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Interview
04/15/2022

Rabinovici: „Auf fremdem Hintern durchs Feuer reiten“

Der Schriftsteller Doron Rabinovici über einen Präsidenten im Bunker, flüchtende Männer und Waffenlieferungen.

von Christa Zöchling

profil: Wie sehen Sie Kanzler Nehammers Friedensmission bei Putin?
Rabinovici: Angeblich war es eine tapfere Stunde, doch ein dunkler Fleck bleibt: Der Besuch bei Selenskyj war ein Solidaritätsbesuch. Ich frage mich nur: Was ist Solidarität wert, wenn man am nächsten Tag nach Moskau fährt? Das politische Österreich verhält sich teils noch immer so, als wäre man ein neutraler Puffer in einem ideologischen Ost-West-Konflikt.

profil: Worum geht es in diesem Krieg?
Rabinovici: Putin sieht allein in der Existenz der Ukraine eine demokratische Gefahr. Das hat es seit Hitler nicht gegeben, dass auf dem europäischen Kontinent ein souveräner Staat ausgelöscht werden soll. Es geschehen Kriegsverbrechen in einem Ausmaß, das uns unmöglich schien.

profil: Ist das, was in der Ukraine geschieht, ein Völkermord?
Rabinovici: Der Begriff Völkermord entstand aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges. Der Begriff hat einen Bedeutungswandel erfahren. Als das Massengrab in Srebrenica mit 8000 Männern entdeckt wurde, wurde das als Völkermord von Serben an Bosniern bezeichnet, auch wenn es nicht die Zahlendimension der NS-Verbrechen hatte. Mittlerweile gibt es auch den Tatbestand des kulturellen Genozids. Fest steht: Was Putin macht, kann man von seiner Intention her einen Völkermord nennen. Putin will einen souveränen Staat auslöschen, und wer sich dem widersetzt, wird umgebracht, ohne Rücksicht auf Zivilisten, Alte, Frauen und Kinder. Putin maßt sich eine Schutzmacht an über alle Russen, egal wo sie leben, was eine offene Drohung für die baltischen Staaten bedeutet.

profil: Mit der Heimholung der deutschen Volksgenossen hat auch Adolf Hitler seine Angriffskriege propagiert. Darf man Hitler und Putin gleichsetzen?
Rabinovici: Es gibt einen völkischen Anteil in der Ideologie Putins. Das sieht man bei Kriegsverbrechen an Zivilisten. Da geht es nicht nach Religion oder welchem Volk man angehört, sondern welche Nation die Menschen repräsentieren. Leute werden wahllos umgebracht, aber nicht beliebig. Wer den russischen Soldaten eine russische Fahne entgegenstreckt, überlebt, wer eine ukrainische Fahne schwenkt, nicht. Putin bedient sich faschistischer Methoden und einer faschistischen Ideologie. Ideologen in seinem Umkreis sagen, dass eine pluralistische Demokratie für Russland nicht geeignet sei, das habe ich übrigens auch schon von Geschäftsleuten gehört: Russland brauche wegen seiner Größe eine starke Hand. Wir wissen seit dem Tschetschenienkrieg, dass Putin ein Massenmörder ist, trotzdem wurde er all die Zeit getätschelt und geherzt.

profil: Hat Europa versagt?
Rabinovici: So hart will ich nicht sein. Es gab ja einen Grund. Man hoffte auf Wandel durch Handel, nebenbei wollte man sich auch die Geschäfte nicht vermiesen. Die Versuche waren es wert, aber sie sind gescheitert. Moralisch und politisch versagt hat jemand wie der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder, der Putin einen „lupenreinen Demokraten“ genannt hat.

Mich stößt auch der Ton ab, in dem mancher mit fremdem Hintern durch das Feuer reitet, also zum Kämpfen auffordert.

profil: In Ihrem neuen Roman „Die Einstellung“ spielt die Hetzmeute in den sozialen Medien eine Rolle. Wie spiegelt sich der Krieg in Ihrer Blase?
Rabinovici: Ich bin beunruhigt und erstaunt. Nicht wenige mir politisch nahestehende Menschen bezeichnen NATO und USA als Mitschuldige, ziehen Vergleiche mit dem Bombardement auf Serbien 1999, mit dem allerdings kein Krieg begonnen, sondern ein Krieg beendet wurde. Mich stößt auch der Ton ab, in dem mancher mit fremdem Hintern durch das Feuer reitet, also zum Kämpfen auffordert. Ich fand es anmaßend, als Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka meinte, die Ukrainer sollten gefälligst nicht flüchten, sondern kämpfen. Allein schon die Idee, Menschen sollen sich die Kugeln um die Köpfe fliegen lassen, ist von einer unglaublichen Präpotenz. Ich halte aber auch nichts von der anderen Seite, die mein Kollege Franzobel repräsentiert, der meint, die Leute in der Ukraine sollten – angesichts der Morde an ihren Vätern, Müttern, Kindern – doch bitte die Waffen niederlegen, um Frieden zu ermöglichen. Ich habe Mitgefühl mit jedem jungen Mann, der flieht und vielleicht einen Grenzbeamten dafür besticht, aber auch mit jedem, der dort kämpft. Zum Glück bleibt mir die Entscheidung erspart.

