchseuchung.
Popper: Wenn Sie es so bezeichnen wollen. Ich sehe es so: Wenn wir bei hohen Zahlen die Maßnahmen lockern, nehmen wir in Kauf, dass die Infektionszahlen nicht so rasch sinken. Die Strategie war in früheren Wellen anders. Das ist dann legitim, wenn die zugrunde liegenden Einschätzungen und Konsequenzen dieser neuen Strategie erklärt werden. Das Resultat ist eindeutig: Von bisher circa vier Millionen Infektionen, die nachgewiesen sind, haben mehr als zwei Drittel allein im Jahr 2022 stattgefunden. Das liegt nicht nur an der Politik, auch das Virus hat sich verändert.

profil: Wie hoch ist die Dunkelziffer bei den Infizierten?
Popper: Das ändert sich über die Zeit recht stark. Tatsächlich infiziert waren wohl etwas mehr als sechs Millionen, aber das ist eigentlich nur wenig relevant. Es geht um Immunisierung gegen Infektion und Erkrankung, und das ist komplizierter. Es gibt wohl kaum noch Menschen, die sich weder geimpft noch infiziert haben.

profil: Seit Omikron befinden wir uns in einer völlig neuen Phase der Pandemie. Diesen Paradigmenwechsel haben weder Politiker noch Experten so richtig erklärt.
Popper: Ich habe im Jänner und Februar angeregt, die Änderungen im Umgang mit dem Virus besser zu kommunizieren, um die Menschen mitzunehmen. Dann hätten wir uns auch früher und nüchterner mit den Konsequenzen auseinandersetzen können. Wir haben ja schon länger diskutiert, dass am Höhepunkt der Omikron-Welle ein Engpass beim Spitalpersonal droht, wenn viele davon in Quarantäne sind.

profil: Das heißt, man hätte die Abschaffung der verpflichtenden Isolation für Schlüsselpersonal diskutieren sollen?
Popper: Ja, mit allem Für und Wider, von Menschen, die das medizinisch einordnen können. Aber schon im Jänner oder im Februar - und nicht erst, wenn der Effekt bereits eintritt.

profil: Ein Teil der Bevölkerung scheint noch nicht bereit, den Schutzpanzer gänzlich abzustreifen. Der Wiener Bürgermeister punktete bis zuletzt mit überstrengen Regeln wie 2G im Schanigarten (Zutritt nur für Geimpfte und Genesene).
Popper: Wenn Sie es so sehen. Sagen wir so: Es gibt jedenfalls Maßnahmen mit einer klaren Wirkung auf das Infektionsgeschehen und Maßnahmen, die Menschen zu einem Verhalten bewegen sollen - zum Beispiel, sich impfen zu lassen.

profil: Solche negativen Impfanreize sind offenbar wirkungslos. Es gibt kaum noch Erstimpfungen. Zudem ist fraglich, ob sich die Mehrheit der Dreifachgeimpften bis Herbst noch einen vierten Stich holt.
Popper: Wir haben uns das angeschaut: Die Immunitätsrate gegen Infektionen, aber auch der Schutz vor schwerer Erkrankung sinkt bis Herbst ohne Auffrischungen oder weitere Infektionen sehr stark ab - deshalb ist Impfen wichtig. Das hat auch mit den aktuellen Viruseigenschaften zu tun.

profil: Braucht es also doch eine Impfpflicht für den ersten bis zum vierten Stich?
Popper: Politik und Wissenschaft sollten bereits vor dem Sommer Szenarien für den Herbst entwerfen. Die Politik kann darauf ihre Strategien für Vorschriften und Empfehlungen aufbauen. Die Bürger können sich daran orientieren.

profil: Wird es auch das Szenario geben, Corona wie eine Grippe zu behandeln?
Popper: Oje, der Grippevergleich - sehr dünnes Eis. Aber wenn Medizin und Politik in einem Szenario sagen, Covid ist keine schwere und meldepflichtige Krankheit mehr, dann macht es natürlich keinen Sinn mehr, breitflächig zu testen und Menschen verpflichtend zu isolieren. Dann braucht es andere Screening-Methoden, um die Krankheit zu überwachen. Und Ärzte müssen entscheiden, ob es zusätzliche Hygienemaßnahmen braucht, wenn Infizierte ohne Symptome potenziell wieder arbeiten gehen. In einem anderen Szenario mit komplexeren Mutationen kann ein breitflächiges Testregime sinnvoll sein. Kommunikation und Konsistenz der Strategie sind wichtig.

"Ich werde mich im Herbst ein viertes Mal impfen lassen"

profil: Wird es auch Szenarien geben, die bei der Entscheidung über den vierten Stich helfen?
Popper: Aus epidemiologischer Sicht ist es jedenfalls sinnvoll, aufzufrischen. Die konkreten Empfehlungen muss die Medizin treffen. Der Schutz vor einer Infektion nahm bei der aktuellen Variante rasch ab. Umso wichtiger ist es, über den Sommer zu erklären, wie gut die Impfung weiterhin vor einem schweren Verlauf, aber auch vor Long Covid schützt. Ich werde mich im Herbst ein viertes Mal impfen lassen, sollte ich mich bis dahin nicht infizieren.

profil: Wäre es nicht sinnvoll, den Antikörperspiegel zu erheben und die vierte Impfung davon abhängig zu machen?
Popper: Ich verstehe die Expertinnen und Experten so, dass das Immunsystem viel komplexer ist. Die Impfung von einem Antikörpertest abhängig zu machen, wäre wohl so, als würde ich den Gesamtzustand eines Autos anhand der Beschaffenheit der Reifen bewerten.

"Panik war noch nie ein probates Mittel"

profil: Mittlerweile kennt jeder jemanden, der einen leichten Verlauf hatte. Wie sehr lockert das den Umgang mit Covid und die Fixierung darauf?
Popper: Das Ungleichgewicht in der Wahrnehmung von Covid und anderen Krankheiten war immer schon absurd und ungesund. Panik war noch nie ein probates Mittel.

profil: Zu dieser Fixierung tragen auch Experten bei, die jetzt wieder vor der Herbstwelle warnen, anstatt den Menschen zu sagen, dass es in Ordnung ist, mal in vollen Zügen zu leben, sich abzubusseln, Hände zu schütteln, ausgelassen in vollen Discos zu tanzen.
Popper: Ich habe nie zu jenen gehört, die gemeint haben, wir werden alle sterben. In der Öffnungseuphorie im Frühsommer 2021 habe ich in einem Interview gemeint, ich sei der "positiv gestimmte Spielverderber". Wenn die Lage gut ist, kann man vieles lockern. Schon bei der ersten Welle im Frühling 2020 war ich früh für Lockerungen. Andererseits appelliere ich jetzt: Bereiten wir uns auf den Herbst vor mit verschiedenen Szenarien, denn eines davon wird eintreten. Ohne Panik, aber auch ohne Sorglosigkeit.

profil: Was bleibt von der Pandemie, wenn sie nun doch zu Ende gehen sollte?
Popper: Vielleicht das freiwillige Maskentragen in den Öffis? Hoffentlich der bessere Umgang mit Gesundheitsdaten und die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Gesundheit. Und ich fürchte, die Polarisierung der Gesellschaft, die schon länger eine zumindest ebensolche Herausforderung darstellt wie die Pandemie selbst.

Niki Popper, 48, ist Simulationsforscher an der TU Wien. Er ist Mitglied im Covid-Prognose-Konsortium und sitzt im Covid-Expertengremium des Bundeskanzleramts (Gecko).