profil: Finden Sie es richtig, dass Männer im Alter zwischen 18 und 60 nicht ausreisen dürfen?
Rabinovici: Ich bin in Israel geboren. Ich weiß, wie das ist, wenn sich ein Land im Kriegszustand befindet. Wäre ich in Israel geblieben, dann hätte ich schon mehrmals einen Einberufungsbefehl bekommen. Staaten im Krieg agieren so. Ein Staat, der sagt, wer will, kann kämpfen, wer nicht, kann gehen, ist bereits verloren. Nur in Wildwestfilmen kämpfen die Guten gegen die Bösen. In den Reihen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg haben nicht nur Männer gekämpft, die gegen die Nationalsozialisten waren. Die Alliierten haben auch Soldaten an die Front gezwungen, die mit Hitler sympathisierten, die Angst hatten oder einfach nur leben wollten. Es ist keine Schande, Angst zu haben.

profil: Wird der Ukraine-Krieg zur Geburtsstunde eines emotionalen Europas, einer europäischen Identität?
Rabinovici: Vielleicht. Eines scheint mir gewiss: Wenn Putin, der schon seit Jahren die Europäische Union zu destabilisieren versucht, indem er rechtsextreme, populistische und separatistische Kräfte stärkt – der Kredit für Marine Le Pen, die Allianz mit der FPÖ –, aus dem Krieg gestärkt hervorgeht, ist es das Ende der EU. Insofern hat Wolodymyr Selenskyj recht, wenn er sagt, die Ukraine kämpfe für uns alle. Die EU könnte am Ende gestärkt aus dem Debakel hervorgehen. Mit einer gemeinsamen Sicherheitspolitik, einem gemeinsamen Energieeinkauf für 500 Millionen Bürgerinnen und Bürger.

profil: Macht Ihnen die Aufrüstung Europas kein Kopfzerbrechen?
Rabinovici: Ich bin in den 1980er-Jahren gegen den Rüstungswahn und nuklearen Overkill auf die Straße gegangen. Die theoretische Gefahr eines Atomkrieges war immer da, aber Putin hat jetzt seine Atomwaffen in Alarmbereitschaft versetzt und damit eine Grenze überschritten. Und ich musste umdenken. Ich bin dafür, dass die Ukraine alle Waffen bekommt, die sie braucht. Denn wenn die Ukraine geschluckt wird, stärkt das die autoritären Kräfte in ganz Europa. Wenn es ihr jedoch gelingt, sich als souveräner Staat zu behaupten, vielleicht mit Gebietsverlusten, gibt es eine Chance, dass wir Putin und Lukaschenko einmal loswerden und selbst die Ukraine noch demokratischer wird. Man sollte nicht aufhören, kritisch solidarisch zu sein, nur weil wir Selenskyj im Bunker bewundern.

profil: Und die Militarisierung der Gesellschaft? Das Wiederaufleben eines heldenhaften Männerbildes?
Rabinovici: In diesem Moment ist selbst der Kampf des berüchtigten ukrainischen Asow-Regiments, bei dem zweifellos Nazis dabei sind, ein Beitrag zum Besseren. Die ukrainische Nation hat eine Identität entwickelt, es ist nicht mehr wichtig, ob jemand Russisch oder Ukrainisch spricht, sie alle wollen nicht mehr unter Putins Kuratel gestellt werden. Die Militarisierung werden wir eine Zeit lang hinnehmen müssen. Das ist das Tragische, selbst wenn die Sache halbwegs gut ausgeht: Indem wir eine bunte Gesellschaft verteidigen, droht sie einheitlicher zu werden. Die emanzipierte Gesellschaft wird nach diesem Krieg weniger emanzipiert sein, weniger gleichberechtigt. Sie wird machistischer sein, und weniger gerecht. Wir müssen uns auch gegen die Kriegslüsternheit immunisieren.